Die Krise entwickelt sich. Mit vielerlei Erscheinungen – wie es sich für eine richtige Krise gehört. Mich haben in letzter Zeit die Noch-mehr-Angst-Macher beschäftigt sowie deren Komplementäre, die Heilsbringer. Die haben jetzt natürlich Hochkonjunktur und erfreuen sich neuer Popularität. Vor allem die mit den einfachen Wahrheiten kommen gut an. Wer würde sie nicht lieben, die einfache Wahrheit, so es denn eine wäre. Manchmal gelingt es wirklich jemandem, eine komplexe Angelegenheit in einfache Worte zu fassen. Meistens aber steckt hinter der einfachen Wahrheit gar nichts. Nichts Komplexes und nichts Einfaches. Und manch einer kommt trotzdem gut an. Das sind dann die üblichen Verdächtigen wie Hochstapler, Gurus, Charismatiker, Spieler, Schwindler (auch Heiratsschwindler - aufgepaßt, Frauen!). Mögen sie heute auch etwas modernere Bezeichnungen tragen. Das Internet jedenfalls versorgt uns auch mit den Informationen der merkwürdigen Art. Wer da nicht auswählen kann, die guten ins Kröpfchen, die schlechten ins Töpfchen – oder war es andersherum? -, der kann sein blaues Wunder erleben. Wollen wir nicht, brauchen wir nicht. Weder blaue Wunder noch sonstige.
Sehr erfreulich war die hohe Mobilisierung zur Demo letzten Samstag in Berlin und Frankfurt. Rund 50.000 Menschen auf der Straße, das ist nicht von Pappe. Und dazu noch viele, die zum ersten Mal auf eine Demo gingen. Da muß man den Leuten, die das Ganze organisiert haben, wirklich hohen Respekt zollen! Und gleichzeitig erkennt man das Potential an Protest gegen die Machenschaften der Casino-Betreiber und die Bereitschaft, diesen Protest öffentlich zu bekunden. Da freut man sich direkt auf die nächsten Aktionen. Bei all dem Lob muß ich doch ein klein wenig Kritik üben. Was mich störte, war das Motto der Demo „Wir zahlen nicht für eure Krise“. Warum? Weil es 1. vorspiegelt, wir könnten aktiv was tun, nämlich „nicht zahlen“, während wir tatsächlich überhaupt nicht dazu gefragt werden. Und 2. weil die Aussage nicht zutrifft: tatsächlich zahlen wir nämlich alle und zwar täglich aufs neue für diese Krise. Aber ich will jetzt nicht länger daran herummeckern.
Damit kommen wir zur Frage nach tatsächlichen Handlungsebenen und Möglichkeiten. Gute Theorie entwickeln ist unabdingbar und umso wertvoller, wenn sie auch noch für die Allgemeinheit verständlich gemacht wird. Öffentlichen Protest organisieren und allgemeines Mobilisieren ist ein weiterer wichtiger Schritt. Aber all das läuft Gefahr, schnell zu verpuffen, wenn der einzelne nichts tun kann. Diese Ebene trägt für mich besondere Bedeutung, und zwar aus verschiedenen Gründen. Zum einen erlebt der einzelne ein Gefühl von Autonomie, wenn er in seinem persönlichen Handlungsbereich tätig wird, das stärkt sein Bewußtsein für eigenständiges Entscheiden und Handeln. Wenn dann viele einzelne Bürger anfangen, durch „Selbstgemachtes“ Wirklichkeit zu beeinflussen, dann entsteht große Schubkraft, die Politik, Wirtschaft, gesellschaftliches und persönliches Leben verändern kann. Darin besteht unsere große Macht! Wenn die Masse der Bevölkerung einen gemeinsamen Willen entwickelt und artikuliert und anfängt, diesen in die Tat umzusetzen, dann ist sie kaum aufzuhalten.
