Braunschweig im Jahre 2001 m.R.
(meiner Regierungszeit)
Hallöchen, lieber Tagesfreund, Du Stillschweigender...
Heute haben wir vorgesprächlich alles dingfest gemacht.
Stattwerke sozusagen ausverkauft und outgezurrzt. Versorgungs-Ade - äh - AG ist bald in privater Hand, soll die neue Besitzerin damit glücklich und wir, d.h. die Bürger - reich werden und die Stadt dieses lästige Ding vom Halse haben. Unter uns und ganz privat: Privatisierung ist mein Privatvergnügen und davon versteh' ich was, vom Privatisieren, meine ich!
Der Braunschweiger Jugend ... oder so ähnlich
In meinem nächsen Projekt will ich mich endlich der deutschen, d.h. der Braunschweig'schen Jugend widmen - auch ein Spezialgebiet von mir. Da gibt es in unseren wohlgeordneten Viertel ein aufmüpfiges stets lamentierend meckerndes Völkchen, welches in jugendlichem Überschwange wagt, meine Autorität anzuzweifeln. Lauter unnütze taugenichtige Jugendliche, die wohl nichts besseres zu tun haben. Da könnte ich ihnen helfend zur Hand gehen. Mmmmh, mal überlegen. Die Regierung plant ja gerade, die unter 25-jährigen härter ranzunehmen, diese Sozialhilfsarbeiter, sonst gammeln die ja eh' nur auf den Straßen rum. Da könnte ich mich doch geschickt erkenntlich zeigen und in die Fordermaßnahme irgendwie mit einsteigen. So könnte ich vorbildlich für Integration der deutschen Jugend stehen und für mein politisches Image durch vermehrtes Engagement in dieser Hinsicht etwas tun. Mal überlegen: Da könnte ich mit mit Wolfi kurzschließen. Schließlich weiß der doch genau, wie man Alpha- und Jungtieren umgeht, waid- wie weltmännisch! ...
< Freiheit..! | Update zu: Paradebeispiel: Antirassismuskonferenz und der Verlust der Redefreiheit. >
Aus dem Tagebuch - Neue Braunschweiger Kabinettstückchen 2001
Fubs - nee - FBZ - eine so genannte antioberonische Zelle - hat sich hier im Untergrund gegründet, vermelden mir meine geheimratlichen Quellen. Ffffh! Dachte zuerst, die hätten die Thuringia oder die Germania gemeint, dann wäre ich weitestgehend beruhigt gewesen. Aber FBZ, Freie Burschenschaftszunft - oder so was, was soll denn das für ein germanischer Name sein? Noch nie gehört. Da hat mir allmählisch gedämmert, dass das so ein extremistisches Dings sein muss. Leider gab mir der Verfassungsschutz Auskunft, dass derzeit NOCH keine Jugendzentren überwacht würden, weil die Mittel von Schräuble noch nicht frei gegeben seien. So'n Mist aber auch. Nun muss ich mich selbst drum kümmern. (Quelle BIBS-Forum)
Was könnte man also mit diesem Fbz anstellen? Besser wär's ja, die dort Herumlungernden in Arbeit zu schicken. Mal sehen, was brauche ich denn gerade im Stadtbereich. Ah, ich hab's - mache gleich 'ne bürgerfreundliche Kampagne. Grünzeuchs-Dingsda-wegmach-Brigade oder so ähnlich. Oder Wildwuchs! Noch besser! Das passt wie 'ne Faust offs Ooche, würde der Berliner sagen! "Projekt Wildwuchs" wird diese jungen Wilden zügeln und ihnen Tätigkeit verschaffen, dass die gar nicht mehr zum Rebellieren kommen. Na wartet!
Ruf ins Vorfrauenzimmerchen:
"Frau Dings... äh - Frau, Sie wissen schon, notieren Sie mal "Projekt Wildwuchs", muss schnell mal mit der Abbeizagentur Kontakt aufnehmen, ob die noch Leute ranschaffen können.
