(Ich probiere es nochmal von einer anderen Warte. Nach meinen gestrigen - nicht wirklich gelungenen - Momentaufnahmen aus Kreuzberg.) Der subjektive Blick ist es, der mir meist mehr bedeutet als objektive Wahrheit. Die Wahrheit ist immer nur relativ wahr, die Objektivität nur relativ objektiv. Der subjektive Blick hingegen ist das was er vorgibt: der Blick eines einzelnen.
Ähnlich verhält es sich mit der Wirklichkeit. Die ist nämlich ein Konstrukt und hat viel mit Kommunikation zu tun. Sarrazins Haltung zum Leben der Migranten in unserer Gesellschaft zeugt vom Hochmut, "die" Wirklichkeit zu kennen. Hören wir hierzu, was Paul Watzlawick zu zeigen versucht: "dass der Glaube, es gäbe nur eine Wirklichkeit, die gefährlichste all dieser Selbsttäuschungen ist; dass es vielmehr zahllose Wirklichkeitsauffassungen gibt, die sehr widersprüchlich sein können". Also. Ein wenig Demut wäre nicht verkehrt.
Die Welt der Blogger besitzt ihre eigene Dimension, mit viel Platz drin. Hier können sich Wissenschaftler und Journalisten um Objektivität bemühen, aber ebenso können Einzelne ihre Subjektivität ausbreiten. Letzteres macht die Netzwelt interessant und oft auch liebenswert. (Und manchmal auch genau das Gegenteil davon!) Ob so oder so: Die zahllosen Wirklichkeitsauffassungen, von denen Watzlawick spricht, können sich hier ideal entfalten. In der Summe ergeben sie vielleicht doch noch was annähernd Objektives. Anstelle dessen, was Meinungsumfragen und Verbraucherbeobachtung uns andrehen wollen. Oder Politiker.
Paul Watzlawick hat sich meisterlich mit der Konstruktion von Wirklichkeit auseinandergesetzt. Viele werden ihn kennen als Autor seines populären Buchs "Anleitung zum Unglücklichsein". Von hier stammen die "selbsterfüllenden Prophezeiungen" und die Geschichte von den verscheuchten Elefanten. Die geht so: ein Mann klatscht alle zehn Sekunden in die Hände. Nach dem Grund für dieses merkwürdige Verhalten befragt, erklärt er: "Um die Elefanten zu verscheuchen". Aber es seien doch gar keine Elefanten hier, wird ihm erwidert. Darauf er: "Na also! Sehen Sie?"
Hier noch eine Passage aus dem Vorwort von "Wie wirklich ist die Wirklichkeit?" (1976):
"Die Frage, die dieses Buch zu beantworten versucht, ist: Wie wirklich ist, was wir naiv und unbesehen die Wirklichkeit zu nennen pflegen? - Es ist ferner meine Hoffnung, dieses Buch möge auch einen anderen Zweck erfüllen. Wir bereits angedeutet, ist der Glaube, daß die eigene Sicht der Wirklichkeit die Wirklichkeit schlechthin bedeute, eine gefährliche Wahnidee. Sie wird dann aber noch gefährlicher, wenn sie sich mit der messianischen Berufung verbindet, die Welt dementsprechend aufklären und ordnen zu müssen – gleichgültig, ob die Welt diese Ordnung wünscht oder nicht. Die Weigerung, sich einer bestimmten Definition der Wirklichkeit (zum Beispiel einer Ideologie) zu verscheiben, die "Anmaßung", die Welt in eigener Sicht zu sehen und auf eigene Facon selig zu werden, wird immer häufiger zum "think-crime" in Orwells Sinne abgestempelt, je mehr wir uns dem Jahr 1984 nähern."
Seien wir "anmaßend", laßt uns die Welt in eigener Sicht ansehen! Wir sind viele.
Von seinem Besen habe ich auch gehört. Du könntest mit Deiner These recht haben!
von Hmann0815 stammt folgendes:
"Können Türme aus Stahl und Beton durch Feuer so geschwächt werden, dass sie mit der Geschwindigkeit des freien Falls und völlig gleichmaßig zu Boden rasen? Natürlich NICHT, auch das ist unumstößliche Realität!"
Das hast Du sehr gut erkannt. Prägnantes Beispiel für die verschiedenen Wirklichkeiten, an die die verschiedenen Leute glauben. Die eine kommt der Realität näher und stützt sich auf physikalische Fakten, die andere nicht.
Zum Rest Deines "Kommentars": finde Dich mit der Realität ab, dass Du keinen Einfluß darauf hast, was hier veröffentlicht wird und was nicht. Mäßige Dich bitte nächstes Mal.
Du Held der Meinungsfreiheit, Du.
„Sarrazins Haltung zum Leben der Migranten in unserer Gesellschaft zeugt vom Hochmut, "die" Wirklichkeit zu kennen.“
Sarrazins Haltung generell zum Leben anderer, zeugt vom Hochmut eines kleinen aber mächtigen, elitären Kreises aus Wirtschaft, Religion und Politik, der unsere Gesellschaft diktiert.
Er ist da bestimmt und leider kein Einzelfall, und in diesen Kreisen sind seine Worte „die“ Wirklichkeit. Diese Leute haben die Mittel, um sie den vielen anderen auch so darzustellen, und das tun sie bisher sehr erfolgreich. Weltweit.
Der Souverän gähnt müde und zappt weiter - anstatt alle zehn Sekunden in die Hände zu klatschen!
Respekt.
A: Wenn sich unter 10 Menschen 3e einig sind die selbe Sichtweise zu haben und alle anderen verschiedene Meinungen darüber haben.
Die 3 sind dann in der Mehrheit und die entscheidet üblicherweise. So erhebt man sich über die tatsächliche Mehrheit.
Es wird nicht über die Wirklichkeit entschieden, sondern über die Mehrheit um Einfluss ausüben zu können. Wirklichkeiten interessieren die Wenigsten.