Göttingen im Sommer 1968
Liebes Tagebuch!
Wie du ja bereits weißt, bin ich nun Student an der Göttinger Universität, dort hat man für uns Jurastudenten sogar extra einen Bau für die juristische Falkultät errichtet, der den ehrenvollen Namen "Juridicum" trägt. Ich könnte jedoch mehr Stolz aufbringen, wenn derzeit nicht solch' unordentliche Zustände hier herrschen würden.
Die Unruhe unter der Studentenschaft - weiß Gott, wo sie herrührt - lenkt mich zusehends von meiner wichtigen Arbeit hier ab, so dass ich mich gezwungen sehe, um meines beabsichtigten guten Studienabschlusses willen, mich mehr in politischer Hinsicht zu engagieren, damit wieder mehr Ruhe in diesen Hallen einkehre.
Die Universität verkommt zusehends auch zur Massenuniversität und wird demzufolge egalitär. Wo kommen wir hin, wenn jeder Hinz und Kunz zum Studium kommt. Neuerdings sind auch viele Emporkömmlinge aus Arbeiterkreisen und Sozis hier vertreten. Einer heißt Gerd - nach seinem Nachnamen immer von seinen Genossen "Schröder" gerufen, der ist bereits Altsemester und seit 1966 hier in Göttingen. Aus dem wird nie was, so schludrig, wie der daherkommt.
Mutti hat mir diverse Kravatten geschickt, da ich ja künftig mehr in Verantwortung stehen werde und einen guten Eindruck machen soll, schrieb sie im Begleitbrief. So bin ich bestens ausgestattet und wohl gerüstet. Eine Kravatte sagt mehr als tausend Worte - war das von Konfuzius? Ist ja auch egal!
Ach, liebes Tagebuch, ich bin in meiner neuen NHB-Gruppe prima aufgenommen worden und habe mich sogar als Kandidat für die UNS zur Hochschulwahl aufstellen lassen. Ich hatte auch gleich eine hervorragende Idee zur Wahlplakatgestaltung...
Dank an die Mutter - für die Kravatte!*
...
... welche jedoch von diesen Chaoten völlig verunglimpft, verhöhnt und missbraucht wurde, was ich im Vorübergehen am Schwarzen Brett feststellen musste. Dennoch wurde ich diesen Sommer von meinen Kameraden im NHB zum stellvertretenden Bundesvorsitzenden gewählt.
Oh,... wie peinlich, hatte ich dir doch vergessen zu gestehen, mein teures Tagebuch, dass ich bereits seit meiner Wehrzeit, genau genommen seit 1967, Mitglied der NPD bin. Will das hier flugs nachholen mit diesem kleinen Nachtrag - jetzt, wo ich es sich bezahlt zu machen scheint und von politischem Erfolg gekrönt ist, infolge der Bestätigung meiner Wahl als stellvertretender Bundesvorsitzender des NHB.
Da ich nun offiziell in Amt und Ehren bin, sehe ich mich veranlasst, meine Ideen und mein Engagement meinen Mitmenschen mitzuteilen. Dazu bietet sich unser parteieigenes Presseorgan - die Deutschen Nachrichten - ja geradezu an.
So habe ich kürzlich erst in der Ausgabe Nr. 43, 1968 - auf Seite 8 einen Artikel mit dem Titel "Widerstand der akademischen Jugend" veröffentlicht, der meinen Namen, meine Aufgabe und meine Einstellung einem breiteren Publikum bekannt machen sollte.
Bei meinen Kameraden, dem NHB und der Partei brachten mir meine Ausführungen sehr viel Beifall und Anerkennung, so dass es sich bereits darin abzuzeichnen scheint, dass meiner politischen Karriere nicht mehr viel im Wege stehen dürfte.
Bald sind Bundestagswahlen. Bin guter Dinge, liebes Tagebuch!
28. September 1969 - Schmach, Schmach und Schande über unser geliebtes Deutschland - Meine Partei hat in der Bundestagswahl nicht bestehen können!

Liebes Tagebuch, treuester Freund in diesen schweren Zeiten!
Heute hat Deutschland sich selbst verraten. Die Bürger begreifen einfach nicht, was sie mit ihrer Ablehnung gegenüber unserer Partei verursachen. Schuld: Die Demokratie an sich!
Entschuldige die Flecken - bin erkrankt - eine Bindehautentzündung vermutlich?!
Trinke noch einen Kräutertee und muss nun ins Bett...
24. Oktober
Anno 1969 - Universität Göttingen
Teures Tagebuch, bester Freund!
Ich stehe wieder mal in unserer Zeitung, den Deutschen Nachrichten - sogar mit Bild! (Nr. 43, Seite 13) Die Presse war hier, alles sehr aufgeregt, vor allem ich, da ich mich jetzt endlich einiger Beliebtheit erfreuen darf und auch jede Menge neuer Freunde gewinne.