Rufen 'se bitte dort an, Termin vereinbaren - inoffiziell natürlich.
Ruf aus dem Frauenzimmer:
"Sehr wohl, Herr Meister!"
Mmmh, erster Strang der Kampagne getätigt und läuft!
Dann zum zweiten Strang der Handlungsebene. Ich muss diesen Laden kurzerhand dicht machen. Gibt gewiss einigen Ärger. Die Sozis! Die tun ja oft so sozial und pflegen Jugendarbeit. Ha, ha - nun lasse ich die Jugend doch arbeiten. Aber mir wird schon was passendes einfallen, wie ich die Kaschemme dicht mache und dennoch gut da stehe. Da frage ich mal die MarkeTingstätte, die wird mir sicher was imagetechnisch Vertretbares her richten...
Ruf ins Frauenzimmer:
"Frau ... - machen Sie für heute Nachmittag einen Termin mit dem Luschi, dem... wie heißt er denn noch? Na, Sie wissen ja - Stadmarkiges oder so...!"
RErufe:
"Sehr wohl, der Meister!"
Fbbzzz ...
(aus dem Frauenzimmer klappern eiligst Schritte.)
Tür knallt zu!
Fbbzzzz ...
Mann, schon wieder! Ich vertrage offensichtlich - äh - nicht sichtlich - den Tee nicht mehr. Wo ist mein "Harzer Waldduft-Raumspray"?
--- Raschel - klicke-di-klacker - plopp - sprüüüüüüüüüh! - hüstel - hust' ---
Ich muss mal schleunigst raus hier.
Demnächst muss ich dringlichst was mit dieser Personal-Toilette hier im Hause unternehmen. Die gucken mir hier immer nicht mehr in die Augen beim Toilettengang. Ick bin Berliner - kein Wiener! Sowas mag ich gar nicht. Ich bevorzuge intimere Geschäfte und gedenke mich nicht länger hier vor allen zu präsentieren. Eine neue Sonderörtlichkeit muss her, ganz allein für mich. Mir angemessen - aus feinstem Meißner oder gar Siegfried-Roy & Bock ohne Dekor mit Goldrand. Das wär's doch! Abhörsicher und separatem Zugang. Muss mal den Wachschutz wegens der Sicherheitsvorkehrungen ausfragen, den Verfassungsschutz kann ich derzeit nicht mehr belästigen, die sind schon etwas ungehalten mir gegenüber.
Fubbzzz ...
jetzt aber wirklich, ich muss...
& Schluss!

Hallo Braunschweig, Du Stadt der Wissenschaft oder auch der Kultur... oder so ähnlich
im Februar 2002
Liebes Tagebuch,
ganz euphorisch - meine heutige Ansprache an Dich, wie Du bemerkst. Ganz im Trend, ganz mit der Zeit, wie Du siehst, denn mein Image wächst mit den neuen vielen Visionen und Ideen, die sich mir eröffnen.
Gerade bin ich Ehrenvorsitzender des Dessauer Garten-Dingsbums da geworden. Man erinnert sich meiner, möchte mich nachträglich ehren. Ob man mich gar zurückwünscht, kann ich nicht ermessen, es war von Hoch- und Hin- und Wegloben die Rede. Egal, ich bin gerne Ehrenmitglied.
Auf meiner neuen Toilette kann, wie Du erkennst, prima nachdenken! Ich allein verfüge über den Schlüssel zur Schüssel - sonst niemand! Neiddebatten sind sicher zu erwarten, seh' ich's doch deutlich in allen Gesichtern im Hause, wenn ich vorbei eile zu meinen dringenden Geschäften hin, so können manche hier ihre Miene nicht im Zaume halten - es wirkt zwar wie Gegrinse, doch ich weiß es besser - man neidet mir den Thron!
Habe statt Meißner nun doch nur Willie Roy & Bock gekriegt.
