Das folgende hatte ich schon mal auf meinem persönlichen Blog gepostet: ich möchte ihn jetzt als Ergänzung zu Jochens geplanter Serie verstanden wissen. Anlaß war damals eine Besprechung des seinerzeit gehypten Buches "Texte des Terrors", das man seinerzeit für ein "wichtiges Buch" hielt und das heute bei Amazon für € 9,00 verramscht wird. Es ist schon interessant: da hat so eine winzige Minderheit die ganze Aufmerksamkeit für sich - da werden murmeltierartig immer diesselben kontrafaktischen Diskurssplitter in den Raum gestellt: Terror sei ein überwiegend muslimisches Problem, die Muslime müßten - endlich mal - was dagegen tun und das täten sie nicht. .So gewinnen die - zu günstiger Zeit - freigelassenen Texte (hier würde das englische released in seiner Doppelbedeutung besser passen) ein Eigenleben und machen Terror.
Texte des Terrors, Terror der Texte - Teil 1
Da standen Gutwillige dann staunend vor den Texten des Bösen und versuchten daraus Informationen zu gewinnen. Wesentliches wurde ihnen aber auch dort vorenthalten. Ich habe auf das Blog von Gregor Keuschnig verlinkt, der die Texte im Einzelnen bespricht. Zur Ergänzung verlinke ich hier die downloadbareKurzfassung.pdf eines meiner Vorträge.
Unter diesem und zwei weiteren Links bespricht Gregor Keuschnig das Buch von Gilles Kepel nebst Co-Autor. Ich hatte damals schon geschrieben:
Den ersten wesentlichen Text hat Abdullah Azzam verfasst: DEFENCE OF THE MUSLIM LANDS - The First Obligation After Iman. Dieser Text ist - nach "Wegmarken" von Sayyid Qutb - der erste Text, in dem - im sunnitischen Islam - offen ausgesprochen wird, daß die Länder des Islam von Herrschern regiert werden, die sich zwar "islamisch" nennen, sich aber von den Prinzipien des Islam so weit entfernt haben, daß man sie bekämpfen muß. Als besonderes Negativbeispiel galt damals das Königshaus von Ägypten, was leicht nachvolllziehbar ist, wenn man sich das hier eingebettete Video über Fawzia, die Schwester des letzten ägyptischen Königs und erste Frau das Schahs von Persien ansieht.
Wesentlich an diesem Text ist, daß er von Abdulaziz bin Baz sozusagen "kanonisiert" wurde. Bin Baz ist eine wichtige Figur, denn erstens war er über lange Jahre immer in religiös wichtiger Funktion im Königreich tätig, zweitens hat er feste Beziehungen und Einfluß nach Ägypten, drittens war Bin-Baz-Schüler Juhayaman_al-Oteibi der Spiritus rector des Sturms auf die große Moschee von Mekka.
Dieses Ereignis schlug damals - im Schicksalsjahr 1979 - wahrlich wie eine Bombe ein, und damals habe ich gelernt, wie wichtig im Orient Symbole sind: was damals den Muslimen - was damals meistens lediglich bedeutete, aus einem Land mit islamisch geprägter Kultur zu stammen - besonders reinfuhr, war die Tatsache, daß das Ganze während des letzten Tages der Hadsch passierte, und daß man sich von französischen Fallschirmjägern, also Nichtmuslimen helfen lassen musste. Ach ja:
Zu den Franzosen habe ich seinerzeit zwei Versionen gehört: die erste sagt, man habe die Franzosen antreten lassen und sie im Chor die Shahada, das islamische Glaubensbekenntnis sprechen lassen, die zweite sagt, die Franzosen hätten die Regel, nachdem in einem bestimmten Bezirk um die Haram (=Heilige) Moschee nur Muslime zugelassen seien, gleich gar ignoriert. Beides wurde seinerzeit als kränkend empfunden, weswegen es mich nicht wirklich erstaunt, daß im verlinkten "Zeit-"Artikel von nur 5 Spezialisten die Rede ist. Es hat übrigens eigentlich folgenden Hintergrund: im noch ungefestigten Staatswesen zur Zeit des Propheten wollte man sichergehen, daß kriegerische Auseinandersetzungen von der Moschee ferngehalten wurden. Und Krieg in den Drei Heiligen Monaten ist den Muslimen auch verboten, weswegen dieser Angriff seinerzeit auch mit Befremden betrachtet wurde. Juhayman, seine Anhänger und der seinerzeit auf den Schild gehobene Mahdi mußten sterben - sie wurden öffentlich geköpft.
