Mit freundlicher Genehmigung durch den Redaktionsleiter der
Zeitschrift RotFuchs,
Dr. Klaus Steiniger
Ausgabe 141: USA lenkten Terrornetzwerk lateinamerikanischer Militärdiktaturen
Seit dem 11. September 2001 – so die vorherrschende allgemeine Auffassung – befindet sich die Welt in einem Krieg gegen den Terrorismus. Doch es bedurfte nicht erst der vermeintlichen 19 Attentäter und ihrer 3000 Opfer in den USA. Denn der „Kampf der Antiterroristen gegen die Terroristen“, der „Kampf des Guten gegen das Böse“, reicht weit in die Geschichte zurück. Das wird am Beispiel Lateinamerikas, welches Washington als seinen „Hinterhof“ bezeichnete, in einem jüngst erschienenen Buch nachgewiesen. Sein Titel:
„Operation CONDOR. Eine Internationale des Terrors“.
Der Autor, Oberst a. D. Klaus Eichner, Jahrgang 1939, war Analytiker in der Abteilung Gegenspionage der HVA, spezialisiert auf amerikanische Geheimdienste.
Er ist bereits manchem „RotFuchs“- Leser als Autor und Herausgeber gut bekannt. Seine neue Publikation versteht Klaus Eichner „in erster Linie als ein Buch über den Staatsterrorismus der USA und über deren Heuchelei im angeblichen Kampf gegen den internationalen Terrorismus“. CONDOR war zwar das staatliche Terrornetzwerk der Militärdiktaturen in Argentinien, Chile, Uruguay, Paraguay und Brasilien, dem sich später auch Ecuador und Peru anschlossen, doch es konnte nur durch die Billigung und Unterstützung der USA einen mörderischen Feldzug gegen alle Oppositionellen führen und grundlegende Menschenrechte verletzen. CONDOR beherrschte zwei Drittel der Bevölkerung Südamerikas und bestand offiziell von 1975 bis 1983. Sein erklärtes Ziel war die brutale Unterdrückung jeglicher Form von politischer Opposition, die gewaltsame Zurückdrängung linker Einflüsse und Ideen in dieser Region. Zur Operation CONDOR gehörten vielfältige geheimdienstliche Aufklärungs- und Unterwanderungsoperationen, intensiver Informationsaustausch zwischen den Geheimdiensten sowie militärische und paramilitärische „Sondermaßnahmen“ zur Ermordung politischer Gegner. Die Aktionen beschränkten sich nicht auf Südamerika.
Das Buch führt Beispiele von Operationen u. a. in Washington, Paris, Madrid und Lissabon an. Mit Dokumenten belegt wird die Rolle Henry Kissingers (1969 bis 1973 Sicherheitsberater von Präsident Nixon, 1973 bis 1977 US-Außenminister, 1973 Friedensnobelpreisträger). Dargestellt werden Aktivitäten der BRD und der EU. Klaus Eichner weist nach, daß die Operation CONDOR eine der blutigsten und opferreichsten Aktionen des Staatsterrorismus der USA im vergangenen Jahrhundert war. Das durch Zufall 1992 aufgefundene „Terrorarchiv“ zeigt das erschreckende Ausmaß. Es enthält Angaben zu über 50 000 Ermordeten, 30 000 spurlos Verschwundenen und 400 000 Verhafteten.
Auf der Grundlage des Archivs und später entdeckter Dokumente konnte gegen vielfältige Widerstände die juristische Aufarbeitung und Verfolgung der Verbrechen begonnen werden. CONDOR selbst ist zwar Geschichte, aber manches Element des Terrornetzwerkes existiert noch, wirkt z. T. weiter oder kann reaktiviert werden. Unterdessen wird die bi- und multilaterale Zusammenarbeit unter der Flagge der Bekämpfung des Drogenhandels intensiviert. Die USA verstärken ihre Bemühungen, mit einer Kombination alter und neuer Mittel und Methoden der revolutionären Veränderungen in Lateinamerika Herr zu werden. Noch unter George W. Bush wurde 2008 nach 60 Jahren Stillegung die 4. Flotte, die schwimmende Invasionsbasis der Navy, „revitalisiert“. (Sie war im Zweiten Weltkrieg geschaffen worden, um Lateinamerika und die Karibik u. a. vor deutschen U-Booten zu schützen, und wurde 1950 wegen Mangels an Zielen aufgelöst). Jetzt wird sie als Drohkulisse gegen Lateinamerikas Linkskräfte wieder in Stellung gebracht.
Im Buch konnte nur angedeutet werden, daß auch unter Obama die Grundrichtung der US-Außenpolitik in bezug auf den Subkontinent beibehalten wird. Nach seiner Auffassung repräsentiere Venezuelas Präsident Hugo Chávez „die Kraft, die dem Fortschritt in der Region entgegensteht“. Obama fügte hinzu: „Das entspricht nicht dem guten internationalen Verhalten, das wir von jedem in der Region erwarten sollten.“ Eine solche Äußerung ist eindeutig.
Ein großer Vorzug der Publikation Klaus Eichners besteht in der Einordnung der Operation CONDOR in die historischen und aktuellen Bedingungen des Kampfes in Lateinamerika. Beschrieben wird, welche Bedeutung es für die USA besitzt, wie sie sich dort einmischten und Militärputsche organisierten. Honduras ist das jüngste Beispiel.
Der Leser erfährt auch von der Tradition der Guerilla (spanisch: der „kleine Krieg“), dem Kampf der Unterdrückten und Rechtlosen. In diesem Zusammenhang wäre ein Exkurs in die marxistische Terrorauffassung wünschenswert. Denn einerseits verweist Klaus Eichner selbst darauf, daß CONDOR mit dem Kampf gegen den Terror begründet wurde. Andererseits sind die Mut machenden Erfahrungen von Opposition und Widerstand in Lateinamerika auch mit der Guerilla-Bewegung verflochten. Reiches Material finden wir in Marxens historischen Analysen, in denen er zwischen revolutionärem und konterrevolutionärem Terror unterscheidet und beide charakterisiert. Erinnert sei auch an die Entwicklung der Terror-Auffassung bei Lenin, der noch 1902 in „Was tun?“ den Terror als ein Mittel des revolutionären Kampfes ablehnte, aber 1918 den „roten Terror“ als Antwort auf den „weißen Terror“ begründete.
Ungeachtet dessen ist das Buch eine willkommene Handreichung für die ideologische Auseinandersetzung mit dem Staatsterrorismus in der Gegenwart. Das um so mehr, als die sogenannte Terrorismusbekämpfung zu einem zentralen Element auch deutscher Innen- und Außenpolitik geworden ist. Es ist ebensogut geeignet, die Emanzipationsbewegungen in Lateinamerika, die mit viel Hoffnung begleitet werden, und die Kompliziertheit ihres Kampfes besser zu verstehen. Die Schrift besitzt einen hohen Informationswert. Ihre klare Gliederung, ein Glossar und Personenverzeichnis sind beim Nachschlagen nützlich.
Dr. Dieter Hillebrenner
Klaus Eichner: Operation CONDOR.
Eine Internationale des Terrors, 2009,
Verlag Wiljo Heinen, Berlin, 320 Seiten,
12 €, ISBN 978-3-939828-42-6
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