Und das Kabüffchen ist so entsetzlich klein ausgefallen, denn im Rathaus - welches ja bekanntlich ein etwas bejahrter Bau und aus bürgerlichem Anspruch erwachsen ist - ist einfach für solche Thronfolgen keine Vorsorge getroffen worden. Ein mittelalterlicher Abtritt hat damals vollends gereicht.
Auch ein Klosett aus Meißner Porzellan wär' etwas zu splendabel für die Stadtkasse, wurde mir entgegnet.
Aber auf Porzellan aus Meißen
lässt sich's besser ...
äh - nachdenken! - so meine Devise, die aber argumentativ dann unterging. Auf dem Klo und im Sarge sind wohl alle gleich.
Egal, ich hab' mein Separat - reichlich abgespeckt - durchgesetzt und bin nun endlich ganz für mich. Neuerdings finde ich heimtückisch anonyme Witze auf meiner Klotür:
"Wir müssen draußen bleiben - SIE dürfen stehen bleiben!"
Das ist vermutlich der Beengtheit meines Kabüffchens gezollt. Diese Witzbolde können ja nicht wissen, dass mir selbst der örtliche Historiker erst kürzlich erklärt hat, dass man früher das Schuhwerk mit Urin und Champagner gepflegt hat und es so um mein Schuhwerk nach Besuch meines Reservoires durchaus noch gut bestellt ist, obgleich man meine Schritte gelegentlich noch bis ins Geschäftszimmer auf den Fluren spiegeln sehen kann. Sollen sie doch Nasen rümpfen, ich habe meine eigene Toilette erhalten - basta!

Braunschweig, Mai 2002
Den deutschen Soldaten...
Heute habe ich ein voll tolle Rede anlässlich des Gelöbnisses bei der Bundeswehr gehalten, dabei ist das Öffentliche Gelöbnis der Bundeswehr heutzutage gar nicht öffentlich, sondern nur vor ausgewählten Claqueuren, wie man es vom 1. Mai in der DDR oder in Rumänien her kennt: 500 Rekruten und Gäste waren gelanden - und ich natürlich auch. Komisch, keiner wollte diese wichtige Rede halten. Bitte, wenn die nicht wollen, ergreife ich eben die für mein Image günstige Gelegenheit, so dass alle von einem solch rhetorisch begabten Genie in den Niederungen Niedersachsen eben erfahren werden. Diese Gelegenheit ließ ich mir natürlich nicht entgehen!
Dass ich wichtig war, sah man vor allem an den akkurat strammen Sicherheitsvorkehrungen.
Zu meiner Abschirmung dienten allein 800 Polizisten und 240 Feldjäger aus der Bundeswehr. Es gab zudem eine Sperrung mehrerer Strassen von 8 bis 22 Uhr, was mich ein wenig beunruhigte, mein Fahrer aber beruhigte mich, in dem er mich darauf hinwies, dass WIR da durchfahren und nach Hause gelangen könnten. Passantenkontrolle gab's auch, aber so nachlässig betrieben, wie ich sehe, denn nach meinem neuen Pass hat mich keiner befragt.
Passanten gab es einige, aber keine einzigen Protest gegen diesen wichtige nationalen Fahnen-Eid, Daran ist gut zu erkennen, dass wir bürgernäher sind, als wir dachten.
Gut, die vorsorgliche Aufhebung der Demonstrations- und Meinungsfreiheit, das Megaphon-, Sirenen-, Nebelhorn- und Zitatverbot könnten damit im Zusammenhang stehen, meinen wieder mal die ewigen Meckerer. Das Kurt Tucholsky-Zitat "Soldaten sind Mörder" zu verbieten, hätte meines Erachtens nicht verhängt werden müssen, wer hätte die Skandierungen denn vernommen - so ganz ohne Megaphone. Darin bin ich nachsichtiger als die Bundesregierung, voll tolerant sozusagen!
Selbst über Braunschweigs Grenzen hinweg haben sogar die Blätter zu meinem Auftritt etwas geschrieben. Mein Name - in aller Munde. Das wird mir und natürlich auch der schönen Stadt hier zu unvorhergesehener Achtung und Aufmerksamkeit gereichen. Auch diese rote Süddeutsche Zeitung (vom 18.7.2002; S.9) wird sich noch lange - wie Du am Datum unschwer erkennst - meiner erinnern und über diesen unvergesslichen Auftritt berichten.
