Ein Artikel von Marett Klahn:
Zum 20-jährigen Jubiläum des Mauerfalls richtet sich der Fokus der Öffentlichkeit ungewöhnlich oft auf Ungarn, das früher als alle anderen Länder die Grenzzäune einriss. Ungarn spielte aber auch in den deutsch-deutschen Beziehungen während des Kalten Krieges eine ungewöhnliche und wichtige Rolle. Für unzählige Familien und Freunde, die durch die Mauer voneinander getrennt waren, bot Ungarn, insbesondere der Balaton, seit den 60er Jahren einen Ort der Begegnung und der unzensierten Austausches – ein Ort deutsch-deutscher Einheit im Privaten. Die Situation innerhalb beider Länder führte zu der Entwicklung ihrer symbiotischen Beziehung, welche der Grundstein für die friedliche Revolution und die Wende im Jahr 1989 legte...
Deutsche Einheit am Balaton
Durch den Mauerbau im Jahre 1961 waren die Bürger der DDR und der BRD nicht nur ideologisch, sondern auch durch ein real existierendes, mit Waffen bewachtes Hindernis voneinander getrennt. Familien, Paare und Freunde wurden auseinander gerissen und aus dem Gefühl, vom SED-Regime unterdrückt, von der STASI bespitzelt und durch die Kombination der Mauer mit dem Ausreiseverbot in der DDR eingesperrt zu sein, entwickelte sich unter den Menschen immer größerer Unmut und -zunächst untergründiger- Protest. Zwar versprach das System den DDR-Bürgern auch ein großes Maß an Sicherheit, Bildungs- und Arbeitsangeboten und sozialer Gleichberechtigung, aber das Defizit durch den Mangel an Freiheit war dadurch schwer zu kompensieren.
Im stalinistisch geprägten Ungarn forderten die Studenten und Arbeiterräte in der Revolution von 1956 unter der Führung von Imre Nagy, Ministerpräsident der revolutionären Regierung und Reformkommunist, einen eigenen Weg des Sozialismus mit freien Wahlen, Meinungsfreiheit und Abzug der russischen Truppen einzuschlagen. Die Revolution wurde von russischen Streitkräften niedergeschlagen und János Kádár rief als Regierungschef der „Revolutionären Arbeiter- und Bauernregierung“ den Kampf gegen die sogenannten konterrevolutionären Kräfte aus. Kádár veranlasste in einer blutigen Säuberungswelle die Hinrichtung Nagy´s und weiteren Hunderten von Personen sowie tausende Verhaftungen. Die Mehrheit der Bevölkerung sah in dem neuen Machthaber Kádár einen Verräter am Volk und dessen Revolution. Kádár erkannte, dass er dem Misstrauen der Ungarn nicht durch eine opressive Diktatur entgegenwirken könnte und schwenkte auf einen Kurs der Öffnung und des Ausgleichs um: zum Beispiel wurden Bauern private Haushaltswirtschaften neben der staatlichen Planwirtschaft genehmigt, wurden für Arbeiter Plattenbausiedlungen gebaut, wurde das Künstler- und Schriftstellertum gefördert. Um all diese Reformen durchzuführen und die Bedürfnisse der Bevölkerung zu decken war eine zusätzliche Einkommensquelle nötig geworden. Der Ausbau des Fremdenverkehrs und der Tourismusbranche eignete sich hervorragend, um ein zunehmendes Valutaeinkommen und einen verhältnismäßig hohen Lebensstandard zu sichern . Seit 1961 öffnete sich das Ungarn zunehmend für westliche Touristen, vor allem aber gleichermaßen für Ost- und Westdeutsche.