Wie dem auch sei, dieses Ereignis wurde als allgemein traumatisch empfunden und bezeichnet einen religiösen Quantensprung hin zu einer Verhärtung (eigentlich nochmaligen Verhärtung) des saudischen Islam. Juhayman al-Oteibi war der erste, der seine Enttäuschung über die von ihm so empfundene Rückgratlosigkeit von Bin Baz gegenüber dem saudischen Königshaus öffentlich machte, worin ihm später Osama Bin Laden folgte, der seine Enttäuschung in mehreren Briefen auch an andere Persönlichkeiten Saudi-Arabiens zum Ausdruck brachte. Quellen hier 1979 war für sehr viele Muslime das Schlüsseljahr: Einmarsch in Afghanistan, Sturm auf die große Moschee, Sturz des Schah, der - liest man selbst bei Betty Mahmoody über ihren Mann - der bei sehr vielen Muslimen die Frage nach der eigenen Identität stellte, die bei sehr vielen bis heute nicht beantwortet ist. Diese Texte konnten und können nur wirken, weil ihre Verfasser implizit den Anspruch stellen, auch als Erneuerer der Religion daherzukommen, was ja (s. Bin Baz) teilweise auch unterstützt wird.
Zum Sturm auf die Große Moschee ist jetzt ein neues Buch herausgekommen, das zumindest sehr faktenreich zu sein scheint, und offensichtlich den Sturm in seinen damaligen zeitgeschichtlichen Zusammenhang stellt. Heute diskutiert man wesentlich entspannter: der britische Star-Architekt Sir Norman Foster soll mit der irakischen Star Architektin Zaha Hadid die Moschee und ihre Umgebung durchsanieren und neu konzipieren. Bislang war das Problem, daß während der Hadsch Millionen von Pilgern durchgeschleust werden mußten (wozu es ein Länderquotensystem gibt), dazu immer neue Gebäude errichtet wurden, die in Konflikt zur traditionellen Architektur stehen, noch nicht zufriedenstellend gelöst worden. Der Plan gilt einerseits in der Welt der Architektur als Sensation, andererseits als etwas, das hohe Erwartungen weckt. Doch Sir Norman Foster und Zaha Hadid traut jeder zu, daß sie das bewältigen. Tja, mal so vom wirtschaftlichen Standpunkt: beide haben auch eine ganze Reihe von Projekten in Deutschland realisiert, und das Projekt in Mekka ist ein "Multimilliarden-Projekt". Wir lesen "Texte des Terrors" und haben Henry Nitzsche.
Übrigens: das Haus al-Saud musste sich, nach Erlangung der politischen Macht, die prestigiöse Bestallung als "Hüter der Heiligen Stätten" von den Briten erbitten: Das Haus Haschem, das von fast Anbeginn des Islam die Heiligen Stätten gehütet hatte, wurde aus dieser Funktion vertrieben und bekanntermassen mit den Thronen von Großsyrien/Irak (Faisal) und (Trans-)Jordanien (Abdallah) abgefunden. In den 80er Jahren hinterfragte der Iran diese Funktion, was 1988 auch wieder zu erheblichen Unruhen führte. Der Iran propagierte damals die Idee einer "Islamischen Uno", die die Heiligen Stätten verwalten sollte. Aus dieser Zeit stammt vermutlich die von Ralph Peters hier propagierte Idee:
Da ist die Familie Bush vor - und die langjährigen Verpflichtungen der USA gegenüber den al-Sauds.
Wird fortgesetzt.