Ach, liebes Buch - es mehren sich die Stimmen
zu meiner Person, wirst sehen...

Juli 2002 im schönen Braunen Schweigen...
Lieber Freund,
habe heut' just 74,9% der Anteile der Braunschweiger Ent- äh -Versorgungs-AG für 425 Millionen Euro ausverkauft, was heißt - zum großen Teil privatisert, das klingt besser. Bei der Weiterveräußerung des restlichen Anteils konnte die Stadt Braunschweig für ihre Zustimmung nochmals 28 Millionen Euro erzielen.
Dazu habe ich bereits im Frühjahr einen prima Deal eingefädelt.
Natürlich nach meinem Motto "Klotzen nicht kleckern". Global denken und regional lenken - eine Stärke von mir. Da kam mir das große Texas im Land der großen Möglichkeiten gerade recht. Die kleinen ahnungslosen provinziellen Braunschweiger erbebten nahezu vor meiner Weltläufigkeit und meiner Connäktschens.
Die Zauberformel lautet schlicht und einfach ... - äh - TXU:
Weltläufig auch als TI-ÄX-JUhuhh bekannt. Ein US-amerikanischer Energieriese (Monopolist!) aus Dallas/Texas.
Meine Expertise hat alle überzeugt, liebes Tagebuch. In seiner Energie-Chronik schreibt auch der Experte Udo Leuschner (www.udo-leuschner.de)
Toll, was!
Was wird das für ein toller Synergy-Effekt, liebe Leut! Wenn die dann meine eigenen Stadtprojekte wie beispielsweise "Sauberes Braunschweig - sauberes Energy!" oder "Braunschweig - Stadt der wissenschaftlichen Energy" oder auch "Braunschweig - Stadt der Privatisierungskultur" oder auch ähnliches, bewerben müssen. Das wird die Stadtkasse nebst Stadtmarketinglichen extremst entlasten.
Das wird eine todsichere Sache, sag' ich Dir.
Natürlich lief das nicht so völlig reibungslos. Die "Ach-was-komm-ach-geh'" erwägt allerdings schmollend seither den Rückzug aus Braunschweig. Von den ursprünglich vierzehn Interessenten waren in der Endrunde TXU, Avacon und EnBW übrig geblieben. Vor allem die E.ON-Tochter Avacon bekundete sehr starkes Interesse an der Übernahme der BVAG, mit der sie in den letzten Jahren eng kooperierte und sogar eine gemeinsame Betriebsgesellschaft gründete. Wie die Avacon AG am 2. Mai mitteilte, wurde ihr Angebot aber von TXU um rund 100 Millionen Euro überboten (bezogen auf hundert Prozent der Anteile). Der Regionalversorger erwägt nun den Rückzug aus Braunschweig, wo er insgesamt 270 Arbeitsplätze unterhält, heißt es sogar.
Egal, was sind schon 270 armselige Arbeitsplätze? Mal ehrlich? Wer wird denn hier so kleinlich sein. Braunschweigs Ruhm ereignet sich auf höherer Ebene, da darf man nicht kleckern, wie gesagt!!!
Der US-Konzern TXU sieht sich mit einem Umsatz von 28 Milliarden Dollar und rund 11 Millionen Kunden als weltweit neuntgrößter Energieerzeuger. Neben der Energieerzeugung ist er in der Endversorgung mit Strom, Gas und Wasser sowie auf dem Gebiet der Telekommunikation tätig. Sein Europageschäft lenkt er von den Standorten London und Genf, an denen auch der weltweite Energieeinkauf angesiedelt ist. In Deutschland hat er vor knapp zwei Jahren die Stadtwerke Kiel übernommen und dieser Tochter vor einem Jahr den Berliner Stromanbieter Ares Energie AG als bundesweite Vertriebsschiene hinzugefügt. Seine Strategie in Deutschland verfolgt den Aufbau eines Netzwerks von selbständig agierenden Stadtwerken, die unter Nutzung der sich ergebenen Synergien zu Kompetenzzentren für unterschiedliche Energieprodukte ausgebaut werden sollen. Außerdem ist er in Finnland, Schweden, Spanien, Italien, Holland und der Schweiz vertreten.
