Das weder die neue Linke noch andere Gruppen die angeblich für Dezentralität standen, es geschafft haben, diese Sache auch nur ein Stückchen weiter zu bringen, ist ebenfalls eine Tatsache und wird von ihm beschrieben.
So streiken Erzieherinnen für bessere Arbeitsbedingungen, Ärzte für eine angemessene Kostenerstattung, Krisenopfer wie Opel-Mitarbeiter für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze, Studenten und Schüler für einen neuen Bildungskodex, Anhänger moderner Medien streiten gegen Zensur. Jeder für sich, jedem das Seine! Was verkannt wird ist die Essenz jeglicher Unzufriedenheit - dies wird nicht verkannt, sondern verkannt gemacht, verschleiert und versteckt. Denn es geht nicht um Partikularinteressen, diese sind lediglich Randerscheinung. Was als Grundlage dient, ist ein generelles Umdenken, eine Zurückführung der Politik und eine Hinführung der Wirtschaft in ethischere, humanere Kategorien. Weg von der absoluten Verwurstung von Arbeitskraft! Weg von der rigorosen Ausbeutung natürlicher Ressourcen! Weg von der gelegentlich latenten, gelegentlich ungenierten Menschenverachtung moderner Wirtschaftspolitik! Weg von der Knechtung anderer Völker! Weg von Kosten-Nutzen-Kalkül in sozialen Bereichen der Gesellschaft! Der Mensch hat nicht mehr in erster Linie Angestellter und Arbeitskraft zu sein, sondern autonomes Wesen, Mensch mit allen Facetten, mit Schwächen und Vorlieben. Es ist im Kern, auch wenn es vielen Demonstrierenden vielleicht gar nicht bewusst ist, eine radikale Basis, die künstlich geteilt wird, um beherrschbar zu bleiben.
Damit hat er den Finger in die offene Wunde gelegt. Ich bin allerdings etwas optimistischer als er, eben weil ich ein Pessimist bin.
Die Wirtschaft geht mit einer rasanten Geschwindigkeit den Bach herunter. Die Entwicklung ist fast deckungsgleich wie bei der großen Depression. Alles Geld was die Krise angeblich aufhalten soll, geht in die Gewinne der Banken und des Großkapitals, während die Realwirtschaft, weltweit ausgetrocknet wird.
Das bedeutet im Klartext, dass die große Depression ein Witz gegen das war, was uns jetzt erwartet. In den Städten wird es zu offenem Aufruhr und Plünderungen kommen, auf dem Land und in den "besseren" Stadtteilen, in denen sich die Menschen noch kennen, kommt es zur Organisation gegenseitiger Hilfe.
Egoismus macht ja nur solange Spaß, wie er Vorteile bringt. Für Bereiche wie die neuen Bundesländer aber auch im Agrarbereich der alten Länder wird es spontane Landnahmen geben und lokale Selbstversorgung wird das bestehende System nicht nur hinterfragen, sondern ersetzen.
Es muss uns leider nur erst schlecht genug gehen, um uns auf unsere Tugenden zu besinnen.
Im Gegensatz zur großen Depression haben wir übrigens einen riesigen Vorteil. Wir haben das Internet, dass sie nicht besiegen können, weil sie es nicht verstehen und weil sie es selber brauchen.
Im Netz liegt fast jede Information zu jedem Thema das wichtig sein könnte. Von der Holzbearbeitung über die Schmiede bis zur Produktion der wesentlichen Medikamente. Das Netz bedeutet Dezentralität des Wissens. Der eigentlich Rohstoff ist nämlich Wissen. Die Grundlage für Bildung ist die Fähigkeit zu vermitteln, wie man sich dieses Wissen aneignet.
Die Vorteile der Dezentralität hat De Lapuente auch so umfassend aufgeführt, dass sie keiner Ergänzung mehr bedürfen.
Innerhalb kleinerer Verwaltungseinheiten sah und sieht man das Individuum besser versorgt, kleine Gruppen würden auch nicht willkürlich über die Not vereinzelter Gruppenmitglieder hinweggehen. Kleinere Einheiten, die die Abstraktion des Zentralismus nicht kennen, könnten leichter einen Konsens finden, der jedem einigermaßen gerecht würde. Wenn es dem direkten Nachbarn schlecht erginge, wäre die Hilfe sicherlich fröhlicher und freimütiger verteilt, als wenn ein niedersächsischer Bauer für seinen Kollegen in Mecklenburg-Vorpommern bezahlt, oder ein deutscher Landwirt für einen Berufskollegen aus Portugal.
