Der CDU Bundestagsabgeordnete Hubert Hüppe hat seinen
politischen Schwerpunkt in der Behindertenpolitik, was sicherlich nicht das Schlechteste ist, für das sich ein deutscher Politiker einsetzen kann. Bei Behindertenpolitik in Deutschland ist es unmöglich, das Wort Euthanasie zu vermeiden. Jenes Grauen das die Medizin und die Nazis in die Welt brachten, um "unwertes" Leben zu vernichten. Deshalb hat Hüppe einen Bonus, wenn es um die Diskussion über die Patientenverfügung geht.
Die Patientenverfügung ist das Instrument, mit der ein jeder Mensch selbst bestimmen kann und muss, wie im Falle von bestimmten Krankheiten mit ihm verfahren werden soll. Es geht also um eine sehr individuelle Entscheidung. Solange man sie selber treffen kann, ist es unstrittig, dass sie akzeptiert werden muss. Schwieriger wird es, wenn Eltern für ihre Kinder entscheiden müssen und Mediziner zeitgleich an Transplantate denken oder Kinder über ihre alten Eltern entscheiden müssen.
Bisher werden Patientenverfügungen meist von den Ärzten missachtet. Wer also jegliche Intensivmedizin immer abgelehnt hat, den zwingen Ärzte - unter anderem auch aus wirtschaftlichen Interessen - dazu, den Rest seines Lebens an Schläuchen hängend zu vegetieren oder gar im Wachkoma als lebende Leiche die Bilanzen der Pflegekonzerne zu verbessern. Diese Situation ist unhaltbar und deshalb sollte die Patientenverfügung gesetzlich neu geregelt werden.
Man war sich auch weitgehend einig, bis sich dann doch so Leute wie Hüppe durchsetzten, die am bestehenden, vollständig unwürdigen Zustand nichts ändern wollen. Wohl gemerkt, Duckhome wirft Hüppe nicht vor, als gekaufter Lobbyist der Medizinindustrie zu handeln, sondern geht, was für Duckhome sehr ungewöhnlich ist, von einem Politiker mit Gewissen aus.
Leider nützt dieses Gewissen den Menschen in Deutschland nichts. Die bisherige Lösung ist unmenschlich, und wenn Hüppe, wie er der Zeit sagte, die vorgeschlagenen Lösungen
"für zu gefährlich und zu kompliziert hält", dann wäre es seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit, eine vernünftige und gangbare Lösung zu finden. Wer davon ausgeht,
"dass es Bereiche gibt, die sich einer gesetzlichen Regelung entziehen", der stellt sich selbst ein Armutszeugnis aus und sollte sein Mandat zurückgeben.
Die Gefahren sind nämlich allen denkenden Menschen klar. Eltern könnten sich für ein Abschalten der Maschinen entscheiden, um nicht ihre anderen Kinder und ihr persönliches Leben mit einem schwerstbehinderten Kind zu belasten. Um den Eltern jede Entscheidungsmöglichkeit zu nehmen, hat ja die Justizministerin (ohne Kinder und ohne jede Art von Verantwortung) Zypries bereits das
Gendiagnostikgesetz durchgesetzt, das pränatale Gendiagnostik genauso verhindert wie es Kuckucksväter rechtlos macht, wenn die nicht ihre Familien grundlos zerstören wollen.
Es ist natürlich schon pervers, dass ein Staat, der Familien mit gesunden Kindern schon vollständig aussaugt und bei Familien mit behinderten Kindern total versagt, ausgerechnet die Produktion von Behinderten fördert. Aber wahrscheinlich ist das politisch gewollt, um die Menschen klein zu halten. Juristisch ließe sich ein solchen Problem durch den Einsatz unabhängiger Gutachter schnell und unkompliziert lösen.
Das gleiche gilt für die Alten, die als Pflegefall natürlich eine Belastung für ihre Familien darstellen. Man muss allerdings dazu sagen, dass diese Gesellschaft von den Neoliberalen und dem Großkapital bewusst zersplittert wurde. Soziale Bindungen wurden zerstört um den Einzelnen leichter unterwerfen zu können, und da Pflegeheime kapitalistische auf Gewinn orientierte Unternehmungen sind, gibt es eben keine Pflege, sondern bestenfalls Verwahrung.
Hubert Hüppe hat sich dafür entschieden, nichts zu tun. Das ist typisch für deutsche Politiker. Entweder sind sie gekauft oder haben nicht den Arsch in der Hose, etwas für die Menschen zu tun. Durch die Entscheidung Hüppes und ähnlich schwacher Politiker können Leute, die für sich selbst auf bestimmte Behandlungen verzichten wollen, dies nicht tun. Hüppe zwingt damit andere Menschen, die ihm nichts getan haben, sich der Apparatemedizin hilflos auszuliefern.
Es bleibt nur zu wünschen, dass Herr Hüppe von seinem eigenen Nichtstun getroffen wird und ihm selbst die Apparatemedizin und die Magensonde ein lange Leben bescheren. Es nützt zwar all den anderen, die genau dies für sich selbst nicht wollen, nichts – wäre aber eine gerechte Strafe für solch einen selbstgerechten Typen.
ein unabhängiger Gutachter ist ein wichtiger Teil der Lösung, weil er fachliche Kompetenz einbringen kann und außerdem emotional nicht belastet ist. Ebenso wichtig ist aber auch die Mitbestimmung Angehöriger und Nahestehender. Diese sollten eine Art "berechtigte" Mini-Konferenz bilden, die stets informiert wird und als Gemeinschaft an Entscheidungen beteiligt ist. Dazu können Verwandte gehören, Freunde, minderjährige Kinder etc., wie es sich aus der jeweiligen Lebenssituation aktuell ergibt.
Ich war mal an so einer Konferenz, die außerordentlich gut funktionierte, beteiligt. Leider hatte sie aber rein gar nichts zu bestimmen. Alleiniges Recht hierzu hatte ein getrennt lebender Ehemann, der mit einem Chefarzt eine Allianz gebildet hatte. Und wir mußten ohnmächtig einem schrecklichen Elend zuschauen, bis zum bitteren Ende.
Übrigens: Der besagte Ehemann ist zwei Jahre später tot vom Stuhl gefallen. Herztod. Ja, man kann an der Kälte des neoliberalen Lebens zugrunde gehen!
Jochen, ich finde es richtig gut, dass Du auch an solche Themen rangehst, die die allermeisten Leute meiden, weil sie uns mit Verantwortung, Krankheit und Tod in Berührung bringen, und zwar ohne konkreten Gewinn an billigem Spaß.
Wenn wir was zu lachen haben, dann schallend, und an den richtigen Stellen!
Schönen Sonntag, Luise