Wer will mir da Unrecht vorwerfen? TXU - ein globaler Spieler - spielt jetzt auch in Braunschweig, unsere Stadt hat somit Weltanbindung, wird über seine engen Grenzen mächtig bekannt werden, was uns allen nur gut tun kann. MIR persönlich natürlich auch.
Bitte keine Lorbeeren für mich,
ich weiß doch, was ich für diese Stadt und für mich persönlich
tun konnte...
demnächst mehr vom Duft der großen weiten Welt ...
Was könnte man also mit diesem Fbz anstellen? Besser wär's ja, die dort Herumlungernden in Arbeit zu schicken. Mal sehen, was brauche ich denn gerade im Stadtbereich. Ah, ich hab's - mache gleich 'ne bürgerfreundliche Kampagne. Grünzeuchs-Dingsda-wegmach-Brigade oder so ähnlich. Oder Wildwuchs! Noch besser! Das passt wie 'ne Faust offs Ooche, würde der Berliner sagen! "Projekt Wildwuchs" wird diese jungen Wilden zügeln und ihnen Tätigkeit verschaffen, dass die gar nicht mehr zum Rebellieren kommen. Na wartet!
Ruf ins Vorfrauenzimmerchen:
"Frau Dings... äh - Frau, Sie wissen schon, notieren Sie mal "Projekt Wildwuchs", muss schnell mal mit der Abbeizagentur Kontakt aufnehmen, ob die noch Leute ranschaffen können.
Rufen 'se bitte dort an, Termin vereinbaren - inoffiziell natürlich.
Ruf aus dem Frauenzimmer:
"Sehr wohl, Herr Meister!"
Mmmh, erster Strang der Kampagne getätigt und läuft!
Dann zum zweiten Strang der Handlungsebene. Ich muss diesen Laden kurzerhand dicht machen. Gibt gewiss einigen Ärger. Die Sozis! Die tun ja oft so sozial und pflegen Jugendarbeit. Ha, ha - nun lasse ich die Jugend doch arbeiten. Aber mir wird schon was passendes einfallen, wie ich die Kaschemme dicht mache und dennoch gut da stehe. Da frage ich mal die MarkeTingstätte, die wird mir sicher was imagetechnisch Vertretbares her richten...
Ruf ins Frauenzimmer:
"Frau ... - machen Sie für heute Nachmittag einen Termin mit dem Luschi, dem... wie heißt er denn noch? Na, Sie wissen ja - Stadmarkiges oder so...!"
RErufe:
"Sehr wohl, der Meister!"
Fbbzzz ...
(aus dem Frauenzimmer klappern eiligst Schritte.)
Tür knallt zu!
Fbbzzzz ...
Mann, schon wieder! Ich vertrage offensichtlich - äh - nicht sichtlich - den Tee nicht mehr. Wo ist mein "Harzer Waldduft-Raumspray"?
--- Raschel - klicke-di-klacker - plopp - sprüüüüüüüüüh! - hüstel - hust' ---
Ich muss mal schleunigst raus hier.
Demnächst muss ich dringlichst was mit dieser Personal-Toilette hier im Hause unternehmen. Die gucken mir hier immer nicht mehr in die Augen beim Toilettengang. Ick bin Berliner - kein Wiener! Sowas mag ich gar nicht. Ich bevorzuge intimere Geschäfte und gedenke mich nicht länger hier vor allen zu präsentieren. Eine neue Sonderörtlichkeit muss her, ganz allein für mich. Mir angemessen - aus feinstem Meißner oder gar Siegfried-Roy & Bock ohne Dekor mit Goldrand. Das wär's doch! Abhörsicher und separatem Zugang. Muss mal den Wachschutz wegens der Sicherheitsvorkehrungen ausfragen, den Verfassungsschutz kann ich derzeit nicht mehr belästigen, die sind schon etwas ungehalten mir gegenüber.
