Dessau, den 10. März 1993
Lieber Freund,
da die Sache mit der merkwürdig verkannten Treuhandsgeschichte mir nicht mehr geheuer ist, schweig ich fein still und versuch's lieber mal wieder mit Gärtnerin und Landschaftsgestaltung.
Heute habe ich eine Kulturstiftung namens Förderverein des Dessau-Wörlitzer Gartenreiches e.V. mitbegründet, die die landschaftlich historische Anlage mit Geldern versorgen soll. Das Dessauer Gartenreich ist aus der 1918 von Joachim Ernst von Anhalt gegründeten und zunächst nach ihm benannten Stiftung* hervorgegangen ...
(*Anmerkung: Diese Stiftung wurde 1994 wiederbelebt. Später nennt sich der Förderverein “Gesellschaft der Freunde des Dessau-Wörlitzer Anlagen e.V.”)
Organe der Stiftung sind natürlich das Kuratorium und der Vorstand - also ich. Das Kuratorium beschließt vor allem grundsätzliche Angelegenheiten der Stiftung. Dazu zählen die Feststellung des Haushaltsplanes, die Verwendung von öffentlichen Mitteln oder die Ernennung des Vorstandes. Vorstandsvorsitzender im Jahr 1993 wurde selbstverständlich und gebührend meine eigene Person, was sonst?
Gratuliere mir, liebstes Tagebuch, zu diesem großen Erfolg...
Aus dem Tagebuch - 1993 - 1998 Dessauer Jahre
Die Kulturstiftung Dessau-Wörlitz betreut die Kernbereiche des Gartenreiches Dessau-Wörlitz. Neben derzeit fünf Schlössern mit den dazugehörigen Gärten und zahlreichen denkmal-geschützten Einzelbauwerken ist die Stiftung für ca. 7000 Hektar Wald und landwirtschaftliche Flächen verantwortlich. Zu den Hauptaufgaben zählen wie schon bei der Joachim-Ernst-Stiftung die Erhaltung, Erforschung und Pflege des gesamten Gartenreiches für zukünftige Generationen. Darüber hinaus nimmt die Kulturstiftung eine koordinierende Funktion in gartenhistorischen und denkmalpflegerischen Fragen für das gesamte Gartenreich von 142 qkm wahr.
Im Vorstand der Gesellschaft befinden sich neben mir auch der Berni, der Rohn, Direktor der Deutschen Bank, der Prof. Dr. Rolfi Budde, Inhaber des gleichnamigen Musikverlages Berlin und Honorarprofessor an der Freien Universität Berlin, der u.a. auch 1. Vorsitzender der Berliner Max-Liebermann-Gesellschaft ist, der ich als politische Größe inzwischen natürlich ebenfalls angehöre - auch wenn der Liebermann bloß ein so'n Maler war und von der Herkunft auch nicht gerade - wie soll ich sagen - MEIN Geschmack!
Desweiteren ist auch der allseits bekannte und in vielen sog. “Experten-TV-Talkrunden” vertretene Arnulf Baring im Vorstand. Auch Frau Karin E. Zinnkann (Miele-Tochter) - tätig bei der Wirtschaftsgesellschaft Westfalen-Lippe und Jurymitglied bei der Vergabe des Westfalen-Lippeschen Friedenspreises an unseren ehrenwerten Altkanzler Dr. Helmut Kohl für sein Lebenswerk - gehört zum Vorstand der Gesellschaft.
Neben den Genannten gesellen sich auch Prinz Eduard von Anhalt soiwe Georg Graf Waldersee, Dr. Walter Keddi, Prof. Carsten Carstensen, Friedrich Kolbitz und Michael Pirl dazu. Graf Waldersee ist nebenbei noch Vorstandsmitglied bei einem BDI-Mittelstandspanel und in der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young AG. (BDI = Bund Deutscher Industrie). Dr. Keddi ist auch Vorstandsmitglied der Chemie und Anlagentechnik und Filmfabrik AG in Bitterfeld-Wolfen (die natürlich auch für Umweltprojekte wie die Erhaltung der Gartenreichen Natur etwas übrig hat). Kolbitz hingegen ist Regierungspräsident a. D. und nebenbei Vorstandsvorsitzender Anhalt Dessau AG, des Netzwerkes Ernährung und der Regierungswirtschaft (Quelle: www.cluster-biotechnologie.de). Dort doziert er auch und bereist Bayern, Niedersachsen und NRW. Pirl ist Vorstand der Landesmarketing Sachsen-Anhalte GmbH, vermarktet dort zusätzlich sein Hotel in Wörlitz, das seit 1914 in Familienbesitz ist und ist zudem Stellvertretender Vorsitzender der DEHOGA Sachsen-Anhalt e.V., was ebenfalls seinem Gastronomiebetrieb zugute kommt.
