Wir haben alle nur vage Vorstellungen, wie Jungen und Mädchen in der Pubertät so ticken. Man weiß, dass Mädchen in der Schule besser sind und die Jungen überrundet haben. Ebenso weiß man, dass die pädagogischen Angebote für Jungen, oder allgemein die Freizeitangebote, gegen Null gehen. Den meisten bleibt gerade mal der Fußball, aber auch hier reüssieren längst die Mädchen. Und alle finden das toll.
Nach meiner Beobachtung sind Jungen oft entweder das eine oder das andere: sie sind etweder zu dick oder zu dünn. Sie haben in der Schule entweder die Einsen oder die Fünfen. Sie sind entweder still und schüchtern oder selbstbewußt und polternd. Einige haben stark ausgeprägte Interessen, die aber irgendwie „nutzlos“ sind. Sie interessieren sich vielleicht für Politik, das sind dann oft die unerwünschten „Widerwort-Geber“. Oder ihr Thema ist Computer und Internet, über ihnen schwebt das Damoklesschwert Computer-Sucht. Manche machen Musik, andere sind super in Breakdance oder Skaten, das bringt aber auch alles nichts ein, es sei denn dies alles findet im Rahmen von Schul-AGs statt, was das Ansehen ein wenig aufwertet. Aber alles das hält davon ab, fleißig für die Schule zu lernen.
Die Mädchen hingegen besetzen größtenteils das Mittelfeld. Schwerwiegende Probleme wie Magersucht scheinen abzunehmen, viel mehr sehen sie im allgemeinen eher wohl genährt zu sein, den Rest leistet der push-up, ohne den Mädchen ab 12 scheinbar nicht mehr auszukommen scheinen. In der Schule erarbeiten sie sich mit lobenswerten Fleiß und Ausdauer - und sicherlich auch einer Portion Raffinesse - passable Noten. Auch das schulische Engagement scheint ihnen zu liegen.
Die Mädchen scheinen sich inzwischen sehr gut an die Verhältnisse angepaßt zu haben. Es kommen mal unerwünschte Folgen von frühzeitigem Sex vor, aber das läßt sich regeln. Sie brauchen horrende Summen Taschengeld für Frisör und Klamotten, aber die Eltern zahlen. Eltern von Söhnen schaudert es vielleicht, aber die Töchter-Eltern scheinen das wegzustecken. Auffällig bleiben die Söhne mit ihren Problemen. Und Eltern von Söhnen bleiben unter sich. Ein wenig eingeschüchtert vielleicht. Und ein wenig ratlos.
Es gibt Jungen, zu denen möchte man schon in Kindertagen sagen „Los, du sagst jetzt auch mal ein schlechtes Wort“, wie um sie von allzu viel Bravsein zu erlösen. Und dann gibt es Jungen, auf die reden die Eltern jahrelang mit Engelszungen ein, sie müßten auch ein wenig lernen, weil die schöne Intelligenz alleine nicht reichen würde. Beides scheint vergebene Liebesmüh. Die Jungen tragen schwer an ihren Problemen weiter und schwanken meist irritiert durch die sonderbare Welt der pubertären Baustelle und sind den Mädchen in keiner Hinsicht „gewachsen“.
Gestern gab es in Berlin Zeugnisse. Mein Appell: Eltern, haltet zu Euren Jungen! Steht zu ihnen. Habt Verständnis für ihre pubertären Ausfälle. Die meisten Jungen sind völlig in Ordnung. Sie sind vielleicht weniger anpassungsfähig – aber vielleicht offenbart sich genau darin eine Stärke. Vielleicht sind sie ein Stück ehrlicher und authentischer. Dumm nur, manchmal sogar fatal, dass sich ihre geistige Leistung, ihre Kreativität, und auch ihre Rebellion seltenst in adäquaten Noten ausdrückt. Erschwerend kommt hinzu, dass sie nicht so gute Strategien entwickeln, wie ihre Altersgenossinnen, zum Beispiel, wie man Lehrer und Eltern umgarnt, um Milde oder Verständnis zu erwirken. Denn auf diese Art wird dann doch mal aus einer 4 eine 3, und aus einer 3 eine 2. Stimmt´s Herr Lehrer und Frau Lehrerin?
Qualitäten namens Elite und Exzellenz schillern heute auf den imaginären Altären der Bildungseinrichtungen. Aber sie meinen eigentlich nie die wirkliche, die geistige Elite. Sie meinen stets nur die Kinder der Oberen Zehntausend und ihre Chancen, mit samt den geltenden Spielregeln. Ab und zu darf ein braves fleißiges Kind ein wenig nach oben aufsteigen. Auch mal ein Kind mit Migrationshintergrund. (Nein, feine Leute pflegen keinen Rassismus!) Das nehmen sie dann großzügig mit in ihre Welt, die angeblich so erstrebenswert ist.
Der Preis ist hoch. Der Preis der Anpassung an gesellschaftliche Eliten ebenso, wie der Preis des Scheiterns. Wenn die Mädchen durch diese „enge Gasse“ Wege gefunden haben, sollte es doch eigentlich auch für Jungen möglich sein. Wir sollten sie bei der Suche unterstützen. Oder sollen die jungen Frauen später allein auf weiter Flur bleiben? Möchten wir das? Wohl kaum.