
Am vergangenen Freitag hatten wir bei uns in der Firma die Weihnachtsfeier. Die Reden der Chefetage waren erfreulich kurz. Der Rest des Abends dafür einiges länger. Auch an unserer Firma wird die Wirtschaftskrise nicht vorbeigehen. Doch wir geben nicht auf. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Trotzdem haben wir ordentlich gefeiert. Wie zu erwarten, endete dieses für die meisten in einem Rausch.
Nachdem ich meinen ausgeschlafen hatte, musste ich noch von einem anderen Rausch lesen. Von diesem Rausch hat uns heute der Allianz-Finanzchef Paul Achleitner bei faz-net berichtet. Die Folgen dieses Rausches dürften allerdings wesentlich heftiger ausfallen.
Ach, Herr Achleitner,
dass Sie schon im Juli irgendetwas von einer "überwundenen Krise" von sich gegeben haben und dieses "voreilig" war, ist nicht so schlimm. In der Zwischenzeit haben wir ja gelernt, wie wir solche Äußerungen von "Finanzexperten" zu bewerten haben. Wenn Sie in dem Interview mit faz-net vor den nächsten Gefahren warnen, dann stimmt das sogar. Aber auch das ist nichts Neues.
Aber wie sollte es auch anders kommen? Denn schließlich machen ja alle so weiter wie bisher. Also lassen Sie bitte diesen Blödsinn von ...
Die Krise ist heilsam, weil sie Auswüchse an den Finanzmärkten beendet.
Da wird doch nichts geheilt. Da wird allenfalls etwas herumgedoktort. - Weil sie ja offensichtlich medizinische Vergleiche wie den folgenden lieben ...
Wenn der Geldverkehr der Blutkreislauf ist, dann hatten wir im Sommer Bluthochdruck, im Oktober standen wir vor dem Herzinfarkt, der durch die staatlichen Programme abgewandt wurde.
... können Sie von mir auch einen bekommen. Denn wenn der Geldverkehr ein Blutkreislauf ist, dann haben die "staatlichen Programme" bisher dafür gesorgt, dass die lästigen Furunkel, die den ganzen Körper vergiften, nicht abgestorben sind. Denn vielleicht wäre ein "toter Patient" Finanzsystem wesentlich besser, als weiter mit diesem faulenden Kadaver leben zu müssen. Denn, wie sagen Sie so schön:
Die Krise hat historische Dimensionen und sie trifft viele Menschen hart.
Genau, nur eben nicht die Verursacher. Womit ich schon beim Thema wäre. Wo Winand von Petersdorff von der F.A.Z.
Gier, Dummheit und unmoralisches Verhalten
als Krisenursachen einfallen, da können Sie uns den wichtigsten Grund nennen.
Wir hatten uns alle an billigen Krediten und unlimitierter Liquidität berauscht. Wir waren alle wie gedopt.
Whow, die "Eliten", die "Leistungsträger" waren alle "berauscht" und "gedopt". Hatten wir bisher nur gedacht, es handle sich einfach um Zocker, so belehren Sie uns nun eines besseren. Unsere Wirtschaft und damit unsere Existenz liegt in den Händen von Leuten, die ihre Sinne nicht beisammen hatten.
Doch da möchte ich Ihnen nun aber auch widersprechen. Denn Sie und Ihre Miteliten haben sich keinesfalls an den billigen Krediten berauscht. Sie haben sich vor allen Dingen an sich selbst berauscht. Es war der Rausch der eingebildeten Gotthaftigkeit. Gedopt von den Speichelleckern in Ihrer Umgebung und den neoliberalen Kofferträgern in den "Qualitätsmedien" haben Sie alle sich in einen unvergleichlichen Rausch begeben.
Wir alle wissen, dass auf jeden Rausch der unweigerliche Kater folgt. So auch bei diesem Rausch. Doch nun kommt der Unterschied. Sie hatten den Rausch, und wir haben nun die Kopfschmerzen davon. Halten Sie das für anständig? Die Gerechtigkeit will ich gar nicht erst bemühen. Dieses Wort hat ja in Ihren Kreisen überhaupt keine Bedeutung.
Eine Bitte hätte ich dann auch noch. Unterlassen Sie doch weitere voreilige Ankündigungen über den Zeitpunkt, wann wir diese Krise überwunden haben.
2009 sollten wir abhaken. Ich sehe für 2010 positiver.
Wir haben doch schon am Anfang festgestellt, dass Sie davon keine Ahnung haben.
So zum Schluss noch eine Bemerkung zu einer Erkenntnis, die so wohl nur von einem wie Ihnen kommen kann:
Die Globalisierung der letzten 20 Jahre wäre ohne Kapitalmärkte und ihre jetzt kritisierten Finanzinstrumente nicht erfolgt. Zwei Milliarden Menschen sind der Armut entronnen. Ich gehöre zu den Menschen, die das begrüßen. Wir sollten deshalb nicht das ganze Finanzsystem über Bord werfen.
Was soll man dazu noch schreiben? Schauen Sie doch einfach einmal hier nach. Da können Sie sehen, was wem wie entronnen ist.
Dass Sie schöne Weihnachten haben werden, nehme ich mal an. Darum wünsche ich diese vorrangig denen, die Ihren Rausch ausbaden müssen. Ob das nächste Jahr wenigstens etwas froh wird, werden wir ja dann sehen.
J. Fuhrmann
Wenn die Zeiten traurig und grau werden, sollte man sich etwas Aufmunterndes antun. Darum heute ein Gelber Muskateller vom Pössnitzberg, Weingut Tscheppe 2007. Der ist schön fruchtig, der Rausch beschwingt und - garantiert keine Kopfschmerzen.
Vielleicht hätte ein Drogentest in allen entscheidenden Ecken Abhilfe gebracht - der allgemeinen Selbstüberschätzung nach sind doch bestimmt 65 % der "Entscheidungsträger" auf Koks.
Anders lässt sich die Wortwahl und die Einstellung zum Ergebnis doch nicht mehr erklären.