Im diesem illustren Freundeskreis haben sich also all die erlesen Zusammengekommenen recht gemütlich eingerichtet und man hilft sich auch gegenseitig. Hier inmitten dieser großzügigen kulturinteressierten Menschen habe ich in Dessau endlich wohlverdiente Anerkennung und - so muss ich gestehen - fast ein neues Zuhause gefunden.

Februar 1994
Liebes Büchlein,
stell' Dir vor: Im Februar darf ich als Repräsentant Sachsen-Anhalts in der “Unabhängigen
Experten-Kommission” der Bundesregierung zur Beschleunigung von Planungs- u. Genehmigungsverfahren in Berlin mitwirken. Ich bin wichtig! Ich bin wichtig - und man hat mich endlich bemerkt. Hat endlich gesehen, dass ich wohl zu weitaus höheren Aufgaben bestimmt bin und so will ich mein Bestes für die Bundeskreise tun. Man ruft, man braucht mich.
Ganz allein nur für Dich, liebes unschuldige Büchlein:
“Beschleunigung von Planungs- und Genehmigungsverfahren” umschreibt hier allerdings die zügige Art einer umfassenden Privatisierung, die ich wie aus dem eff-eff beherrsche. Mein eigentliches Steckenpferd sozusagen. Aus dieser Mitarbeit und der Mitarbeit 1992 in Dessau am Tisch der Treuhand-Größen werde ich mit Sicherheit als neuer Chefkandidat für die Treuhandanstalt ins Gespräch kommen, wirst sehen, wertes Tagebuch! Inzwischen sieht es so aus, als hätte mich meine Mitarbeit in diesen treuhänderischen Kreise für eine weitergehende Karriere dort sogar noch prädestiniert.
Zusätzliche Mitarbeit leiste ich gleichzeitig auch im Koalitionsausschuss zur Änderung von
Rechtsvorschriften in Sachsen-Anhalt. Dafür bin ich als Jurist ebenfalls geradezu prädestiniert!
(Anmerkung: 1997 war er wirklich im Gespräch für diesen Posten, wurde aber nichts draus!)

Berlin, 1995
Liebes Reise-Tagebuch, lieber Begleiter,
bin geschäftlich gerade in meiner alten Heimatstadt.
Habe Mutter und Vater besucht und sei enorm gewachsen, sagt man mir.
Anlass war ein gekonnt geschickt taktierte und sich später noch auszahlender Vereinsbeitritt. Man muss heutzutage ja "Connections" haben, nicht wahr?
Heute wurde die Max-Liebermann-Gesellschaft e.V. in Berlin gegründet. Der ‘Verein richtet sich in Liebermanns ehemaliger Villa ein. Auch ich bin dort ehrenwertes Mitglied der Gesellschaft, zumal sich dort viele Leute finden, die, wie ich meine, mir in der einen oder anderen Sache, freundlich gesinnt und bereitwilligst zur Seite stehen werden, sofern ich sie mal für Kulturelles und so'n Gedöns benötige. Man weiß ja nie, nicht wahr?!
Und: Man ist ja sozusagen unter sich und in seinen Kreisen. Derzeit verfügt die Gesellschaft über 1200 Mitglieder, was einen gewissen elitären und erlesenen Mitgliederkreis nahelegt. Und ich gehöre dazu - was mir doch sehr schmeichelt, wie man an der Mitgliederliste ersehen kann.
Die Gesellschaft ist zudem Träger der Liebermann-Villa am Wannsee und bemüht sich im Besonderen um Betrieb und Erhalt des Anwesens des jüdischen Malers und Künstlers Max Liebermann. In diesem Sinne, falle ich dort kaum auf. Trete sogar indirekt wie geläutert aus diesem kulturell anspruchsvollen Olymp tiefster sozialdemokratischer Historie.
Interessant aber: Direkt in Sichtnähe dieser Villa ist das Brandenburger Tor, wo in der Zeit des Dritten Reiches der Sozi Liebermann von seinem Fenster aus die SA-Kolonnen marschieren sah und resümierte: “Man kann gar nicht soviel fressen, wie man kotzen möchte!” - wie es aus dem Buch “Een Anarchist is der Kerl doch. - Anekdoten über Max Liebermann, von Walter Püschel, zu erfahren ist. Da kann ich nur sagen: Könnte mir gut vorstellen, dass der Herr Liebermann sich sicher im Grabe umdrehen würde, wenn er denn wüsste, dass sich unter seinem eigenen Dach jetzt Ex-NPD-Angehörige als Gutmenschen engagieren.
