Feindbild Jude - Feindbild Muslim: ein Kettenmail, ein Urteil und eine Konferenz, Teil 1
Am kommenden Montag findet in Berlin eine wissenschaftliche Konferenz über das Verhältnis von Antisemitismus und Islamfeindlichkeit statt, die jetzt schon im Zentrum des Medieninteresses steht. Das Zentrum für Antisemitismusforschung hat eingeladen.
Mittlerweile haben sich auch die positioniert, denen eine solche Konferenz mehr als unangenehm ist, und deren Grundtenor ist: Es gibt keine Feindschaft gegenüber Muslimen. Zeitgleich wehrt sich die islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich gegen eine Lüge und verleumderisches Kettenmailing: Großbritannien habe die Unterrichtung über den Holocaust vom Lehrplan gestrichen. Und genauso zeitgleich spricht ein Gericht unmittelbar vor dem Opferfest ein Urteil gegen das Schächten aus. Und ein abgesagter Filmstar fuhr in Frankreich einen Erfolg ein.
Was haben beide Themen miteinander zu tun? Daß es in beiden um die Diskurshoheit geht. Und das, worum es im dritten Thema geht, ist eine logische Folge von eins und zwei.
Fangen wir mit der Kettenmail an:
Seit November wird in Österreich eine Kettenmail verbreitet, die erschütternde Bilder befreiter KZ-Insassen enthält. Der Subtext enthält eine Botschaft, die den Machern wesentlich wichtiger zu sein scheint: die Muslime verlassen den Konsens des "Nie wieder":
Die Folien wurden natürlich so aufgearbeitet, daß sie sich weder als Ganzes noch in Teilen für eine einfache Weiterverwendung eignen. Dass die Texte schwer zu lesen sind, ist auch gewollt, denn dann kann man sie nicht copypasten, sondern muss sie abtippen. Ihre Geschichte ist schnell erzählt: man könne froh sein, daß seinerzeit General Eisenhower befohlen habe, das Grauen mit soviel Filmen, Fotos und sonstigem zu Dokumentieren. Eines Tages werde ein "Hurensohn" kommen und die Existenz der Konzentrationslager leugnen. Dann wird ein scheinbaren Beleg gebracht, dass diese Situation bereits eingetreten sei. Da heißt es: „Kürzlich entfernte das Vereinigte Königreich den Holocaust aus den britischen Stundenplänen, weil er den religiösen „Glauben der muslimischen Bevölkerung verletze, dass der Holocaust nie stattgefunden habe.“ Das wird verstärkt: „Ja, das Vereinigte Königreich“. Dann wird natürlich das Burke-Zitat bemüht, nachdem für den Erfolg des Bösen nur erforderlich sei, daß die Guten nichts tun. Dann wird aufgefordert, sie ggf zu übersetzen und weiterzuschicken, damit eine "email-Kette" um die Welt entstünde. Ziel sei: 40 Millionen sollten diese Präsentation sehen. Insgesamt macht sie allerdings einen sehr handgemachten Eindruck- so, wie gestaltet ist, gestalten Anfänger ihre Präsentationen: überfüllte Folien, Herumspielen mit Farben und schriften, unangebrachte Animationen; ich habe den Eindruck, daß sie aus der Blogosphäre stammt, denn das Burke-Zitat ist neben dem von Ignazio Silone dort eines der Meistgebrauchten.
Die, die sie erstellt haben, und die, die sie seit November in Österreich verbreitet haben, taten dies wider besseren Wissens:
Schon 2007 wurde die Nachricht lanciert, in Großbritannien sei der Holocaust aus dem Lehrplan gestrichen worden. Und schon am 17. April 2007 berichtete die BBC über die ersten e-Mail-Ketten.
Die Geschichte fand zunächst in ganz normalen Medien, danach in den üblichen Blogs begeisterte Verbreitung; danach war es auch schon längst als urban legend entlarvt worden - um jetzt wie aus dem Nichts in Österreich wieder aufzutauchen. Die Präsentation, die jetzt in Österreich kursiert, ist gegenüber der Ursprungspräsentation leicht abgewandelt.
