Meine Stimmen zur Landtagswahl in Brandenburg und auch zur Bundestagswahl habe ich per Briefwahl abgegeben. Für mich ist eine demokratische Wahl noch immer ein hohes Gut. Es mag sein, dass das bundesdeutsche Parteiensystem und die damit verbundene Verhältniswahl nicht optimal sind. Doch aus meiner Sicht sind sie immer noch besser, als das Wahlrecht, welches mir bis vor zwanzig Jahren zugebilligt wurde. Denn mit dem Sinn des Wortes wählen hatte das nicht sehr viel zu tun. Denn wenn man eine Wahl als eine Entscheidung zwischen Alternativen betrachtet, dann war das keine Wahl. Denn wie sollte man sich denn zwischen Alternativen entscheiden. Es gab keine. Man konnte einen Zettel nehmen, diesen falten und in eine Wahlurne stecken. Damit hatte man dann automatisch gewählt. Die Einheitspartei und deren Blockflötenanhang. Selbstverständlich konnte man seinen Stimmzettel ungültig machen. Dazu mussten man mit ihm einfach etwas anders tun als ihn falten und in die Urne stecken. Denn jede Abweichung von diesem Vorgehen machte den Stimmzettel automatisch ungültig. Einfach nicht wählen war auch möglich, aber nicht so einfach wie es klingt. Doch dazu später. So gesehen war das also die einzigen Alternativen.

Allerdings konnte man davon ausgehen, dass zu viele ungültige oder nicht abgegebene Stimmen das vorher festgelegte Wahlergebnis nicht beeinträchtigt haben. Wenn man bei diesen Wahlen von einem vorangehenden Wahlkampf sprechen möchte, so war das lediglich eine Propaganda für eine möglichst hohe Beteiligung. Damit man später nicht ganz so viel manipulieren musste. Selbstverständlich war dieses ganze Verfahren ausschließlich zum Wohle des Volkes bestimmt. Dessen extrem hoher prozentualer Zustimmung sich die Volkswohltäter am Ende ja auch sicher waren. Die mussten sich nicht mit Wahlbeteiligungen um die 60% zufriedengeben. Unter 99%, natürlich zustimmend, haben die gar keine Wahl veranstaltet.
Es mag sein, dass das Geschichte ist. Doch sollte man aus dieser ruhig lernen. Denn wenn ich heutzutage manchen oberschlauen Lamentierer höre oder lese, dann frage ich mich, wie man mit so wenig Lernfähigkeit so viel wissen möchte. Allerdings habe ich es aufgegeben, gegen die Dummheit der Schwätzer anzugehen. Das passierte schon sehr schnell nach eben jenem Jahr 1989. Denn das war die große Erfahrung für jeden DDR-Bürger. Egal aus welcher politischen Richtung sie kamen, sie hatten es nicht erlebt, sie kannten nicht die Zusammenhänge, sie sahen alles durch ihre Brille, aber dafür wussten sie es immer besser.
So und nun zurück zur Wahl. Und zwar zur Volkskammerwahl von 1989. Für alle die dabei waren oder die, die es ehrlich interessiert wie die Realität so aussah hier eine kleine Anekdote.
Im Jahre 1989 wohnte ich in Berlin-Lichtenberg in einem Arbeiterwohnheim. Ich arbeitete seinerzeit in einem Heizwerk in Adlershof, im Schichtdienst. Da ich kein Auto besaß musste ich den umständlichen Weg von der Rhinstraße bis nach Adlershof mit den öffentlichen Verkehrsmitteln bewältigen. Das Wort bewältigen trifft es übrigens sehr gut. Heute bin ich selber schon so wohlstandsverwestlicht, dass ich dazu wohl so nicht mehr in der Lage wäre. Um mir wenigsten an den wärmeren Tagen diese tägliche Reise zu erleichtern, habe ich mir einen Simson-Motorroller angeschafft.