Der Rolfi, also der Budde von Budde Musikverlage, ist übrigens zudem ehrenamtlich Vorsitzender der Gesellschaft der Freunde des Dessau-Wörlitzer Gartenreiches e.V., und Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung Christliche Kunst Wittenberg, Vorstandsmitglied der Ernst-Reuter-Gesellschaft der FU Berlin. Du siehst, liebes Tagebuch, wie die Kreise sich schließen und man sich untereinander bereits lange kennt.
Kassenwart ist Dr. Cato Dill. Dill ist seit 1985 Rechtsanwalt, heute ist er an allen Land- und Oberlandesgerichten zugelassen. Seine Spezialggebiete sind Erb-, Grundstücks- und Steuerrecht. Als Notar fungiert er ebenso. Beim Erbrecht ist sein Hauptaugenmerk vor allem auf Vermögensplanungen und Unternehmensnachfolgeregelungen gerichtet. Dr. Dill interessiert sich darüber hinaus besonders für die Bereiche Gesellschaftsrecht und Bankrecht. Zudem pflegt er Mitgliedschaften in einer Reihe juristischer, auch internationaler Vereinigungen. (Quelle: www.rechtsanwalt.com).
Unter anderem verteidigte Dill auch den Schiedsrichter Robert Hoyzer im damaligen “Wett-Skandal”, wo es um Hoyzers Bestechung ging (Quelle: www.n-tv.736717.html). Auch Tempodrom-Förderer Roland Specker wurde vertreten von Cato Dill, der schon dem Aubis-Chef Klaus Wienhold in dessen Betrugsverfahren im Rahmen der Bankenaffäre beistand. Dill gehörte damals zur Kanzlei des Essener Anwalts Stephan Holthoff-Pförtner – der in der CDU-Spendenaffäre Altkanzler Helmut Kohl verteidigte. (Quelle: www.tagesspiegel.de/berlin;art270,2140247) Desweiteren bekleidet er auch das Amt des Schatzmeister bei der Deutsch-Spanischen Juristenvereinigung in Barcelona.(Quelle: www.dsjv-ahaj.org/de/ve_de.html). Du siehst, liebes Tagebuch, es hat sich bereits jetzt vollends gelohnt, der Gesellschaft beigetreten zu sein.
Mein Aufenthalt in diesem illustren Kreise lasse ich mir auch was kosten. Der jährliche Mitgliedsbeitrag beträgt für Einzelpersonen 50.- €, juristische Personen zahlen 255.-€. Hinzu kommt eine einmalige Aufnahmegebühr in jeweils gleicher Höhe. Der einmalige Beitrag für eine lebenslange Mitgliedschaft beträgt für Einzelpersonen 1000.- € und für juristische Personen 5000.- €.
Übrigens: Auch die Commerzbank-Stiftung unterstützt die Max-Liebermann-Gesellschaft. Insgesamt flossen über die private Bonner Denkmalstiftung bisher 283.000 Euro in die Instandsetzung der Villenanlage (Quelle: Deutsche Stiftung Denkmalschutz).
Soweit zu meinen gesellschaftlichen
Etablishement und natürlich zukünftigen gesellschaftlichen Pflichten...

Dessau, im Jahre 1995
Hallo, liebes Tagebuch,
nun bin auch Ehrenpräsident des Anhaltischen Heimatbundes Dessau e.V.
Das ist ein Verein, der sich vorwiegend um das kulturelle Erbe und das Brauchtum von Sachsen-Anhalt und Dessau bemüht. Öde, kann ich nur sagen, aber was soll's, ist ja schließlich recht deutsches Brauchtum und erinnert mich an meine frühen Jahre in Otterndorf. Jedenfalls ist das mir lieber - weil christdemokratischer - als die Liebermann-Schaft!
Ach ja, Otterndorf! Lange ist's her - das hatte was Bodenständiges, von daher ist meine Mitgliedschaft hier im Heimatbund den Wurzeln meines Charakters doch bedeutend näher...

Hoffentlich kann ich von den vielen deftigen Speisen und Tränken dort meine Figur halten. Die Leutchen? Na ja, gelegentlich - naiv, aber gutmütig und treue Wähler! Also eine weitere nützliche Verbindung, wie man unschwer schließen kann.
Muss los - habe Vereinssitzung!

Dessau, im Jahr 1997
Liebes Buch, heut' ganz traurige Nachrichten...
stell' Dir vor - bin wirklich im Gespräch als möglicher Chef der Treuhand-Liegenschafts-gesellschaft gewesen. Allerdings tritt Thilo Sarrazin statt meiner noch diesjahr diesen Posten an.
Wieder mal die hämischen Pressestimmen aus der Berliner:
(Quelle: Berliner Zeitung v. 03.02.1997, Seite 16 und Berliner Zeitung online, 03.02.1997, Artikel v. Jan Jurzik im Textarchiv)
Mist! Nun bekommt doch der Sarrazin die Position. Wenn die weiterhin meine Vergangenheit so beackern, muss ich mich wohl oder übel wieder als bescheidener Rechtsanwalt betätigen, wo ich doch für Höheres bestimmt war. Na ja, noch ist nichts verloren - die Wahlen stehen ja bald an!
