1982 immer noch Gifhorn!
Hallo Tagebuch,
ein beswingter Gruß Dir, das mir immer ein mildgestimmtes Ohr leiht, wo andere mir nicht ganz so aufmerksam entgegen treten.
Wie bereits berichtet, bin ich zum Stadtdirektor der Stadt Gifhorn ernannt. Aber ehrlich - ich langweile mich hier zu Tode, jetzt wo ich alles allein tun kann und mir niemand ins Handwerk pfuscht. Die Opposition hier ist auch ziemlich langweilig und auch sonst gibt es kaum was tun für mich. Gähn!
Wie kann man hier Abhilfe schaffen?
Neulich kam mir eine blendende Idee, mein dröges Image wieder ein wenig aufzupeppen.
Da habe ich mal kurz überlegt und halte moderne und jugendliche Rhythmen für äußerst geeignet, mir ein wenig Anerkennung gerade bei unserer Jugend (auf die ich ja bereits in früherer Zeit so viel Wert gelegt und Hoffnung gesetzt habe) zu verschaffen. Deshalb bin ich auf die glanzvolle Idee gekommen, den Jazz-Club Gifhorn e.V. mit zu gründen. Da geht die Post ab!
Irgendjemand hat mir neulich schelmisch erzählt, das wäre eigentlich nicht direkt das, was man unter deutscher Musik und Förderung deutschen Kulturgutes verstünde. Macht nix - Hauptsache es ist nicht solche Negermusik.
Gerade einmal 2 Jahre bin ich jetzt in Gifhorn im Amt, das langweilt zudem. Mal sehen, vielleicht kann ich ja mal wieder eine Bewerbung aufsetzen. Werde mal nachgucken, wo ich mich als nächstes bewähren kann - hier habe ich ja fast alles erreicht. Hildesheim vielleicht? In Hildesheim dort könnte ich was Wildes sein - HA HA HA, war der gut! Da sage noch einer, ich hätte keinen Humor.
Mal sehen! Vielleicht auch ein neues Werk, ein Buch?
Tschüssi für heut'
1983 Gifhorn - immer noch!
Liebes Buch,
gerade einmal 2 Jahre im Amt, habe mich heut' für das Amt des Oberstadtdirektors in Hildesheim beworben. Ein Desaster, sage ich Dir!
Nein, nein, nicht meine Bewerbung und auch nicht meine Eloquenz. Dennoch musste ich nach Bekanntwerden meiner ehemaligen NPD-Mitgliedschaft leider meine Kandidatur zurückziehen. Man kann eben nicht immer Glück haben. Die Hildesheimer scheinen da penibler als die Gifhorner. So werde ich erstmal hier bleiben und sehen, wie ich anderswo weiterkomme. Es gibt ja in Niedersachsen noch mehr Städte, wo man einen wie mich verzweifelt sucht und gut gebrauchen kann...
Ganz böse jedoch, wie ich heute erfahren musste: Die NPD-Mitgliedschaft wurde aus den eigenen Reihen meiner treuen Partei-Freunde (CDU) bekannt und dadurch der Rücktritt von meiner Kandidatur forciert (> Quelle: Flugblatt “Wem gehört die Stadt?” vom Antifaschistischen Café, Braunschweig, Juni 2003).
Das hatte zudem auch mit der aktuellen allgemeinen Stimmung in Hildesheim zu tun. Die waren gerade dabei, ihre Vergangenheit zu bewältigen. Gerade jetzt - im Jahr 1983 - gedenkt Hildesheim seiner Nazi-Vergangenheit. So bpsw. ein 1979 publiziertes Buch über die Verfolgung der Hildesheimer Linken und den lokalen antifaschistischen Widerstand - was nicht unbedingt auf offizielle Zustimmung aller Hildesheimer traf, das aber in Hildesheim durchaus sehr einflussreich wirkte.