• Times Online am 2. April 2007
Schon hier gab es die erwünschte Reaktion, die stellvertretend für alle weiteren Reaktionen ist. Ein Dan aus Oslo schreibt:
Let us be honest and address the real problem we face in all over Europe today. The Islamic immigration.In general, the Islamic culture, values and rules are not compatible with the western civilisation. We can NOT, under any circumstances, change any aspect of history or change or values.
• Dann zog das einstige Nachrichtenmagazin mit dieser Nachricht nach:
Holocaust aus dem Lehrplan gestrichen
Aus Angst, Muslime in ihrem Glauben zu beleidigen, haben britische Geschichtslehrer den Holocaust aus ihrem Unterricht verbannt. Einer Regierungsstudie zufolge vermeiden die Lehrer das Thema, um bei Muslimen keine antisemitischen Reaktionen hervorzurufen.
• Und das rief im angeschlossenen Forum 1231 Kommentare hervor, bei denen wieder die ganze Palette der islamophoben Mythen abgearbeitet wurde.
• Die alte Tante BBC bringt bereits am gleichen Tag den gesamten Kontext:
Initial teacher training should include more attention on how to teach these subjects and a better research base should be made available to teachers, it said.
Es ging bei dem Ersuchen der britischen Geschichtslehrer um Hilfe bei der Unterrichtung von sensiblen Themen generell, und zwar nicht nur um den Unterricht in den in islam"kritischen" Kreisen so wichtigen Themen Holocaust und Kreuzzüge, sondern z.B. auch um die Schwierigkeit, mit dem Unterricht über die Geschichte der Sklaverei weder den weißen(!) noch den schwarzen Schülern auf die Füße zu treten:
Emotive issues such as the slave trade can be taught too blandly, portraying Afro-Caribbeans as victims and isolating black children, the report said.
But when teachers downplay the role of the white authorities in abolishing the slave trade, white children can become alienated.
• Für die deutsche Blogosphäre sei - natürlich - das beste, schönste und wichtigste Blog diesseits des Atlantik genannt.
Dann wurde die ganze Geschichte endgültig als das qualifiziert, was sie ist, ein Hoax, eine urban legend, ein Wandermärchen. Hier ist die Erklärung von Wiki.Answers, hier die von Snopes, einem auf urban legends spezialisierten Portal.
• Mit diesem Eintrag aus der Times Online vom 16. April hätte die Sache eigentlich nun aber wirklich abgeschlossen sein können.
Wie gesagt, schon seit dem 2. April 2007 ist die richtige Erklärung bekannt, doch jetzt kreist die Präsentation in Österreich, "aufgepeppt" mit dem Hinweis auf den Iran. Wie schrieb Watchblog-Autorin hakimakarima zur Einleitung ihrer Serie über die wanderlustigen Märchen?
Verschwörungsgeschichten springen über wie die Flöhe.
Genau. Und jetzt macht die Islamische Glaubensgemeinschaft sauber. Medienreferentin Carla Amina Baghajati schrieb an die Britische Botschaft und bekam folgendes Schreiben zurück (für die Überlassung sei gedankt):
Dear Carla,
I can now confirm that the claim in this slide show that the subject of the Holocaust has been removed from the school curriculum in UK is not true.
Please find attached some more detailed information on how the subject is covered in the school curriculum.
Holocaust education in schools.doc
Best regards
Christine
Christine Ferguson
DHM, Consul General and Director Trade & Investment
British Embassy
Vienna
Unter Anderem unter Nutzung der bekannten Verteiler wird es jetzt diese Antwort verbreitet:
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde,
über obigen Verteiler wurde vor einigen Tagen eine Präsentation zum Thema Holocaust verschickt, die mit der Bitte um Weiterleitung verbunden war.