Ungarn, vor allem der Balaton, entwickelte sich für die Bürger der DDR nicht nur aufgrund der Schönheit seiner Natur und des guten Wetters zu einem beliebten Urlaubsziel, sondern in erster Linie deshalb, weil eine Reise nach Ungarn eine Möglichkeit bot, unter dem Vorwand der Freizeit der Unfreiheit in ihrem eigenen Land zu entfliehen und Verwandte und Freunde wiedersehen zu können; interessanter Weise bedeutet das ungarische Wort „szabadság“ sowohl „Freiheit“ als auch „Freizeit“. Für die Regierenden ging vom „sozialistischen Bruderland Ungarn“ keine Gefahr der ideologischen Veruntreuung aus und somit wurde der Reiseverkehr ohne große Komplikationen genehmigt. In den 60er, 70er und 80er Jahren ergab sich aus der politischen und ökonomischen Situation in den Ländern Ungarn und Deutschland eine Symbiose, in der die Deutschen, getrennt durch die Mauer, dieses Hindernis durch eine Reise nach Ungarn untergraben und durch ihren Urlaub die ungarische Wirtschaft ankurbeln konnten. Diese Öffnung machte Ungarn schon Anfang der 60er Jahre zu einem der liberalsten Länder unter sowjetischem Einflussbereich, das sich praktisch von der radikalen Weltordnung in der Zeit des Kalten Krieges emanzipierte. Für die Westdeutschen war es ein günstiges Urlaubsland, für die Ostdeutschen hingegen war Ungarn „westliches Ausland“, frei, gastfreundlich und schön.
Das Reisen nach Ungarn war für DDR-Bürger zwar einfacher geworden, dennoch war man auch am Ufer des Balatons nicht gänzlich frei von staatlicher Beobachtung. Die Entwicklung des Fremdenverkehrs war sowohl für die ungarische Staatssicherheit als auch die der DDR von Interesse. Die Bruderorgane verwanzten und bespitzelten gemeinsam die deutsch-deutschen Treffen, die am Balaton stattfanden. Die ungarischen Sicherheitsorgane verloren jedoch zunehmend das Interesse an den sich entwickelnden Ost-West-Freundschaften und Liebesbeziehungen, vielmehr war der Besuch der ehemaligen vertriebenen Ungarndeutschen und Dissidenten nach ’56 noch immer von “operativer Bedeutung“. Die „Balaton Brigade“, eine auf DDR-Urlauber und deren inoffizielle Treffen mit Westdeutschen angesetzte Abteilung der STASI, war zwar mit Bespitzelung und Erkundung vermeintlich„staatsfeindlicher Tätigkeiten“ beauftragt, aber auch auf diese Staatsdiener färbte die Liberalität Ungarns entschärfend ab.
Ungarn hat in avantgardistischer und revolutionärer Weise als eines der ersten Länder Protest gegen die strenge Orientierung am sowjetischen System demonstriert und gleichzeitig der ostdeutschen Bevölkerung eine Kostprobe dieser erkämpften Freiheit gewährt. Die steinerne Mauer in Deutschland, die ein Sinnbild für die globale ideologische Teilung während des Kalten Krieges war, begann durch den Widerspruchsgeist der Ungarn und ihren Mut zur Tat brüchig zu werden. Die „Deutsche Einheit am Balaton“ war ein wesentlicher Schritt in Richtung der Deutschen Einheit ab 1989 und ein Meilenstein in der Beendigung des Kalten Krieges.
Das Collegium Hungaricum Berlin eröffnet am 17. Oktober die Ausstellung “Deutsche Einheit am Balaton”. In einer kinemathografischen Installation aus vielfältigem, multimedialem Material werden die politischen und gesellschaftlichen Zusammenhänge präsentiert, in denen Ungarn zu der Plattform für die friedliche Revolution wurde, welche in die Deutsche Einheit münden sollte.“Deutsche Einheit am Balaton” ist ein besonderes historisches und künstlerisches Ausstellungsprojekt, in dem globale Weltgeschehen aus der privaten Urlaubsperspektive betrachtet wird. .
Diese Ausstellung wagt es, die Weltgeschichte aus einer völlig neuen Sicht zu betrachten, der privaten Urlaubsperspektive...
-CK-
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