Unter diesem und zwei weiteren Links bespricht Gregor Keuschnig das Buch von Gilles Kepel nebst Co-Autor. Ich hatte damals schon geschrieben:
Auf meiner Leseliste steht es im Moment etwas weiter hinten. wer nicht so tief in die Materie einsteigen will oder den leisen Verdacht hat, hier soll ein Hype entfacht werden, scheint mir mit Gregors Texten auch gut bedient.Ich schrieb weiter, mein Text verstünde sich durchaus nicht als Widerrede zu dem, was Gregor geschrieben habe, sondern als Ergänzung, genau wie die eingestellten Folien:
Den ersten wesentlichen Text hat Abdullah Azzam verfasst: DEFENCE OF THE MUSLIM LANDS - The First Obligation After Iman. Dieser Text ist - nach "Wegmarken" von Sayyid Qutb - der erste Text, in dem - im sunnitischen Islam - offen ausgesprochen wird, daß die Länder des Islam von Herrschern regiert werden, die sich zwar "islamisch" nennen, sich aber von den Prinzipien des Islam so weit entfernt haben, daß man sie bekämpfen muß. Als besonderes Negativbeispiel galt damals das Königshaus von Ägypten, was leicht nachvolllziehbar ist, wenn man sich das hier eingebettete Video über Fawzia, die Schwester des letzten ägyptischen Königs und erste Frau das Schahs von Persien ansieht. Wesentlich an diesem Text ist, daß er von Abdulaziz bin Baz sozusagen "kanonisiert" wurde. Bin Baz ist eine wichtige Figur, denn erstens war er über lange Jahre immer in religiös wichtiger Funktion im Königreich tätig, zweitens hat er feste Beziehungen und Einfluß nach Ägypten, drittens war Bin-Baz-Schüler Juhayaman_al-Oteibi der Spiritus rector des Sturms auf die große Moschee von Mekka.
Dieses Ereignis schlug damals - im Schicksalsjahr 1979 - wahrlich wie eine Bombe ein, und damals habe ich gelernt, wie wichtig im Orient Symbole sind: was damals den Muslimen - was damals meistens lediglich bedeutete, aus einem Land mit islamisch geprägter Kultur zu stammen - besonders reinfuhr, war die Tatsache, daß das Ganze während des letzten Tages der Hadsch passierte, und daß man sich von französischen Fallschirmjägern, also Nichtmuslimen helfen lassen musste. Ach ja:
At the time, the Grand Mosque was being renovated by the Saudi Binladin Group in what was the most prestigious construction contract in the Islamic world. An employee of the organization was able to report the seizure to corporate headquarters before the insurgents cut the telephone lines. A representative of the Binladin Group was thus the first to notify King Khalid.
Zu den Franzosen habe ich seinerzeit zwei Versionen gehört: die erste sagt, man habe die Franzosen antreten lassen und sie im Chor die Shahada, das islamische Glaubensbekenntnis sprechen lassen, die zweite sagt, die Franzosen hätten die Regel, nachdem in einem bestimmten Bezirk um die Haram (=Heilige) Moschee nur Muslime zugelassen seien, gleich gar ignoriert. Beides wurde seinerzeit als kränkend empfunden, weswegen es mich nicht wirklich erstaunt, daß im verlinkten "Zeit-"Artikel von nur 5 Spezialisten die Rede ist. Es hat übrigens eigentlich folgenden Hintergrund: im noch ungefestigten Staatswesen zur Zeit des Propheten wollte man sichergehen, daß kriegerische Auseinandersetzungen von der Moschee ferngehalten wurden. Und Krieg in den Drei Heiligen Monaten ist den Muslimen auch verboten, weswegen dieser Angriff seinerzeit auch mit Befremden betrachtet wurde. Juhayman, seine Anhänger und der seinerzeit auf den Schild gehobene Mahdi mußten sterben - sie wurden öffentlich geköpft.
Wie dem auch sei, dieses Ereignis wurde als allgemein traumatisch empfunden und bezeichnet einen religiösen Quantensprung hin zu einer Verhärtung (eigentlich nochmaligen Verhärtung) des saudischen Islam. Juhayman al-Oteibi war der erste, der seine Enttäuschung über die von ihm so empfundene Rückgratlosigkeit von Bin Baz gegenüber dem saudischen Königshaus öffentlich machte, worin ihm später Osama Bin Laden folgte, der seine Enttäuschung in mehreren Briefen auch an andere Persönlichkeiten Saudi-Arabiens zum Ausdruck brachte. Quellen hier 1979 war für sehr viele Muslime das Schlüsseljahr: Einmarsch in Afghanistan, Sturm auf die große Moschee, Sturz des Schah, der - liest man selbst bei Betty Mahmoody über ihren Mann - der bei sehr vielen Muslimen die Frage nach der eigenen Identität stellte, die bei sehr vielen bis heute nicht beantwortet ist. Diese Texte konnten und können nur wirken, weil ihre Verfasser implizit den Anspruch stellen, auch als Erneuerer der Religion daherzukommen, was ja (s. Bin Baz) teilweise auch unterstützt wird.
