Europawahl - Da haben wir den Salat
Seit gestern Abend werde ich in einer Reihe von Mails und Telefonaten gefragt wie ich den Wahlausgang bewerte. Das ist einfach. Es ist absolute S(zensiert). Und zwar ein riesiger Haufen davon. Meine schlimmsten Erwartungen wurden übertroffen. Aber so sind Wahlen nun einmal. Aufgeben klang in dieser Nacht bei manch einem durch, aber ein solches Aufgeben wäre nichts anderes, als ein menschlicher und politischer Selbstmord. Nein. Die Fehler müssen analysiert werden und dann geht der Kampf weiter. Es wurde eine Schlacht verloren, aber der Krieg geht weiter. Und es handelt sich um einen Krieg gegen das Volk, der noch viele Schlachten haben wird, ehe das Volk komplett verloren hat.
Nun kann man heute Morgen nicht eine Vollanalyse verlangen. Aber beginnen wir mit den einfachen Dingen. Die CSU hat durch Seehofers Kamikazeflug des ständigen Selbstwiderspruchs wieder alte Höhen erklommen. Die Bayern scheinen nicht lernfähig zu sein. Ob es einen Guttenbergfaktor gibt, ist nicht wirklich zu beantworten. Die CSU hatte eine starke Unterstützung in einer bayrischen SPD, die wohl bald um die Fünf Prozent Hürde kämpfen wird.
Es ist egal ob man Seehofers Kurs als populistisch bezeichnet. Er hat gewirkt. Das die wird die CDU und Angela Merkel weniger freuen, weil das Wiedererstarken der CSU natürlich auch bedeutet, dass Seehofer bis zur Bundestagswahl weiter rumnerven wird. Allerdings kann das Frau Merkel nicht stören. Sie hat zusammen mit der FDP eine komfortable Mehrheit errungen und damit ein kräftiges Signal für die Bundestagswahl gesetzt.
Die Verluste der Union gegenüber den letzten Wahlen sind einfach zu erklären. Damals gab es eine Anti-Schröder Wahl und dieser Bonus fehlte ihr bei den jetzigen Wahlen. Real schwimmt die Union oben, was natürlich auch der Systempresse und der Arschkriecherei der öffentlich Unrechten zu verdanken ist. Diese Situation ist allerdings schon lange bekannt und entschuldigt gar nichts.
Die FDP die man wohl zukünftig als festen Wurmfortsatz der Union ansehen kann, hat mit ihrem Wahlergebnis bewiesen, dass es völlig egal ist ob die Spitzenkandidatin ihren Job in Europa ernst nimmt oder auch nur andeutungsweise ausfüllt. Ja selbst mysteriöse Fahrkostenberechnungen schaden da nicht. Wer FDP wählt, tut dies eben um seiner Klasse den Rücken zu stärken. Die FDP ist eben wie die FDP schon immer war. Die Partei der Abzocker und Bestverdienenden.
Die Grünen haben mit einem bescheuerten Wahlkampf einen minimalen Zugewinn bekommen. Zum Dank schicken sie mit Reinhard Bütikofer einen Spitzenkandidaten nach Europa der vieles angefangen aber wohl nichts beendet hat. Wiedermal ein Opa oder eine Parteileiche nach Europa. Man möchte sagen typisch grün.
Über die SPD muss man eigentlich nicht mehr reden. Sie erntet was sie gesät hat. Tatsächlich wissen die Leute was Schröder, Steinmeier, Struck und Müntefering ihnen angetan haben. Die Agendapolitik, die mit Steinmeier, Steinbrück und Müntefering in ihrer arroganten und unmenschlichen Form fortgesetzt wird, wurde von den Bürgern abgestraft. Es ist die Niederlage von Müntefering und Steinmeier. Beide müssten eigentlich sofort zurücktreten. Aber der Seeheimer Kreis hat niemanden mehr den sie noch vorschicken könnten und die ehemalige Linke in der SPD existiert nicht mehr, vor lauter Unterwerfung.
Die SPD ist ein Problem der Vergangenheit. In der Zukunft wird sie keine Rolle mehr spielen. Auch eine jahrzehntelange Oppositionsrolle kann diese Partei nicht mehr von dem Agendaschmutz befreien. Sie hat sich an die Neoliberalen verkauft, damit Schröder sich als Genosse der Bosse sehen konnte. Die Abrechnung ist hoch, aber fair.
