Weihnachten war da. Aber hat jemand die Liebe gesehen?
Meine Verwandtschaft besteht zur einen Hälfte aus ordentlich verheirateten Leuten, mit Kindern, mit Eigenheim, und sonstigem Drum und Dran. Ist da die Liebe zu Hause? Die Eltern lieben ihre Kinder, der Papa liebt die Mama, die Mama liebt ihn – ich weiß nicht. Aber schöne Häuser haben sie ohne jeden Zweifel. Vielleicht sind sie der materialisierte Ausdruck für ihre Liebe. Und was kommt dann? Nachdem was Fließendes in statische Form gebracht wurde?
Die von der anderen Hälfte sind aus diesem Raster herausgerutscht. Verwitwete, Alleinstehende, verlassene, teils verwaiste Kinder. Zu diesem wilden Haufen zähle ich selbst. Mit einer kleinen Gruppe dieser Kinder, im Alter zwischen 14 und 18 war ich zum Wintersport verreist. Ich habe ihnen einen Snowboard-Kurs geschenkt und mir einen Aufenthalt in einem Wellness-Hotel. Meine Mutter hat das mitfinanziert. Sport und Hotel waren natürlich nur ein Nebeneffekt. Ich liebe es, mit „unseren“ Kindern was zu machen. Und uns fällt auch immer was ein.
Liebe zu süßen kleinen Kindern, das geht gerade noch. Doch Liebe zu Jugendlichen ist ausgesprochene Mangelware. Jugendliche sind nervende Pubertierende. Sie kosten viel Geld. Sie sollen gut in der Schule sein. Die Damoklesschwerter heißen Rauchen, Alkohol, Drogen, Computersucht, Gewalt. Die entsprechenden Maßnahmen heißen "Grenzen setzen", Verbote und Sanktionen. Was gerade noch geht, ist Sex. Dafür wurden sie, bis es ihnen aus den Ohren quoll, aufgeklärt. Und noch ein Antigewalttraining. Und noch ein Projekt gegen sexuelle Übergriffe durch Pädophile. Und wieder sexuelle Aufklärung. Das war es dann meist. Mit mehr Aufmerksamkeit dürfen sie in der Regel nicht rechnen. Ihre Kümmernisse und Sorgen, ihre "unnützen" Talente und Heldentaten bleiben meist unbemerkt. Sie bleiben sich selbst überlassen. Und so werden aus unseren Jugendlichen die unbekannten Wesen.
Kein Wunder also, dass unsere kleine Reisegruppe überall auf Überraschung und Neugier stieß. Und nachdem die Skepsis überwunden war auch auf Sympathie. Ja, Jugendliche können äußerst nett und selbstbewußt sein, schlau und charmant. Frech und gut erzogen gleichermaßen. Der junge attraktive Ski-Lehrer brachte bis zum Ende des Kurses alles durcheinander, Mutter, Tante, Nichte, Sohn – hä? Im Hotel waren wir der erfrischende Akzent inmitten gut betuchter und meist älterer Ehepaare. Im Gegensatz zu diesen hatten wir uns bei Tisch sogar viel zu sagen! Und auch unterwegs lernten wir interessante Leute kennen. Lustig war es.
Ein wenig schade nur, dass wir auf männliche Begleitung verzichten mußten. Mein Bruder konnte nicht mitkommen, weil er ausufernd mit seiner neuen Freundin beschäftigt ist (!) Er muß wirklich sehr verliebt sein, wenn man sieht, wie die Herzensdame ihn auf Trab hält. (Mädels, laßt sie doch ab und zu mal nach Luft schnappen). Die Männer aus meiner Kollektion sind entweder mit sich selbst beschäftigt oder unfähig, sich in ein soziales Gefüge zu integrieren, kultivieren ihre Bindungsphobie oder sind anderweitig verwirrt. Stattdessen freue ich mich auf die Einladung eines "alten Franzosen", wie er sich selber nennt, auf einen verspäteten Weihnachtspunsch. Solider französischer Charme, das ist noch was, mon dieu!
Zurück zur Familie. Am sichtbarsten wird die Liebe, die in meiner Mutter steckt, in ihrem Verhältnis zu ihrer Katze. In stoischer Ruhe nimmt sie hin, dass das kleine Katzenvieh sie schlicht tyrannisiert. Tür auf, Tür zu. Katze reinlassen, Katze wieder rauslassen. Auch spät in der Nacht, oder früh um 5 Uhr. Wenn sie abends nicht im Haus ist, ruft meine Mutter in die dunkle Nacht hinaus und hofft, dass das Tierchen erscheint. Ansonsten bleibt sie halt wach. Sie darf auch halbtote Mäuse anbringen, oder ab und zu einen Vogel, den meine Mutter dann versucht, wieder zum Leben zu erwecken. Zweimal bin ich auf die Wasserschale getreten, die zusätzlich in der Küche steht, weil der Dickmadame naürlich nur ein einziger Freßplatz nicht zuzumuten ist.
Ich habe dieses kleine Mistvieh damals aus dem Berliner Tierheim gerettet. Und was ist der Dank? Meint ihr, dass sie einmal zu mir hinkäme, um sich ein wenig streicheln zu lassen. Nein, da muss man schon zu ihr hingehen! Und wenn man Pech hat, verschmäht sie das auch noch, sondern guckt einen überheblich – nein, noch schlimmer - gleichgültig an, und stolziert auf ihren weissen Pfoten davon. Ich sage es euch, Undank ist der Welten Lohn!
Und die Liebe ist ein seltsames Ding. Wild und schön und anarchistisch. Wir kriegen sie nicht unter Kontrolle. Niemals. Gott sei Dank!
Und das mit der Katze... Sehr gut getroffen!
Ich hoffe, du bist gut in das neue Jahr gekommen, Tantchen!
Lieben Gruß, Nena