Martin Weigert hat auf NETZWERTIG.COM einen sehr interessanten Artikel "
Die Elite hat Angst" zum Siegeszug des Internets veröffentlicht. Dabei glaubt er erkannt zu haben, weshalb die Leute, die er als Deutschlands Eliten ansieht, so wenig netzaffin oder besser noch vollständige Gegner des Netzes sind.
In Deutschland aber garantiert traditionell etwas anderes hohes Ansehen: Klassische Bildung, so beispielsweise exzellente Kenntnis deutscher Geschichte, Konflikte, Dichter, Philosophen und Literaten. Wer dieses Wissen beherrscht und ein ausführliches Universitätsstudium vorweisen kann, muss sich nicht davor scheuen, im Rampenlicht zu stehen, und hatte bisher gute Chancen, Einfluss und Macht zu erlangen. Folgt man hingegen seinem unternehmerischen Drang oder ist gar darauf aus, viel Geld zu verdienen, muss man sich mit weit weniger Status abfinden - selbst wenn dabei Jobs entstehen und mitunter positiv auf die zukünftige Entwicklung des Landes eingewirkt wird. Und überhaupt: Reich zu sein, gehört in Deutschland bekanntlich nicht zu den Dingen, von denen man stolz seinem Nachbarn berichtet.
Die Elite in Deutschland kann nicht - wie ihr Pendant in den USA oder in Schweden - offen auf das Netz zugehen, sich vorurteilslos mit ihm auseinandersetzen und versuchen, die Vorteile für die Gesellschaft zu erkennen und zu nutzen. Sie definiert sich nämlich zu einem großen Teil über klassische Bildung, über ihren intellektuellen Stand. Das Internet beendet dessen Tauglichkeit als Alleinstellungsmerkmal.
Auf den ersten Blick möchte man Martin Weigert zustimmend zunicken und wieder zur Tagesordnung übergehen. Beim zweiten Blick aber beginnt man zu stutzen. Von welchen Eliten spricht er denn überhaupt. Ein kurzer Blick in
Wikipedia verwirrt auch mehr als er an Klärung schafft:
Eine Elite (urspr. vom lateinischen electus, „ausgelesen“) ist soziologisch genommen eine Gruppierung überdurchschnittlich qualifizierter Personen (Funktionseliten, Leistungseliten) oder die herrschenden bzw. einflussreichen Kreise (Machteliten) einer Gesellschaft. Konkret bezieht sich der Begriff meist auf näher definierte Personenkreise, wie z. B. die Bildungselite. Der Elite gegenüber steht die „Masse“ oder der „Durchschnitt“ („Normalbürger“).
Hmm Ausgelesen. Man wird also durch einen Ausleseprozess zum Teil der Elite. Seltsam. Ist Elite nicht eher eine Frage der Geburt? Ist die Zugehörigkeit zur Bildungselite ein humanistisches Gymnasium und das Studium der Philosophie. Gibt es diesen Bildungsbürger überhaupt noch, oder ist er nur die Fiktion einer Klasse die sich abgrenzen will.
Umfang der Elite in Deutschland
Ralf Dahrendorf fasste 1965 den Begriff der Elite sehr weit, wonach die Elite ein Prozent der deutschen Bevölkerung ausmache. Die Mannheimer Elite-Studie von 1992 und die Potsdamer Studie von 1997 fassten dagegen nur ca. 4000 Personen zum engeren Kreis der Elite. Michael Hartmann versuchte 2002 in seiner viel beachteten Studie Der Mythos von den Leistungseliten, das Problem dadurch zu lösen, dass er einen engeren und einen umfassenderen Kreis von Personen angab, die nach seiner Ansicht zur Elite gehörten (z. B. die Topmanager der 400 größten deutschen Unternehmen oder Spitzenpolitiker).
Dahrendorf ist nett. 800.000 Deutsche in der Elite. 800.000 sind es auch, die Großteil des Besitzes in Deutschland haben und prozentual am wenigsten Steuern zahlen. Aber macht Besitz und Steuerverkürzung schon Elite aus. Wohl kaum. Die studierten Philosophen von den humanistischen Gymnasien fahren zumeist Taxi, die werden wohl kaum die Elite sein.
Die Topmanager der 400 größten deutschen Unternehmen als Elite. Ackermann, von Pierer, Zumwinkel und wie sie alle heißen. Oder gar die Merkel, der Steinbrück und der Wiefelspütz als Elite. Da lachen selbst die Hühner. Die Journalisten, die nur die Ränder um die Werbung ausfüllen müssen wie Joffe oder Jörges. Gewerkschaftsbosse wie Hansen. Nein. Auch Michael Hartmanns Theorie versagt vollständig.
Könnte es vielleicht sein, dass die Leute die über das Internet herziehen und über die Internetbürger pöbeln gar keine Elite sind? Sind sie vielleicht nicht einmal Mittelmaß sondern einfach nur Teil der Masse, die sich verzweifelt an die hart erkämpften Positionen klammert und weder umlernen noch sich weiterbilden lassen will? Herrschaften die von den sie umgebenden Parasiten nur das zu hören bekommen, von dem die Parasiten glauben, dass die Herrschaften genau das hören wollen?
Man darf in Deutschland übrigens reich sein. Das hat noch nie jemandem geschadet. Wenn allerdings nicht klar ist, wie der Reichtum entstand oder wo gar noch Gewinne aus der Nazizeit weiterentwickelt wurden, gibt es Probleme. Man darf in Deutschland auch erfolgreicher Unternehmer sein. Aber meist kann man das nicht werden, weil die Leute die Martin Weigert und andere als Elite sehen, sämtliche Türen vernagelt haben.
Beginnend beim Firmennamen, über die Satzung und allerlei Nebenaufgaben die ein Unternehmer für Staat und Unternehmensverbände erfüllen muss, kommen hohe Gebührenlasten und Steuern, eine irrwitzige Bürokratie und Banken, die gute Ideen im Zweifelsfall unterdrücken, um dem Großkonzern eine Chance zu geben. Deutschland ist keine Neidgesellschaft. Es hat auch nichts mit Neid zu tun, wenn man nachdenklich darüber spricht, wie weit der Wert einer Kinderkrankenschwester unter dem von Josef Ackermann liegt und ob das Verhältnis wirklich etwas über den gesamtgesellschaftlichen Nutzen beider Tätigkeiten aussagt.
Die, die da auf das Internet einschlagen, schlagen auf jeden Gedanken ein, der ihre ausgetretenen Pfade verlässt und bekommen dafür den Beifall der Leute die auch nur weiterbezahlt werden, wenn sich die Strukturen nicht ändern. Es ist zumindest keine Elite die da pöbelt, es ist eher ängstliche Vergangenheit. Das heißt allerdings nicht, dass die Elite im Netz zu finden ist. Sie ist auf jeden Fall aber auch im Netz.
Wessen Gedanken im Netz von vielen betrachtet und weiterverwertet werden, zählt zumindest zu den Ausgelesenen. Auf lange Sicht mag sich sogar eine Elite bilden. Aber das ist unwichtig. Wichtig ist nur ständig das neue und scheinbar undenkbare gedacht und ausgesprochen wird. Es ist ein revolutionärer Prozess im Gange der sich bald nicht mehr nur auf das kommentieren und zusammentragen von Nachrichten beschränkt sondern in der realen Politik und Gesetzgebung seine Fortsetzung finden wird.
Da haben die selbsternannten und falschen Eliten allen Grund sich zu fürchten. Egal wie sie klammern, sie werden aus ihren Hängenmatten gekippt.