Neben den verbalen Polemikkünsten eines Guido Ws. begleiteten die Öffentlichkeit in diesen Tagen die Winterspiele 2010.
Begonnen haben die Wettkämpfe mit der Ernüchterung eines Todesfalles. Jener georgische Schlittenfahrer kehrt ein in die Ruhmeshalle Olympia, nicht durch seine Leistung, sondern durch die Vollendung seines Lebens an den Banden eines hochmodernen Eiskanals.
Gescheitert an den Bedingungen eines von Menschenhand erschaffenen Beschleunigungskonstrukts.
Der Tanz auf dem Totenbett- Winterspiele 2010
In fernen Kindertagen – die Winter glichen alljährlich dem Winter des Jahres 2010, gab es in der Region meiner Kindheit eine großflächige Schlittenwiese. Diese Fläche teilte sich in drei Bereiche auf:
Die so genannte „
Stell Wies“ (ein gemäßigter Abhang), den „
Floghüvvel“ (Abfahrt mit natürlichen Sprungschanzen) und die gefürchtete „
Dudsbahn“ (hochdeutsch:
die Todesbahn). Letzteren Hügel mieden
fast alle Kinder wie die Pest. Implizierte alleine der Name schon Grauen und Respekt vor dem ungewissen Ausgang des Benutzens. Selbstverständlich gab es unter den Kinder immer mal wieder jene Heroen, die das Wagnis auf sich nahmen, die Piste herunter zu fahren.
Zum Beispiel jener Junge, der gestärkt mit seinem neuen Weihnachtsgeschenk – einem leuchtend roten Bob – die Herausforderung annahm.
Hinzufügen muss man, dass der Bob seinerzeit als
die Innovation unter den Winterabfahrtsgeräten galt.
Gegenüber unseren trägen Holzmodellen erschien es logisch, dass lediglich diese neue Plastikkonstruktion die Abfahrt heil überstehen konnte.
Die Geschichte endete semitragisch:
Der Bob überlebte seine erste Winterfahrt nicht. Er zerschellte in Einzelteilen. Der Junge brach sich die Knochen.
Dieses Ereignis prägte das Bewusstsein der Kinder nachhaltig. Keiner wagte es mehr in den folgenden Jahren dem Opfer seiner eigenen Überschätzung nach zu eifern.
Niemand unterwarf sich dem Versuch: ein Held zu werden.
Kinder gelten allgemein als risikofreudig, aber sie lernen aus Erfahrung.
Die Erfahrungswerte gelten im Hochleistungssport nicht. Es herrschen andere Gesetze.
Auf der „Todesbahn“ von Vancouver fährt man unverdrossen weiter. Keine 24 Stunden nach dem tödlichen Unfall feierten die ersten Goldbehängten.
Warum lohnt es sich auf diese Sportgeschichte einzugehen?
Das Wetteifern um Edelmetalle, Ruhm und Geld kennt keine Grenzen. Der Tod ist das dazugehörige Wagnis, welches billigend in Kauf genommen wird. Selbstredend hegen und pflegen die Sportler untereinander keinerlei emotionale Bindungen. Sie sind schlicht Konkurrenten. Ein Toter bedeutet nicht mehr oder weniger: Ein Mitbewerber ausgeschaltet.
Trauer wäre ein Akt von Routine. Im herkömmlichen Sinne erwies die Gesellschaft einem Verstorbenen die letzte Ehre, in dem sie formalen Trauerregeln folgte.
Das „normale“ Leben stand still für einige Tage.
Ebenso schütze eine tödliche Erfahrung andere Mitmenschen davor, Risiken einzugehen, die Leib und Leben bedrohen könnten.
Tradition und Routine gelten heute als starr und obsolet.
Im Zeitalter der Beschleunigung bekämpft man tradierte Werte mit der Gestalt der Flexibilität. Die Realisierung jener Flexibilität konzentriert sich in erster Linie auf das Verbiegen von Menschen. Des Weiteren erscheint die Flexibilität im Gewand der Jugend. Jugend gilt als formbar beim Einlassen auf Risiken und beim fraglosem Gehorsam. So ist es nicht verwunderlich, dass der jüngste Rodler aller Zeiten obsiegte.
Ein Mitgewand der Verformbarkeit ist die Oberflächigkeit. Geteilte Oberflächigkeit hält Menschen zusammen. Gingen sie in die Tiefe, besäßen sie keine Vermeidungsstrategien mehr gegenüber schwierigen und umstrittenen Fragen. So gelingt es dann auch gefahrvolle Momente auszublenden. Gefühle von Verbundenheit erzeugen gegenseitige Abhängigkeiten, da aber auf den Pisten dieser Welt nur das konkurrierende Element zu finden ist, baut sich ein gegenseitiger Respekt nicht mehr auf.
So tanzen die Goldesel auf dem Totenbett.
In den Geschichten des Sports tauchen die Parallelen zum Ist-Zustand der Gesellschaft auf: Bindungslose, fragmentierte Ichs wetteifern untereinander. Unsicherheit wird als Herausforderung empfunden. Das System strahlt Gleichgültigkeit aus und der Mensch flüchtet sich in Apathie.
Er – der Mensch – wird nicht mehr gebraucht.
Dennoch verbleibt der letzte Kern der ausgehöhlten Hoffnung wie Howard Zinn mahnte:
Wir sollten das Spiel nicht verloren geben, bevor nicht alle Karten ausgespielt sind.
Mögen die Zeiten der
unerwarteten Überraschungen
bald sichtbar werden. Wir alle haben lange genug mit der unbarmherzigen Forderung „
flexibel“ zu sein gelebt.
Eines fernen Tages klatschen wir nicht mehr Applaus am Totenbett eines sportlichen Großereignisses.