Aus diesem Anlass veröffentlichte die Lokalzeitung sogar eine Sonderbeilage. Darin berichtete ein Hildesheimer (freiwillig!) , dass sein Vater 1945 zuständig gewesen sei für die Unterbringung von etwa 500 Konzentrationslagerhäftlingen aus Bergen-Belsen, die im Februar 1945 nach Hildesheim gebracht wurden, um Bombenschutt zu beseitigen. Bei einem Bombenangriff am 22. März 1945, der die fast vollständige Zerstörung der Hildesheimer Innenstadt zur Folge hatte, kamen dann viele dieser Häftlinge ums Leben. Diese historische Tatsache war nicht unbekannt in Hildesheim, aber mit der Zeitungsveröffentlichung im Januar 1983 wurde sie erstmals öffentlich gemacht. Man kann sich daher leicht die politische Stimmung im Jahr 1983 vorstellen. Deutlich wurde dann, dass man auf einen Oberstadtdirektor mit NPD-Vergangenheit eher verzichten wollte.
Also heißt das, ich bleibe mit meiner Vergangenheit
erstmal lieber in Gifhorn, liebes Tagebuch
1987 - immer noch Gifhorn!
Freu' Dich, liebes Tagebuch,
unter dem Titel “Die sogenannte Zweigleisigkeit der niedersächsischen Kommunalverfassung" habe ich endlich Beitrag zur Reformdiskussion geleistet (broschiert, 1987, ISBN 3-50-9015517)
Ein überaus bemerkenswertes Werk!
Darin geht es vorwiegend um das Thema “Ausländerpolitik”, was ich geschickt durch die eher irreführende Titelwahl unters Volk bringen konnte. Leider ist die Broschüre unter der o.g. ISBN-Nummer nicht mehr im Netz verfügbar (vermutlich gelöscht), kann aber sicher im Buchhandel erworben werden, wer mehr zu meinen eloquenten Ausführungen zur Ausländerfrage wissen möchte.
Hey, da könnte ich doch mehr draus machen?! Mal sehen, werde mich binnen kürzester Zeit auch in Gifhorn mal mehr äußern, was ich von Ausländern halte...
Ende November, 1989 im tristen Gifhorn
Liebes Tagebuch,
das Thema Ausländer ist ja - wie Du weißt - seit langem MEIN Thema. Am 29.11.1989 hatte ich als Stadtdirektor eine Verwaltungsvorlage mit der Aussage, dass...“der jetzige Asylantenbestand in der Stadt kurzfristig drastisch und mittelfristig ganz abgebaut wird“ (Quelle: Verwaltungsausschuss, Gifhorn, 29.11.1989).
Dies brachte Gifhorn bundesweit in die Presse: Die „Harmonie“ war doch durch den „ungebrochenen Zustrom von Aus- und Übersiedlern nach Gifhorn“ derart gestört, es sollte „der Asylantenbestand kurzfristig und mittelfristig ganz abgebaut“ werden, die Stadt werde keine „Unterbringungs-programme für ehemalige Nichtseßhafte“ mehr fördern.
Dazu stellte wieder mal - man kennt das ja aus meinen früheren Verlautbarungen - die linke Presse - äh, wie heißt das Organ noch gleich? ... ähm, “Der Spiegel” stellte fest: „Was der Stadtdirektor will, bringen rechtsradikale Schmierer gern auf eine kurze Formel: ‚Ausländer raus‘“.
(> Quelle: Flugblatt “Wem gehört die Stadt?” vom Antifaschistischen Café, Braunschweig, Juni 2003)
Dabei sehen diese Ideologen einfach nicht hin. 1989 lag die Einwohnerzahl von Gifhorn bei 37.196, dazu ist zu bedenken, dass der Ausländeranteil der Stadt Gifhorn schon bei beträchtlichen 178 Asylanten lag. Wer will das noch verstehen, frage ich da?...
Bis demnächst