Fubbzzz ...
jetzt aber wirklich, ich muss...
& Schluss!

Hallo Braunschweig, Du Stadt der Wissenschaft oder auch der Kultur... oder so ähnlich
im Februar 2002
Liebes Tagebuch,
ganz euphorisch - meine heutige Ansprache an Dich, wie Du bemerkst. Ganz im Trend, ganz mit der Zeit, wie Du siehst, denn mein Image wächst mit den neuen vielen Visionen und Ideen, die sich mir eröffnen.
Gerade bin ich Ehrenvorsitzender des Dessauer Garten-Dingsbums da geworden. Man erinnert sich meiner, möchte mich nachträglich ehren. Ob man mich gar zurückwünscht, kann ich nicht ermessen, es war von Hoch- und Hin- und Wegloben die Rede. Egal, ich bin gerne Ehrenmitglied.
Auf meiner neuen Toilette kann, wie Du erkennst, prima nachdenken! Ich allein verfüge über den Schlüssel zur Schüssel - sonst niemand! Neiddebatten sind sicher zu erwarten, seh' ich's doch deutlich in allen Gesichtern im Hause, wenn ich vorbei eile zu meinen dringenden Geschäften hin, so können manche hier ihre Miene nicht im Zaume halten - es wirkt zwar wie Gegrinse, doch ich weiß es besser - man neidet mir den Thron!
Habe statt Meißner nun doch nur Willie Roy & Bock gekriegt.
Und das Kabüffchen ist so entsetzlich klein ausgefallen, denn im Rathaus - welches ja bekanntlich ein etwas bejahrter Bau und aus bürgerlichem Anspruch erwachsen ist - ist einfach für solche Thronfolgen keine Vorsorge getroffen worden. Ein mittelalterlicher Abtritt hat damals vollends gereicht.
Auch ein Klosett aus Meißner Porzellan wär' etwas zu splendabel für die Stadtkasse, wurde mir entgegnet.
Aber auf Porzellan aus Meißen
lässt sich's besser ...
äh - nachdenken! - so meine Devise, die aber argumentativ dann unterging. Auf dem Klo und im Sarge sind wohl alle gleich.
Egal, ich hab' mein Separat - reichlich abgespeckt - durchgesetzt und bin nun endlich ganz für mich. Neuerdings finde ich heimtückisch anonyme Witze auf meiner Klotür:
"Wir müssen draußen bleiben - SIE dürfen stehen bleiben!"
Das ist vermutlich der Beengtheit meines Kabüffchens gezollt. Diese Witzbolde können ja nicht wissen, dass mir selbst der örtliche Historiker erst kürzlich erklärt hat, dass man früher das Schuhwerk mit Urin und Champagner gepflegt hat und es so um mein Schuhwerk nach Besuch meines Reservoires durchaus noch gut bestellt ist, obgleich man meine Schritte gelegentlich noch bis ins Geschäftszimmer auf den Fluren spiegeln sehen kann. Sollen sie doch Nasen rümpfen, ich habe meine eigene Toilette erhalten - basta!

Braunschweig, Mai 2002
Den deutschen Soldaten...
Heute habe ich ein voll tolle Rede anlässlich des Gelöbnisses bei der Bundeswehr gehalten, dabei ist das Öffentliche Gelöbnis der Bundeswehr heutzutage gar nicht öffentlich, sondern nur vor ausgewählten Claqueuren, wie man es vom 1. Mai in der DDR oder in Rumänien her kennt: 500 Rekruten und Gäste waren gelanden - und ich natürlich auch. Komisch, keiner wollte diese wichtige Rede halten. Bitte, wenn die nicht wollen, ergreife ich eben die für mein Image günstige Gelegenheit, so dass alle von einem solch rhetorisch begabten Genie in den Niederungen Niedersachsen eben erfahren werden. Diese Gelegenheit ließ ich mir natürlich nicht entgehen!
