Eigentlich wollte ich mich an dieser Stelle nochmal richtig schön aufregen. Über die Arroganz der Europäer im allgemeinen. Über ihre Anmaßung, den Wert des Protestes im Iran beurteilen zu können im besonderen. Ich wollte auch nochmal sehr selbstkritisch hinterfragen, was wir Besser- bzw. Alleswisser während der letzten 20 Jahre getrieben haben. Waren wir im Widerstand? Haben wir den Neoliberalismus verhindert? Größtenteils hatten wir uns alle ganz gut arrangiert, wollte ich sagen. Und dass die crème Proseccosaufend beim Italiener rumlungerte. Soll bloß keiner von uns so tun, als könnten wir Phoenix-gleich aus dem Neoliberalismus auferstehen – und schwupps – schon befänden wir uns im besseren Leben. Ist es nicht vielmehr so, dass wir gar keine Vision vom besseren Leben haben?
Den Widerständischen im Iran oder anderswo, - unseren demonstrierenden Jugendlichen hier vor Ort oder anderswo, - den vielen Streikenden, - denjenigen, die keine Kraft mehr zum Protest haben, den Resiginierten – was haben wir ihnen zu sagen? Wie sieht er aus, unser Zukunftsentwurf? Ja, ja. Der Weg ist das Ziel. Auch so ein Spruch, der sich eine Zeitlang sehr gut machte. Und was ist, wenn wir bei der ersten Kreuzung wie die aufgescheuchten Hühner hierhin und dorthin laufen?
Die Wahl im Iran und die hiesigen Reaktionen auf die anschließenden Proteste glichen einem kopflosen Gerenne. Aufs Treppchen kam, wer am lautesten dabei schrie! Und unsere hartnäckigsten Patriarchatsverherrlicher hatten auch die Gunst der Stunde erkannt, um im allgemeinen Kampfgetümmel schnell ihre Losung zu platzieren. Stimmts, Männer? Entschuldigung, aber ihr habt sie doch nicht mehr alle! (Kurzes statement von mir: die Zukunft wird überall auf der Welt von Männern und Frauen gemeinsam besprochen werden, die willens und fähig zu gleicher Augenhöhe sind.) Zum Glück hat sich inzwischen ein wenig Distanz und Realitätssinn eingestellt und man bekommt die eine oder andere kühle Analyse zur Situation im Iran präsentiert. Bleibt das Unbehagen über unsere eigene geistige Verfaßtheit.
Mitten während dieser Überlegungen fiel mir eine Stelle im Goldenen Notizbuch von Doris Lessing ein. Sie handelt von der Dummheit. Und weil ich dieses Bild, das sie entwirft, so aussagekräftig finde, gebe ich es hier zum besten. Ich erspare mir mein Gezeter und denke stattdessen noch ein wenig über die sonderbare Arbeit der Felsenwälzer nach. Vielleicht auch über die großen Männer oben auf der Bergspitze, (dem Gipfel der Dummheit...).
Weder Kannibale noch Opfer, - sie werde Felsenwälzer, sagt die Frau zum Mann. Was das sei, fragt er. Und sie antwortet:
„Es gibt einen großen schwarzen Berg. Das ist die menschliche Dummheit. Es gibt eine Gruppe von Leuten, die einen Felsbrocken den Berg hinauf wälzen. Wenn sie ein paar Meter hochgekommen sind, gibt es einen Krieg oder die falsche Revolution, und der Felsbrocken rollt hinunter – nicht ganz hinunter, er bleibt immer ein paar Zentimenter oberhalb der Stelle liegen, wo er zuletzt lag. Also drücken diese Leute ihre Schultern gegen den Felsbrocken und beginnen ihn wieder hinaufzuwälzen. Währenddessen stehen ein paar große Männer auf der Bergspitze. Manchmal blicken sie hinunter und nicken und sagen: Gut, die Felsenwälzer sind noch an der Arbeit. Aber inzwischen grübeln wir über den Weltraum nach, oder wie es sein wird, wenn die Welt voll von Leuten ist, die nicht hassen, sich nicht fürchten und nicht morden.“
PS:
Kaum schließe ich diesen Eintrag, gibt es lustige Thesen von Doris Lessings Neffen. Gregor Gysi.
Spiegel-online (tschuldigung, schon wieder) vermeldet: "Er wünsche sich manchmal, ´nicht jeder bei uns fühlte sich berufen, Weltpolitik zu machen`" und meint mit jeder wohl die Ideologen und Sektierer aus dem Westen. Richtig, Gregor Gysi, nicht jeder ist berufen, bei den "großen Männern auf der Bergspitze" zu stehen. Und das mit dem schlechten Rotwein ist auch peinlich. Aber woher weiß er, dass es nur Petting gab? (Wer hat denn hier gepetzt, Mädels?) Und noch eine Kleinigkeit: wußte gar nicht, dass im Osten immer guter Rotwein getrunken wurde. Na sowas.
Genau da liegt in meinen Augen momentan das Hauptproblem. Wir haben keine Vision. Manche versuchen es mit einem Blick zurück. Das halte ich aber nicht für visionär. So bleibt es denn auch beim weiteren "Felsenwälzen".
Was den guten Rowein betrifft, so kann ich Dir da gerne antworten. Es gab, für die werktätigen Arbeiter und Bauern, etwas, das als Rotwein etikettiert war. Diese Getränk wurde in der Regel mit dem Argument "Hauptsache macht dumm in der Birne" genossen. Sollte Herr Gysi seinerzeit in den Besitz guten Rotweines gekommen sein frage ich mich woher. Schließlich hatten wir doch in der DDR keine Klasse, die besser war als die arbeitende Klasse.