An jenem Wahlsonntag nun endete meine Nachtschicht um 6 Uhr am Morgen. Da ich in der darauffolgenden Nacht Schicht hatte, wollte ich auch richtig ausschlafen. Darum hatte ich mir vorgenommen, meinem “Wahlrecht” gleich nach dem Arbeitsende nachzukommen. Denn wie schon erwähnt, war das mit dem Nichtwählen so eine Sache. Man konnte davon ausgehen, das spätestens am frühen Nachmittag “nette” Menschen an der Tür klingelten. Dies wollten einem dann auf sehr penetrante Art und Weise zum “Wahlrecht” verhelfen. Wenn das nicht half brachten sie später gleich noch die Wahlurne mit. Wäre es nun ein normaler Sonntag gewesen, hätte ich es über mich ergehen lassen. Doch zwischen zwei zwölfstündigen Nachtschichten wollte ich einfach meine Ruhe haben. Also bin ich nun mit meinem Moped in Richtung Siegfriedstrasse geknattert. Denn bedingt durch meine Wohnort, musste ich ausgerechnet in einer Hochburg der ganz Treuen wählen. Dort wo ein großer Teil der Wahlberechtigten gleich direkt beim “Schild und Schwert der Partei” beschäftigt waren, hatte ich meinen Zettel zu falten. Entsprechend war es auch am Wahllokal, ganz großer Bahnhof. Als ich ankam fing ein Kinderchor, der Jungen Pioniere an zu singen. Eine Frau kam, reichte mir die Hand übergab mir einen Blumenstraus und Fotos wurden gemacht. Sie beglückwünschte mich dazu der erste Wähler an diesem Tag zu sein. Ich sagte Danke und gab meinen Personalausweis für das Abhaken des Wählerverzeichnissen hin. Doch plötzlich verwunderte Blicke und ein Tuscheln in der Runde. Denn irgendetwas stimmte wohl mit meinem Namen nicht. Auch stand plötzlich ein weiterer junger Mann in der Tür den Wahllokals. Der Blumenstraus wurde mir flugs wieder entrissen, der Pionierchor fing schnell noch einmal von vorne an und auch die Fotografen mussten noch mal ran.
Ich hatte da wohl mit meiner SIMSON den festgelegten ersten Wähler der Genossen überholt. Die sogenannte Wahl hatte noch gar nicht richtig begonnen, da haben sie sich schon einmal die Maske vom Gesicht gerissen. Das war einfach toll. Ich habe dann noch meinen Wahlzettel in der Kabine durchgestrichen, also ungültig gemacht, ihn gefaltet und in die Urne gesteckt. Danach bin ich dann sehr befriedigt schlafen gegangen. Nicht weil ich wählen durfte, denn das durfte ich ja nicht, sondern weil sie wieder ihre dumme Verlogenheit vorgeführt hatten. Das diese Wahl natürlich gefälscht wurde, braucht man ja nicht weiter auszuführen. Das mussten sie später sogar selbst zugeben.
So und für alle, die noch nicht wissen ob sie am Sonntag zur Wahl gehen, empfehle ich einmal eine Überlegung. Ist es erstrebenswert, dieses Recht so leichtfertig, aus der Hand zu geben? Können die sich eigentlich vorstellen, wie viel eine gute Idee noch wert ist, wenn man sie den Opportunisten und Lügnern überlässt. Denn abgewählt zu werden ist immer noch die größte Angst der Politiker. Nur wenn wir diese Gefahr, für sie, am Leben erhalten geben wir unser Leben nicht vollends an sie auf. Darum wählen und das nicht nach Farbe sondern bewusst und nach dem eigenen Bewusstsein.
Ich habe mir auch des öfteren Gedanken gemacht über gewisse Diskrepanzen zwischen dem damaligen und dem heutigen Wahlsystem. Heute ist es im Grunde nicht viel anders, auch heute wird eine Art Einheitsliste angeboten.
Dies ist schon einmal deutlich daran zu sehen, dass nur vier Parteien immer wieder bei jeder Wahl überaus deutlich hofiert werden (müssen), wenn man die Linke noch dazunimmt, sind es fünf. Wen ich mit den ersten vier Parteien meine, brauche ich wohl hier nicht weiter auszuführen: CDU, SPD, FDP, GRÜNE. Diese vier werden so massiv hofiert, dass einem z.B. noch unentschlossenen Erstwähler der Blick auf Alternativen auch sehr eingeschränkt wird und ihm Scheuklappen angelegt werden. Es wird suggeriert: Du sollst nur einem Gott fröhnen, und das sind diese vier (Haupt-)Blockparteien. Das war in der DDR mit seiner Einheitsliste so und das ist im BRD-Parteien-System nicht viel anders. Denn merke: Die Systeme gleichen sich.