Bergner zufolge soll ich zudem die CDU-Fraktion in Sachsen-Anhalt in Verwaltungsfragen beraten; von daher habe ich einiges zu tun. Die Partei hält trotz allem zu mir und gibt Brot und Arbeit, wie Du siehst...

26. April 1998 - Dessau
Mein getreues Tagebuch,
Dessau und das Land Sachsen-Anhalt wählen! Ja, so ist das eben in der Demokratie...
Heute sind darum Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt. Hoffentlich kommen nicht so viele zur Wahl. Es ist April, Herrgott! Lass' es doch schütten wie aus Eimern und Blitze zucken. Gucke dauernd aus dem Fenster und sehe selbst die alten Ömchens, die zur Urne wackeln. Es ist zum...
Komisch, seit heut' früh produziere ich Magensäure, die man schon entsorgen müsste. Da hilft nur Kräutertee. Die Tasse - schon wieder leer.
Ruf in die christdemokratische Küche, wo treulich die christdemokratische Hausfrau weilet und gerade irgendwas Heimisches rumdekoriert. Man will's ja gemütlich und familiär haben.
"Frau, brauch' dringend einen Tee!"
Türenknallen - wir versteh'n uns auch ohne viele Worte!
Und Klingeling!
Ein Anruf - die Wahlbeteiligung sei hoch wie nie. Freut's mich oder nicht?
Irgendwie beschleicht mich das Gefühl, dass den Christdemokraten eine hohe Wahlbeteiligung eigentlich gar nicht gut tun kann.
Die Dessauer Ossis sind aber sowas von nachtragend. Vermutlich, weil die das noch vom Kommunismus her so gewohnt sind. Da blieben auch nur ganz Mutige zuhause. Leute, begreift doch: Wir haben jetzt Kapitalismus, da müsst ihr nicht mehr zum Wählen trotten, geht einkaufen! Das bringt diese Ostöde hier doch voran, nicht euer Kreuzchen, das später ich und andere Politiker dann auch noch zu tragen haben. Kurbelt die Wirtschaft an oder geht ins Gartenreich zum sonntäglichen Entspannen, damit ihr montags wieder fit für die Arbeit seid.
Wie ich höre: Inzwischen sind es über 70 Prozent, die sich unbedingt in Politik einmischen wollen. Dazu kommen die schnüffelnden Aktenwälzer in der Presse und in der Opposition, wie sie sich nennt.
Ach was! Was mach' ich mir Sorgen - ein Baldriantee wäre besser!
Schlürf!
Ich denke doch, dass mich meine treuen rechten - ähem - aufrechten Kameraden hier nicht im Stiche lassen und mich wählen. Immerhin habe ich vieles hier bewegt. Ausländer gibt es weniger, die Macht eines Regierungspräsidenten hat sich aufgrund der Synergieeffekte bei der Zusammenlegung von Befugnisressorts gestärkt hervor getan - was will meine Partei mehr, wenn sie stramm nach vorne durchregieren will? Und auch die Polizei wird mir mit Sicherheit "Freund und Helfer" sein, deren Strukturierung habe ich aufgrund der stringenderen Ordnungshütung, der Sauberkeitsaspekte hier in Dessau und um der Ruhe willen, hier doch wesentlich vorangetrieben. Das wird man mir doch danken können - oder?
Mir ist irgendwie schon wieder flau im Magen.
Schlupp - lieber ein Jagertee oder gleich ein Jägermeister?
Also bin ich voller Zuversicht und
harre der Dinge, die da kommen...
-------------------8<
Prolog
In Dessau gewinnt die SPD mit 35,7% mit einer Wahlbeteiligung von 70,9% die Wahl gegen die CDU, die nur 19,1% erreicht. Damit erfolgte des "Helden" Entlassung wegen des Regierungswechsels durch Ministerpräsident Reinhard Höppner (SPD). Nach seiner Entlassung betreibt unser Held ein Rechtsanwaltsbüro für Wirtschafts- und Kommunalberatung, das er in Sachsen-Anhalt unterhält. In dieser Zeit tritt er politisch nicht wesentlich in Erscheinung.
Im Vorstand der Gesellschaft befinden sich neben mir auch der Berni, der Rohn, Direktor der Deutschen Bank, der Prof. Dr. Rolfi Budde, Inhaber des gleichnamigen Musikverlages Berlin und Honorarprofessor an der Freien Universität Berlin, der u.a. auch 1. Vorsitzender der Berliner Max-Liebermann-Gesellschaft ist, der ich als politische Größe inzwischen natürlich ebenfalls angehöre - auch wenn der Liebermann bloß ein so'n Maler war und von der Herkunft auch nicht gerade - wie soll ich sagen - MEIN Geschmack!
