Neulich, als das Wetter noch besser war, auch abends noch so wirkte, als käme und bliebe der Sommer wenigstens ein bißchen, saß ich mit Freunden im Garten eines Restaurants. Die Bäume und Hecken waren schön grün, und das, obwohl wir mitten in der Stadt leben. Gerade noch in einem Stadtbezirk, der pro Kopf unter allen Stadtbezirken am wenigsten Grünfläche zur Naherholung bietet.
Aber das raue Land ist eben doch anders. Anders als die Stadt, die, gleich anderen Städten, auch ganz gut mit concrete jungle beschrieben werden kann. Und natürlich haben wir auch Spargel-Saison, wenigstens noch ein bißchen.

Ungedenk dieses Betonhaufens, der an Tagen wie diesen extra grau aussieht, bildet eine Stadt wie Berlin für viele den Anziehungspunkt schlechthin. So auch für meine gute Freundin Annegret, die, auf dem platten Lande aufgewachsen, als erstes in die nächst größere Stadt, Oldenburg, gezogen war.
Der Umzug nach Berlin war dann eine ganz schöne Umstellung, denn Oldenburg ist irgendwie niedlich im Vergleich dazu, die Menschen, insbesondere die VerkäuferInnen dort, sind nett und zuvorkommend, nicht erst, seit sie Angst haben, daß ein Vorgesetzter sie beobachtet, und dem vermeintlich Freundlicheren oder Fleißigeren demnächst die eigene Arbeitsstelle gibt.
Annegret wollte mehr als das, und so haben wir uns eines Nachts im Tacheles kennen gelernt, als das noch keine kalt eingerichtete, renovierte, rekonstruierte Edelgastronomie, ergo die Musik darin irgendwie ehrlicher war, oder wenigstens wirkte. Mit ihr hatte ich vor geraumer Zeit die Freude am Spargel Essen entdeckt. Kinder haben meist nicht so viel dafür übrig, denn gerade der weiße Spargel muß ordentlich geschält werden. Werbestrategen sprechen ihm eine Aphrodisierende Wirkung zu, mir schmeckt er auch so. Wer dabei nicht so liebevoll oder sorgfältig vorgegangen ist, oder bei jemand zu Besuch war, dort solchen Spargel aß, weiß, was ich meine. Aber das bekommt man in den Griff.
Was nur reiselustige Menschen oder arte-Zuschauer über Spargel wissen, ist, daß etwa unsere Belgischen und die Französischen Nachbarn eher Spaß am Spargel Stechen und Spargel Essen haben, bei der Spargelernte nicht so verkrampft sind, wie wir Deutschen.
Spargel gehört zur Familie der Asparagaceae, kommt in etwa 300 Arten vor, von denen etwa 100 in den Mittelmeeranreinerländern heimisch sind. Zum Essen verwendet wird indes hauptsächlich der weiße oder grüne, kultivierte Stangenspargel. Und so haben unsere Belgischen Nachbarn gern eine Sorte, die grün, und an ihrer Spitze lilablau ist, und nicht geschält werden muß. Folglich gibt es auch nicht diesen Streß mit Fingern und Zahnstochern, wenn es jemand mit dem Schälen nicht so genau genommen hatte.
Die Farbe an der Spitze macht den Spargel besonders aromatisch, rührt von den ersten Sonnenstrahlen am Morgen her, vor dem nach deutschem Gutdünken der Spargel unbedingt gerettet werden muß.
Dennoch, Annegret sagte, daß sie es ganz toll finde, daß die Menschen im Super- oder Wochenmarkt den Spargel aus der Umgebung lieber als den kaufen, der aus Südeuropa tagelang im LKWs über die Autobahnen und schließlich in die Märkte gekarrt wird. Klar, ein Blick auf die Schnittstellen, dort also, wo der Spargel vor Wochen abgestochen wurde, macht sofort deutlich, daß man Gemüse eher frisch essen sollte, und ja, der Beelitzer Spargel hat einen viel kürzeren Weg, erfüllt dieses Kriterium leicht.
