Aus dem Tagebuch - 1972-1981 Streifzüge durch die Provinz
Göttingen, 1972
Liebes Tagebuch,
hier bin ich wieder. Ach, soviel Ereignisse sind ins Land gegangen, über die ich Dir hier treulich berichten will.
1972 bin ich ja, wie Du bereits weißt, stellvertretender Kreisvorsitzender der JU (Jungen Union heißt es übrigens!) geworden. Auch hier erarbeitete ich mir schnell den Posten eines Vorsitzenden. Kurz darauf wurde ich sogar Pressesprecher des CDU-Kreisverbandes. Exorbitantes kann ich jedoch nicht berichten. Ich fühle mich jedoch, das sei Dir anvertraut, zu weitaus Höherem berufen.
Dein Vertrauter ...

Göttingen, 1974
Hallöchen, liebes Tagebuch,
verzeih' diese fröhliche ungehemmte Ansprache, aber mir geht es derzeit so vortrefflich, dass ich meine Freude mal ganz überschwenglich Ausdruck verleihen möchte. Mein Magendrücken ist dank Kräutertee fast wie weggeblasen und meine Karriereaussichten sind vielversprechend.
Ich habe soeben mein sog. juristisches Referendariat bei der Stadt Göttingen und der Regierung Hildesheim absolviert. Gleichzeitig war ich auch als wissenschaftliche Hilfskraft an der Uni Göttingen tätig, bei der ich nun endlich mein Examen ablege. Ach, es geht voran. Das Examen als Assessor eröffnet mir sicherlich allerlei Möglichkeiten - in politischer Hinsicht, meine ich, denn wie ich sehe, neige ich weniger dazu, mich als Jurist zu betätigen. Da kann ich sicher in politischen Kreisen eher zu Potte kommen - jedenfalls sagt das auch Mama!
Bis demnächst wieder mal
Dein Intimus

Otterndorf, 1975
Liebstes Tagebuch,
ich bin nun Assessor beim Städte- und Gemeindebund Niedersachsen und in Otterndorf, da staunst Du, was? Na ja, ich weiß, es ist nicht das, was ich erträumte, aber ich werde auf diesem erst bescheidenen Anfang meine Karriere errichten, wirst sehen!
Man betraut mich indessen mit allerlei wichtigen historischen und kulturell anspruchsvollen Aufgaben, denen ich mich tapfer stelle. Leider ist mein Magendrücken zurück - vielleicht liegts an der Wahrnehmung meiner Aufgaben, die mich oft in jene Kreise führen, wo man eher fettreiche Kost und starken Kaffee bevorzugt.

1975 Otterndorf - betraut mit wichtigen kulturellen Aufgaben (ich, Bildmitte)
Der Städte- und Gemeindebund Niedersachsen ist ein kommunaler Spitzenverband. Der Verband spricht für 198 kreisangehörige Städte und Gemeinden, 125 Samtgemeinden und 72 Mitgliedsgemeinden in Niedersachsen. Ihr Gebiet umfasst 3/4 der Fläche Niedersachsens mit mehr als 3,2 Millionen Einwohnern. Über 15.000 von 22.000 gewählten Mandatsträgern repräsentieren die genannten Gebietskörperschaften. Dieser Bund besteht vornehmlich aus den Bürgermeistern der jeweilig angeschlossenen Gemeinden.
Gleichzeitig bin ich ab 1975 im Nordseebad Otterndorf in einer weiteren Position tätig. Du siehst, liebes Tagebuch, ich bin sehr beschäftigt und muss nun los - man braucht mich!

Hemmoor 1976
Da staunste, liebes Tagebuch,
ich bin im Sauseschritt befördert und habe das triste Otterndorf sehr schnell hinter mir gelassen. Gerade halte ich mich in der Samtgemeinde Hemmoor auf und bin erst kürzlich hier zum Gemeindedirektor ernannt worden.
Das Ganze sehe ich natürlich eher als Sprungbrett, verstehste. Ich habe jedenfalls nicht vor, dort Großtaten zu begehen. Ich muss mich ja nur intern - in unseren politischen Kreisen - erst ein wenig bewähren und habe gute Parteifreunde, die mich in meiner Karriere wesentlich zu unterstützen wissen.
Muss zu 'ner Sitzung. Bis dann also...

1979 - Samtgemeinde Hemmoor
Liebes Buch,
es geht voran! Soeben habe ich mit einigen Parteikumpanen entschieden, dass sich für meine berufliche Karriere vor allem das verschlafene Gifhorn am besten eignen könnte. Die suchen dort einen Stadtdirektor. Das Nest ist ein wenig größer als dieses verschlafene Nest hier und sehe ich meiner Zukunft voller Vertrauen entgegen. Ich denke, dass ich für Wahl als Gifhorner Stadtdirektor prima Chancen habe. Meine Freunde reden mir gut zu.
Viel zu tun gibt es in Hemmoor nicht, daher schreibe ich derzeit nebenbei an meiner Promotion. Ein
Dr. Dr. Dr. < kleine Schreibübung!
stände mir ausgezeichnet, das macht immer was her. Zudem hege ich Zuverzicht, dass ich das spielend schaffen werden, weil mein Doktorvater der Herr Professor Edzard Schmidt-Jorzig ist, den ich bereits in Göttingen kennen- und schätzen gelernt habe. Eine Beziehung, die ich durchaus zu nutzen weiß. Da ich an meiner Karriere bastele, kann man allerdings derzeit nicht erwarten, dass ich für andere Dinge jetzt viel Zeit habe...
daher nur diese kurze Berichterstattung, liebes Buch...

Gifhorn 1981
Liebes Tagebuch,
sag "Doktor" zu mir!!! Ich habe es geschafft und trage nun einen tollen Titel vor meinem sonst eher stinknormalen Namen, das wertet ungemein. Zusätzlich eine weitere erfreuliche Nachricht: Ich wurde endlich zum Stadtdirektor der Stadt Gifhorn ernannt. Meine christlichen Partei-Freunde standen dabei unterstützend und mit vollem Engagement hinter mir...

Meine christlichen Partei-Freunde standen mit vollem Engagement hinter mir
Dazu gab es leider auch weniger Erfreuliches zu vermelden. Merkwürdig war, dass es etliche Pressestimmen gab, die meine NPD-Vergangenheit zutage befördert haben. Wer weiß, wie die an die Informationen kamen; ist schließlich schon etwas her? Aber was soll's: Trotz des Bekanntwerdens meiner NPD-Mitgliedschaft wurde ich als Stadtdirektor gewählt. Man ist hier nicht gar so zimperlich! Glück gehabt, sage ich da nur.
Meine erste Amtshandlung wird sein, dass ich für eine Zusammenlegung der Ämter des Oberbürgermeisters und des Stadtdirektors plädieren und das vehement vorantreiben werde. Wozu hat man sonst solche Ämter, wenn man die Entscheidungen nicht ganz alleine ausführen kann? Die Zusammenlegung hat eine erhebliche Machtausweitung zur Folge. Was kümmern mich da diese stetigen Miesmacher, Meckerer und Despoten, die mir hierbei einen “schleichenden Demokratieabbau” unterstellen?
Soweit für heute...
Dein Doktor Stadtdirektor und OB
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(Fotos by Ulenspiegel. Die Verwendung des Fotomaterials ist ausdrücklich erlaubt. Eine kommerzielle Verwendung schließe ich aus)
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