Ach ja die Linke. Es gab Zugewinne. Nein, nicht weil ich empfohlen habe die Linken zu wählen. Dazu waren meine Bedenken gegenüber dieser Partei doch wohl zu deutlich. Ich hätte ihr ein zweistelliges Ergebnis gewünscht. Mit Lothar Bisky geht ein guter Mann nach Brüssel, den die Linke in Berlin viel mehr gebraucht hätte. Aber so schlau Gysi, Lafontaine und Ernst statt dessen nach Europa zu entsorgen war die Linke nicht. Trotzdem werde ich auch für die kommenden Wahlen bis zur Bundestagswahl, die Linke empfehlen. Nicht weil ich ihr traue, sondern weil sie die einzige Alternative und das kleinste wählbare Übel ist.
Wählbar ist nämlich genau so ein Thema. Bei einer Umfrage unter Twitterleuten kam die Piratenpartei auf 56 Prozent. Das ist natürlich nicht repräsentativ, aber dafür umso aussagekräftiger. Die Piraten vertreten die Interessen der digitalen Gemeinschaft, oder besser die der Extremuser, meinetwegen auch der digitalen Bohème, aber nicht einmal ansatzweise, die der Bevölkerung.
Sie sind auch nicht mit den Grünen vergleichbar, denn die hatten in ihren Anfangstagen mit dem Umweltthema, der Friedensbewegung und der Antikernkraftbewegung einen viel breiteren Ausgangspunkt. Die Piraten haben 0,9 Prozent der Stimmen erhalten und bewegen sich damit zwischen DVU mit 0,4 Prozent und den Republikanern mit 1,3 Prozent. Das mag für eine Zeit ab 2010 eine Zukunftsmöglichkeit aufzeigen. Wahrscheinlich ist aber auch das nicht. Für die Bundestagswahl sind sie bedeutungslos.
Genauso bedeutungslos wie es die Büsos waren die rein rechnerisch auf einen Stimmenanteil von 0 Prozent kamen. Welch ein grandioser Erfolg für soviel Arbeit. Natürlich gibt es sehr viele Erklärungen. Eine der gemeinsten hatte Georg Gafron, der bei irgendeinem Fernsehsender meinte, dass die Wahlbeteiligung und das Wahlergebnis daran läge, dass die bildungsfernen und transferleistungempfangenden Bevölkerungsteile nicht zur Wahl gegangen seien, weil sie ja Mittags schon voll mit Hansa Pils seien.
Gafron ist ja ein bekannter Menschenfeind und es ist schön anzusehen, wie er sich langsam aus seinem Anzug und seiner Haut frisst. Allerdings hat er auch seinen feisten Finger in die offene Wunde gelegt. Es ist allen sogenannten Protestparteien nicht gelungen, ihre Wähler an die Urne zu holen und das wird, entgegen Gafrons Ansicht, auch nicht bei der Bundestagswahl klappen. Zumindest nicht mit den bisherigen Methoden.
Das Volk will glauben, dass all das Ungemach der letzten Jahre endlich vorbeigeht, wenn es Kohls Mädchen mit ihrer Wunschwesterwelle an die Macht bringt. Das Volk will glauben, dass Hartz IV und Weltwirtschaftskrise nur ein böser Traum sind und macht fest beide Augen zu. Da die Medien und die angeblichen Eliten gerne mitmachen und entsprechende Meldungen liefern, fällt es leicht, das Volk einzulullen und dumm zu halten.
Das Handelsblatt forderte heute Morgen mehr Engagement gegen Auftragsjournalismus. Diese Forderung ist berechtigt. Allerdings ist auch das Handelsblatt eben mehr als Verbreiter von falschen Hoffnungen, denn als realer Berichterstatter unterwegs. Real ist es aber trotzdem eine der besten Wirtschaftszeitungen die wir in Deutschland haben, was viel über den Rest aussagt.
Natürlich sind die politischen Blogs viel zu schwach um ein echtes Gegengewicht gegen die Systemmedien zu sein. Aber es finden sich täglich mehr, die den Blogs und dem Netz mehr trauen. Dabei helfen auch Projekte wie das Netzwerk an Blogs in dem auch Duckhome vertreten ist. Sie verbreitern die Basis der Leserschaft. Sich zusammenschließen und soweit man kann, einen gemeinsamen Weg gehen ist richtig.
