„... Schon gelesen? - Rosenthal ist pleite. Und Schiesser auch. Und warum? Keine Ahnung. Deutsches Porzellan, deutsche Unterwäsche. Ja, es ist schlimm. Aber denk doch mal an die Firmen, die schon vor Jahren ins Ausland ausgelagert haben, weil da die Löhne billiger sind. Von wegen deutsche Wertarbeit! Ganze mittelständische Firmen, ab nach Rumänien oder so. Der Sarkozy in Frankreich will das jetzt anders machen. Der sagt, wenn der französische Steuerzahler mit Riesensummen den Autobau unterstützt, dann sollen die Arbeitsplätze dafür auch in Frankreich bleiben. Ist doch eigentlich logisch. Ja, aber die nennen das jetzt Protektionismus und beschimpfen ihn dafür. Wer schimpft? Ich weiß auch nicht genau. Das versteht doch sowieso alles kein Mensch mehr ...“.
Ich kenne einen türkischen Geschäftsmann, zu dem ich manchmal scherzhaft sagte, ja, die fleißigen Deutschen, das sind sind heute unsere Türken. Jetzt hat er sein gutgehendes Geschäft aufgegeben. Vorher sagte er immer, Arbeiten würde sich nicht mehr lohnen. Zu viel Arbeit, zu wenig Geld. Was der jetzt wohl macht? Vielleicht auf seine Aktien aufpassen. Oder er hat eine fleißige Ehefrau. Nein, echt keinen Schimmer. Ich hatte jedenfalls immer erwidert: Arbeiten wird immer teurer. Was man als Gewerbetreibender oder Freiberufler alles zahlen muss, um überhaupt arbeiten zu dürfen, geht auf keine Kuhhaut mehr. Der bürokratische Apparat erlässt andauernd neue Bestimmungen, die mit neuen Gebühren verbunden sind. Das Netto schrumpft von Jahr zu Jahr. Aber dass mein türkischer Kollege wirklich ernst macht, das hat mich schon verblüfft. Ich beneide ihn dafür, dass er jetzt Zeit hat.
Einer meiner Kunden diese Woche: Selbständig, gutes Einkommen, Frau, zwei Kinder. Haus gebaut. Dann brach ihm ein wichtiger Auftraggeber weg und nun steckt er in ernsthaften Zahlungsschwierigkeiten. Ich sage, du musst mit deiner Frau sprechen. Stattdessen kriegt das Haus sündhaft teure Dachziegel aus der Toskana. Und der Garten muß auch gleich „gestaltet“ werden. 120 qm für 20.000 Euro. (Ich denke an meine Balkonbepflanzung, da kann man auch jährlich schnell 100 Euro loswerden - Witz, lass nach!). Er kommt zwischendurch und jammert übers Geld. Du musst mit deiner Frau sprechen, sag ich. Nein, die interessiert das überhaupt nicht. Die muss sich um die Kinder kümmern, der Kleine will nicht mehr zum Fußball, der probiert jetzt – weiß ich nicht mehr – jedenfalls etwas, wofür man eine teure Ausstattung braucht. Und das Reiten der Tochter ist auch nicht billig. Und die Schule, und das Kinderhinundherfahren. (Ja, und der Frisör, und das Wellness-Wochenende mit der Freundin, und der Ski-Urlaub, und die kleine Schönheits-OP ... denke ich dazu.) Ach ja, und das Haus. Die Farbe der Hauswände gefällt nicht. Eine Designerin hat Vorschläge erstellt – jetzt wird das Haus neu gestrichen. Und ich denke, sie sind alle verrückt geworden! Denen ist nicht zu helfen. Von wegen "Du musst mit deiner Frau sprechen!" - Seine Frau hat mit ihm gesprochen!!
Ich erinnere mich genau daran, wie es Anfang der 90er wieder Mode wurde, zu heiraten. Gerne auch in New York. (Mein Befreiungsreflex raunte mir zu: Achtung, da läuft was falsch!) Gestern hatten wir noch Simone de Beauvoir gelesen und nun wurde das bürgerliche Glück der Elterngeneration entstaubt und aufpoliert. Es lief eben. Beruflich, finanziell, privat. Rein in die Gesellschaft, dazugehören, was darstellen. Schicke Wohnung, schicker Urlaub, schicke Kinder. Und natürlich alles viel freier als bei den Eltern.
