Ökonomisierte Kinder
Von Roberto J. De Lapuente auf ad-sinistram.blogspot.com am 6. Juli 2009
Die bayerischen Grundschulen informieren, dass es „Hitzefrei ab 27 Grad Außentemperatur“ zukünftig nicht mehr gibt. Stattdessen entscheiden nun die Schulleiter selbst, wann bei „besonders großer Hitze“ der Nachmittagsunterricht ausfallen soll, zudem die Hausaufgaben erlassen werden dürfen. Der Vormittagsunterricht bleibt unangetastet – jedenfalls in den meisten Grundschulen. Der Schulleiter kann in Ausnahmefällen aber dennoch das Unterrichtsende verfügen, was aber mit Rücksicht auf arbeitende Eltern tunlichst vermieden werden soll. Selbiges gilt auch für Bayerns Hauptschulen, auch für Ganztagsklassen, die den Unterricht dann in gemilderter Form, bis 16:00 oder 17:00 Uhr über sich ergehen lassen müssen.
Während ältere Schulgebäude mitsamt ihren kühlenden Gemäuern als antiquiert aussortiert werden, gleichzeitig architektonische Funktionalbauten mit gigantischer Frontverglasung und dünnen, leicht aufzuheizenden Außenwänden (nicht Mauern) entstehen, kippt gleichzeitig die Möglichkeit, das überhitzte Kind aus dem Unterricht zu entlassen. Das alles geschieht aus ökonomischer Vernunft, weil man das Kindsein zum reibungslosen Szenario für die Eltern umgestalten will.
Die bayerische Schulordnung wurde nicht nur auf Betreiben der Politik alleine um den Hitzefrei-Paragraphen erleichtert, dahinter standen vorallem Elterninitiativen, die sich für die Abschaffung von Hitzefrei stark machten. Man könne in der bisherigen Form seinen Arbeitstag nicht planen, müßte dann spontan eine Aufsichtsperson finden oder selbst die Aufsicht übernehmen, hätte halt einfach keine Planungssicherheit. Daher hinfort mit Regelungen, die im Wege stehen, hinfort mit der elterlichen Vernunft, hinfort mit medizinischen Bedenken. Wichtig ist zunächst, dass der eigene Spross dem Beruf nicht im Wege steht. Dass es womöglich die gleiche Sorte Eltern ist, die dann bei der Neueröffnung des neuen, modisch verglasten Schulgebäudes überschwängliche Ahs! und Ohs! und Ist-das-schöns! hervorblöken, will man sich gar nicht erst ausmalen.
Auf Bayern Realschulen und Gymnasien, so argumentiert man tautologisch, würde das schon lange so gehandhabt; manche behaupten, dort sei es gar schon immer ohne Hitzefrei gegangen. Als würde es die Unvernunft einer solchen Forderung, die ja nun Realität wurde, in irgendeiner Weise schönen, wenn andernorts ebenso unvernünftig gehandelt wird. Ausgerechnet Bayerns Gymnasien als Vorreiter und Beispiel, ausgerechnet jene Schulform also, die aus Kindern Lernmaschinen macht, ihnen alle Freizeit raubt und sie zu kleinen Kosten-Nutzen-Primaten degradiert!
Was sich abzeichnet ist die vollkommene Ökonomisierung der Alltags, vor der selbst unbedarfte Eltern nicht mehr zurückschrecken. Kinder zu haben soll zukünftig heißen, sich als Erwachsener, als Elternteil, nicht gestört zu fühlen; Kindsein hat zu heißen, in einen Rahmen gepresst zu werden, schnell zu lernen, schnell selbstständig zu werden, schnell nützlich zu sein. Darauf arbeitet der Zeitgeist hin, besonders engagierte Eltern und deren Initiativen werkeln munter mit, beschleunigen den Willen der Eliten, wollen nur das Beste für ihre Kinder, bewirken aber immer wieder schlechtere Zustände, die dann als Verbesserungen präsentiert werden. Anstatt die Politik in die Pflicht zu nehmen, per Gesetz solche Arbeitsplatzmodelle zu erstellen, die den Eltern mehr Freiraum und Zeit ließen, paßt man sich willig den Mißständen an. Das heißt also, anstatt die Veränderung bei den Kindern zu fordern, die so sein sollen, dass sie sich möglichst mit der herrschenden Ökonomie vertragen, sollte an der Ökonomie selbst angepaßt werden - aber das sehen die undogmatischen Dogmatiker aus Initiativbewegungen als Frevel am freien Markt an. Immer wieder beweisen Elterninitiativen, dass sie nichts am Zustand verändern wollen, sondern möglichst pragmatische Lösungen anstreben, die schnelle Problembehebungen versprechen - ohne Rücksicht auf Kinder und Mitmenschen. Die übliche Elterninitiative, meist angeregt von besonders engagierten, beruflich fixierten Eltern, die im Beruf wie auch im Privaten zu einer besonderen Art Großtuerei neigen, ist ökonomisiert, mit elitären Forderungen durchzogen, auf Kosten-Nutzen-Denken getrimmt. Wären sie es nicht, würden sie von Politik und Wirtschaft nicht ernstgenommen. Initiativen, die sich um wirkliches Kindeswohl kümmern, werden als Ausdruck von Anspruchsdenken weggewischt.
