Die Verurteilungs- und Hinrichtungspraxis im Irak finde ich interessant. Während Saddam Hussein ja blitzartig für ein - gemessen an dem, was man ihm sonst vorwarf - relativ geringes Verbrechen verurteilt und
< UPDATE: Wahljahr 2009 - Ein Aufruf | Islamkritische Mythen in Tüten - Teil 1: Kein Muslim hat je den Terror verurteilt >
Breaking news: Chemical Ali das zweite Mal zum Tode verurteilt - und Bush findet, dass der Irak-Krieg ein Fehler war:
Die Verurteilungs- und Hinrichtungspraxis im Irak finde ich interessant. Während Saddam Hussein ja blitzartig für ein - gemessen an dem, was man ihm sonst vorwarf - relativ geringes Verbrechen verurteilt und
Ali Hassan Abd al-Majid al-Tikriti, genannt Chemical Ali wurde heute das zweite Mal zum Tode verurteilt. Aber beschäftigen wir uns zunächst mit dem ersten Todesurteil wegen der Völkermord-Kampagne, dem al-Anfal-Feldzug gegen die nordirakischen Kurden. Daraus ist nur der Name Halabja bekannt, doch das war kein einzelnes Ereignis, sondern zog sich von 1987-1989 durch Irakisch-Kurdistan. Zur schnellen Lektüre empfehle ich hier ausnahmsweise den deutschen und den englischen Wikipedia-Eintrag, die sich ergänzen, allerdings haben im deutschen Eintrag wieder "Islamexperten" mitgewirkt, und somit bedarf er ein wenig der Ergänzung: der militärische Codename, al-Anfal, die Beute, ist der Titel der 8. Sure des Koran. Es geht keinesfalls darum, die Kurden als Ungläubige zu stigmatisieren, jedenfalls nicht in erster Linie. Die Symbolik, auf die hier Bezug genommen wird, ist die eines (zu) lange währenden Kriegszustandes mit einem gefährlichen und feindlichen Volk. Die Schlacht von Badr - nach dem Auszug aus Medina - ging gegen die Quraysh, die in Mekka Zurückgebliebenen.Muhammad Asad schreibt:
It is probable that the Prophet wished to put an end to this state of affairs and to inflict, if possible, a decisive defeat on the Quraysh, thus securing a measure of safety for his, as yet weak, community.
Dies nur, falls jemand hier wieder mit religiösen Erklärungen ankommt. Die Baath-Partei war laizistisch, dem Nationalsozialismus verpflichtet und hatte einige Versatzstücke, die der heutigen Neuen Rechten lieb und teuer sind:
The “Kulturnation” concept of Johann Gottfried Herder and the Grimm Brothers had a certain impact. Kulturnation defines a nationality more by a common cultural tradition and popular folklore than by national, political or religious boundaries and was considered by some as being more suitable for the German, Arab or Ottoman and Turkic countries.
Eigentlich stand ja damals Vetter Saddam mit vor Gericht, aber den hat man dann, wie oben bereits erwähnt, wegen eines vergleichsweise geringen Verbrechens schnell gehängt.
Ja, und da sagen einige doch, ein Völkermord sei's gewesen ... zum Beispiel ein Gericht in Den Haag:
Genocide
Article 2 of the 1949 United Nations Convention on the Prevention and Punishment of the Crime of Genocide defines Genocide as "acts committed with intent to destroy, in whole or in part, a national, ethnical, racial or religious group". In December 2005 a court in The Hague ruled that the killing of thousands of Kurds in Iraq in the 1980s was indeed an act of genocide.[15] The Dutch court said it considered "legally and convincingly proven that the Kurdish population meets requirement under Genocide Conventions as an ethnic group. The court has no other conclusion than that these attacks were committed with the intent to destroy the Kurdish population of Iraq."
Merkwürdig. Jetzt gibt es ja Bestrebungen, die Leugnung des Völkermordes unter Strafe zu stellen - von Armenien hört man da viel, aber so garnichts von diesem Völkermord und seiner Vorgeschichte. 100.000 bis 180.000 Kurden mussten ihr Leben lassen, weil sie angeblich oder tatsächlich den Iran unterstützt hatten. Oder war das gar kein Völkermord? Bislang sicher nicht, denn dann würde sich sehr schnell die Frage nach der amerikanischen Beteiligung stellen. Aber ich bin sicher, dass sich das ändert. In Kurdistan gibt's Öl ...
Und wie schreibt doch Landkartenzeichner Peters?
Die krasseste Ungerechtigkeit in jenen Landen zwischen Balkan und Himalaya ist die Abwesenheit eines unabhängigen Kurdenstaates. Zwischen 27 und 36 Millionen Kurden leben im Nahen Osten in zusammenhängenden Siedlungsgebieten (Die Zahlen sind ungenau, denn kein Staat hat jemals eine ehrliche Volkszählung zugelassen.) Es sind auf jeden Fall mehr als die Bevölkerung des Irak, und so zeigt schon die niedrigere Zahl, dass die Kurden die weltgrößte ethnische Gruppe ohne eigenen Staat sind. Schlimmer noch: Seit den Tagen von Xenophon wurden die Kurden noch von jeder Regierung unterdrückt, die die Berge und Hügel kontrollierte, in denen sie leben.