Dass ich wichtig war, sah man vor allem an den akkurat strammen Sicherheitsvorkehrungen.
Zu meiner Abschirmung dienten allein 800 Polizisten und 240 Feldjäger aus der Bundeswehr. Es gab zudem eine Sperrung mehrerer Strassen von 8 bis 22 Uhr, was mich ein wenig beunruhigte, mein Fahrer aber beruhigte mich, in dem er mich darauf hinwies, dass WIR da durchfahren und nach Hause gelangen könnten. Passantenkontrolle gab's auch, aber so nachlässig betrieben, wie ich sehe, denn nach meinem neuen Pass hat mich keiner befragt.
Passanten gab es einige, aber keine einzigen Protest gegen diesen wichtige nationalen Fahnen-Eid, Daran ist gut zu erkennen, dass wir bürgernäher sind, als wir dachten.
Gut, die vorsorgliche Aufhebung der Demonstrations- und Meinungsfreiheit, das Megaphon-, Sirenen-, Nebelhorn- und Zitatverbot könnten damit im Zusammenhang stehen, meinen wieder mal die ewigen Meckerer. Das Kurt Tucholsky-Zitat "Soldaten sind Mörder" zu verbieten, hätte meines Erachtens nicht verhängt werden müssen, wer hätte die Skandierungen denn vernommen - so ganz ohne Megaphone. Darin bin ich nachsichtiger als die Bundesregierung, voll tolerant sozusagen!
Selbst über Braunschweigs Grenzen hinweg haben sogar die Blätter zu meinem Auftritt etwas geschrieben. Mein Name - in aller Munde. Das wird mir und natürlich auch der schönen Stadt hier zu unvorhergesehener Achtung und Aufmerksamkeit gereichen. Auch diese rote Süddeutsche Zeitung (vom 18.7.2002; S.9) wird sich noch lange - wie Du am Datum unschwer erkennst - meiner erinnern und über diesen unvergesslichen Auftritt berichten.
Ach, liebes Buch - es mehren sich die Stimmen
zu meiner Person, wirst sehen...

Juli 2002 im schönen Braunen Schweigen...
Lieber Freund,
habe heut' just 74,9% der Anteile der Braunschweiger Ent- äh -Versorgungs-AG für 425 Millionen Euro ausverkauft, was heißt - zum großen Teil privatisert, das klingt besser. Bei der Weiterveräußerung des restlichen Anteils konnte die Stadt Braunschweig für ihre Zustimmung nochmals 28 Millionen Euro erzielen.
Dazu habe ich bereits im Frühjahr einen prima Deal eingefädelt.
Natürlich nach meinem Motto "Klotzen nicht kleckern". Global denken und regional lenken - eine Stärke von mir. Da kam mir das große Texas im Land der großen Möglichkeiten gerade recht. Die kleinen ahnungslosen provinziellen Braunschweiger erbebten nahezu vor meiner Weltläufigkeit und meiner Connäktschens.
Die Zauberformel lautet schlicht und einfach ... - äh - TXU:
Weltläufig auch als TI-ÄX-JUhuhh bekannt. Ein US-amerikanischer Energieriese (Monopolist!) aus Dallas/Texas.
Meine Expertise hat alle überzeugt, liebes Tagebuch. In seiner Energie-Chronik schreibt auch der Experte Udo Leuschner (www.udo-leuschner.de)
TXU kauft Braunschweiger Versorgungs-AG
Der US-Energiekonzern TXU hat im Bieterverfahren um die Braunschweiger Stadtwerke das Rennen gemacht. Wie die Braunschweiger Versorgungs-AG (BVAG) am 2. Mai (2002) mitteilte, wird die TXU Europe Trading (Deutschland) GmbH zum 1. Juli dieses Jahres 74,9 Prozent der BVAG-Aktien erwerben. Die BVAG versorgt das Stadtgebiet von Braunschweig mit Strom, Gas, Wärme und Wasser. Darüber hinaus bietet sie energienahe Dienstleistungen.