Natürlich gibt es mächtige Gegner einer Dezentralisierung. Da sind zunächst die Großkonzerne, die anstatt praktisch konkurrenzlos die ganze Welt über einen unpassenden Kamm scheren zu können, sich plötzlich mit den unterschiedlichsten Produktanforderungen konfrontiert sähen, die ihre ganze Art des wirtschaftens ad absurdum führt. Der Kleinbetrieb der direkt auf die Kundenbedürfnisse eingeht, wäre klar im Vorteil.
Damit wären aber auch Innovationen Tor und Tür geöffnet, die in Großbetrieben lieber unterdrückt werden, da sie eine Gefahr für laufende Produkte, sogenannte Cash Cows bedeuten und eben auch immer ein Risiko des Fehlschlags beinhalten. Das ganze System der Arbeitgeberverbände, die ja doch nur die Großkonzerne vertreten, der Handelskammern und der bösartigen Propagandaschleudern wie INSM und Bertelsmannstiftung wäre erledigt.
Lobbyismus funktioniert generell nicht dezentral, weil zu viele Entscheidungsträger gekauft werden müssten. Das bedeutet, das natürlich auch die Politik, oder besser die Parteisklaven und ihre Führungen, gar nicht begeistert über dezentrale Systeme sind. Es würde ein wesentlicher Teil der Einnahmen wegbrechen und auch der Einfluss der Parteien würde sich marginalisieren.
In der Kommunalpolitik, zumindest in den kleineren Kommunen geht es fast nie um den angeblichen politischen Gegner. Tatsächlich versuchen alle politischen Kräfte die Interessen der Gemeinde so gut es eben geht gegenüber, Kreis, Regierungsbezirk und Land zu vertreten. Über den Bund wird da bestenfalls geschimpft, weil er dauernd vernünftige Wege und Lösungen verhindert. Ansonsten kommt die Bundespolitik auf Arbeitsebene in den Kommunen nicht vor.
Die Parteien könnten in einer dezentralen Welt nicht fortgeführt werden, die Wähler würden die Kontrolle über ihre Abgeordneten zurück, oder eigentlich erstmals erhalten, weil sie Wahl und Abwahlmöglichkeiten hätten, vor allem aber weil sie in kleinerem Maßstab viel mehr über ihre Mandatsträger wissen, bevor sie sie wählen.
Aber auch die Verwaltung sträubt sich. In einer dezentral organisierten Welt, würden in Deutschland die Bundesländer vollständig entfallen. Regionen, wie z.B. Regierungsbezirke, Kreise und Kommunen würden an ihre Stelle treten und aus ihren Reihen einen ständigen Bundesrat wählen.
Dezentralität bedeutet aber auch, dass die Steuern in der Kommune anfallen und von dort aus weiterverteilt werden, nachdem eigenen Pflichten erfüllt sind. Das Finanzwesen würde also von dem Kopf auf dem es jetzt steht, wieder auf die Füße gestellt werden. Natürlich würde es sehr schnell dazu kommen, dass sich der Bund wirklich nur noch auf Bundesaufgaben konzentriert und sehr viele Aufgabenbereiche verliert.
Als einzige neue Zentralinstanz gäbe es ein Bildungsressort, dass sich um die Aufgabenstellung für die jährlichen bundesweit gleichen Prüfungen für alle Klassen und deren Verteilung kümmert. Selbstverständlich wären die Ergebnisse, bis auf die Benotung einzelner Schüler öffentlich, so dass die Bürger entscheiden können, welche Bildungseinrichtungen gut sind, und welche nichts taugen.
Das wird einen Teil der Lehrer nicht begeistern und vermutlich werden viele Bürger immer mal wieder für eine Zeit lang Unterricht erteilen, um ihre Fähigkeiten weiterzugeben. Andere werden immer mal wieder in die Forschung und Entwicklung gehen, um neue Ideen weiterzuentwickeln und ihre Machbarkeit zu prüfen.