Kein Warten auf irgendwelche Voraussetzungen oder Zeitpunkte, den wahren Heiland oder die nächsten Wahlen. Das lähmt und langweilt. Jeder kann jederzeit anfangen, etwas zu tun, je nach Lust und Laune, nach Interessen und Ambitionen. Ein bißchen mehr Aufmerksamkeit für Kinder vielleicht? Oder sich in die Politik einmischen? Oder endlich den Kredit abbauen, den Haushalt von überflüssigen Dingen entrümpeln (wirkt auch auf Geist und Seele). Mit natürlichen Ressourcen achtsam umgehen. Auf einen blöden Billigflug in ein Urlaubsland (das einen nicht interessiert) verzichten und dafür am Bodenseestrand liegen. Manch einer wird vielleicht zum 9/11-Experten oder macht endlich einen Karl-Marx-Lesekurs. Oder er bemüht sich darum, ein wenig Ökonomie zu begreifen, und will endlich wissen, wie Hedgefonds funktionieren. Und so weiter. Man kann auch mal einem Guru oder sonstigem Prediger zuhören - meinetwegen, wenn es schön macht -, manche sind ja sogar ganz lustig, und viele ganz harmlos. Hauptsache, man meidet solche, die Abhängigkeiten aufbauen. Sie sollen und dürfen keine Entscheidungen für uns treffen. Wir können nämlich hoffentlich alle selbst beurteilen, was uns gut tut und was nicht. Und wenn Rat nötig ist, dann holen wir uns welchen von kompetenter Seite!
Das alles macht uns zu mündigen Bürgern, die ganz selbstverständlich Respekt beanspruchen. Selbstbewußte mündige Bürger sind der beste Schutz vor der ungemeinen Arroganz und Skrupellosigkeit derer, die die Krise zu verantworten haben. Vielleicht könnten wir dann sogar unseren gewählten Politikern wieder ein wenig mehr Ehrfurcht vor der Aufgabe und Verantwortung ihrer eigenen Tätigkeit einflößen. Und sie daran erinnern, wem sie verpflichtet sind: nämlich uns, den Bürgern! (Ich werde doch nicht noch wundergläubig werden?!!)
Geeinigt waren in Berlin die Demonstranten in dem Punkt wogegen sie sind. Das ist zwar prima, aber das war auch schon alles.
Sorry, aber auf Dauer ist das zu wenig und bei aller Freude über ca. 50.000 Teilnehmer in Bln. und Ffm., müssen wir uns eingestehen, es waren leider auch nur 50.000 Teilnehmer, trotz dieses kleinsten, nur irgend kleinsten (wie ich finde) gemeinsamen Nenners.
.............
Ich selbst hätte gern meine persönliche Autonomie behalten, soweit ich die in diesem Staat überhaupt haben kann(?), wollte mich nicht mehr durch feste Strukturen instrumentalisieren lassen (Parteien, Massenorganisationen)
Aber der letzte Samstag hat mich wieder ein Stück der Realität näher gebracht.
Wir müssen uns organisieren, nicht nur in losen Netzwerken, nicht nur mal eben zu einer Demo. Dafür ist das kommende Projekt ne Nummer zu groß, um es mit dem jetzt allgemein üblichen Projektmanagment allein zu schaffen - wenn wir nicht nur die Polizei zum "Bilder auswerten" veranlassen wollen sondern wirklich was ändern.
Klein-Michel und Klein-Michelin gilt es zu überzeugen, da muß sicher jeder in seinem Umfeld aktiv sein, aber ich muß mit so einer ollen Kammelle kommen... Er/Sie muß Vorbild sein, sich Achtung verschafften, sich sichtbar, wenn nötig auch ner Gefahr aussetzen (nicht lebensmüde sein!) und dazu stehen und absolut zuverlässig und diszipliniert sein...
Da habe ich nun auch jede Menge Allgemeinplätze bemüht, auch wenn mir selbst das gar keine Allgemeinplätze sind, sondern ich mich gern von den Eigenschaften her, so verhalten will.
Aber der Knackpunkt... - das sind die Ziele der Bewegung - und da bin ich doch sehr ratlos.
Ich für mich weiß, daß es nur darum gehen kann, das gesamte Gesellschats-Staats-System zu ändern, die Eigentums- und Verteilungsfrage generell anders zu definieren. Die Masse der Menschen hier, hofft aber auf eine Verbesserung innerhalb dieses Systems und negiert völlig, daß die heutige Diskussion dann im besten Fall erst in ca. 15 Jahren wieder auf der Tagesordnung steht.
Es ist leider so, daß der Mensch nur aus persönlichen Erfahrungen lernt, erst wenn es ganz weh tut, dann gibt er sich nen Ruck.
Der hält dann genau für eine Generation an - danach müßte man dann das "Errungene wieder mit Klauen verteidigen" - das ist dann wieder die Machterhaltgewalt... und genau das will ich nicht mehr - ich zwinge nie wieder jemandem zu seinem, aus meiner Sicht, Glück.
Muß also Organisation international erfolgen.
Wie war das mit dem "Proletarier..." - und ich dachte, der Satz ist überholt.
Nachdenkliche Grüße - Tali;-)
Werden??
Nach dem Beitrag?