Sie ist gar nicht meine Cousine. Sie gehört zur Verwandtschaft eines meiner Ex-Lebensabschnittsgefährten. Und seine Cousine war sie auch nie, diese Bezeichnung diente nur dazu, damit sie damals eine Besuchsgenehmigung für einen Verwandtenbesuch in West-Berlin bekam. Hat sogar geklappt. Cousine Katja ist (war) aus Ost-Berlin, ursprünglich aus Thüringen. Cousine nennen wir sie bis heute.
Ich übernahm damals die Besuche in Ost-Berlin. Der Ex hatte Einreiseverbot, - ich vermute ja, er hatte in Wahrheit keinen Bock! Aber egal. Ich fuhr gerne und lernte dabei die Ossis hautnah kennen. Wenn ich manchmal alte DDR-Filme sehe und mich starke Erinnerungen einholen, dann spüre ich noch heute die Wucht dieser Teilung. Zwischen unser beider Leben stand diese Mauer. Mit allem Drum und Dran. Immer wenn ich nach einem Besuch abends nach Hause fuhr, heulte ich erstmal. Aus Erschöpfung. Die Trennung der Hemisphären, der Stadt Berlin, der Menschen haute mich einfach um.
Seitdem sind Katja und ich sehr sehr gute Freundinnen. Natürlich kommt Katja immer noch unangemeldet bei mir vorbei (!), so als gäbe es immer noch kein Telefon. Das amüsiert mich nachhaltig. Wir erzählen uns, wie es uns ergeht, wer geheiratet hat, wer sich getrennt hat. Wie die Kinder heranwachsen, und ihre Enkelkinder, wer krank ist, wer gestorben ist. Und wie meistens erzählen wir uns von damals, auch vom Mauerfall, als sie nachts, mit Oma, Kindern und Hund an unserer Tür klingelte. "Hallo, hier sind wir". Den Schock lassen wir mal ganz schnell beiseite. Im Nachhinein möchte ich nämlich auf keine winzige dieser Erinnerungen verzichten.
Nach dem Mauerfall folgte bald die erste Fahrt mit dem Trabi nach Thüringen und weiter nach Bayern. (Oh je, oh je ...) Es folgten viele Unternehmungen, Fahrten nach Mecklenburg zu Bekannten (dann doch mit unserem alten Mercedes), Besuche bei Freunden und Verwandten, Jugendweihe, Oper, Theater, Vernissagen. Immer im Wechsel, mal was aus dem Osten, mal aus dem Westen. Der Freundeskreis war riesig und ist es bis heute. Einladungen gab es immer. Bloß dass man heute nicht mehr soviel Zeit hat für dieses Rumgejuchtel. Wir sind ja auch ein paar Tage älter geworden und da braucht man öfter mal seine Ruhe. Geblieben ist Osten und Westen. Uns stört es nicht! Hauptsache, diese furchtbare Mauer ist weg.
Dieses Behalten der Identität und das Pendeln zwischen Ost und West ist die Gangart unserer Generation. Das war heute eines unserer Themen und wir waren uns einig. Die Alten blieben eher, wo sie herkamen. Bei den Jungen hört die Teilung langsam auf. Eigentlich alles ganz normal.
Katja gehörte zu denen, die nach dem Mauerfall zu reisen anfingen und seitdem nicht mehr aufhörten. Inzwischen ist sie bestimmt 10 mal mehr gereist als ich. Kein Winkel der Welt war ihr zu weit. Freunde hat sie auch überall. Jetzt kam sie gerade aus einem afrikanischen Land. Welches habe ich schon wieder vergessen, weil Katja so schnell redet. Überhaupt sie sie immer "fix".
Gott sei Dank fährt sie ab und zu mal "fix" nach dem Kreuzberg (wie sie sagt, - wie nach dem Prenzlberg), um mich zu besuchen. Hoffentlich hört sie nie auf damit. Am besten, bis wir mal uralt und daddrig geworden sind. Dann erzählen wir uns bestimmt immer noch von damals, als die Mauer noch stand, und wie wir ihren Fall erlebten, und dass wir immer noch manchmal heulen, und wie froh wir sind ...
Freunde mit einer treuen Seele gehören zu den größten Schätzen im Leben. Dagegen sind die Berge von Geld, die Gierschlund, Raffke und Co anhäufen, nichts. Gar nichts.
Schönes Wochenende
Frank