Die USA und die Koalition haben eine glanzvolle Chance zur Korrektur unmittelbar nach dem Fall von Bagdad verpasst. Ein Frankenstein-Monster von Staat, zusammengestoppelt aus drei schlecht passenden Teilen, hätte sofort in drei kleinere Teile geteilt werden müssen. Wir haben versagt, aus Feigheit und Mangel an Visionen, und die Kurden gezwungen, die neue irakische Regierung zu unterstützen. Das tun sie jetzt, wehmütig und als Gegenleistung für unseren guten Willen. Doch hielte man heute eine freie Volksabstimmung ab – die Kurden würden zu fast 100 Prozent für die Unabhängigkeit stimmen.
Das würden auch die türkischen Kurden, die Jahrzehnte der gewalttätigen militärischen Unterdrückung und die Degradierung zu „Bergtürken“, im Bestreben ihre Identität auszulöschen, ertragen mussten. Während sich die drückende Hand Ankaras auf die Kurden im letzten Jahrzehnt zunächst gelockert hatte, nimmt sie seit neuestem wieder zu. Wir sollten das östliche Fünftel der Türkei als besetztes Land ansehen. Die syrischen und iranischen Kurden würden sich ebenfalls eilends einem unabhängigen Kurdistan anschließen, wenn sie denn könnten. Die Weigerung der rechtmäßigen Demokratien weltweit, einen unabhängigen Kurdenstaat zu verfechten, ist eine Todsünde wider die Menschenrechte durch Unterlassung, die weit schlimmer ist als die Tollpatschigkeiten und lässlichen Sünden, über die sich unsere Medien regelmäßig aufregen.
Um dann zum Schlussakkord zu kommen:
Ach übrigens: ein freies Kurdistan von Diyabakir bis Täbris wäre der pro-westlichste Staat zwischen Bulgarien und Japan.
Dann muß man den Kurden das noch erklären:
US-amerikanische Geheimdienstanalysen hatten zunächst den Iran für die Angriffe verantwortlich gemacht, später die Verluste bei der Zivilbevölkerung als Kollateralschaden in der militärischen Auseinandersetzung bezeichnet − eine Sichtweise, welche die US-amerikanische Regierung solange teilte, wie Saddam Hussein als Verbündeter der USA galt.
Dann hängt man Chemical Ali und dann kommt man ans Öl.
Und zum zweiten Mal hängt man ihn wegen des schiitischen Aufstandes.
Das war die Rolle von Chemie-Ali:
Am schlimmsten wüteten Madschids Truppen in den heiligen Städten Nadschaf und Kerbela. Der Staatsanwaltschaft zufolge kamen dabei 100.000 Schiiten um, die von den USA zum Aufstand ermutigt und dann im Kampf gegen Panzer und Kampfflugzeuge im Stich gelassen wurden.
Hier ist ein Text von Boris Kalnoky, in dem er schreibt:
Das war die Strafe dafür, dass sie sich gegen das Regime erhoben hatten - nachdem die amerikanische Regierung sie ausdrücklich dazu ermutigt hatte, dann aber im Stich ließ.
Mittlerweile findet so mancher - auch und besonders in der Neoconnerie, dass der Irak-Krieg keine gute Idee war, was ich ja schon mehrfach thematisiert hatte.
Und auch Schorsch Dabbeljuh bedauert den Irakkrieg und stellt fest: er ist es nicht gewesen.
Das sollten sich die gut merken, die sich jetzt für den nächsten Hoax einspannen lassen/wollen. Das werde ich gelegentlich noch ausführlicher darlegen.
Sollte jemand das komplette Interview finden, wäre ich für einen Link im Kommentarbereich dankbar.
PS: es gibt zwischen Iran und Irak vorsichtige Friedenssignale: wie das niederländische Portal "Spits" heute meldet, wurden in einer militärischen Zeremonie die sterblichen Überreste von 41 im Iran-Irakkrieg gefallenen Iranern und 200 Irakern ausgetauscht:
Tags für diesen Artikel: anfal-operation, angriffskrieg, angst, antifaschismus, antiislam, antisemitismus, bernanke, betrug, bürgerprotest, bürgerrecht, bürokratie, chemical ali, cia, collective security treaty organization, desinformation, dollar, erpressung, europa, finanzmarkt, galgen, gas, giftgas, globalisierung, hinrichtung, index, iran, irank, mccain, obama, transatlantiker, usa
Artikel mit ähnlichen Themen:



















http://abcnews.go.com/WN/Politics/story?id=6356046&page=1
Herrlich ist UU's Aussage: "I did not compromise my principles" ... Ein Brüller! :o)
Die Kurden und Schiiten im Irak sind eh dankbar für Saddams Sturz. Nur die Sunnitenstämme dürften Saddam wirklich hintertrauern.