Ich gehöre zu den iPhone-Nutzern der ersten Stunde und verfolge mehr oder weniger aufmerksam alle Entwicklungen rund um das Gerät. Neulich hat mich etwas aus dem mittlerweile nicht mehr so coolen iPhone-Kosmos elektrisierend aufgeschreckt:
In meinem iPhone ist auf Wunsch das FBI vertreten!
NICUSA
Man kann die Software nicht direkt am PC starten, weil das nachfolgend Beschriebene nur mit einer Zusatzsoftware, über das iPhone von der Firma Apple, möglich ist. Wer sich allgemein zum Thema Apps (kleine Anwendungen) informieren möchte, kann das hier tun:
Apple
Es gibt, vorerst nur auf die USA begrenzt, für das berühmt-berüchtigte iPhone mittlerweile eine kostenlose Software namens „Most Wanted“, die vom FBI die Top Ten Most Wanted, Most Wanted Terrorists and Missing Children listet. Jeder iPhone-Besitzer kann sich diese Software kostenlos runterladen und installieren.
Kurz zur Erklärung, was es mit den sogenannten Anwendungen, Apps genannt, für das iPhone so auf sich hat. Anders als bei den anderen Handys und Smartphones kann man sich zusätzliche Software mit einem offiziellen iPhone nur über die Zusatzsoftware iTunes für PC/Mac oder auf dem iPhone direkt im App Store aus einem mittlerweile fast unüberschaubaren Pool von sinnvollen, aber auch zunehmend sinnfreien Anwendungen aussuchen. Je nachdem muss man mit wenige Cents bis zu mehreren hundert Euro teure Apps Vorlieb nehmen oder auch nicht. Für Kenner sage ich da nur: „I Am Rich“ App für 999 Dollar. Komplett sinnlos, hat aber durch seinen Preis nach außen verdeutlicht: ich bin reich! Aber es gibt eben auch viele Anwendungen kostenlos. Und dazu zählt das „Most Wanted“ App. Die Anwendungen werden von vielen Apple Freunden/Freaks weltweit programmiert und nach der Apple Freigabe zum Kauf oder kostenlos angeboten.
Nun zum eigentlichen:
Was macht es für einen Sinn, die meist gesuchten Verbrecher bei jedem bzw. vielen iPhone-Besitzern (denn aktuell steht „Most Wanted“ immerhin auf Platz 11 der meistgeladenen kostenlosen Apps) ständig und überall dabei zu haben? Letztendlich nur mit einem Ziel: zombieartig auf Knopfdruck im Fall der Fälle die (iPhone) Massen gegen echte oder vermeintliche Terroristen, Verbrecher oder andere dunkle Gestalten loszuhetzen. Und als liebmenschliches Antlitz hat man eben gleich die tragischen Schicksale der vermissten Kinder als Mäntelchen der Begründung der Gutartigkeit mit dazu getan. Was ist das nun, dass jeder(iPhone)Mann/Frau zum Bounty hunter gemacht werden kann oder soll? Ganz einfach, wenn es zum Beispiel einen neuzeitlichen Robin Hood geben würde, kann der prima über das iPhone mit Fahndungsfoto und angeblich angedichteten Gräueltaten innerhalb von wenigen Augenblicken zum von allen Gehetzten gewandelt werden. Denn die meisten sagen, was vom FBI kommt, muss ja korrekt sein! So können fast von allein unerwünschte Personen ausgeschaltet werden. Und zum Lynchmord in bester US Tradition ist es dann nicht mehr weit. Im Internet sind ja in den USA schon Wohnorte inkl. Adresse von verurteilten Kinderschändern für alle abrufbar. Es soll auch schon zu Lynchjustiz gekommen sein.
Ich will hier ausdrücklich betonen, dass ich rein gar nichts dagegen habe, dass wirkliche Verbrecher dingfest gemacht werden müssen. Aber da ich das System hinterm System zu kennen meine, gehe ich instinktiv und prinzipiell von einer Sauerei aus. Erst Recht, wenn es mit IT und Überwachung zu tun hat. Es reicht den Puppenspielern nicht aus, dass man nun schon fast jeden auf Grund seines Handys lokalisieren kann, nein es soll also nun auch in Zukunft als psychologisches Steuerungsmedium für harten Stuff dienen. Und wenn erst in Zukunft die Software soweit ist, aufgenommene Fotos mit Fahndungsakten online abzugleichen, dann knipst sich die ganze Welt wund und dämlich. Bevor man also in Zukunft jemanden die Hand gibt, wird er erst mal geprüftgeknipst! Geil! Als „Endlösung“ brauchen wir dann noch aus MIB das Blitzdings, damit die Geknipsten vergessen, dass sie geknipst wurden. Ich höre lieber auf, sonst muss ich mich auch blitzdingsen, so verrückt könnte man bei dem Gedanken werden.
Was bedeutet das nun für uns in Deutschland?
Zuerst sei bemerkt, dass die meisten deutschen iPhone-Besitzer in ihren Rezessionen zu „Most Wanted“ dieses als gut, als brauchbar, als notwendig, als "Warum gibt’s das noch nicht bei uns'" usw. usf. beschreiben. Und genau das macht mir Angst! Die Leute rufen förmlich nach der totalen und gegebenenfalls manipulierten Überwachung. Da kann doch gleich die Polizei ihre Fahndungsbücher in einer Buchhandlung verkaufen oder auf dem Marktplatz verteilen. Fahndung, besonders nach hochgefährlichen Verbrechern, ist doch insbesondere nur alleinige Sache von Polizei bzw. Spezialeinheiten. Die Polizei, also der Staat, hat doch das Gewalt- und Machtmonopol. Alle wehren sich zunehmend (glücklicherweise) gegen einen Schäuble. Wieso wollen dann aber so viele auf der anderen Seite als Hilfspolizei aktiv werden?
Genau aus einem einzigen Grund: die Menschen sind vielfach und teilweise hysterisch sensationslüstern (vielleicht auch durch die entsprechenden permanent und unsäglich einrieselnden TV-Sendungen) geworden! Und das nutzt der Staat nach Orwellschem Muster aus, wo schon die Kinder die Eltern denunzieren. Die Menschen wollen Action, sie ergötzen sich am Leid anderer. Also ran an die Bürgerwehr! Macht den Verbrechern den Garaus! Ich komme mir mit „Most Wanted“ irgendwie wie in einem schlechten Südstaatenfilm aus Hollywood vor, wo in schwarz/weiß der böse Nigger gejagt werden muss. Und damit er sich ja nicht rechtfertigen kann, wird er am nächsten Baum am Halse aufgehängt!
Was bringt die iPhone App Zukunft?
Bei aller Satire ist es durchaus möglich, dass es nicht nur ein „Most Wanted“ sondern bald nur noch ein „Wanted“ oder ein „few Wanted“ gibt. Es kann durchaus sein, dass derjenige, der seinen Parkzettel nicht bezahlt, sich künftig am virtuellen Pranger wiederfindet. Erwiesenermaßen zahlen die Menschen bedeutend schneller, wenn sie in der Öffentlichkeit bloßgestellt werden.
Schöne neue (Apple) Welt! Immerhin hat ein einziger, nämlich der Nutzer Sinnlos, das App als sinnlos eingeschätzt. Es gibt vielleicht doch noch Hoffnung.