Unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel wird am 18. Juni, das Thema „Milch“ beim Kamingespräch mit ihren europäischen Kollegen vorbringen. Um unsere Kanzlerin zu unterstützen, übernachten die Bäuerinnen vom 18./19. Juni in Brüssel!Und so fuhren sie während dieser Woche mit ihren Traktoren nach Brüssel, (übrigens nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus Belgien, Niederlande und Frankreich) und übernachteten tatsächlich in Sichtweite zum EU-Ratsgebäude. 1000 Traktoren in der Brüsseler Innenstadt, mehrere 1000 Bauern und Bäuerinnen dazu, Übernachtungen im Freien – wie fanden die EU-Bürokraten wohl diese Abwechslung vom sonstigen Alltag? Merkel und die Kollegen tagten und beschlossen, binnen 2-Monats-Frist eine Analyse der Situation des Milchwirtschaft vorzunehmen, einschließlich Optionen zur Stabilisierung des Milchmarktes. So weit, so naja.
Fairer Milchpreis anstelle von Subventionen
Die Bäuerinnen, die vor dem Kanzleramt in Sachen Milchpreis protestierten, sagten: wenn wir hier in Berlin nichts erreichen, dann fahren wir nach Brüssel. Erreicht hatten sie bis dato folgendes: die Kanzlerin versprach sich dafür einzusetzen, dass dem Thema Milchpreis beim EU-Gipfel hohe Priorität eingeräumt wurde. Dementsprechend heißt es im Aufruf der Bäuerinnen im Bundesverband deutscher Milchviehhalter e.V., der auf seiner homepage eine sehr gute laufende Berichterstattung liefert:
Ich bin ja beileibe keine Agrarexpertin, und Bäuerin bin ich auch nicht. Dennoch beschäftigt mich die Situation der regionalen Landwirtschaft sehr. Ich liebe nämlich gute Lebensmittel. Und ich unterstütze in jeder Hinsicht das, was man mit dem politischen Begriff der „Ernährungssouveränität“ zusammenfaßt. Entwickelt wurde dieser Begriff aus der Bewegung „La via campesina“ heraus. La via campesina (der bäuerliche Weg) ist eine internationale Bewegung von Kleinbauern und Landarbeitern. Die europäische Sektion heißt "Coordination Européenne Via Campesina" Ihre Ziele sind in Stichworten: Erhalt und Ausbau der bäuerlichen Landwirtschaft, die in erster Linie die regionale Versorgung gewährleistet, eine wichtige Rolle spielt hierbei auch eine gerechte Landverteilung, und außerdem wird der Einsatz von Gentechnik abgelehnt. „Ernährungssouveränität“ beinhaltet nicht nur Ernährungssicherheit, also eine zuverlässige Versorgung aller Menschen mit Nahrungsmitteln, sondern zusätzlich das Recht und die Möglichkeit, selbst zu produzieren, und berücksichtigt hierbei soziale, politische und kulturelle Konponenten. Selbstverständlich gehören die Kontrolle über die Produktionsmittel sowie Wasser, Land, Saatgut und andere natürliche Ressourcen dazu. Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft e.V. ist Mitglied bei La via campesina, und auch der Bundesverband deutscher Milchviehhalter e.V. diskutiert die Fragestellungen. Das finde ich gut.
Vor 25 Jahren gab es in Deutschland 300.000 landwirtschaftliche Betriebe, heute sind es noch 100.000. Bauernsterben nennt man das. Das heißt, bäuerliche Betriebe mußten der Agrarindustrie weichen. Gleichzeitig wurde das landwirtschatliche Erzeugnis immer mehr zum Handelsprodukt, das aufgrund vermehrter Exportaktivitäten zunehmend in die Fänge der WTO geriet. Das kann natürlich nichts Gutes bedeuten, wenn WTO im Dreiklang mit IWF und Weltbank die Herrschaft über die Ernährung der gesamten Menschheit erringen. Und genau dagegen geht der Kampf!
Nun wird manch einer an die riesige Menge der Agrarsubventionen denken, die gerade aufgrund einer EU-Verordnung veröffentlicht werden. (So ein Zufall aber auch!) Dem halten die Bauern entgegen: wir wollen keine Subventionen, wir wollen einen fairen Milchpreis, und dazu braucht es eine Senkung der Milchquote, anstatt deren Aufhebung! (Die Milchquote ist das Instrument zur Steuerung der produzierten Milchmenge, damit soll sowohl Milchknappheit als auch Überschuß verhindert werden. Die Bauern bezahlen für ihr Kontingent und dürfen nicht mehr produzieren, als ihr Kontigent erlaubt).
