Von Peter Grottian höre ich immer gerne, und sei es auf Spiegel-online, wo er heute zum anstehenden Bildungsstreik interviewt wird. "Die Studierenden brauchen nicht unbedingt einen Hochschullehrer wie mich, aber es zeichnet diese Generation aus, dass sie Leute wie mich akzeptiert". Das sagt er, einer der bekanntesten und bedeutendsten deutschen Professoren. Noch ein wenig O-Ton: "Es ist überhaupt eine Besonderheit dieses Streiks, dass die Studenten niemanden ausschließen (...) Sie bleiben nicht unter sich, sondern protestieren gemeinsam mit den Schülern und beziehen Gewerkschaften und andere soziale Bewegungen ein. Diese Studentengeneration ist in jeder Hinsicht extrem sensibel: Sie will keine Machtballungen, sondern hat sich sehr bewusst für eine dezentrale Organisation des Streiks entschieden". Er kann das beurteilen, schließlich ist er seit über 30 Jahren Professor für Politikwissenschaft am Otto-Suhr-Institut der FU Berlin und hat zahllose Studierende kommen und gehen sehen. So wie mich übrigens.
Als ich Mitte der 80er Jahre nach einigen Semestern an zwei bayerischen Unis an die FU kam, landete man fast zwangsläufig am OSI. Es war überwältigend, wie hier studiert wurde. Nämlich vor allen Dingen interessenorientiert. Das hieß allerdings auch, dass man welche haben mußte, anstelle eines vorgegebenen Plans. Frauen wie ich wähnten sich im Nirwana für Emanzipierte! Das Studienangebot war phantastisch und es gab viele tolle Dozenten, wie Peter Grottian. Bei ihm mußten wir diskutieren, argumentieren, streiten, widerlegen, überzeugen, recht behalten und irren lernen. Und zwar immer schön auf Augenhöhe mit ihm. Er mochte seine Studierenden und forderte stets alles. Wir mußten über sämtliche Schatten springen. Da gab es kein klein sein, niedlich sein, Mädchen sein. Stöckelschuh und kurzen Rock trugen wir auch, aber ganz bestimmt nicht als Alternative sondern höchstens als Ergänzung zum Intellekt. Zum Schluß fanden wir das alles toll, wir waren groß geworden und reif für die Zeit nach der Uni. Zum Schluß machten sogar die Prüfungen mit Peter Spaß. Lehrer wie Peter Grottian sind mit das beste, was einem passieren kann im Leben. Solche Lehrer sollten alle haben.
"Ein alter Professor wie ich ist immer noch an Bildungspolitik interessiert (...) und die Zustände an den Hochschulen fordern einfach zum Protest heraus. Ich habe die Vorbereitungen seit September 2008 begleitet und hier und da einen Rat gegeben", sagt er (a.a.O.) So kennt man ihn. Er war nie einer, der im Elfenbeinturm sitzt und ab und zu seinen Talar entmuffen läßt. Da war nämlich nie einer! Immer hat er den Weg hinaus in die Welt gesucht und sich mit den Belangen der Menschen befaßt. Und wenn er es für richtig hielt, hat er auch mal zum öffentlichen Schwarzfahren aufgerufen, um für den Erhalt des Sozialtickets zu kämpfen. Ich freue mich immer, Peter Grottian zu treffen. Manchmal gehe ich zu Veranstaltungen, wo er redet, oder man läuft sich irgendwo im politischen Berlin über den Weg.
Im folgenden nun ein Auszug aus dem Aufruf zum Bildungsstreik 2009:
Die derzeitigen Zustände und Entwicklungen im Bildungssystem sind nicht weiter hinnehmbar! Weltweit sind Umstrukturierungen aller Lebensbereiche nicht mehr gemeinwohlorientiert, sondern den sogenannten Gesetzen des Marktes unterworfen. Seit ein paar Jahren ist auch das Bildungssystem in den Fokus solcher “Reformen” geraten: Bildungsgebühren und die Privatisierung treffen uns alle!
Die Finanz- und Wirtschaftskrise zeigt deutlich, dass die Auswirkungen wettbewerbsorientierter Entscheidungskriterien verheerend sind. In vielen Ländern protestieren Menschen dagegen, so z.B. in Mexiko, Spanien, Italien, Frankreich und Griechenland. In diesem internationalen Zusammenhang steht der Bildungsstreik 2009.
