
Umwerfende 13 Grad hatte es heute mittag auf meinem Balkon. Da gibt es nur eins: schnell einkaufen und das Nötigste fürs Wochendende erledigen und dann aufs Rad und losfahren! Die Gegend war bevölkert von Leuten, die es raustrieb. Wen wundert´s. Auf meiner Tour durch Kreuzberg komme ich an der Sehitlik-Moschee am Columbiadamm vorbei. Und zwar zufällig, als der Muezzin ruft. Ich hielt an und dachte, na, ein wenig schräg ist das ja doch. Aber schon grinste ich vor mich, ach was, dann ruft er halt, der Muezzin. Warum nicht. Dafür missionieren sie nicht, die Muslime, das ist auch was wert. Und mir fallen die Männer ein, wie sie freitags geschniegelt und gebügelt herum laufen, weil sie freitags in die Moschee gehen. Und ich weiß ja, wie stolz und glücklich sie über ihre schöne Moschee sind. Nachdem sie sich jahrzehntelang in irgendwelchen Hinterhöfen behelfsmäßig mit äußerst bescheidenen Gebetsräumen begnügten.
Auf meinem weiteren Weg radel ich noch an der Baustelle für einen buddhistischen Tempel vorbei und dann an der päpstlichen Nuntiatur, einem sehr vornehmen Neubau neben einer alten Kirche. Hier bin ich mal in eine polnische Messe reingeraten. Ohne ein Wort zu verstehen und keineswegs katholisch, war es trotzdem angenehm, eine Weile dort zu sitzen. Ein Stück weiter wäre ich noch an einer jüdischen Synagoge vorbeigekommen. Ein übriggebliebenes Nebengebäude einer großen Synagoge, die am 9.11.38 (Reichspogromnacht) in Brand gesetzt wurde.
Alles in allem kann ich sagen: ich habe meinen Frieden mit den Weltreligionen gemacht. Und das hat sehr viel damit zu tun, dass sie alle da sind. Ich bin sehr froh darüber. Wie gut, dass ich damals, Mitte der 80er nach Kreuzberg gezogen bin. Mich wundert es nicht, dass nach wie vor Leute aus der ganzen Welt so gerne in unseren Bezirk kommen, sei es als Besucher oder um hier zu leben. Auch wenn sich im Laufe der Jahre viel geändert hat: Sie finden hier immer noch das, was ich damals auch gesucht habe: gelassenes Miteinander.
Ich selbst bin evangelisch erzogen. Weshalb mein Ex-Lebensgefährte mich immer damit aufzog, ich sei so protestantisch. Ja, mein Gott, was soll man sagen - die protestantische Ethik eben. In Wahrheit kam er aus viel tieferem Sumpf als ich. Er besuchte sogar eine evangelische Privatschule, nämlich die zum Grauen Kloster! (Ist er aber rausgeflogen... hi hi) Da half den Wilmersdorfer Eltern nichts: der Junge wollte einfach lieber demonstrieren gehen. Ho Ho Ho Chi Minh! Aber jetzt schweife ich gewaltig ab. - Aber wenn ich schon dabei bin: Konfessionelle Privatschulen liegen auch bei Kreuzberger Eltern voll im Trend: Ich kenne ein evangelisches Kind, das auf die katholische Schule (Neukölln) geht. Ein Kind kommt von einer katholischen Schule und soll auf die jüdische Schule (Mitte) wechseln. Und (es ist wahr!) ein muslimisches Kind geht auf die evangelische Schule (Neukölln)! Ja - ich habe auch ein wenig nach Luft geschnappt, als ich das hörte. Nicht nur, dass ich mich doch sehr wundern muß, wie die Leute mal eben monatliches Schulgeld locker machen (Größenordnung 150 Euro monatlich). Nein, es verblüfft auch, wie wendig man in den religiösen Aspekten ist! (Was wohl die Ultra-Religiösen zu diesem Religions-hopping sagen?)
Integration kommt oft auf ganz unerwarteten Wegen daher. Man sollte die Politiker, Journalisten und Experten aller Art quatschen lassen. Das meiste ist einfach Müll. Man sollte vielmehr den Leuten zusehen. Sie wahrnehmen. Manche überholen sich in Sachen Integration selbst und merken es gar nicht! Am ehesten sollte man noch die kritischen Leute aus den Migrantencommunities selbst ernst nehmen. Die kennen ihre Pappenheimer. Dummköpfe, die allerlei Probleme erzeugen, gibt es in allen Kreisen, aber intelligente Leute, die nach Lösungen suchen, auch. In diesem Sinne: Friede sei mit uns!
Und dem letzten Absatz kann ich nur zustimmen - bevor ich zum Weiterlesen den heutigen Beitrag in unserem Blog empfehle (http://das-gemeine-wesen.blog.de/2009/11/21/eisberge-neukoelln-7424464/). Da geht's nämlich auch ums Interkulturelle. Und um Eisberge :)
Grüße aus Nord-Neukölln, was ja ziemlich südlich ist, zurück!
und selbstverständlich beteuren die muslime, dass diese ohne muezin sein würden...
war der muezin in deutschland nie ein thema?