Am härtesten wird es die Gewerkschaften treffen, die es sich so gemütlich gemacht haben in einem Beziehungsgeflecht zwischen Beitragseinnahmen, politischer Nähe zu Parteien und deren Führungen sowie den Arbeitgebern, oder besser den Vertretern der Großkonzerne, mit denen sie ja nicht nur an einem Tisch sitzen und über die Arbeitnehmer scherzen, sondern sich auch gemeinsam in den Whirlpools der gleichen Bordelle auf Kosten der Arbeitgeberseite tummeln.
Dabei macht es keinen Unterschied, ob es sich um einen Platz in einem Whirlpool oder einen kostenlosen Urlaubsflug handelt. Selbstverständlich würde sich auch die Landwirtschaft vollständig ändern. Der kleine ökologische Biohof wäre die vernünftigste Form. Er beliefert sein Umfeld und die erzeugten Mengen müssen sich dort absetzen lassen.
Natürlich müssen die Städte versorgt werden, aber dazu sind keine Transporte über mehr als 100 km notwendig. Die Schlachtung erfolgt wieder vor Ort und es gibt eben Erdbeeren nur zur Erdbeerzeit. Das sind sicherlich harte Einschnitte, wenn man nicht jeden Tag Hummer und Erdbeeren haben kann. Allerdings betrifft dieses Problem nur einen relativ kleinen Teil der Menschheit.
Der dramatischste Wechsel wird in der Energiewirtschaft stattfinden. Dezentralität ist da nicht nur eine Chance sondern die Befreiung schlechthin. Kommunen die sich mit ihren Ressourcen auf Selbstversorgung einigen, haben heute das Problem, dass sie mit künstlichen Kosten für Leitungsnutzung in die Unwirtschaftlichkeit getrieben werden.
Kommunale Anschlussverpflichtungen an ein lokales Fernwärmenetz werden von Gerichten aber auch von der Politik verhindert, was einen Großteil der Effizienz raubt. Selbst die gute alte Holzheizung erzeugt heute urplötzlich zu viel Feinstaub, während die Millionen Tonnen von Reifenabrieb für sinnlose Transporte natürlich bedeutungslos sind.
Eine dezentrale Gesellschaft sieht völlig anders aus als unsere jetzige. Sie ist aber auch kein Selbstläufer. Immer wird es in solchen Gemeinschaften den örtlichen Napoleon geben, der alle Macht an sich zu reißen versucht. Aber das Problem stellt sich in jeder Gemeinschaft und es ist ein ewiger Kampf, solche Leute so einzubinden, dass sie ihre Energie zum Nutzen aller einsetzen.
Es wird auch immer die Lauen geben, die nichts einbringen, aber alles fordern. Die Menschen selbst werden sich zunächst nicht ändern. Aber es ist leichter auf die Menschen im direkten Umfeld einzuwirken und Leute zu sammeln die mit demokratischen Mitteln, Fehlentwicklungen zurückdrehen oder noch besser vermeiden. Der Kampf geht immer weiter, aber er ist leichter zu führen.
Grüne und Linke haben ja mal das hohe Lied der Dezentralisierung gesungen. Aber das waren Leute, die in der heutigen Linken und bei den Grünen, bestenfalls noch schweigendes Mitglied im Ortsverein
Hallig Hooge sein dürfen. Die Grünen wie die Linken werden massiv als Gegner der Dezentralisierung auftreten, weil sie ihnen jede Chance auf Macht nimmt.
Am Ende aber wird diese Welt dezentral funktionieren und sie wird besser funktionieren als es die zentral diktierte jemals zuvor konnte. Das einzige wirkliche Wirtschaftsgut bei dem es sich lohnt damit globalen Handel zu treiben, oder besser es einfach nur kostenlos global zur Verfügung zu stellen, ist Wissen. Wissen lässt sich über das Internet verbreiten. Zensurversuche und sperren funktionieren nur, wenn jemand die Leitungen und die Knoten besitzt, aber die würden in der neuen Welt den Kommunen, also allen gehören. Das wäre echte Freiheit und Demokratie.
[url]http://www.bertelsmannkritik.de/oekonomisierung.htm#ressourcenverwaltung
[/url]
Im übrigen fände ich es schön,wenn sich erstmal eine LINKE parlamentarische Kraft bilden könnte, bevor im Vorfeld immer wieder ihr Versagen heraufbeschwört wird.
