Und immer wenn es eng wird, tauscht man als erstes den Oberbefehlshaber/Trainer aus. Der US-Oberbefehlshaber in Afghanistan, David McKiernan, wurde auf ungewöhnlich schroffe Art von Präsident Obama durch General Stanley McChrystal ersetzt. Da sich damit kein Strategiewechsel verbindet, handelt es sich um eine Art Hoffnungslauf. Ähnlich wie beim Fußball soll der Trainerwechsel die Fans beruhigen und ihnen ein Opferlamm bieten.
Krieg und Fußball unterscheiden sich allerdings erheblich, aber auch beim Fußball wird zumindest mit dem neuen Trainer auch eine neue Strategie gefahren. Da sich aber Obama und das Pentagon auf eine Strategie festgelegt haben, die sichtlich nicht funktioniert, bedeutet der Wechsel auch nichts. David McKiernan war erst ein Jahr Oberbefehlshaber und konnte außer der Vernichtung der Zivilbevölkerung nichts tun. Dafür ist er nun im Ruhestand.
Afghanistan, Pakistan - So langsam wird es eng
Natürlich kommt auch der deutsche Kriegsminister Jung nicht auf die Idee, einen Strategiewechsel zu fahren, sondern er schickt zunächst, also bis nach der Bundestagswahl, nur 600 weitere Soldaten in einen verlorenen Krieg. Jung hat allerdings das Glück, dass er keinen Krieg verlieren kann, weil ihm noch nicht einmal klar ist, dass sich Deutschland in einem Krieg gegen Afghanistan befindet, wie er der Frankfurter Rundschau mitteilte:
Ich halte es für falsch, von einem Krieg zu sprechen. Es ist ein Stabilisierungseinsatz. Denn allein militärisch werden wir in Afghanistan keinen Erfolg haben. Ein Krieg wird nur militärisch geführt. Im Krieg findet kein Wiederaufbau statt, kein Bau von Schulen oder Krankenhäusern, im Krieg werden keine einheimischen Streitkräfte ausgebildet. In Afghanistan ist kein Krieg.
Nun ja, er ist ein simpler Geist und passt in seine Partei. Fünf bis zehn Jahre möchte er noch in Afghanistan kämpfen. Er will 134.000 afghanische Soldaten und die gleiche Zahl an Polizisten ausbilden, fragt aber keine Sekunde lang, womit Afghanistan die am Ende bezahlen soll. Er denkt nicht an die verschiedenen Ethnien, die seit Jahrhunderten miteinander im Streit liegen, und auch nicht daran, dass die Grenzen zwischen den Staaten dort willkürlich durch die Briten gezogen wurden. Er raucht in einem Lager voller leckender Benzinfässer. Dummerweise jagt er damit nicht sich, sondern unsere Soldaten in die Luft.
Mit jedem getöteten Zivilisten, erzeugen die Truppen in Afghanistan und Pakistan sofort mindestens drei neue "Taliban", wahrscheinlich aber sind es noch viel mehr. Die in der letzten Woche ermordeten mindestens 120 Zivilisten hätten so 360 Taliban erzeugt.
Der neue Oberbefehlshaber McChrystal, hatte im Irak den Erfolg, Saddam Hussein zu fassen, oder wohl besser, er konnte sein Versteck kaufen und hat durch ziemlich brutale Maßnahmen Lücken in den Zusammenhalt des irakischen Widerstands geschlagen, die wirklich einen vordergründigen Frieden brachten. Allerdings sind die Afghanen und vor allem die Paschtunen, die seit ein paar hundert Jahren in permanente Kämpfe gegen Engländer, Russen und jetzt USA und Nato verwickelt sind, ein ganz anderer Fall.
Ähnlich wie bei den Kurden in der Türkei, dem Irak und Iran gibt es nur immer wieder Phasen mit geringerer Intensität des Kampfes. Der Kampf an sich aber bleibt. Da sie eben nicht, wie uns der Begriff Taliban, der nichts anderes als Schüler bedeutet, weismachen soll, ein Fremdkörper im afghanischen Volk sind, ist der ganze Kriegsansatz falsch. Kurden wie Taliban gehen aus ganz normalen Tätigkeiten für eine Zeit in den Krieg und kommen dann wieder in ihre Dörfer, als sei nichts geschehen.
