< Update (13.12.08, 18:00) Pro-Köln: Nur nicht gleich, nicht auf der Stell', denn bei der Post geht's nicht so schnell | Über allen Gipfeln ist Ruh >
Osama Bin Laden und Afghanistan
Theodor Fontane, der nun wirklich nicht in Afghanistan dabei war, hat jedoch mit seinem Gedicht sehr gut veranschaulicht, wie es den Engländern dort erging. An der Niederlage der Sowjetunion in Afghanistan durften wir westlichen Deutschen hochoffiziell und in Farbe teilnehmen, weil unsere amerikanischen Brüder - Freunde hätte man sich ja aussuchen dürfen - mit Macht ein Pflaster auf ihre Wunden aus Vietnam kleben wollten.
Ihre eigene grandiose Niederlage, wenn auch nicht zu revidieren, dann aber doch zu übertünchen, war aber nur der eine Aspekt, der die USA dazu brachte, sich mit Macht in Afghanistan zu engagieren. Es ging allerdings auch darum, im Hinterhof der Sowjetunion einen Streit am Leben zu halten, der die Russen beschäftigen und ihnen eine Todesangst vor den Tan-Völkern einjagen sollte.
Gerade deshalb waren Saddam Hussein mit dem Irak und Osama Bin Laden in Afghanistan unverzichtbare Hilfen und durften sich eigentlich leisten, was sie wollten. Beide waren zur jeweiligen Zeit für das, was die Amerikaner so gemeinhin als Außenpolitik bezeichnen, was in Wahrheit aber nichts anderes als verdeckte Kriegsführung ist, völlig unverzichtbar. Und sie erhielten dementsprechend Narrenfreiheit.
Ausgestattet mit - oder doch zumindest im Glauben daran - absoluter amerikanischer Rückendeckung, wähnten sich Saddam Hussein und Osama Bin Laden in Sicherheit und träumten ihre jeweiligen Träume. Natürlich wurden beide bitter enttäuscht. Osama hatte seine Pflicht und Schuldigkeit getan, als die Russen aus Afghanistan abzogen.
Anstatt seine Träume verwirklichen zu können, musste er ohne die finanzielle Unterstützung der USA seine Pläne aufgeben und Afghanistan anderen überlassen. Das war wohl die Grundlage seines grundsätzlichen Stimmungswechsels gegenüber den USA. Aber auch andere Mudschahiddin waren enttäuscht. Vor allem jene, die für ein eher weltliches, westliches, liberaleres Afghanistan standen, hatten jede Hoffnung verloren.
Der Rest ist bekannt. Diverse Warlords übernahmen die Macht und sorgten zunächst dafür, dass sich die eigenen Taschen füllten, um dann die Taschen anderer Warlords zu leeren. Selbst die prowestlichen Afghanen erkannten schnell, dass es keinen Weg zu Frieden und wirtschaftlicher Entwicklung geben würde.
In Afghanistan und Teilen von Pakistan stellt sich zudem das Problem, dass es in der gesamten Geschichte noch nie einen Zeitraum einer durchsetzungsstarken einheitlichen Regierung gegeben hat. Die Gesellschaften dort sind Stammesgesellschaften, die, geführt von Clanchefs, sich bestenfalls von Zeit zu Zeit mit einer Zentralregierung arrangieren, solange diese nicht allzu sehr in die Clangebiete eingreift.
Auch wenn es immer wieder bestritten wird, darf als sicher gelten, dass Osama Bin Laden über seine Mutter zu den Alawiten oder Nusairiern gehört, da die Zugehörigkeit wie beim Judentum nur durch eine nusairische Mutter vererbt werden kann. Diese Religion wird von den Sunniten nicht als islamisch angesehen und hat sich aus Schutz vor Verfolgung stets als Geheimreligion versteckt.
Die Taqiyya wird ja von vielen Islamophoben als generelle Ermächtigung der Muslime zum Lügen betrachtet, ist aber in Wirklichkeit nur ein Schutzmechanismus, der es dem Gläubigen ermöglichen soll, seinen Glauben zu verbergen und dies auch dadurch zu tun, dass er die Regeln seines Glaubens verletzt. Sie gilt aber eben nur als Schutzmechanismus in Glaubensfragen und hat mit den sonstigen Lebensregeln nichts zu tun.
Als Jugendlicher wuchs Bin Laden in der Tradition der hanbalitischen Wahhabiten auf. Die Hanbaliten sind die kleinste Rechtschule des sunnitischen Islam und vertreten bestenfalls 5 Prozent der Sunniten.
Osama kam aus einer unterdrückten muslimischen Religion in eine andere muslimische Religion, die sich vor allem durch ihren Fundamentalismus und ihre starre gedankliche und geistlich fanatische Haltung auszeichnet und sich dabei aber gleichzeitig über die anderen Sunniten und die Schiiten erhebt. Es ist nicht bekannt, ob Bin Laden in der nusairischen Religion seiner Mutter den Initiationsritualen unterworfen wurde. Aber da diese Religion in einem wahhabitischen Umfeld nur unter totaler Geheimhaltung stattfinden konnte, ist dies nicht verwunderlich.
Es wird von Fachleuten sogar davon ausgegangen, dass in Ländern wie Saudi-Arabien ein solches Ritual erst viel später stattfindet als in anderen Ländern, um Fehler im Verhalten des aufgenommenen Jünglings zu verhindern. Das würde erklären, warum er sich erst mit 14 der Religion zuwandte und dann aber gleich sehr religiös wurde und gleichzeitig dies auch von seiner Umwelt verlangte.