Aber es ist nicht nur für die Medien im Netz notwendig, sondern auch für die Parteien und poitischen Verbände. Es macht keinen Sinn sich noch weiter zu zersplittern und zu zerfasern. Ähnliche Gruppen müssen sich organisieren, bündeln und gemeinsam zu Wahlen antreten. Diese Wahl sollte allen Warnung sein. 10,8 Prozent aller Stimmen sammeln sich auf Sonstige. Das kann einfach nicht sinnvoll sein.
Zum Thema Wahlbeteiligung muss man nichts mehr sagen. Die Menschen in Deutschland haben der Politik den Rücken zugewandt. Wer sich die Politik der letzten 20 Jahre ansieht, kann das verstehen. Aber solch eine Abkehr bringt nicht nur die Gefahr mit sich, dass die Mehrheit der Bundesbürger schon deshalb nicht vertreten werden kann, weil sie sich für keinen Vertreter entscheidet, sondern zusätzlich die Gefahr, dass sich die Politiker in der Sicherheit ausruhen, dass ihnen nichts passieren kann.
Dieses Wahlergebnis bedeutet für CDU, CSU, FDP, Grüne und Linke ein "Weiter so!". Ist das wirklich das, was die Nichtwähler sagen wollten?




















Eine Präzision zur FDP: das ist keine Partei, sondern schlichtweg und nur ein Interessenverband, dem es gelingt, sich als Partei auszugeben. So was als Partei (miss)zuverstehen, sagt eher etwas über das Politik(un)verständnis und die Politikferne vieler Leute aus als über die Tatsachen. Witzig.
ich seh es schon kommen. Wenn wir diesen üblen Haufen von außen nicht geknackt kriegen, müssen wir doch wohl alles selber machen: rein in eine Partei oder selbst eine gründen! Obwohl wir genug eigenes zu tun haben: nämlich, die Alternative zum neoliberalen ... erarbeiten.
Bis dahin dürfen sie noch ein wenig erleichtert sein, bzw. grinsen, wie Westerwelle. Dieser slapstick-Auftritt der FDP war es schon fast mal wieder wert, TV zu glotzen. Wie sie zusammenrücken, die Reihen schließen und dran glauben, daß es weiter geht, mit liberal sein. Aber die anderen waren auch nicht schlecht. Muß man mal zugeben, die meisten haben ganz gute Schauspieler, äh, Darsteller sagst Du immer, glaub ich.
Jochen, die Nichwähler zeigen, dass ihnen das Spektakel nicht wichtig erscheint. Nehmen wir es zur Kenntnis. Arbeiten wir an der Alternative, von der wir auch noch nicht wissen, wie sie aussehen wird.
Gruß Luise
Ganz so komfortabel sieht es laut dieser Grafik nicht aus:
http://www.bundeswahlleiter.de/de/europawahlen/EU_BUND_09/ergebnisse/bundesergebnisse/grafik_stimmenanteile_99.html
CDU/CSU kommen hiernach zusammen auf 37,9%, die FDP bringt noch 11 mit - sieht fast aus, wie: knapp daneben ist auch vorbei.
Diese Karte finde ich interessant, sie drückt das länderspezifische Wahlverhalten am Bsp. der Salonlinken, und damit eine Spaltung entlang der Grenze bis 1989 aus.
http://www.bundeswahlleiter.de/de/europawahlen/EU_BUND_09/ergebnisse/bundesergebnisse/themkarten/tk_stimmenanteile_l_99_29.html
Wer weiß, was bei Willy Brandt damals zusammengewachsen ist, als er seinen so oft kopierten Spruch äußerte-
vielleicht ein Fußnagel mit seinem Bett?
So gesehen, lieber Jochen, könnte man meinen, du habest mit deinem Aufruf sehr viele erreicht.