Was mich außerdem noch sehr verwundert und noch viel mehr enttäuscht, ist besonders das Wahlverhalten der Mitteldeutschen bei dieser Problematik. Zu Zeiten der DDR, insbesondere zu deren Endzeit, haben die Wähler sich sehr gewünscht, Alternativen zu haben, also eine wirkliche Wahl treffen zu können. Heute haben sie (mit Einschränkungen, die ich eben erläutert habe) diese Möglichkeit der Wahl, nutzen sie aber nicht! Es ist extrem frustrierend zu sehen, wie sehr die Mitteldeutschen auch heute noch nach Jahren, in denen sich ein sogenannter Skandal an den anderen reihte, sich immer wieder und immer noch diesen vier Blockparteien zuwenden. Es ist frustrierend zu sehen, wie unglaublich niedrig die Wahlbeteiligung bereits gesunken ist.
Wenn auch der Kampfgeist dieser Mitteldeutschen aufgrund angewendeter Herrschaftsinstrumente weitgehend gebrochen zu sein scheint - Herrschaft durch Teilung und Erzeugung von Uneinigkeit - warum ist es dann so dermaßen schwer, wenigstens an einem Tag alle vier bzw. fünf Jahre sich auf den Weg zur Wahlkabine zu machen und ein paar Kreuze mit einem Stift zu machen?? Sind insbesondere die Mitteldeutschen selbst dazu zu fett, zu faul, zu träge und zu satt geworden?
Ein weiterer Unterschied ist, dass sich in den NBL weniger Wähler von der primitiven antikommunistischen Hetze beeindrucken lassen als im "Westen".
Im "Osten" ist das Wahlvolk doch noch etwas bunter, weniger verbohrt, festgelegt, und das finde ich persönlich auch gut so, ganz bespnders natürlich die vielen Stimmen für die Linkspartei! ;-))
Gruß Hansi
So ist es. Die Erkenntnis über die ganz überwiegend eben im Westteil der BRD zu findenden Stamm- und Traditionswähler ist mir schon vor Jahren gekommen. Dieser Umstand will bis heute nicht in meinen Kopf: Wie kann man nur aufgrund einer Stamm- und Traditionswahl zur Wahlurne gehen? ALLE Wähler sollten Wechselwähler sein! Das ist sozusagen die Keimzelle jeglicher Veränderung: Das eigenständige DENKEN bei JEDEM Wahlberechtigten. Dort fängt alles an. Wenn mindestens die Hälfte aller Wahlberechtigten diese Voraussetzungen mitbringen würde, sähen die Ergebnisse mit Sicherheit ganz anders aus. Möglich (und wünschenswert) nach meiner Vorstellung wäre:
CDU 21%
LINKE 19%
SPD 14%
NPD 9%
FDP 7 %
GRÜNE 5%
Solch ein Ergebnis auf Bundesebene würde wohl mehr als ein gewaltiges politisches Erdbeben auslösen! Erst dann hätten wir eine Opposition und echte Vielfalt, bei der man auch davon sprechen kann. Aber, so ein Ergebnis wird ganz sicher ein Wunschtraum bleiben...
Steffi
So käme doch Bewegung in das völlig verkrustete und weitgehend korrumpierte Parteiensystem, besonders natürlich hier im "Westen".
Aber leider wird es nicht so kommen , leider...., die Masse des (vor allem alt-bundesdeutschen)Stimmviehs trottet noch immer den Veitstänzern der kapitalhörigen etablierten Parteien hinterher,ob mit oder keine "Kritik" an diesen leise murmelnd..., leider!
Gruß, Hansi
D.h. ich werde auf dem Stimmzettel ganz unten "Freie Union" hinschreiben, links davon ein Kringel malen, diesen dann durchstreichen und den Stimmzettel dann abgeben.
Warum habt Ihr bisher eigentlich noch nicht die anderen Parteien vorgestellt, die man so wählen kann außer den Piraten?
Z.B. Büso, Rentner, ödp?
Dass man die vier bekannten nicht wählen kann, war mir mit deren AWACS-Entscheidung zu Afghanistan klar geworden.
Aber ich werde jetzt auch die Linke nicht wählen.
Deshalb: http://juergenelsaesser.wordpress.com/2009/09/18/linke-und-nahostkrieg/
Das hatte ich nämlich schon wieder vergessen.