Das goldene Damals, war auch damals nicht golden. Als kleiner Junge waren die Bäume und Mauern zwar höher, der Schnee vielleicht in den sauerländischen Bergen noch etwas weißer, aber sicher nicht im Ruhrgebiet. In den Schulen galt noch der gemeinsame Unterricht in den Klassen 1-4, der jetzt in Berlin gerade wieder mühsam für die Klassen 1-3 eingeführt wurde und über gemeinsames Lernen und gegenseitige Achtung wieder ein Lernklima unter gegenseitiger Hilfe der Schüler in Solidarität bringen soll.
Die Löhne waren damals wie heute lausig, aber die Ausbeutung nicht so offensichtlich. Natürlich ist es egal, ob man etwas deutlich spürt, oder es nur als diffuser Druck da ist. Es war die Zeit der Gastarbeiter, mit denen vom Kapital das Land geflutet wurde, um die Löhne zu drücken und künstlichen Wettbewerb zu schaffen.
Nein, das Damals war nicht golden und schon gar nicht generell besser. Es war nur anders und es sieht auf die lange Entfernung etwas besser aus. Ein Leitspruch aus jener Zeit lautete:
Für das Gewesene gibt der Jude nichts!
Nein, das war nicht antisemitisch. Es war Ausdruck einer langen Erfahrung, die sich nicht nur auf den Juden sondern auf alle bezog, mit denen man in wirtschaftlichem Kontakt stand. Gestern war gestern und heute ist heute. Es gibt keine Dankbarkeit und keine Ehre wo es ums Geschäft geht. Da zählt nur der Augenblick.
Es war die Zeit, in der die Fabrikdirektoren nicht mehr aus der gleichen Gegend wie ihre Arbeiter kommen sollten. Es ging nicht mehr um Wiederaufbau. Das Wirtschaftswunder sollte im Ergebnis mehr den Leitenden und Besitzenden zugute kommen, als den Leistungsträgern die es erarbeiteten. Ein wichtiges Merkmal dafür war das Hochdeutsche.
Jahrhundertelang hatten die Menschen ihren Alltag in Plattdeutsch bewältigt. Unzählige Dialekte zeigten regionale Eigenheiten oder auch übergreifende Gemeinschaft. Die Sprache gehörte den Menschen die sie sprachen. Das lief natürlich den wirtschaftlichen Interessen des Kapitals zu wider. Da ging es um Effizienz und die Direktoren, Meister und Vorarbeiter sollten die gleiche Sprache wie ihr Personal sprechen.
Natürlich hielt sich das Volk nicht an diese Wünsche. In der Schule gab es fünf mit dem Stock auf die blanken Finger, wenn man die böse Sprache sprach und für den Lehrer, der als Flüchtling das örtliche Platt gar nicht verstand, war dies die einzige Möglichkeit, wenigsten bei den Ängstlichen so etwas wie Autorität zu gewinnen.
Die anderen konnte der Klafferkatt anblaffen so viel er wollte und am Ende würden sie dem Schnackefatt vertobacken, dat hei veer Weken na't Krankenhuus mut. Was so viel heißt, dass man sich einig war, das der Angeber sie anschreien konnte, so viel er wollte und das sie am Ende den Quatschkopf so verhauen würden, dass er 4 Wochen ins Krankenhaus müsste.
Natürlich geschah meist nichts, aber der Gedanke bot ja Trost genug und es war herrlich dem Apendrietlook alle möglichen Schimpfworte an den Kopf zu knallen, ohne dass er etwas kapierte. Das machten natürlich auch die Arbeiter in den Fabriken. Denn noch gab es Arbeit an jeder Ecke. Wenn wieder einmal der Meister oder Arbeitsvorbereiter mit der versteckten Stoppuhr in der Tasche versuchte, den Akkord raufzusetzen, dann wurde von Abteilung zu Abteilung in Plattdeutsch gewarnt. Sehr zum Ärger dieser Betrüger.
Das war auch die Zeit, in der Masematte oder Rotwelsch wieder Einzug in die Umgangssprache hielten. Denn die Bosse hatten plötzlich Wörterbücher mit Plattdeutsch/Hochdeutsch, obwohl Plattdeutsch nie wirklich eine Schriftsprache gewesen war, sieht man mal von einigen Heimatdichtern ab.