Das Zustandekommen des Milchpreises ist abgesehen vom Faktor Milchmenge auf dem Markt aber nahezu undurchschaubar. Die Subventionen dienen nach meinem Verständnis auch als Steuerungs- und Herrschaftsinstrument. Alles in allem kann man als normaler Mensch die Preise landwirtschaftlicher Produkte nicht verstehen. In einem Bericht von Frontal 21 kommt ein Bauer zu Wort, der gerade dabei ist, seine Milchviehwirtschaft aufzugeben, weil er auf einen Stundenlohn von 1 Euro kommt und dies nicht durchzuhalten sei. Stattdessen plant er nun eine Biogasanlage.
In diesem Zusammenhang berichtet er: 1 Tonne Weizen kostet ca. 95 Euro, 1 Tonne Müll 280 Euro. Der Milchpreis liegt irgendwo dazwischen. Und im Zusammenhang mit der Biogasanlage sagt er noch: 1 Tonne Mist kostet 600 Euro. Sein Resultat: Die Welt ist vollkommen aus den Fugen geraten. Da müsse man doch schon wieder lachen. Ich füge noch an: ein lustiges Lachen klingt anders.
Machen wir uns bewußt: die Bauern kämpfen wahrlich nicht nur um den Erhalt ihrer Höfe. Ihr Kampf gilt auch in einem umfassenden Sinn der Sicherung unserer gesunden Ernährung. Und das geht uns alle an.
Vor 25 Jahren gab es in Deutschland 300.000 landwirtschaftliche Betriebe, heute sind es noch 100.000. Bauernsterben nennt man das. Das heißt, bäuerliche Betriebe mußten der Agrarindustrie weichen. Gleichzeitig wurde das landwirtschatliche Erzeugnis immer mehr zum Handelsprodukt, das aufgrund vermehrter Exportaktivitäten zunehmend in die Fänge der WTO geriet. Das kann natürlich nichts Gutes bedeuten, wenn WTO im Dreiklang mit IWF und Weltbank die Herrschaft über die Ernährung der gesamten Menschheit erringen. Und genau dagegen geht der Kampf!
Nun wird manch einer an die riesige Menge der Agrarsubventionen denken, die gerade aufgrund einer EU-Verordnung veröffentlicht werden. (So ein Zufall aber auch!) Dem halten die Bauern entgegen: wir wollen keine Subventionen, wir wollen einen fairen Milchpreis, und dazu braucht es eine Senkung der Milchquote, anstatt deren Aufhebung! (Die Milchquote ist das Instrument zur Steuerung der produzierten Milchmenge, damit soll sowohl Milchknappheit als auch Überschuß verhindert werden. Die Bauern bezahlen für ihr Kontingent und dürfen nicht mehr produzieren, als ihr Kontigent erlaubt).
Das Zustandekommen des Milchpreises ist abgesehen vom Faktor Milchmenge auf dem Markt aber nahezu undurchschaubar. Die Subventionen dienen nach meinem Verständnis auch als Steuerungs- und Herrschaftsinstrument. Alles in allem kann man als normaler Mensch die Preise landwirtschaftlicher Produkte nicht verstehen. In einem Bericht von Frontal 21 kommt ein Bauer zu Wort, der gerade dabei ist, seine Milchviehwirtschaft aufzugeben, weil er auf einen Stundenlohn von 1 Euro kommt und dies nicht durchzuhalten sei. Stattdessen plant er nun eine Biogasanlage.
In diesem Zusammenhang berichtet er: 1 Tonne Weizen kostet ca. 95 Euro, 1 Tonne Müll 280 Euro. Der Milchpreis liegt irgendwo dazwischen. Und im Zusammenhang mit der Biogasanlage sagt er noch: 1 Tonne Mist kostet 600 Euro. Sein Resultat: Die Welt ist vollkommen aus den Fugen geraten. Da müsse man doch schon wieder lachen. Ich füge noch an: ein lustiges Lachen klingt anders.
Machen wir uns bewußt: die Bauern kämpfen wahrlich nicht nur um den Erhalt ihrer Höfe. Ihr Kampf gilt auch in einem umfassenden Sinn der Sicherung unserer gesunden Ernährung. Und das geht uns alle an.