Desweiteren ist auch der allseits bekannte und in vielen sog. “Experten-TV-Talkrunden” vertretene Arnulf Baring im Vorstand. Auch Frau Karin E. Zinnkann (Miele-Tochter) - tätig bei der Wirtschaftsgesellschaft Westfalen-Lippe und Jurymitglied bei der Vergabe des Westfalen-Lippeschen Friedenspreises an unseren ehrenwerten Altkanzler Dr. Helmut Kohl für sein Lebenswerk - gehört zum Vorstand der Gesellschaft.
Neben den Genannten gesellen sich auch Prinz Eduard von Anhalt soiwe Georg Graf Waldersee, Dr. Walter Keddi, Prof. Carsten Carstensen, Friedrich Kolbitz und Michael Pirl dazu. Graf Waldersee ist nebenbei noch Vorstandsmitglied bei einem BDI-Mittelstandspanel und in der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young AG. (BDI = Bund Deutscher Industrie). Dr. Keddi ist auch Vorstandsmitglied der Chemie und Anlagentechnik und Filmfabrik AG in Bitterfeld-Wolfen (die natürlich auch für Umweltprojekte wie die Erhaltung der Gartenreichen Natur etwas übrig hat). Kolbitz hingegen ist Regierungspräsident a. D. und nebenbei Vorstandsvorsitzender Anhalt Dessau AG, des Netzwerkes Ernährung und der Regierungswirtschaft (Quelle: www.cluster-biotechnologie.de). Dort doziert er auch und bereist Bayern, Niedersachsen und NRW. Pirl ist Vorstand der Landesmarketing Sachsen-Anhalte GmbH, vermarktet dort zusätzlich sein Hotel in Wörlitz, das seit 1914 in Familienbesitz ist und ist zudem Stellvertretender Vorsitzender der DEHOGA Sachsen-Anhalt e.V., was ebenfalls seinem Gastronomiebetrieb zugute kommt.
Im diesem illustren Freundeskreis haben sich also all die erlesen Zusammengekommenen recht gemütlich eingerichtet und man hilft sich auch gegenseitig. Hier inmitten dieser großzügigen kulturinteressierten Menschen habe ich in Dessau endlich wohlverdiente Anerkennung und - so muss ich gestehen - fast ein neues Zuhause gefunden.

Februar 1994
Liebes Büchlein,
stell' Dir vor: Im Februar darf ich als Repräsentant Sachsen-Anhalts in der “Unabhängigen
Experten-Kommission” der Bundesregierung zur Beschleunigung von Planungs- u. Genehmigungsverfahren in Berlin mitwirken. Ich bin wichtig! Ich bin wichtig - und man hat mich endlich bemerkt. Hat endlich gesehen, dass ich wohl zu weitaus höheren Aufgaben bestimmt bin und so will ich mein Bestes für die Bundeskreise tun. Man ruft, man braucht mich.
Ganz allein nur für Dich, liebes unschuldige Büchlein:
“Beschleunigung von Planungs- und Genehmigungsverfahren” umschreibt hier allerdings die zügige Art einer umfassenden Privatisierung, die ich wie aus dem eff-eff beherrsche. Mein eigentliches Steckenpferd sozusagen. Aus dieser Mitarbeit und der Mitarbeit 1992 in Dessau am Tisch der Treuhand-Größen werde ich mit Sicherheit als neuer Chefkandidat für die Treuhandanstalt ins Gespräch kommen, wirst sehen, wertes Tagebuch! Inzwischen sieht es so aus, als hätte mich meine Mitarbeit in diesen treuhänderischen Kreise für eine weitergehende Karriere dort sogar noch prädestiniert.
Zusätzliche Mitarbeit leiste ich gleichzeitig auch im Koalitionsausschuss zur Änderung von
Rechtsvorschriften in Sachsen-Anhalt. Dafür bin ich als Jurist ebenfalls geradezu prädestiniert!
(Anmerkung: 1997 war er wirklich im Gespräch für diesen Posten, wurde aber nichts draus!)

Berlin, 1995
Liebes Reise-Tagebuch, lieber Begleiter,
bin geschäftlich gerade in meiner alten Heimatstadt.
Habe Mutter und Vater besucht und sei enorm gewachsen, sagt man mir.
Anlass war ein gekonnt geschickt taktierte und sich später noch auszahlender Vereinsbeitritt. Man muss heutzutage ja "Connections" haben, nicht wahr?