Roberto spricht ja eben von einer Zentralisierung des Widerstands.
Solange sich nun aber lokale, dezentrale Bewegungen gegen eine Zentralisierung des Widerstands stellen, sei es weil sie Eigeninteressen verfolgen oder warum auch immer, solange jeder nur für sich und seine Interessen kämpft, wird der Kampf für Gerechtigkeit ad absurdum geführt!
Das wird einen Teil der Lehrer nicht begeistern und vermutlich werden viele Bürger immer mal wieder für eine Zeit lang Unterricht erteilen, um ihre Fähigkeiten weiterzugeben.
Es wird versucht überall die "verlässliche Schule" einzuführen. Viele Eltern sprechen sich jedoch dagegen aus. Mit ein Punkt der zur Gegenwehr der Eltern führt ist, dass Eltern als Lehrerersatz mit einkalkuliert werden sollen. Jedoch werden die Eltern in soweit eingeschränkt, dass sie eben kein Wissen weitervermitteln dürfen, sondern als Aufsichtsperson fungieren sollen. Sprich, fällt eine Lehrkraft aus und steht kein Ersatz zur Verfügung, werden bereitwillige Eltern an deren Platz gestellt, die allerdings nur darauf zu achten haben, dass die SchülerInnen an ihrem Platz bleiben und ihre Arbeit verrichten. Selbst Fachspezifische Hilfe, beim Lösen von Aufgaben, darf von den eingesetzten Eltern nicht erteilt werden.
Im Endeffekt spart man Geld, welches man ausgeben müsste um genügend Lehrer für den Unterricht zur Verfügung zu stellen. Die Kinder ziehen mit "dieser" Regelung wieder den Kürzeren. Ich bin der Meinung, dass man Eltern - so fern sie dazu in der Lage sind - die Option offen hält auch Wissen an SchülerInnen vermitteln zu dürfen, alles andere wäre ineffizient.
Tatsächlich erteilen alle Eltern zu Hause zumindest Nachhilfe. Hier geht es z.B. gerade in einem Gespräch mit den Kindern um das Skelett des Menschen.
Umbrucksituation oder große gesellschaftliche Katastrophen vollziehen sich nicht in einem kurzen Zeitraum.
Es dauert lange, nehmen wir z.B. das Römische Reich. Das ging nicht an einem Tag unter, das wurde von der Mitte aus löcherig. Es gibt gerade für diese Zeit viel Literatur, aus der man Rückschlüsse auf heute ziehen könnte.
Über lange Jahrhunderte gab es immer wieder Rollbacks, und Abdriften in katastrophische Zyklen.
Aber eines hatten alle diese Zyklen gemeinsam. Sicher war man in den Städten, unsicher auf dem Land. Wo in den Städten Versorgung, Infrastruktur und Verwaltung noch, nun auf dezentraler Ebene funktionierten und auch durchaus mit den häßlichen Begleiterscheinungen des Untergangs, herrschte auf dem Land Chaos. Marodiernde Söldnerbanden werden uns auch in Zukunft kein glücliches Landleben schenken, und wer glaubt, sie mittels von drei Feurwaffen und Pfeil und Bogen in Schach halten zu können, lebt in einer gefährlichen Illusion.
Landleben ist arbeitsintensiv, man hat keine Zeit sowohl Wache zu schieben als auch Land zu bestellen.
Und Arbeitsteilung führt zu mehr Essern.
Es nervt mich als Historiker immer wieder, wenn hier das Märchen von den sichern Landkommunen erzählt wird.
Wie glaubt ihr eigentlich ist der Feudalismus entstanden?
Gruß bel
Die römischen Städte waren deutlich kleiner als die heutigen, was gleichzeitig auch weniger Gefahr bedeutet.
Für die heutigen Städte braucht man sehr viel mehr um die Versorgung sicher stellen zu können als damals und die Verteidigung ist auch praktisch unmöglich, weil die Lebensmittel nicht mehr in den Städten gelagert werden, sondern auf dem Lande.
Natürlich wird es Feudalismus geben. Wo Menschen sind, sind auch immer Gefahren einer Fehlentwicklung. Aber ein Feudalherr im Zeitalter der Massenkommunikation, müsste schon sehr gut sein.