Ziel des Bildungsstreiks ist es, eine Diskussion zur Zukunft des Bildungsystems anzuregen. Des Weiteren sollen Möglichkeiten einer fortschrittlichen und emanzipatorischen Bildungs- und Gesellschaftspolitk aufgezeigt und durchgesetzt werden. Dem Einfluss der maßgeblichen politischen und ökonomischen Interessen im Bildungsbereich setzen wir unsere Alternativen entgegen:
•selbstbestimmtes Lernen und Leben statt starrem Zeitrahmen, Leistungsdruck und Konkurrenzdruck,
•freier Bildungszugang und Abschaffung von sämtlichen Bildungsgebühren wie Studiengebühren, Ausbildungsgebühren und Kita-Gebühren,
•öffentliche Finanzierung des Bildungssystems ohne Einflussnahme der Wirtschaft unter anderem auf Lehrinhalte, Studienstrukturen und Stellenvergabe
•und Demokratisierung und Stärkung der Mit- und Selbstverwaltung in allen Bildungseinrichtungen.
Auf der website
Bundesweiter Bildungsstreik 2009 kann man sämtlich Termine erfahren. Aktionen gibt es während der ganzen Woche, am Mittwoch ist Tag der Großdemos. In Berlin wird für nächste Woche, und zwar am Mittwoch, den 17.6. zur Großdemo aufgerufen. Start ist um 11.00 Uhr am Roten Rathaus.
Kommt massenhaft! Ich jedenfalls gehe hin. Und da wird auch mein Sohn sein, der sich in seiner 8. Klasse mit anderen politischen MitschülerInnen zusammengerottet hat, und da wird bestimmt auch Peter Grottian sein. Da bin ich doch dann in guter Gesellschaft. Freu mich schon!
Beste Grüße, Luise
Füe wirklich gute, engagierte, vor allem auch sozial empfindende Lehrkräfte, ob an Schulen oder Hochschulen, Unis bleibt da immer weniger Raum.
Sämtliche Abgänger aller dieser Einrichtungen sollen nur noch "marktkompatibel" und unterwürfig sein - und sonst nichts!
Es ist daher schon ein Glücksfall, wenn sich auch noch ein paar "alte Professoren" wie dieser Herr aus Berlin dieser Entwicklung in den Weg stellen.
Ich persönlich halte die meisten Forderungen des geplanten Bildungstreiks für durchaus berechtigt, diese Proteste müssen so viel Solidarität wie möglich bekommen.
Gruß Hansi
Die Ziele sind aber leider komplett verfehlt und spielen dem Markt in die Hände. Da haben sich wohl die Lehrergewerkschaften in den Vorbesprechungen stärker durchsetzen können als der humanistische Gedanke. Aber was nicht ist kann ja noch werden :)
Gruß Hansi
So könnte man statt "Kostenloser Bildung" eine kostendeckendes Bildungsgeld fordern. Tut man aber nicht - man gibt den Leuten, die die Bildung aktuell regieren (Bürokraten + Industrie) damit noch mehr Macht.
Statt Abschaffung des unmenschlichen Schulzwangs fordert man sogar ein Jahr länger.
Und dann spricht man von freier Bildung.
Da fühle ich mich natürlich schon ein bisschen beleidigt, zumal ich mich auf meinem Blog fast exklusiv mit freier Bildung beschäftige.
Obwohl ich jede Form des Widerstandes gegen unser "Bildungssystem" unterstütze, habe ich das Gefühl, dass hier die Lehrergewerkschaften sich sehr stark durchgesetzt haben.
Ob man jemals in dieser kapitalistischen Klassen/Ausbeutergesellschaft ein wirklich demokratisches Schulsystem schaffen kann, wage auch ich zu bezweifeln.
Dennoch sollte man immer wieder versuchen, auch unter den heute herrschenden Verhältnissen - welche ja von der Mehrheit der Leute nach wie vor akzeptiert werden(!) /siehe Wahlergebnisse(!!!) - Verbesserungen zu erkämpfen.
Auch solche, wo man erst so richtig Appetit auf noch viel mehr bekommt...
Gruß, Hansi
Ein kostendeckendes Bildungsgeld würde die Mitsprache von heute auf morgen komplett verändern. Es würde die Selektion abschaffen, da es keinen Sinn macht einen Lehrer zu bezahlen, der mir nichts bringt. Und natürlich die Abschaffung des Schulzwangs.
Dann hast Du freie Bildung - bis hoch in die Unis.
Anstatt dessen fordert man lauter kleine Zugeständnisse und hofft weiter auf das System - ja will sogar noch mehr Mittel für das System. Wenn ich der zuständige Kultusminister wäre, würde ich sogar mitprotestieren :)