Tags für diesen Artikel: bauern, ernährung, eu, fairer preis, landwirtschaft, milchpreis, protest, subventionen, wto
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Duckhome am
09/18/09 um 05:35
Bauernaufstand in Europa
Fest steht, dass die Bauern sich auf bemerkenswerte Weise international solidarisiert haben und sich auf einen sehr schwierigen Kampf eingelassen haben. Denn es wird ja wohl niemand glauben, sie würden leichtfertig das Lebensmittel, das sie produzieren, v ...
Fest steht, dass die Bauern sich auf bemerkenswerte Weise international solidarisiert haben und sich auf einen sehr schwierigen Kampf eingelassen haben. Denn es wird ja wohl niemand glauben, sie würden leichtfertig das Lebensmittel, das sie produzieren, v ...













Und keinesfalls, um über Generationen und Jahrzehnte hinweg Betriebe (auch Bauernhöfe), die eiegntlich gar nicht mehr überlebensfähig sind, künstlich am Leben zu erhalten.
Die EU hat aber grundsätzlich das Problem, zu viele Agrarstaaten als Mitglieder zu haben (was sich nach der letzten EU-Osterweiterung noch verschlimmert hat).
Außerdem vermute ich stark, dass bei etlichen Agrarprodukten bei vernünftigen Marktpreisen (also ohne jegliche Subvention) die Nachfrage so stark einbrechen würde, dass auch dann etliche Betriebe in die Insolvenz gingen.
Eine Patentlösung habe ich auch nicht anzubieten, aber grundsätzlich wird man die erzeugten Mengen drastisch reduzieren müssen (wir haben innerhalb der EU bei fast allen Agrarprodukten massive und weit über den Eigenbedarf hinaus gehende Überproduktionen. Die wir dann zu Schleuderpreisen exportieren, damit teilweise die Agrarmärkte in der Dritten Welt ruinieren und anschließend diesen ruinierten dafür Ländern wieder Entwicklungshilfe zahlen (ein an Schwachsinn kaum zu überbietender Kreislauf).
Welche Lösung man aber auch immer wählen wird, ein Abbau der Agrarsubventionen wird automatisch auch ein größeres Sterben an Betrieben in der Landwirtschaft nach sich ziehen.
Aber ein Gesundschrumpfen des Agrarmarktes in der EU ist mittelfristig unvermeidbar, der Anteil der Agrarsubventionen am EU-Haushalt ufert immer mehr aus und muss gesenkt werden.
Zumal Angesichts der derzeitigen Wirtschaftskrise auch damit gerechnet werden muss, dass das eine oder andere EU-Mitgliedsland seinen Anteil am EU-Haushalt senken wird.
Das zieht ein Bauernsterben nach sich - aber nur der kleineren Höfe. Die großen werden sich die Anbauflächen "aneignen" und wie wild weiter produzieren. Mit den bekannten schädlichen Folgen, für uns und die durch Exporte bedachten Länder und deren einheimischer Landwirtschaft.
Das Konzept "Ernährungssouveränität" basiert auf der Idee einer regional versorgenden Landwirtschaft und ebnet damit auch einen Weg zum Ausstieg aus dem verrückten neoliberalen System.
Noch ein Wort zur Verringerung der Mengen: auch der zunehmende Übergang zum Produzieren von Energie (anstatt von Lebensmitteln) wird eine Mengenverschiebung nach sich ziehen. Hoffentlich werden wir nicht eines Tages zu wenig einheimische Lebensmittel haben ... und dann?
Luise
Noch hat die EU eine Überproduktion von so ziemlich allem, was in Europa anbaubar und züchtbar ist.
Sollte es in Deutschland also einmal zu einem Mangel an - sagen wir mal an Kartoffeln - kommen, dann sind innerhalb (und außerhalb) der EU genügend Anbieter mit Freuden bereit, uns ihre Überschüsse zu verkaufen.
Sogar wenn es zu einem Engpass kommen sollte und keiner bereit wäre, uns etwas zu verkaufen (was ja nur bei Grundnahrungsmitteln wirklich kritisch wäre, bei allen anderen Nahrungsmitteln würde es nur einen Verzicht auf etwas Luxus bedeuten) sollte es einer fortschrittlichen Industrienation wie Deutschland doch möglich sein, von einer Erntesaison auf die andere stillgelegte Anbauflächen wieder zu bebauen. Wir reden also von einem Timelag von maximal einer Erntesaison.