Heute wurde die Max-Liebermann-Gesellschaft e.V. in Berlin gegründet. Der ‘Verein richtet sich in Liebermanns ehemaliger Villa ein. Auch ich bin dort ehrenwertes Mitglied der Gesellschaft, zumal sich dort viele Leute finden, die, wie ich meine, mir in der einen oder anderen Sache, freundlich gesinnt und bereitwilligst zur Seite stehen werden, sofern ich sie mal für Kulturelles und so'n Gedöns benötige. Man weiß ja nie, nicht wahr?!
Und: Man ist ja sozusagen unter sich und in seinen Kreisen. Derzeit verfügt die Gesellschaft über 1200 Mitglieder, was einen gewissen elitären und erlesenen Mitgliederkreis nahelegt. Und ich gehöre dazu - was mir doch sehr schmeichelt, wie man an der Mitgliederliste ersehen kann.
Die Gesellschaft ist zudem Träger der Liebermann-Villa am Wannsee und bemüht sich im Besonderen um Betrieb und Erhalt des Anwesens des jüdischen Malers und Künstlers Max Liebermann. In diesem Sinne, falle ich dort kaum auf. Trete sogar indirekt wie geläutert aus diesem kulturell anspruchsvollen Olymp tiefster sozialdemokratischer Historie.
Interessant aber: Direkt in Sichtnähe dieser Villa ist das Brandenburger Tor, wo in der Zeit des Dritten Reiches der Sozi Liebermann von seinem Fenster aus die SA-Kolonnen marschieren sah und resümierte: “Man kann gar nicht soviel fressen, wie man kotzen möchte!” - wie es aus dem Buch “Een Anarchist is der Kerl doch. - Anekdoten über Max Liebermann, von Walter Püschel, zu erfahren ist. Da kann ich nur sagen: Könnte mir gut vorstellen, dass der Herr Liebermann sich sicher im Grabe umdrehen würde, wenn er denn wüsste, dass sich unter seinem eigenen Dach jetzt Ex-NPD-Angehörige als Gutmenschen engagieren.
Der Rolfi, also der Budde von Budde Musikverlage, ist übrigens zudem ehrenamtlich Vorsitzender der Gesellschaft der Freunde des Dessau-Wörlitzer Gartenreiches e.V., und Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung Christliche Kunst Wittenberg, Vorstandsmitglied der Ernst-Reuter-Gesellschaft der FU Berlin. Du siehst, liebes Tagebuch, wie die Kreise sich schließen und man sich untereinander bereits lange kennt.
Kassenwart ist Dr. Cato Dill. Dill ist seit 1985 Rechtsanwalt, heute ist er an allen Land- und Oberlandesgerichten zugelassen. Seine Spezialggebiete sind Erb-, Grundstücks- und Steuerrecht. Als Notar fungiert er ebenso. Beim Erbrecht ist sein Hauptaugenmerk vor allem auf Vermögensplanungen und Unternehmensnachfolgeregelungen gerichtet. Dr. Dill interessiert sich darüber hinaus besonders für die Bereiche Gesellschaftsrecht und Bankrecht. Zudem pflegt er Mitgliedschaften in einer Reihe juristischer, auch internationaler Vereinigungen. (Quelle: www.rechtsanwalt.com).
Unter anderem verteidigte Dill auch den Schiedsrichter Robert Hoyzer im damaligen “Wett-Skandal”, wo es um Hoyzers Bestechung ging (Quelle: www.n-tv.736717.html). Auch Tempodrom-Förderer Roland Specker wurde vertreten von Cato Dill, der schon dem Aubis-Chef Klaus Wienhold in dessen Betrugsverfahren im Rahmen der Bankenaffäre beistand. Dill gehörte damals zur Kanzlei des Essener Anwalts Stephan Holthoff-Pförtner – der in der CDU-Spendenaffäre Altkanzler Helmut Kohl verteidigte. (Quelle: www.tagesspiegel.de/berlin;art270,2140247) Desweiteren bekleidet er auch das Amt des Schatzmeister bei der Deutsch-Spanischen Juristenvereinigung in Barcelona.(Quelle: www.dsjv-ahaj.org/de/ve_de.html). Du siehst, liebes Tagebuch, es hat sich bereits jetzt vollends gelohnt, der Gesellschaft beigetreten zu sein.
Mein Aufenthalt in diesem illustren Kreise lasse ich mir auch was kosten. Der jährliche Mitgliedsbeitrag beträgt für Einzelpersonen 50.- €, juristische Personen zahlen 255.-€. Hinzu kommt eine einmalige Aufnahmegebühr in jeweils gleicher Höhe. Der einmalige Beitrag für eine lebenslange Mitgliedschaft beträgt für Einzelpersonen 1000.- € und für juristische Personen 5000.- €.