Pressefoto*
Hier ein Vorentwurf zu meinem Artikel in Auszügen:
Wir Jungen stehen zur Sache
Stärker noch auf die deutsche Jugend setzen
"Vier Wochen sind seit dem 28. September vergangen, jenem Tag der Deutschland um einige Hoffnungen ärmer werden ließ. Unterdessen ist in unserer Partei längst die Enttäuschung der ersten Stunden überwunden, alle Mitglieder und Verbände der NPD stellen sich auf einen noch härteren Kampf ein, der erste Schock weicht nüchterner Analyse.
Zwei Faktoren sind u.E. für uns entscheidend nachteilig gewesen:
1. Die Manipulation der meinungsbildenden Meinungsforschungsinstitute...."
(Diese bösartigen Umfrager bei Allensbach!)
Sie hatten vorausgesagt, dass die NPD-Stimmen 7,8 % betragen und auch den angeblichen Vorsprung der SPD vor der CDU. Das hat uns die Ergebnisse verhagelt!
"2. Die Hetz- und Verleumdungskampagne in Presse, Funk und Fernsehen... Hierbei wird in typisch oberflächlicher Betrachtungsweise Hetze mit psychischem Terror verwechselt"
(Apo- und DGB-Terror!)
Das kommt davon, wenn die Presse tun und lassen kann, was sie möchte. (Randnotiz: Muss ich zukünftig unbedingt beachten!)
Fazit: Die Zahl der unermüdlich kämpfenden Wahlhelfer war zu gering!
"... Daher brauchen wir das unbedingte Engagement der Jugend.
Die NPD muß nicht nur um ihrer selbst, sondern um des deutschen Volkes willen die Partei der denkenden und schaffenden Jugend werden.
Während unter den Älteren, die seit 30 Jahren für die nationale Sache kämpfen, leicht einmal Resignation aufkommen könnte, kann das bei den Jüngeren nicht der Fall sein: Wir haben nur die erste "Schlacht" verloren! Uns gehört die Zukunft - diese Gewißheit läßt auf unsere Stunde warten!...
Das Werben um den Wähler der nächsten Bundestagswahl beginnt also heute schon bei den jetzt 14-24jährigen! Darin sehe ich für uns eine große Chance und Hoffnung, denn in diesem Alter sind Menschen gegenüber anderen Anschauungen noch aufgeschlossener und leichter den Gleichschaltungstendenzen der Massenmedien zu entziehen.
Während in der Kriegsgeneration (hierunter besonders bei den Frauen) die emotionalen Anti-NPD-Schlagworte wie "Neo-Nazis", "Kriegs-Partei" und "Auslandsecho" unzweifelhaft Widerhall finden, treffen sie in der noch nicht auf vorgeformte Einheitsmeldungen festgelegten Jugend doch auf viel Skepsis.
Die Abneigung der jungen Generation gegenüber dem herrschenden "Bonner Establishment" ist bekannt. Diese Abneigung hat sich spektakulär z.Z. vorwiegend links angesiedelt; aber dem Nationaldemokratischen Hochschulbund (NHB) sind z.B. an den Universitäten schon erste Einbrüche gelungen, die bewiesen, daß das derzeitige Mehrheitsbild durchaus korrigierbar ist.
Für diese Korrektur ist auch wichtig, daß gerade bei den Heranwachsenden durch eine geschickte Jugendarbeit: der "indirekte Weg" zur Politik sehr erfolgreich sein kann.... Daß Jüngere das Ohr der Jugend am leichtesten finden, und die Jugend zu allen Zeiten eigene Ausdrucksformen entwickelt, die berücksichtigt werden müssen, steht hierbei wohl außerhalb der Diskussion.
Die Politik gestattet kein sinnierendes Verharren, deshalb muß heute unser Blick schon auf 1973 gerichtet werden. Sollte die Links-Regierung Brandt-Scheel bis dahin noch im Amt sein, wird sie die Absage unseres Volkes unweigerlich erhalten. Das zwischen F.D.P. und SPD zusammengeschusterte Programm und die instabile Mehrheit müssen zwangsläufig einen zweiten "Fall Wilson" herbeiführen; ein "Rechtsruck" wird die Folge sein.
Hierbei wird es darauf ankommen, wie diese sich zwischen NPD und CDU verteilt. Den Vergleich mit den Christdemokraten bei der Jugend zu unseren Gunsten zu entscheiden, ist entscheidend... Das Wissen um die bessere Sache, das abzusehende Ende der Brandt-Regierung und die Vergreisung der heterogenen Union geben uns Hoffnung und Zuversicht. ... Die Jugend der NDP muß und wird die Jugend in unserem Volke gewinnen!
Den "Siegern" von heute darf und wird nicht die Zukunft gehören. Wir sind nicht die Letzten von gestern sondern die Ersten von morgen."
Na, liebes Tagebuch - ist das nicht ein prächtiger Artikel geworden. Sowas lebt ewig - auch für kommende Generationen, schätze ich und ist fast schon ein kleines Zukunftsprogramm. Mal sehen, wie wir es verwenden können und inwieweit meine Gedanken auf fruchtbaren Boden innerhalb der Partei und der Jugend fallen...
Für heute schließe ich - voller Hoffnung in
die Zukunft blickend
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Hervorhebungen von Ulenspiegel
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