Außerdem übernimmt TXU bestimmte BVAG-Beteiligungen, die nicht betriebsnotwendig sind, wie den Anteil an der E.ON AG. Die Stadt erlöst damit insgesamt 420 Millionen Euro. Die ihr noch verbleibenden 25,1 Prozent an der BVAG kann sie bis zum 1. Januar 2006 jederzeit zum selben Preis an TXU veräußern! Zusätzlich wird TXU sportliche und kulturelle Ereignisse in Braunschweig fünf Jahre lang mit jeweils einer Million Euro fördern.
Toll, was!
Was wird das für ein toller Synergy-Effekt, liebe Leut! Wenn die dann meine eigenen Stadtprojekte wie beispielsweise "Sauberes Braunschweig - sauberes Energy!" oder "Braunschweig - Stadt der wissenschaftlichen Energy" oder auch "Braunschweig - Stadt der Privatisierungskultur" oder auch ähnliches, bewerben müssen. Das wird die Stadtkasse nebst Stadtmarketinglichen extremst entlasten.
Das wird eine todsichere Sache, sag' ich Dir.
Natürlich lief das nicht so völlig reibungslos. Die "Ach-was-komm-ach-geh'" erwägt allerdings schmollend seither den Rückzug aus Braunschweig. Von den ursprünglich vierzehn Interessenten waren in der Endrunde TXU, Avacon und EnBW übrig geblieben. Vor allem die E.ON-Tochter Avacon bekundete sehr starkes Interesse an der Übernahme der BVAG, mit der sie in den letzten Jahren eng kooperierte und sogar eine gemeinsame Betriebsgesellschaft gründete. Wie die Avacon AG am 2. Mai mitteilte, wurde ihr Angebot aber von TXU um rund 100 Millionen Euro überboten (bezogen auf hundert Prozent der Anteile). Der Regionalversorger erwägt nun den Rückzug aus Braunschweig, wo er insgesamt 270 Arbeitsplätze unterhält, heißt es sogar.
Egal, was sind schon 270 armselige Arbeitsplätze? Mal ehrlich? Wer wird denn hier so kleinlich sein. Braunschweigs Ruhm ereignet sich auf höherer Ebene, da darf man nicht kleckern, wie gesagt!!!
Der US-Konzern TXU sieht sich mit einem Umsatz von 28 Milliarden Dollar und rund 11 Millionen Kunden als weltweit neuntgrößter Energieerzeuger. Neben der Energieerzeugung ist er in der Endversorgung mit Strom, Gas und Wasser sowie auf dem Gebiet der Telekommunikation tätig. Sein Europageschäft lenkt er von den Standorten London und Genf, an denen auch der weltweite Energieeinkauf angesiedelt ist. In Deutschland hat er vor knapp zwei Jahren die Stadtwerke Kiel übernommen und dieser Tochter vor einem Jahr den Berliner Stromanbieter Ares Energie AG als bundesweite Vertriebsschiene hinzugefügt. Seine Strategie in Deutschland verfolgt den Aufbau eines Netzwerks von selbständig agierenden Stadtwerken, die unter Nutzung der sich ergebenen Synergien zu Kompetenzzentren für unterschiedliche Energieprodukte ausgebaut werden sollen. Außerdem ist er in Finnland, Schweden, Spanien, Italien, Holland und der Schweiz vertreten.
Wer will mir da Unrecht vorwerfen? TXU - ein globaler Spieler - spielt jetzt auch in Braunschweig, unsere Stadt hat somit Weltanbindung, wird über seine engen Grenzen mächtig bekannt werden, was uns allen nur gut tun kann. MIR persönlich natürlich auch.
Bitte keine Lorbeeren für mich,
ich weiß doch, was ich für diese Stadt und für mich persönlich
tun konnte...
demnächst mehr vom Duft der großen weiten Welt ...
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