Zum Sturm auf die Große Moschee ist jetzt ein neues Buch herausgekommen, das zumindest sehr faktenreich zu sein scheint, und offensichtlich den Sturm in seinen damaligen zeitgeschichtlichen Zusammenhang stellt. Heute diskutiert man wesentlich entspannter: der britische Star-Architekt Sir Norman Foster soll mit der irakischen Star Architektin Zaha Hadid die Moschee und ihre Umgebung durchsanieren und neu konzipieren. Bislang war das Problem, daß während der Hadsch Millionen von Pilgern durchgeschleust werden mußten (wozu es ein Länderquotensystem gibt), dazu immer neue Gebäude errichtet wurden, die in Konflikt zur traditionellen Architektur stehen, noch nicht zufriedenstellend gelöst worden. Der Plan gilt einerseits in der Welt der Architektur als Sensation, andererseits als etwas, das hohe Erwartungen weckt. Doch Sir Norman Foster und Zaha Hadid traut jeder zu, daß sie das bewältigen. Tja, mal so vom wirtschaftlichen Standpunkt: beide haben auch eine ganze Reihe von Projekten in Deutschland realisiert, und das Projekt in Mekka ist ein "Multimilliarden-Projekt". Wir lesen "Texte des Terrors" und haben Henry Nitzsche.Übrigens: das Haus al-Saud musste sich, nach Erlangung der politischen Macht, die prestigiöse Bestallung als "Hüter der Heiligen Stätten" von den Briten erbitten: Das Haus Haschem, das von fast Anbeginn des Islam die Heiligen Stätten gehütet hatte, wurde aus dieser Funktion vertrieben und bekanntermassen mit den Thronen von Großsyrien/Irak (Faisal) und (Trans-)Jordanien (Abdallah) abgefunden. In den 80er Jahren hinterfragte der Iran diese Funktion, was 1988 auch wieder zu erheblichen Unruhen führte. Der Iran propagierte damals die Idee einer "Islamischen Uno", die die Heiligen Stätten verwalten sollte. Aus dieser Zeit stammt vermutlich die von Ralph Peters hier propagierte Idee:
Ein Grundübel der weitverbreiteten Stagnation der islamischen Welt ist die Tatsache, dass die saudische Königsfamilie Mekka und Medina als ihr Lehen betrachtet.
Mit den heiligsten Schreinen des Islam unter der polizeistaatlichen Kontrolle eines der bigottesten und unterdrückerischsten Regimes der Welt – das große, unverdiente Ströme von Öl beherrscht - , waren die Saudis in der Lage, ihre Wahhabitische Vision eines formalistischen, intoleranten Glaubens weit über ihre Grenzen hinaus zu tragen. Der Aufstieg der Saudis zu Reichtum und – als Konsequenz davon – Einfluss, ist das Schlimmste, das der islamischen Welt als Ganzes seit den Zeiten des Propheten, und das Schlimmste, das der arabischen Welt seit den Osmanen (wenn nicht gar Mongolen) passiert ist.
Nicht-Muslime könnten keinen Wechsel in der Kontrolle der heiligsten Stätten bewerkstelligen, doch man stelle sich vor, um wie vieles gesünder die muslimische Welt wäre, wenn Mekka und Medina von einem rotierenden Rat von Repräsentanten der wichtigsten islamischen Schulen und Bewegungen eines Heiligen Islamstaates regiert würde– eine Art muslimischem Supervatikan – in dem die Zukunft eines großen Glaubens mehr diskutiert als dekretiert würde. Wirkliche Gerechtigkeit – die wir nicht mögen würden – würde auch Saudi-Arabiens küstennahe Ölfelder den Schiitischen Arabern geben, die in dieser Subregion leben, während ein südöstlicher Quadrant an den Jemen fiele. Beschränkt auf ein Rumpf-Territorium würde das Haus al-Saud wesentlich weniger Unheil über den Islam und die Welt bringen können.
Da ist die Familie Bush vor - und die langjährigen Verpflichtungen der USA gegenüber den al-Sauds.
Wird fortgesetzt.
Tags für diesen Artikel: afghanistan, al quaida, imperialismus, irak, iran, islam, israel, jordanien, krieg, medina, mekka, osama bin laden, pakistan, palästina, saudi-arabien
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