Masematte war da deutlich geheimnisvoller und der Wortschatz war meist nur den Pferde-, Holzhändlern, den Fahrenden und den Jenischen bekannt. Da es nach dem Holocaust kaum noch Juden gab, waren die jüdischen Händler verschwunden, die sich ihr auch ständig bedient hatten. Die Masematte kam also zurück, aus dem ländlichen, bäurischen Sprachgebrauch und war deshalb in ihren Inhalten nicht mehr so umfangreich, wie sie es in Münster und vor dem zweiten Weltkrieg in großen Teilen des ländlichen Westfalens gewesen war.
Aber dafür kam sie mit modernsten Begriffen. Die tacko Achile Kabache war der Schnellimbiss und wer wirklich cool war der konnte die Bürgschaft von Schiller auf Platt und Masematte. Ein Beispiel auf münsteraner Platt findet sich hier Ein intellektueller Scherz und ein würdiger Abschied. Man entwuchs dem Platt, kaufte bestenfalls noch mal ein Buch mit Gedichten oder Sagen auf Platt. Las es sich selbst noch einmal leise vor, aber Platt geht es wie allen Sprachen, die man nicht mehr benutzt. Sie rosten ein und klingen dann auch im eigenen Ohr falsch.
Hannes Wader hat 1974 mit seinen Plattdeutschen Liedern eine gelungenen Anfang gewagt, einige andere wie Godewind folgten ihm, aber die Sprache konnte nicht mehr wirklich erweckt werden.
Irgendwann stellte Knut Kiesewetter in einem Lied fest, dass der Junge der weggegangen war kein Plattdeutsch mehr konnte, und die Leute auf dem Dorf nicht mehr verstand. Aber auch das ist heute lange vorbei. Das Dorf kann kein Plattdeutsch mehr und irgendwie ist das auch für die meisten kein echter Verlust. Man kann nur vermissen, was man gekannt hat.
Etwas das man nicht gekannt hat und auch nicht vermisst, ist kein Verlust, es hinterlässt nicht mal eine Lücke. Die, die Plattdeutsch und ihren Teil an der Masematte als Verlust begreifen, haben nichts verloren sondern freiwillig aufgegeben. Der Bequemlichkeit wegen, um sich anzupassen oder weil anderes wichtiger war.
Sie können und sollten sich wenigsten ein bisschen schämen. Für diese und für die Jungen die vielleicht einfach nur begreifen wollen, was sie verloren haben, hat Klaus Siewert im Geheimsprachenverlag unter der ISBN 978-3-9813057-2-2 das Hörbuch Masematte herausgegeben. Auf der CD haben die verstorbene Hanna Schön und Manfred Averbeck, neuere Texte auf Massematte gesprochen, die einen zwar nicht zurück zu den Ursprüngen dieser Sprache und ihren Benutzern, aber weit genug in ihren Klang einführen.
Dummerweise ist das Buch so geheim, dass es noch nicht im Verzeichnis der lieferbaren Bücher auftaucht. In Berlin hat es für mich die Buchhandlung Siebenpunkt die vor allem für die bezaubernsten Kinderbücher der Stadt steht. Ansonsten gibt es unter auf der Verlagsseite die Möglichkeit einer direkten Bestellung. Der Preis lag irgendwo bei 25 Euro.
Bevor die üblichen Kritiker wieder losschlagen. Nein, wir müssen Plattdeutsch nicht zur Amtssprache machen und Masematte schon gar nicht. Aber wir müssen beides auch nicht total vergessen. Zumindest nicht alle.
Sehr geehrter Herr Hoff,
leider gelingt es nicht, aus Ihrem sehr informativem Bericht die Bürgschaft von Schiller auf münsteraner Platt zu erreichen.
Auch zur Sütterlin Schule ist kein Kontakt möglich.
Könnten Sie mir bitte das Gedicht auf Platt oder einen Zugang dazu vermitteln?
Mit freundlichen Grüßen
L. Koggenhorst
welcher Jahrgang, also "gerundet" (und falls diese Frage gestattet ist) ist der Verfasser?
(o:
Viele Grüße
conny
leider gelingt es nicht, aus Ihrem sehr informativem Bericht die Bürgschaft von Schiller auf münsteraner Platt zu erreichen.
Auch zur Sütterlin Schule ist kein Kontakt möglich.
Könnten Sie mir bitte das Gedicht auf Platt oder einen Zugang dazu vermitteln?
Mit freundlichen Grüßen
L. Koggenhorst