Aber selbst eine Reduzierung des Agraranbaus auf die Mengen, die wirklich für die Eigenversorgung benötigt werden (Agrarexporte werden ohne Subventionen zu Weltmarktpreisen ohnehin nicht rentabel sein) käme sicherlich auch der Umwelt zu Gute: mehr Brachland, weniger Düngung, weniger Insektizide und Pestizide, bessere Grundwasserqualität, usw.
Das kleinere Bauernhöfe nicht mehr rentabel sind ist ein Phämomen unserer Zeit und betrifft nicht nur die Bauern, auch in anderen Branchen sind kleine und kleinste Einheiten nicht überlebensfähig.
Und diejenigen, die den Tante-Emma-Läden nachtrauern, sind meistens die gleichen, die dann doch lieber im nächsten Supermarkt einkaufen gehen.
Hier eine ökologisch perfekte Brachfläche, und dort die Anbaufläche, die komplett der Agroindustrie überlassen ist, für schöne Gen-Kartoffeln und Gen-Mais, von Chemie ganz zu schweigen.
Dafür plädierst Du!
Und wofür plädiere ich? Für eine Landwirtschaft, die genau dazwischen liegt: durch örtliche Bauern und Verbraucher selbst bestimmt, sinnvolle Mengen produzierend, die regionale Kulturlandschaft erhaltend. Selbst wenn das momentan ein wenig zu optimistisch klingt: es ist der einzige Weg, jemals dahin zu kommen.
Tante-Emma-Läden waren Höfe mit 5 Kühen. Die gibt es schon lange nicht mehr. Wir sprechen hier von eine Größenordnung von 60, 80 oder 200 Kühen. Diese mittleren Betriebe sind auch aus wirtschaftlichen Gründen gezwungen, Kühe zu halten, die 8000 l Milch im Jahr geben, und nach 4 Jahren ausgelaugt sind. Das könnte man bei einem fairen Milchpreis auch wieder ändern, und zu Kühen zurückkehren, die 4000 l Milch geben und dafür doppelt so lange "produzieren" können. Dies nur als Anmerkung zum Thema Überproduktion.
Aber für all das muß man bereit sein, ein wenig differenziert zu denken.
Luise
Gute Frage. Auf jeden nicht dafür, dass es so weitergeht wie bisher.
Ich bin ganz sicher kein Befürworter von Hochleistungslandwirtschaft um jeden Preis, genmanipulierten Nutzpflanzen und Tieren stehe ich absolut ablehnend gegenüber.
Beim jetzigen Zustand der Landwirtschaft müsste der Verbraucher aber eigentlich alles kostenlos bekommen, schließlich hat er es über die Subventionen bereits bezahlt.
Und das hochsubventionierte Branchen auch noch Gewinne abwerfen (egal, ob die dann über Dividende an Aktionäre ausbezahlt oder ob ein Familienbetrieb diese Gewinne behält) ist ganz sicher nicht Sinn der Sache, denn solange Gewinne möglich sind sollten Subventionen ja wohl unnötig sein. Tatsächlich werden diese Gewinne natürlich aus den Subventionen finanziert, man müsste also eigentlich jedem Subventionsempfänger die Subventionen um die Höhe der Gewinne kürzen.
Klar ist, das europäische Subventionsunwesen kann so nicht weiter gehen, auch nicht im Bereich der Agrarwirtschaft.
Und ebenfalls klar ist, dass ein Abbau der Überkapazitäten auch mit einem Abbau der Erzeugerbetriebe einhergehen wird. Das läßt sich vielleicht zu einem Teil dadurch kompensieren, dass man einen Wandel herbeiführt indem man Qualität und nicht mehr nur Quantität subventioniert (was dann wiederum die Frage der Qualitätskontrolle aufwirft, Quantität läßt sich sehr viel leichter messen als sich Qualität bewerten läßt).
Ich gebe Dir recht, das maßvolle Subventionen für strukturschwache Gebiete oder zur Qualitätsförderung (die ja auch der Volksgesundheit zu Gute käme) sinnvoll sein kann.
Trotzdem wird eine tiefgreifende Reform der Subventionspolitik immer den Verlust von Arbeitsplätzen bzw. in der Landwirtschaft auch den Untergang von Familienbetrieben bedeuten, dass ist imho unvermeidbar.
Da aber wirkliche und sinnvolle Reformen sowieso nicht kommen werden (man muss sich ja nur die diversen Jahrhundertreformen in der Altersversorgung, der Gesundheitspolitik und im Steuerrecht ansehen), streiten wir hier eigentlich um des Kaisers Bart. ;-)
Schönen Sonntag noch, Luise