Unlängst war zu lesen, dass eine Schulleiterin der Ansicht sei, spätestens, wenn eine Klassenlehrerin aufgrund Hitze ohnmächtig wird – wie kürzlich geschehen -, sei das ein Anzeichen dafür, auch die Kinder heimzuschicken. Diese Aussage klingt in Zeiten ökonomischer Vernünftelei fast schon philosophisch und aufklärerisch, dabei ist sie im rechtem Lichte besehen, doch nur ein Armutszeugnis. Muß denn erst jemand umkippen? Muß sich erst Überhitzung einstellen, um vielleicht doch mal eine Ausnahme zu machen? Gerade das wollte der Hitzefrei-Paragraph präventiv vermeiden. Es ging nicht darum, wie das die berichtenden Medien immer wieder gerne erklären, den Kindern eine freie Spielzeit zu erlauben, sondern um die Tatsache, dass bei großer Hitze nicht gelernt werden kann, zudem ein Risiko auf Überhitzung entsteht. Und in Zeiten hoher Ozonwerte, von denen kaum noch jemand spricht, wäre eine Rückzugsmöglichkeit zu den heißen Mittagsstunden nur allzu vernünftig. Wenn aber dann mehrfach Kinder mit Anzeichen von Überhitzung heimkehren, dann verbünden sich entrüstete Eltern, die vormals schon in Sachen Planungssicherheit verbündet waren, dann lasten sie es den Lehrern an und fühlen sich (wieder einmal) alleinegelassen...
Die bayerische Schulordnung wurde nicht nur auf Betreiben der Politik alleine um den Hitzefrei-Paragraphen erleichtert, dahinter standen vorallem Elterninitiativen, die sich für die Abschaffung von Hitzefrei stark machten. Man könne in der bisherigen Form seinen Arbeitstag nicht planen, müßte dann spontan eine Aufsichtsperson finden oder selbst die Aufsicht übernehmen, hätte halt einfach keine Planungssicherheit. Daher hinfort mit Regelungen, die im Wege stehen, hinfort mit der elterlichen Vernunft, hinfort mit medizinischen Bedenken. Wichtig ist zunächst, dass der eigene Spross dem Beruf nicht im Wege steht. Dass es womöglich die gleiche Sorte Eltern ist, die dann bei der Neueröffnung des neuen, modisch verglasten Schulgebäudes überschwängliche Ahs! und Ohs! und Ist-das-schöns! hervorblöken, will man sich gar nicht erst ausmalen.
Auf Bayern Realschulen und Gymnasien, so argumentiert man tautologisch, würde das schon lange so gehandhabt; manche behaupten, dort sei es gar schon immer ohne Hitzefrei gegangen. Als würde es die Unvernunft einer solchen Forderung, die ja nun Realität wurde, in irgendeiner Weise schönen, wenn andernorts ebenso unvernünftig gehandelt wird. Ausgerechnet Bayerns Gymnasien als Vorreiter und Beispiel, ausgerechnet jene Schulform also, die aus Kindern Lernmaschinen macht, ihnen alle Freizeit raubt und sie zu kleinen Kosten-Nutzen-Primaten degradiert!