Woran die liebe Annegret nicht so oft denkt, ist, daß der nicht nachts von 3:00 Uhr an von erwerbslosen Hartz-IV-Opfern für 1 € / h gestochene Spargel nur deshalb weiße, nicht so aromatische Spitzen hat, weil er so früh geertet wurde, und, daß die Franzosen und BelgierInnen mehr Spaß beim Spargelessen haben, auch zum Stechen nicht so früh aufstehen müssen. Glatt könnte man aus diesem Umstand ableiten, daß, obwohl dort nach 1945 keine Bodenreform wie in der ehemaligen DDR stattfand, unsere Nachbarn einen stärkeren, klassenübergreifenden Zusammenhalt haben. Wenn die Franzosen und Französinnen streiken, wird es offensichtlich.
"Alle Räder stehen still,
wenn eine starke Hand es will!"
Ist dort nicht nur ein Reim, sondern Lebenseinstellung.
So wurden uns DDR-Kindern denn auch Nachbarländer wie Frankreich, die eigentlich auch zum Nichtsozialistischen Wirtschaftsraum zählten, auf manchen Karten schlicht grau dargestellt worden waren, als, na ja, quasi-sozialistische Länder vorgestellt, in denen der Staat eine hohe Quote an Beteiligungen halte, eben nicht so ein Drill wie bei den Erben des Landjunkertums herrsche, die vor zirka 20 Jahren wieder die Basis dafür erhielten, die Menschen ob des Spargels in 2 Klassen zu teilen.
Jene Klasse nämlich, deren Angehörige ihn nachts stechen, dann aber von dem ihnen zugestandenen Salär sich bestenfalls den auf der Fahrt hierher vertrockneten, Griechischen Spargel leisten können, und in solche Mitmenschen, die zwar Sorge haben, ob sie ihre halbwegs fair bezahlte Arbeit noch lange werden behalten können, aber nicht lange überlegen müssen, wenn 1 Pfund Spargel 8 € kostet.
Annegret ist vom platten Land, wo es auch ein Dorf namens Marx mit einer eigenen Diskothek gibt, aber kaum jemanden, der den Namensgeber liest oder Boden gerecht aufgeteilt wissen will, weggezogen. Von dem platten Land, auf welchem eine Kommilitonin von ihr, besser deren Eltern, einen Reiterhof haben, eine andere Kommilitonin von ihr ständig nach der Arbeit den Stall ausmisten, die Pferde striegeln und extra Geld mitbringen muß, damit sie ab und zu auch mal auf einem dieser Pferde reiten darf.
Ich war den Tag etwas vorlaut, habe Annegrets dergestalt verärgert, daß ich sie in ihrer Rede unterbrochen hatte, sie darob wohl einen wichtigen Gedanken vergessen hatte. Sie herrschte mich nämlich an, was ich denn damit sagen wolle, daß ich eigentlich aufs Land ziehen wollte, es dennoch erst mal verschiebe. Da die liebe Annegret auch keinen Fernseher hat, weiß sie sicher nichts davon, wie die neuen Junker, vereint mit Drehteams von RTL oder SAT1 Komparsen, die geschundene Hartz-IV-Opfer abgeben sollen, nahe dem Spargelbeet noch als arbeitsscheues Gesindel, als Schmarotzer, die nicht wüßten, wie harte Arbeit gehe, den anderen Deutschen vorführen und vorführten.
Ich möchte sie an dieser Stelle um Entschuldigung bitten. Erwachsene sollten sich ausreden lassen, ich laß mich schließlich auch ungern unterbrechen.
Die Hartz-IV-Opfer in Brandenburg haben es nicht ganz so gut wie die Polnischen Wanderarbeiter, die nämlich schon länger, wegen eines dort bezahlten Mindestlohnes lieber in die Nachbarländer der BRD, ja sogar bis nach Großbritannien gehen. Wer soll den Spargel stechen, wenn die manchen als bräsig geltenden Hartz-IV-Betroffenen auch noch in die Nachbarländer zum Ernteeinsatz gehen?