Nicht alle konnten mithalten. Mancher Lebensentwurf scheiterte. Die Karriere kam vielleicht ins Stocken. Eine Beziehung scheiterte. Das mit den Kindern war auch nicht immer eitel Sonnenschein. Eine Zeitlang konnte man die Fassade noch aufrechterhalten, indem man die Wartezeit auf das Erbe mit Krediten überbrückte. Sehr viele behalfen sich mit Psychopharmaka und Drogen, um „leistungsfähig“ zu bleiben. (Auch Spielbank, Bordell und ähnliche Einrichtungen boten vorübergehend Erleichterung vom Stress, war allerdings ein bisschen teuer. Auf Esoterik, Gesundheitswahn und neue Religiösität als probate Mittel zum Auffüllen der inneren Leere einzugehen, würde den Rahmen jetzt sprengen.) Kurz: Die Chance, Auswege aus dem harten Mainstream zu erschaffen, wurde weitestgehend versäumt. Mitleid mit den Gescheiterten kannte man auch nicht. Hauptsache, man landete nicht selbst bei Hartz IV. Fertig. Man muss ja auch einmal auf sich selber schauen, nicht wahr. Aber inzwischen lässt sich nicht mehr alles vertuschen. Es wird nun auch öffentlich gescheitert. Auf allen Ebenen. Und manch einer landete in einer psychiatrischen Klinik, wegen Burnout, wie man das Scheitern heute auch nennen kann. (Klingt einfach schicker.) Die haben jetzt auch Zeit.
Hört ihr manchmal alten Leuten zu? Die haben noch gespart auf das Haus. Dieses wurde erst mal im Rohbau erstellt, meist mit viel Eigenarbeit. Dann hat man sich dem Innenausbau gewidmet. Wenn wieder Geld da war, hat man es verputzt. Und später wurde das Dachgeschoß ausgebaut. Von wegen Gartengestaltung und anderem Designerquatsch. - Wer ein Haus gebaut hatte, verzichtete auch vorerst auf Urlaub und andere Annehmlichkeiten. Unsere Alten verstehen die Welt schon lange nicht mehr. Unsere schöne neoliberale Welt. Und wir haben wohl auch nicht immer begriffen, was mit uns allen vor sich geht. Und den Zeitpunkt des Return haben wir alle verpasst.
Und nun sitzen wir da. Und bleiben merkwürdig passiv angesichts der globalen Krise. Die Klimakrise haben wir noch ganz gut integriert. Das Klima retten, da machten wir mit. Vielleicht haben wir uns an einem Windrad beteiligt. Oder einen Ökofonds gekauft. Und wir fahren ja auch ein CO2-sparendes Auto. - Aber nun? Bei dieser Art Krise? Da geht es ans Eingemachte. Da geht es auch um unseren gesamten Lebensstil. Es geht darum, dass wir das neoliberale System in seiner Gesamtheit durchschauen, mit seinen zweifelhaften Zielen und seinen Verlockungen. Wir müssen runter von diesem Trip. Wir müssen die Schleier lüften und den Tatsachen ins Gesicht blicken: So wie bisher geht es nicht weiter! - Wir haben die Chance, uns vom Druck des neoliberalen Lebens zu befreien. Es kann besser werden.
du sprichst mir aus der Seele.
Ich würde gerne mehr über diese Initiative erfahren.
Vielleicht kannst du mir ja eine Mail schreiben.
Gruß Stefan
Na, egal. Wir melden uns bei Dir.
http://info.kopp-verlag.de/news/hans-meiser-und-die-staatsgeheimnisse-warum-der-bekannte-fernsehmoerator-insolvenz-anmelden-musste.html
mfg zdago
Mal was in eigener Sache und trotzdem öffentlich:
Du lässt es zu, dass hier Links von Deinem Intim"freund" Ulfkotte gepostet werden? Ist die Sache mit Meiser wahr?
Falls ja, müssen wir wirklich langsam anfangen den Weg zu gehen, sonst können wir alle nicht mehr früh in den Spiegel...
Mit oder ohne Ulfkotte.
Ich vertrete sowieso die Meinung, dass sich alle Widerstandsbewegungen bündeln müssen. Aber das wäre wahrscheinlich noch nicht mal bei der Landung von feindlichen gesinnten Aliens der Fall und das wissen die Menschenverachter genau!
Das ist eben Demokratie. Ich bin kein Ulfkotte. Bei mir dürfen fast alle reden.
Das ist die Frage - nicht, von wem die Info ist. Sonst führen wir sofort die nächste zensur ein!
mfg zdago