Sie sind Teil der Bevölkerung. Wer die Taliban militärisch bekämpfen will, kann also nur die Zivilbevölkerung bekämpfen, was die Taliban nur noch stärker macht. Dazu kommt, dass das Gelände in Afghanistan und großen Teilen Pakistans dem Widerstand einen großen Vorteil liefert. Je unwegsamer ein Gelände ist, desto größer der Vorteil von Partisanen gegen Armeen.
Das ist auch der pakistanischen Armee klar, die mit Ausgangssperren die Zivilbevölkerung gegen sich aufbringt und trotz allem Einsatz kaum Erfolge gegen die Taliban erreicht. Sie trifft zusammen mit den USA immer wieder Zivilisten. Das liegt vor allem auch daran, dass die Erkennungsmuster, die für eine Hochzeit zutreffen, eben auch für eine Versammlung der Talibanführer gelten: Von vielen Orten kommen viele Leute zu einem Ort.
Militärisch ist der Konflikt nicht mehr zu gewinnen. Das ist jedem klar. Obama kann es sich aber nicht leisten, den Krieg zu beenden, weil die Zivilbevölkerung in den USA von den dortigen Medien immer noch mit abstrusen Siegesmeldungen gefüttert wird. Die Medien sind abhängig von Werbung, und der militärisch-industrielle Komplex, also die Waffenindustrie mit ihren Zulieferern sowie die amerikanischen Privatarmeen wollen ihr Geschäft nicht verlieren.
Obama möchte nicht so früh in seiner Präsidentschaft als der Präsident, der es nicht kann, in der Öffentlichkeit erscheinen, obwohl ihm das Schicksal wohl kaum erspart bleiben dürfte. Alle anderen im Afghanistan/Pakistan-Konflikt beteiligten Regierungen sind aber ebenfalls zu schwach, um die Notbremse zu ziehen. Premierminister Gordon Brown ist so schwach, wie es kaum einer seiner Vorgänger jemals war. Sarkozy ist gerade erst zurück in der Nato und im Grunde genommen nicht interessiert.
Frau Merkel schielt wie ihre Vorgänger immer noch auf einen Stuhl im Sicherheitsrat und weiß, dass sie dafür Obama braucht. Im übrigen sind ihr Deutschland und die Deutschen egal. Selbst der Verbandschef des deutschen Bundeswehrverbandes beginnt aber unruhig zu werden und weist darauf hin, dass die Taliban im Norden Afghanistans immer koordinierter vorgehen und die Aktivitäten stärker werden.
Deshalb möchte er mehr Luftaufklärung, am liebsten mit amerikanischen Predator-Drohnen. Natürlich müssten nach den Predatoren auch deutsche Flieger zum Bombardieren zur Verfügung stehen. Das ist das gleiche unwirksame Konzept, das die USA von Kriegsbeginn an verfolgen, zeigt aber, wie hilflos die Führungsebene der Bundeswehr ist.
Da ist es schon als positive Nachricht zu verstehen, dass die Staatsanwaltschaft Potsdam darauf verzichtet, gegen die deutschen Soldaten, die zusammen mit der afghanischen Armee auf Taliban geschossen und getroffen haben, ein Ermittlungsverfahren zu eröffnen, weil selbst die Staatsanwaltschaft davon ausgeht, dass dort Krieg herrscht und Ermittlungen dort keinen Sinn machen.
Der einzige Weg, Deutschland und die Bundeswehr aus dem Wahnsinn herauszuholen, sind die kommenden Wahlen. Europawahl und Bundestagswahl müssen den Herrschenden zeigen, dass es so nicht weitergeht. Das kann man nur tun, indem man die Linke wählt. Sie ist nicht nur das kleinere Übel, sie stört auch erst einmal gewaltig im eingelaufenen Betrieb. Sie soll denn auch nur Sand im Getriebe sein, bis es eine bessere Partei gibt, die Chancen hat.
Tags für diesen Artikel: afghanistan, deutschland, england, krieg, kriegsverbrechen, nato, pakistan, usa
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