Ohne Zweifel ist das Gedenken an den Holocaust und vor allem die Botschaft des „Nie wieder!“, die wir daraus ziehen müssen, von immenser Bedeutung. Bei der als Rundmail zirkulierenden Diaschau ist mir allerdings sehr negativ aufgefallen, dass hier Anschuldigungen erhoben werden, die so nicht stehen bleiben können. Dies erscheint mir wichtig genug, dass ich –ausnahmsweise- auf eine weitergeleitete Nachricht mit „allen antworten“ reagieren möchte.
Wie kann man Muslime pauschal bezichtigen, Holocaustleugner zu sein? Und aus dem Blauen konstruieren, dass um deren Empfindlichkeit nicht zu stören, das Thema aus den englischen Schulcurricula entfernt wurde? Welche Agenda mag hinter einer solchen Vorgangsweise stehen?
Inzwischen konnte ich durch Nachfrage bei der britischen Botschaft verifizieren, dass es sich bei dieser Aussage um kompletten Unsinn handelt. Dazu leite ich Ihnen im atttachment die genaue Information weiter und kopiere unten den Schriftverkehr als Beleg hinein.
Ich finde es sehr bedauerlich und gefährlich, wenn Juden und Muslime gegeneinander ausgespielt werden sollen, indem mit erfundenen Behauptungen gearbeitet wird.
Mit den besten Grüßen
Carla Amina Baghajati
Medienreferentin der Islamischen Glaubensgemeinschaft; Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen
Weitere (Re-)Aktionen werden in Österreich vorbereitet. Welche Agenda dahinter steht? Mit durchsichtigen Lügen ein Feindbild zu konstruieren. Deswegen reagieren die "üblichen Verdächtigen" bereits jetzt ausgesprochen irritiert auf die Konferenz am Montag und arbeiten bereits seit Längerem an ihrer Delegitimierung. Gelänge diese, wäre es noch schwieriger, als es ohnehin schon ist, solchen Lügengespinsten entgegenzutreten.
Diese zwar dilettantische, aber doch wirkungsvolle Kapagne hat professionelle Vorbilder. Dazu verweisen wir auf unsere Obsession-Serie:
• Obsession - Ablenkung vom Bailout und Wahlkampf für McCain durch einen neuen Anti-Islam-Spin,
• Obsessive Ergänzung,
• Obsession - es geht weiter,
• Obsession - nur eine Baustelle von vielen.
Solche Wandermärchen haben Tradition. Das beleuchtet die Serie über die "Wanderlustigen Märchen":
• Teil 1,
• Teil 2,
• Teil 3,
• Teil 4.
Wird fortgesetzt. Im Teil 2, der am Montag, den 8.12.erscheint, beschäftigen wir uns mit dem Schächten und Brigitte Bardot, Teil 3 über die Konferenz erscheint am Mittwoch, den 10. 12.
"Schächten" ist einer der Dauerbrenner des islamfeindlichen Diskurses, weil man weiß, wie sehr die Muslime damit zu treffen wären, würde ihnen dies verboten. Bislang werden sie "nur" behindert. Auch diese, zunächst "Im Namen de ...






















Du Duck, wenn du zu dieser Tagung in Berlin gehst, versuch doch wenigstens das Referat von Angelika Königseder und die Replik von Sabine Schiffer schriftlich online zu stellen. Die briliiante Sabien Schiffer wird wohl wieder einiges wichtige zu sagen haben.!!! Danke und Tschüss
Leider geht niemand von uns zu dieser Tagung; wie Du siehst, habe ich wohlweislich meinen dritten Teil für Mittwoch angekündigt in der Hoffnung, bis dahin etwas mehr an Info zu bekommen. Eine habe ich schon:
Eine Podiumsdiskussion im Anschluss an die Tagung wird vom Inforadio des RBB aufgezeichnet und am Sonntag, 14. Dezember, ab 14 Uhr gesendet. Bislang habe ich allerdings noch nicht raus, wie man das - legal selbstverständlich - aufzeichnen kann. Deswegen empfehle ich das anzeichen im Terminkalender (und die Weiterverbreitung dieser Information.
have a nice sunday
mk