Übrigens: Auch die Commerzbank-Stiftung unterstützt die Max-Liebermann-Gesellschaft. Insgesamt flossen über die private Bonner Denkmalstiftung bisher 283.000 Euro in die Instandsetzung der Villenanlage (Quelle: Deutsche Stiftung Denkmalschutz).
Soweit zu meinen gesellschaftlichen
Etablishement und natürlich zukünftigen gesellschaftlichen Pflichten...

Dessau, im Jahre 1995
Hallo, liebes Tagebuch,
nun bin auch Ehrenpräsident des Anhaltischen Heimatbundes Dessau e.V.
Das ist ein Verein, der sich vorwiegend um das kulturelle Erbe und das Brauchtum von Sachsen-Anhalt und Dessau bemüht. Öde, kann ich nur sagen, aber was soll's, ist ja schließlich recht deutsches Brauchtum und erinnert mich an meine frühen Jahre in Otterndorf. Jedenfalls ist das mir lieber - weil christdemokratischer - als die Liebermann-Schaft!
Ach ja, Otterndorf! Lange ist's her - das hatte was Bodenständiges, von daher ist meine Mitgliedschaft hier im Heimatbund den Wurzeln meines Charakters doch bedeutend näher...

Hoffentlich kann ich von den vielen deftigen Speisen und Tränken dort meine Figur halten. Die Leutchen? Na ja, gelegentlich - naiv, aber gutmütig und treue Wähler! Also eine weitere nützliche Verbindung, wie man unschwer schließen kann.
Muss los - habe Vereinssitzung!

Dessau, im Jahr 1997
Liebes Buch, heut' ganz traurige Nachrichten...
stell' Dir vor - bin wirklich im Gespräch als möglicher Chef der Treuhand-Liegenschafts-gesellschaft gewesen. Allerdings tritt Thilo Sarrazin statt meiner noch diesjahr diesen Posten an.
Wieder mal die hämischen Pressestimmen aus der Berliner:
“Die Nachfolge für den vakanten Posten des Geschäftsführers bei der Treuhand-Liegenschaftsgesellschaft (TLG) ist offenbar geregelt: Der ehemalige Regierungspräsident von Dessau [...], ist als alleinger Kandidat im Gespräch. Hoffmann ist allerdings umstritten.
Nach Informationen aus Regierungskreisen soll der ehemalige Regierungspräsident von Dessau, der 50jährige Jurist [...], die Nachfolge von Günter Himstedt auf dem Chefposten der TLG antreten. Himstedt ist seit Beginn des Jahres Präsident des Treuhandnachfolgers BvS. Die TLG vermarktet im Auftrag des Bundes ostdeutsche Immobilien und hat seit ihrer Gründung 1991 mehr als 84 000 Grundstücke und Häuser im Gesamtwert von 19,7 Milliarden Mark privatisiert.
Die Personalie soll morgen auf Betreiben des Bundeskanzleramtes im Kabinett behandelt werden. Die Kandidatur wird ausdrücklich von Christoph Bergner, Mitglied im CDU-Bundesvorstand und Fraktionschef im Landtag von Sachsen-Anhalt unterstützt: Aus Sicht der neuen Länder sei dieser Vorgang zu begrüßen. H... habe in "schwieriger Zeit" seine Befähigung für eine erfolgreiche Arbeit in Sachsen-Anhalt unter Beweis gestellt.
Bei der Neubesetzung der TLG komme es auch darauf an, die Arbeit der Liegenschaftsgesellschaft und die "wirtschaftlichen Interessen der neuen Länder miteinander zu verzahnen", erklärte Bergner gestern der Berliner Zeitung.
Die Bewerbung H... wird dem Vernehmen nach auch von Wirtschaftsstaatssekretär Johannes Ludewig vorangetrieben. Zwei weitere Kandidaten, der ehemalige wohnungspolitische Sprecher der FDP, Walter Hitschler, sowie Thilo Sarrazin, Finanz-Staatssekretär in Rheinland-Pfalz, seien gescheitert, hieß es.[...]
Allerdings ist der TLG-Kandidat H... nicht unumstritten: Bereits die Bewerbung des Juristen für das Präsidentenamt beim Treuhandnachfolger BvS sei am Widerstand des Bundesfinanzministeriums gescheitert, hieß es. Vor allem aber ist H... wegen seiner Vergangenheit mehrfach in die Kritik geraten:
Während seiner Tätigkeit als Dessauer Regierungspräsident wurde seine Amtsführung mehrfach von den Sozialdemokraten angeprangert, die ihm im Falle der Amtsenthebung eines SPD-Bürgermeisters einen Verstoß gegen die Landesverfassung vorhielten.
Noch schwerer dürfte allerdings die politische Vergangenheit des Juristen wiegen: H... war als Student Ende der 60er Jahre in die rechtsradikale NPD eingetreten. Er hat die Partei nach zweijähriger Mitgliedschaft aber wieder verlassen und ist anschließend in die CDU eingetreten. Später war H... als Stadtdirektor im niedersächsischen Gifhorn tätig.”
