Heribert Prantl hat hat in den
Blätter für deutsche und internationale Politik
einen sehr guten Artikel zum Thema "Jounalismus zwischen Morgen und Grauen" geschrieben und dabei auch die Beziehung zwischen Internet, Blogs, Foren und dem Journalismus sehr klug geklärt. Zunächst rechnet er aber mit der Verlegerzunft und seinen jammernden Kollegen ab.
Ich will keine Solidaritätsabgabe für die Presse, keine Staatsbürgschaft, kein Hilfspaket und keinen Notgroschen. Den Zeitungen fehlt es gerade noch, dass es bei ihnen zugeht wie beim ZDF – dass also die politischen Parteien glauben, sie könnten sich nicht nur den Chefredakteur beim ZDF, sondern auch noch den bei der „taz“ aussuchen. Ich will aber vor allem deswegen keine Staatsbürgerschaft, kein staatliches Hilfspaket und keinen Notgroschen für die Zeitungen, weil ich die Not der Zeitungen, über die allenthalben geklagt wird, so nicht sehe. Ich sehe eher einen merkwürdigen journalistischen Dekadentismus, der eine Mischung ist aus Melancholie, Leichtlebigkeit, Weltschmerz und vermeintlicher Ohnmacht gegenüber Anzeigenschwund und Internet, gegenüber dem Stand und dem angeblich unaufhaltsamen Gang der Dinge. Die angebliche Not, die angebliche Existenzkrise, ja Todesnähe der Zeitungen oder gleich gar des professionellen Journalismus, das alles gehört zu den Hysterien, die im Journalismus noch besser gedeihen als anderswo. Der Kikeriki-Journalismus, die aufgeregte Kräherei, die seit einiger Zeit unsere politische Publizistik prägt, kräht nun das eigene Ende herbei. Man schreibt sich sein eigenes fin de siècle. Man schreibt sein eigenes Produkt schlecht, so lange, bis es alle glauben ...
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Es ist ja bitteschön nicht so, dass die Zeitungen in Deutschland rote Zahlen schreiben, es ist nicht so, dass sie seit Jahren in der Verlustzone drucken. Sie machen nur nicht mehr so hohe Gewinne wie zuvor. Das kommt in den besten Unternehmen vor, auch in den Unternehmen, für die es kein spezielles Grundrecht gibt. Die Verlage nutzen aber die angebliche Not für überzogene Notwehr. Viele der sogenannten Restrukturierungsmaßnahmen und Kündigungswellen in deutschen Medienhäusern sind Putativnotwehrexzesse – die zugleich, und das ist das wirklich Tragische, die Basis für künftiges Gedeihen der Presseunternehmen gefährden.
Die deutschen Zeitungen brauchen kein Staatsgeld. Sie brauchen aber Journalisten und Verleger, die ihre Arbeit ordentlich machen. Sie brauchen Journalisten, die neugierig, unbequem, urteilskräftig, selbstkritisch und integer sind. Sie brauchen Verleger, die einen solchen Journalismus schätzen, die also von ihren Zeitungen mehr wollen als Geld, die stolz sind darauf, dass sie Verleger sind; und denen dieser Stolz mehr bedeutet als ein oder zwei Prozent mehr Gewinn.
Stolz auf die eigene Arbeit und den eigenen Verlag sein, dass können heute nur wenige Journalisten und praktisch gar keine Verleger mehr. Sie haben sich zu sehr in die Abhängigkeit von
Werbekunden und PR begeben. Das war eine gewollte Entscheidung, für die sie jetzt den Preis bezahlen.
Die USZeitungen haben in der Bush-Ära fast komplett versagt. In Washington hat sich – so konstatiert der Pulitzer-Preisträger Russell Baker – „das renommierte Corps der Hauptstadtkorrespondenten mit Lügen abspeisen und zur Hilfstruppe einer Clique neokonservativer Verschwörer machen lassen.“ Die Blogs waren daher nichts anderes als eine demokratische Not- und Selbsthilfe. In Blogs standen die kritischen Analysen und Kommentare gegen Bush und den Irakkrieg, die man in den Zeitungen nicht lesen konnte. Ein guter Journalismus muss wegen der Blogger nicht Heulen und Zähneklappern kriegen: Er kann dem Blog dankbar sein, wenn und weil er seine Lücken substituiert und seine Fehler aufzeigt.
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Ein leidenschaftlicher Journalismus nähme die Manipulationen der Presse durch die Deutsche Bahn AG nicht so gleichgültig hin, wie dies geschieht. Da müsste es einen Aufschrei geben. Aber vielleicht geniert man sich ja, erstens weil man diese Manipulationen mit sich hat machen lassen, und zweitens weil diese nicht von der Presse, sondern von der Privatorganisation „Lobby-Control“ aufgedeckt wurden.