Dass er Mitglied bei der Muslimbruderschaft wurde, ist wohl als Protest gegen seinen Vater und den saudischen Staat zu werten, da die Muslimbrüder zu dieser Zeit die einzige oppositionelle Bewegung im Land waren. Osama Bin Laden nahm in der Familie seines Vaters eine Sonderstellung ein. Er war gegenüber seinen Halbbrüdern nicht gleichberechtigt und musste ständig um Anerkennung kämpfen. Wenn er Aufgaben bekam, dann immer nur die, die sonst keiner wollte.
Als sich die Gelegenheit ergab, im Auftrag der Carter-Regierung und mit Billigung des saudischen Königshauses Geld zur Unterstützung des Aufstandes gegen die sowjetische Besatzung nach Afghanistan zu bringen, war das eine typische Aufgabe für Osama Bin Laden. Als Mitglied des Bin-Laden-Clans war er nicht darauf angewiesen, den größten Teil des Geldes für sich selbst zu stehlen, und für ihn ergab sich eine Gelegenheit, anderen gegenüber großzügig zu sein.
Das Aschenputtel wurde schnell zur stolzen Prinzessin. Es ist als sicher anzunehmen, dass Bin Laden nicht wusste, dass der ganze über die CIA und die Saudis finanzierte Aufstand nur dazu dienen sollte, den Russen ihr "Vietnam" zu bescheren, wie es Zbigniew Brzezinski formulierte. Er war stolz, etwas für seine Glaubensbrüder tun zu können.
Dabei ging er so weit, dass er die vorgegebenen Regeln der Saudis verletzte und die Bewegung der sogenannten arabischen Afghanen gründete, die das Ziel hatte, möglichst viele Kämpfer aus den arabischen Ländern nach Afghanistan zu holen. Aber gerade die Saudis hatten gar kein Interesse daran, dass sich eine solche Freiwilligenarmee bildete, weil eine derartige Bewegung schnell auch das Ende ihrer Herrschaft hätte bedeuten können.
In diesem Zusammenhang verlor Bin Laden auch seine Funktion in der väterlichen Firma. Es blieb ihm fast nichts anderes, als am bewaffneten Kampf in Afghanistan selber teilzunehmen. Natürlich war sein Anteil an den Kämpfen, genau wie jener der maximal 3.000 arabischen Afghanen, in Wirklichkeit ziemlich unbedeutend. Das Geld oder besser: die damit von ihm herbeigeschafften Waffen waren es - er bekam Bedeutung. Eine Bedeutung die über die Legendenbildung seine Rolle bei weitem vergrößerte.
Es ist klar, dass die USA ihre Freude daran hatten, wie er agierte. So konnten sie sich hinter den Saudis verstecken und hatten mit Osama Bin Laden trotzdem jemanden, den sie direkt kommandieren konnten. Schon in dieser Zeit ließ er in den Höhlen von Tora Bora umfangreiche Höhlensysteme anlegen, die seine Truppen vor sowjetischem Beschuss schützen sollten und sogar lange Zeit erfolgreich gegen die Amerikaner hielten.
Als, nach dem Abzug der Russen, die erwartete amerikanische Hilfe ausblieb, musste sich Osama Bin Laden aus Afghanistan zurückziehen um zu verhindern, dass seine Truppen in den Kämpfen zwischen den verschiedenen Mudschahiddingruppen zerrieben wurden. Die Idee, den Dschihad an anderen Orten gegen die Ungläubigen fortzusetzen, war wohl mehr Wunschtraum als reale Möglichkeit.
-- wird fortgesetzt --
Tags für diesen Artikel: afghanistan, krieg, osama bin laden, saudi-arabien, schiiten, sowjetunion, sunniten, terror
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Du hast von der islamischen Doktrin nicht soviel Ahnung oder ?
Das ist im großen und ganzen eine politische Bewegung, deren Hauptziel die Implementierung der Gesetze Allahs ist, denen sich alle Menschen unterwerfen sollten.
Der Dschihad zur Verbreitung der Gesetze Allahs ist Glaubenspflicht, Dschihad geht auch ohne Kampf.
Dass Kämpfer Allahs, also Mudschahidin, die Gesetzte des Taghut gutheißen, menschengemachte Gesetze der unreinen Frevler, ist völliger Humbug.
Zu der von mir beschriebenen Zeit gab es in Afghanistan eine Reihe von gemäßigten Kommunisten und Sozialisten, die zwar für die Freiheit Afghanistans gekämpft haben, aber eben kaum eine Beziehung zum Islam hatten.
Die militante und totalitäre Ideologie, die hinter diesem Begriff steckt, würde gemäßigten Sozialisten nicht gerecht.
Das war schon alles :-p
Tatsächlich kämpften auch die Leute der Mohn-Barone gegen die Russen und die waren wirklich nicht religiös. In einem zweiten Artikel werde ich auch noch näher darauf eingehen was der Auslöser für die gesteigerte Religiösität war.
Das wäre dann allerdings eine recht irreführende Bezeichnung, "Mudschahid" leitet sich nämlich von "Dschihad" ab und beschreibt einen an eben diesem heiligen Kampf beteiligten Streiter.
Ich weiß zwar nicht was als Fortsetzung kommt, aber ich würde mir wünschen, eine klare Abgrenzung zu dieser menschenverachtenden Ideologie zu sehen.
Als Linker bin ich allergisch gegen jedwede Art von (Klerikal)-Faschismus und verstehe die Annäherung gewisser Linker an den radikalen politischen Islam überhaupt nicht (siehe Chavez).
Für mich ist jener eine feindliche Ideologie, nicht mal ein Zweckbündnis wert.
(Ich will dem Autor damit freilich nichts unterstellen)