"Zum Thema Wahlbeteiligung muss man nichts mehr sagen." Die jw hat hier eine Aufschlüsselung, welche die geringe Beteiligung berücksichtigt:
http://www.jungewelt.de/aktuell/letztemeldung/2.php
ich finde es schade dass Du die 10,8% Sonstige so abtust und nicht auf den eigentlichen Skandal hinweist. Für eine nationale 5% Hürde auf EU Ebene gibt es keinen einzigen vernünftigen Grund. Zersplitterung ist halt auch Demokratie und vielleicht würde gerade das In-Die Verantwortung-Nehmen dazu beitragen dass sich bei den Kleinparteien die Spreu vom Weizen trennt. Mit meiner Petition (http://tinyurl.com/EuWahlPetition) und mit dem demnächst anstehenden Einspruch gegen die Eu-Wahl werde ich jedenfalls weiter versuchen die 5% Hürde dort abzuschaffen. Wenn dies gelingt und die Piraten oder andere beim nächsten Mal, ohne den "die schaffen es ja doch nicht Faktor", 3% plus X bekommen, könnten Sie dann auch in Deinem Sinne ein interessanter Bündnispartner und Faktor auf Bundesebene werden. Die Hoffnung stirbt zuletzt.
Hieran stört mich nicht das Menschen die es sich verdient haben Ihren Ruhestand geniessen.Mich stört das Menschen welche früher viele Ideale und Träume hatten und praktisch alles davon unvollendet gelassen haben heute real satt geworden sind.Und genau deshalb wollen die Mehrheit von Ihnen keine wirklichen Veränderungen.Wenn man in diesem Land also etwas bewegen will dann muss man diejenigen welche nicht wählen gehen für sich gewinnen (primär junge Leute welche entgegen der Meinung viele Träume,Ideale und WÜnsche haben).Dann hätte man eine Basis auf der man aufbauen kann bzw. einen bestimmten Bekanntheitsgrad.Alles andere ist verschwendete Zeit da wie Jochen schon richtig angemerkt hat die Geschehnisse der Zeit für die meisten anscheinend nur ein schlechter Traum zu sein scheinen, aus welchem Sie glauben mit nichts tun dennoch freudestrahlend wieder aufwachen zu können.Und die anderen wollen wie oben bereits beschriben einfach nur Ihre letzten Jahre in Frieden verleben und kümmern sich in keinster Weise um die Zukunft der nach Ihnen kommenden.Und genau deshalb schreibe ich ja immer wieder das es noch viel schlimmer kommen muss damit die wenigen welche noch nicht des denkens müde sind endlich wieder hinsehen.Alle anderen werden egal was Ihr tut auch weiterhin bewusst die Augen verschliessen und die "groosen Volksparteien" wählen, da alles andere an Ihrem Status Quo rütteln würde.
Ist schade aber genau das ist der Grund warum gerade die CDU noch viele Jahre in diesem Land mitmischen wird.Aber die Zukunft ist der Weg der SPD.Junge Leute können die schon lange nicht mehr für sich gewinnen.Und die Linke wird nur noch mehr zur Spaltung dieser Nation beitragen aber genau das ist ja auch Ihre Aufgaben wegen welcher auch ich Sie bei der Bundestagswahl wählen werde.
Ich schreibe das nicht weil ich abwarten und Däumchen drehen möchte.Sondern weil es momentan real keine Chance für wirkliche Veränderungen im grossen Stille in diesme Land gibt.Und damit das so bleibt wird die Grosse Koalition wie Uns allen klar ist denn Knall bis zum Sankt Nimmerleins Tag bzw. bis nach der Wahl verschieben.Und dennoch bin ich froh und auch sicher das Ihr weiterhin Eure Meinung sagt und versucht alles zu tun um Veränderungen herbeizuführen.Die Zukunft wird zwar dennoch keine rote bzw. linke sein aber ich finde das alle mal redlich und auch mutig.Darum ein weiter so von einem nicht linken der dennoch immer wieder gerne in Euren Blogs mitliest!
Ich möchte helfen, dies umzusetzen. Wer hat dazu Ideen?
Doch ich wäre sehr, sehr vorsichtig, zu behaupten, dass die CDU keine jungen Leute für sich gewinnen könnte. Es gibt noch so etwas wie den ländlichen Raum in Deutschland und der wird auf lange Sicht konservativ bleiben.
Problematisch für die SPD ist doch wohl vielmehr, dass sie bis auf ein paar Detailfragen dieselben Antworten parat hält wie die CDU.
Die Zukunft wird zeigen, welche Katastrophe die größere sein wird, die ökologische oder die soziale. Beides halte ich für möglich, beides halte ich für unüberwindbar, falls wir nicht unser Verhalten ändern, denn mit blindem Fortschrittsglauben allein, wird das nichts.