Jean-Moïse Braitberg, ein französischer Autor jüdischer Herkunft, bittet den Präsidenten des Staates Israel, den Namen seines Großvaters Moshe Brajtberg in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem löschen zu lassen.
Erstveröffentlichung: February 23, 2009 "
Le Monde"
Sehr geehrter Herr Präsident des Staates Israel,
ich schreibe Ihnen, damit Sie die zuständigen Verantwortlichen anweisen, in der (Holocaust-)Gedenkstätte Yad Vashem, die der Erinnerung an die jüdischen Opfer des Faschismus geweiht ist, den Namen meines Großvaters Moshe Brajtberg, der 1943 in Treblinka vergast wurde, zu löschen – ebenso die Namen der anderen Mitglieder meiner Familie, die im Zweiten Weltkrieg bei der Deportation in verschiedene (Konzentrations)lager der Nazis gestorben sind. Herr Präsident, ich bitte Sie, meinem Anliegen zu entsprechen, weil sich in meinen Augen Israel durch das, was in Gaza geschehen ist, und was dem arabischen Volk Palästinas seit nunmehr sechzig Jahren angetan wird, als Zentrum des Gedächtnisses an die Verbrechen an Juden und an der ganzen Menschheit disqualifiziert hat.
Bedenken Sie, dass ich seit meiner Kindheit von Überlebenden der Vernichtungslager umgeben bin. Ich habe die auf die Arme tätowierten Nummern gesehen, ich habe die Berichte über die Folterungen gehört, ich habe ihre tiefe Trauer und ihre Albträume geteilt.
Man hat mich gelehrt, dass sich solche Verbrechen niemals wiederholen dürfen; dass Menschen nie wieder andere Menschen wegen ihrer Herkunft oder ihrer Religion verachten dürfen, dass man Menschen die elementaren Rechte auf ein Leben in Würde und Sicherheit und ohne Einschränkungen und die Hoffnung auf ein ferne Zukunft in Zufriedenheit und Wohlstand nicht nehmen darf.
Herr Präsident, ich muss nun aber feststellen, dass trotz vieler UN-Resolutionen, trotz des schreienden Unrechts, das dem palästinensischen Volk seit 1948 angetan wird, trotz der in Oslo genährten Hoffnungen und trotz der mehrfach wiederholten Anerkennung des Rechts der israelischen Juden auf ein Leben in Frieden und Sicherheit durch die Palästinensische Autonomiebehörde, alle bisherigen Regierungen Ihres Landes immer nur mit Gewalt, Blutvergießen, Inhaftierungen, endlosen Kontrollen, Kolonisierung (durch immer neue israelischen Siedlungen auf palästinensischem Gebiet) und Landraub geantwortet haben. (In dem so genannten Oslo-Abkommen von 1993 hatte Israel mit der PLO Arafats Grundlagen für eine künftige Zwei-Staaten-Lösung vereinbart.)
Herr Präsident, Sie werden mir sicher antworten, Ihr Land habe das Recht, sich gegen diejenigen zu schützen, die Raketen auf Israel abschießen oder als Selbstmordattentäter schon zahlreiche unschuldige Israelis getötet haben. Darauf erwidere ich Ihnen, dass mein menschliches Mitgefühl allen Opfern gilt – unabhängig von ihrer Staatsbürgerschaft.
Andererseits, Herr Präsident, sind Sie das Oberhaupt eines Staates, der nicht nur den Anspruch erhebt, die Gesamtheit der Juden zu repräsentieren, sondern auch die Erinnerung an die Juden wachzuhalten, die Opfer des Faschismus wurden. Das betrifft auch mich und ist mir unerträglich. In der Gedenkstätte Yad Vashem inmitten des jüdischen Staates hat ihr Land die Erinnerung an meine Angehörigen hinter dem Stacheldraht des Zionismus eingesperrt und sie zu Geiseln einer angemaßten moralischen Autorität gemacht, die jeden Tag abscheuliche Rechtsverletzungen begeht.
Deshalb bitte ich Sie, lassen Sie den Namen meines Großvaters aus der Gedenkstätte entfernen, die an die Grausamkeiten gegen die Juden erinnern soll, weil damit nicht die Grausamkeiten zu rechtfertigen sind, die an den Palästinensern begangen werden.
Abschließend möchte ich Ihnen, Herr Präsident, meine persönliche Hochachtung versichern.
Quelle
www.luftpost-kl.de
VISDP: Wolfgang Jung, Assenmacherstr. 28, 67659 Kaiserslautern
http://www.pilhar.com/Hamer/Korrespo/2008/20081217_Oberrabbiner_Goetz_WirDistanzierenUns.htm