Was sich abzeichnet ist die vollkommene Ökonomisierung der Alltags, vor der selbst unbedarfte Eltern nicht mehr zurückschrecken. Kinder zu haben soll zukünftig heißen, sich als Erwachsener, als Elternteil, nicht gestört zu fühlen; Kindsein hat zu heißen, in einen Rahmen gepresst zu werden, schnell zu lernen, schnell selbstständig zu werden, schnell nützlich zu sein. Darauf arbeitet der Zeitgeist hin, besonders engagierte Eltern und deren Initiativen werkeln munter mit, beschleunigen den Willen der Eliten, wollen nur das Beste für ihre Kinder, bewirken aber immer wieder schlechtere Zustände, die dann als Verbesserungen präsentiert werden. Anstatt die Politik in die Pflicht zu nehmen, per Gesetz solche Arbeitsplatzmodelle zu erstellen, die den Eltern mehr Freiraum und Zeit ließen, paßt man sich willig den Mißständen an. Das heißt also, anstatt die Veränderung bei den Kindern zu fordern, die so sein sollen, dass sie sich möglichst mit der herrschenden Ökonomie vertragen, sollte an der Ökonomie selbst angepaßt werden - aber das sehen die undogmatischen Dogmatiker aus Initiativbewegungen als Frevel am freien Markt an. Immer wieder beweisen Elterninitiativen, dass sie nichts am Zustand verändern wollen, sondern möglichst pragmatische Lösungen anstreben, die schnelle Problembehebungen versprechen - ohne Rücksicht auf Kinder und Mitmenschen. Die übliche Elterninitiative, meist angeregt von besonders engagierten, beruflich fixierten Eltern, die im Beruf wie auch im Privaten zu einer besonderen Art Großtuerei neigen, ist ökonomisiert, mit elitären Forderungen durchzogen, auf Kosten-Nutzen-Denken getrimmt. Wären sie es nicht, würden sie von Politik und Wirtschaft nicht ernstgenommen. Initiativen, die sich um wirkliches Kindeswohl kümmern, werden als Ausdruck von Anspruchsdenken weggewischt.
Unlängst war zu lesen, dass eine Schulleiterin der Ansicht sei, spätestens, wenn eine Klassenlehrerin aufgrund Hitze ohnmächtig wird – wie kürzlich geschehen -, sei das ein Anzeichen dafür, auch die Kinder heimzuschicken. Diese Aussage klingt in Zeiten ökonomischer Vernünftelei fast schon philosophisch und aufklärerisch, dabei ist sie im rechtem Lichte besehen, doch nur ein Armutszeugnis. Muß denn erst jemand umkippen? Muß sich erst Überhitzung einstellen, um vielleicht doch mal eine Ausnahme zu machen? Gerade das wollte der Hitzefrei-Paragraph präventiv vermeiden. Es ging nicht darum, wie das die berichtenden Medien immer wieder gerne erklären, den Kindern eine freie Spielzeit zu erlauben, sondern um die Tatsache, dass bei großer Hitze nicht gelernt werden kann, zudem ein Risiko auf Überhitzung entsteht. Und in Zeiten hoher Ozonwerte, von denen kaum noch jemand spricht, wäre eine Rückzugsmöglichkeit zu den heißen Mittagsstunden nur allzu vernünftig. Wenn aber dann mehrfach Kinder mit Anzeichen von Überhitzung heimkehren, dann verbünden sich entrüstete Eltern, die vormals schon in Sachen Planungssicherheit verbündet waren, dann lasten sie es den Lehrern an und fühlen sich (wieder einmal) alleinegelassen...




















was waren das angenehme Nachmittage im Freibad (ebenfalls ohne elterliche Aufsicht)
Kann man nicht wenigstens dafür sorgen, dass in klimatisierten Räumen unterrichtet wird?
Ab gewissen Jahrgängen gab es bei uns auch kein Hitzefrei mehr - aber wir durften dafür in die Räume, auf die die Sonne nicht traf. Und ab 28-30° funktionieren die grauen Zellen eh nur noch rudimentär.
Die Kinder reden doch zu Hause schon so viel mit weil die Mami und Papi lieber mit den Sohnemann diskutieren anstatt klare Ansagen zu machen.
Zumindest in der Schule muss doch mal einer die Hosen anhaben ;-)