(Quelle: Berliner Zeitung v. 03.02.1997, Seite 16 und Berliner Zeitung online, 03.02.1997, Artikel v. Jan Jurzik im Textarchiv)
Mist! Nun bekommt doch der Sarrazin die Position. Wenn die weiterhin meine Vergangenheit so beackern, muss ich mich wohl oder übel wieder als bescheidener Rechtsanwalt betätigen, wo ich doch für Höheres bestimmt war. Na ja, noch ist nichts verloren - die Wahlen stehen ja bald an!
Bergner zufolge soll ich zudem die CDU-Fraktion in Sachsen-Anhalt in Verwaltungsfragen beraten; von daher habe ich einiges zu tun. Die Partei hält trotz allem zu mir und gibt Brot und Arbeit, wie Du siehst...

26. April 1998 - Dessau
Mein getreues Tagebuch,
Dessau und das Land Sachsen-Anhalt wählen! Ja, so ist das eben in der Demokratie...
Heute sind darum Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt. Hoffentlich kommen nicht so viele zur Wahl. Es ist April, Herrgott! Lass' es doch schütten wie aus Eimern und Blitze zucken. Gucke dauernd aus dem Fenster und sehe selbst die alten Ömchens, die zur Urne wackeln. Es ist zum...
Komisch, seit heut' früh produziere ich Magensäure, die man schon entsorgen müsste. Da hilft nur Kräutertee. Die Tasse - schon wieder leer.
Ruf in die christdemokratische Küche, wo treulich die christdemokratische Hausfrau weilet und gerade irgendwas Heimisches rumdekoriert. Man will's ja gemütlich und familiär haben.
"Frau, brauch' dringend einen Tee!"
Türenknallen - wir versteh'n uns auch ohne viele Worte!
Und Klingeling!
Ein Anruf - die Wahlbeteiligung sei hoch wie nie. Freut's mich oder nicht?
Irgendwie beschleicht mich das Gefühl, dass den Christdemokraten eine hohe Wahlbeteiligung eigentlich gar nicht gut tun kann.
Die Dessauer Ossis sind aber sowas von nachtragend. Vermutlich, weil die das noch vom Kommunismus her so gewohnt sind. Da blieben auch nur ganz Mutige zuhause. Leute, begreift doch: Wir haben jetzt Kapitalismus, da müsst ihr nicht mehr zum Wählen trotten, geht einkaufen! Das bringt diese Ostöde hier doch voran, nicht euer Kreuzchen, das später ich und andere Politiker dann auch noch zu tragen haben. Kurbelt die Wirtschaft an oder geht ins Gartenreich zum sonntäglichen Entspannen, damit ihr montags wieder fit für die Arbeit seid.
Wie ich höre: Inzwischen sind es über 70 Prozent, die sich unbedingt in Politik einmischen wollen. Dazu kommen die schnüffelnden Aktenwälzer in der Presse und in der Opposition, wie sie sich nennt.
Ach was! Was mach' ich mir Sorgen - ein Baldriantee wäre besser!
Schlürf!
Ich denke doch, dass mich meine treuen rechten - ähem - aufrechten Kameraden hier nicht im Stiche lassen und mich wählen. Immerhin habe ich vieles hier bewegt. Ausländer gibt es weniger, die Macht eines Regierungspräsidenten hat sich aufgrund der Synergieeffekte bei der Zusammenlegung von Befugnisressorts gestärkt hervor getan - was will meine Partei mehr, wenn sie stramm nach vorne durchregieren will? Und auch die Polizei wird mir mit Sicherheit "Freund und Helfer" sein, deren Strukturierung habe ich aufgrund der stringenderen Ordnungshütung, der Sauberkeitsaspekte hier in Dessau und um der Ruhe willen, hier doch wesentlich vorangetrieben. Das wird man mir doch danken können - oder?
Mir ist irgendwie schon wieder flau im Magen.
Schlupp - lieber ein Jagertee oder gleich ein Jägermeister?
Also bin ich voller Zuversicht und
harre der Dinge, die da kommen...
-------------------8<
Prolog
In Dessau gewinnt die SPD mit 35,7% mit einer Wahlbeteiligung von 70,9% die Wahl gegen die CDU, die nur 19,1% erreicht. Damit erfolgte des "Helden" Entlassung wegen des Regierungswechsels durch Ministerpräsident Reinhard Höppner (SPD). Nach seiner Entlassung betreibt unser Held ein Rechtsanwaltsbüro für Wirtschafts- und Kommunalberatung, das er in Sachsen-Anhalt unterhält. In dieser Zeit tritt er politisch nicht wesentlich in Erscheinung.
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