Blogs sind „mehr Demokratie“
Und überhaupt: Die Blogs, das Internet. Ich weiß nicht, warum man sich als Zeitungsmensch vor der digitalen „Huffington Post“ fürchten soll. Sie macht das, was eine gute deutsche Zeitung auch macht: ordentlichen Journalismus. Man sollte endlich damit aufhören, Gegensätze zu konstruieren, die es nicht gibt – hier Zeitung und klassischer Journalismus, da Blog mit einem angeblich „unklassischen“ Journalismus. Man sollte damit aufhören, mit ökonomischem Neid auf die Blogs zu schauen. Mit und in den Blogs wird sehr viel weniger Geld gemacht als mit den Zeitungen. Man sollte auch aufhören mit dem Gerede, dass der „klassische“ Journalismus in einem Bermuda-Dreieck verschwinde. Der gute klassische ist kein anderer Journalismus als der gute digitale Journalismus. Die Grundlinien laufen quer durch diese Raster und Cluster: Es gibt guten und schlechten Journalismus, in allen Medien. So einfach ist das.
Guter Journalismus hat gute, er hat große Zeiten vor sich: Noch nie hatten Journalisten ein größeres Publikum als nach der digitalen Revolution. Noch nie war Journalismus weltweit zugänglich. Und es gab wohl noch nie so viel Bedürfnis nach einem orientierenden, aufklärenden, einordnenden und verlässlichen Journalismus wie heute. Es ist doch so: Die Ausweitung des wissbaren Wissens durch das Netz (der Philosoph Martin Bauer nennt es die horizontale Erweiterung des Wissens) wird auf Kosten ihrer Vertiefung erwirtschaftet (also, nach Bauer, ihrer Vertikalisierung). Kurz: Die Datenmenge nimmt zu, aber die Datenverarbeitung bleibt aus. Da kommt dem Journalismus eine neue Aufgabe zu: Gegen Datentrash hilft nur Reflexion und Hintergrundbildung. Daher muss der Print-Journalismus auf die Medienrevolution auch mit der Erfindung neuer „Formate“ reagieren, in denen er eine Aschenputtel-Aufgabe wahrnimmt: Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen. Die Töpfchen – das sind die neuen Formate, in denen die Datenmenge des Web sortiert und bewertet wird.
Der Amateur-Journalismus, der in den Blogs Blüten treibt, ist kein Anlass für professionellen Griesgram. Dieser Amateur-Journalismus bietet doch Chancen für eine fruchtbare Zusammenarbeit. Er ist ein demokratischer Gewinn.
Mit diesem Lob hat Prantel den Bloggern aber gleichzeitig auch eine Verpflichtung aufgeladen. Denn für viele Blogger ist bloggen eine rein reaktive Tätigkeit. Sie reagieren auf das was im realen Leben oder im Datenstrom gerade vorbeikommt und reagieren meist nur auf besondere Ärgernisse oder Dinge die sie persönlich berühren. Selbst wenn Themen langfristig verfolgt werden und eigene ältere Beiträge auch immer wieder per Link mitverwertet werden, ist es eben keine kontinuierliche Berichterstattung.
Selbst wenn mehrere Autoren in einem Blog schreiben, gibt es meist kein wirkliches Redaktionskonzept und nur die wenigsten Blogger bereiten sich systematisch auf Themen und Termine vor. Tatsächlich gilt es den ständigen Informationsfluss noch viel besser auf Relevanz zu durchsuchen und vielleicht systematischer zu arbeiten. Auch eine Trennung von Kommentar und Fakten wäre - z.B. bei mir - oft wünschenswert.
Bei der Entwicklung des deutschen Journalismus sind Artikel wie der hier beschriebene von Heribert Prantl leider seltene Sternstunden geworden. Ich kann nur empfehlen den gesamten Artikel zu lesen. es könnte sehr leicht passieren, dass wir Blogger wirklich die Verantwortung für ordentlichen Journalismus übernehmen müssen. Reine Empörung reicht da nicht mehr. Damit Journalismus wirklich wieder systemrelevant werden kann.
Ansonsten teile ich Deine Einschätzung zu Prantls Artikel.
> ordentlichem Journalismus verpflichtet
> fühlen ohne das so zu benennen.
ohne Zweifel, das schlimme ist, dass diese Blogger fast zahlreicher sind als ähnliche verpflichteten Journalisten.
a) Dank fürn Texthinweis copyleft in diesen Habermas-Blättern 8.09
b) ob Herr StAnw. a.D. Dr.iur. Heribert Prantl ein Quallischurn (= Qualitätsjournalist) ist kann ich nicht beurteilen
c) daß (s)ein oder wessen Name auch immer täglich in der SZ steht oder daß eine/r So.mittag in der WDR-Presserunde mitkwatschen darf ist m.E. kein Beleg füs Quallischurnismus
d) hier (m)ein Beispiel für qualitativen Sozialwissenschaftsjournalismus
SUCH LINGE. Vom Kommunistenprozeß zu Köln zu google.de. Sozialwissenschaftliche Recherchen zum langen, kurzen und neuen Jahrhundert. Aachen: Shaker Verlag 2008, 110 p. [Reihe
Sozialwissenschaften] ISBN 978-3-8322-7333-0; http://www.shaker.de/Online-Gesamtkatalog/details.asp?
ID=10520015&CC=38631&ISBN=3-8322-7333-6)
Gruß;-) RicAlb
dr.richard.albrecht [at] gmx.net