Wer gehört eigentlich zur Mittelschicht? Kurz gesagt: fast alle.
Ohne gesellschaftspolitische Theorien zu bemühen, würde ich sagen, zur Mittelschicht zählen alle Leute, die in Bezug auf einige wichtige Faktoren große Ähnlichkeit in ihren Biographien aufweisen. Zum Beispiel: durch berufliche Tätigkeit erwirbt man seinen Lebensunterhalt, manchmal ersetzt durch die versichiedenen Transferleistungen. Man lebt in familiären und sozialen Zusammenhängen, trägt Verantwortung für sich und andere. Weitere Parameter sind Gesundheit, Bildung, gesellschaftliche Teilhabe, materielle Standards und ebenso die Suche nach Glück und Sinn. Rechtssicherheit und Gerechtigkeit sind wichtige Werte. Vom Staat erwartet man sich die notwendigen Rahmenbedingungen. - Dies sollte für den Moment als Überblick genügen.
An den Rändern dieser Mittelschicht tummeln sich Gruppen, die ich nicht zur Mittelschicht rechnen würde. Zum Beispiel die sogenannte Oberschicht, die ich aber nicht so bezeichnen möchte. Sie grenzen sich hauptsächlich durch Reichtum ab. Superreichtum. Ebenso gibt es dann die sogenannte Unterschicht, die Leute also, die in extremer Armut leben. Wohnungslose oder "Illegale" zum Beispiel. Das Ober-/Unterschichtenmodell finde ich zu wenig aussagekräftig, und teils sogar verfälschend.
An den Rändern ist nämlich noch mehr los. Manche heben sich aus der Mittelschicht zum Beispiel durch brillante geistige oder künstlerische Leistungen hervor und bilden eine Elite, ohne jedoch zur typischen Oberschicht zu gehören. Ähnliches gilt zum Beispiel für notorische Kriminelle. Das können die Kleinkriminellen aus ärmlichen Verhältnissen sein (Unterschicht), aber ebenso Großbetrüger aus den "besseren Kreisen". (So wie es Verwahrlosung in allen gesellschaftlichen Schichten gibt). Dann gibt es Gruppen, die sich bewußt abheben wollen vom typischen Mittelschichtsleben, die sich als Bohemiens bezeichnen, zum Beispiel. Anderen wiederum würde ich höchstpersönlich diesen Status aberkennen, alles was sich in rechtsradikalen Milieus oder üblen Sekten bewegt, um zwei Beispiele zu nennen.
Durch die Mittelschicht, geht ein feiner und manchmal unsichtbarer Trennstrich, der die an sich schon wenig homogene große Guppe deutlich in zwei Hälften teilt. Hier geht es um Geld. Die einen verfügen über wenig Geld, weil sie ausschließlich von ihrem Arbeitseinkommen leben (oder Arbeitslosengeld, Hartz4, Krankengeld, Rente, etc). Hier herrscht die große Angst vor Jobverlust, der schnell die ganze Existenz ins Wanken bringen kann, bzw. zum Existenzminimum führt. Diese Angst ist immens blockierend. Die anderen verdienen entweder sehr viel und können Rücklagen bilden, was die Angst vor Jobverlust etwas abfedern kann. Und/oder sie verfügen über Vermögen aus Erbschaften (oder warten darauf), was den entscheidenen Unterschied bringt: finanziellen Spielraum, der sich auf unterschiedliche Art nutzen läßt. (Die einen legen sich Sicherheiten an, die anderen spekulieren auf hohe Gewinnerwartung an der Börse oder leisten sich eine Zahn-Zusatzversicherung, je nach persönlicher Neigung.)
Mittels dieser Unterscheidung wird von einschlägigen Instanzen ständig versucht, die Mittelschicht zu spalten. Stellenweise gelingt das, und das ist heikel. Obwohl die beiden Hälften dieser große Gruppe immer noch über sehr viel gemeinsame Interessen verfügen. Diese sollten wir viel mehr betonen. Die Mittelschicht und ihre Interessen müssen ins Zentrum politischer Interessenvertretung gerückt werden.
Viele tun so, als wäre das ihr Ziel. Die großen Volksparteien tun so, populistische Strömungen tun so, sogar reine Klientel- und Lobbyistenvertreter tun so. Politisch linke und politisch rechte tun auch so. Gewerkschaften, Kirchen, große Verbände, weiß der Kuckuck - fast alle tun so, als würden sie die "gesellschaftliche Mitte" vertreten. Bloß - merken wir was davon? Die Repräsentanten der gesellschaftlichen Elite, - möchten sie wirklich wissen, was man in der Mittelschicht denkt und braucht? Interessieren sie sich für Vorstellungen, die hier entwickelt werden? Ich würde sagen, nicht die Bohne. Wer den Sprung in die oberen Zehntausend geschafft hat, der hat anderes im Sinn. Aber 100 prozentig!
Sie besetzen diese Rolle, füllen sie aber nicht aus. Formal sind wir ein moderner Rechtsstaat mit hohem demokratischen Anspruch. Faktisch wird über uns hinweg regiert, im Sinne mächtiger gesellschaftlicher Splittergruppen. Wenn von "mainstream" gelabert wird, dann sollen wir uns gemeint fühlen, glaube ich. Damit von uns auch mal die Rede ist. Aber das politische Subjekt "mainstream" bleibt vage und distanziert. Es ist wenig authentisch. Ich wünschte, wir würden mal ernst machen mit mainstream. Wenigstens in dem Sinn, dass wir uns stärker für uns selbst interessieren. Darüber hinaus sollten wir unsere gewählten Interessenvertreter ständig und streng prüfen! Vielleicht werden wir ja auch mal positiv überrascht.
Manchmal träume ich davon, dass die Sendungen im Nachmittagsprogramm der Privaten nicht nur billige und dumme Fernsehunterhaltung sind, sondern auch ein Schritt weg vom üblichen Personal, das auf Bühnen herumsteht, nämlich "Stars" und "Sternchen" und Wichtigtuer aller Art und ihren typischen Geschichten. (*) Statt dessen rückt der Zuschauer selbst und seinesgleichen ins Rampenlicht und ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Vielleicht sollte man das qualitativ besser machen und ausbauen? - Ich weiß es nicht. Aber Bauer sucht Frau fand trotz aller bedenklicher Aspekte das Interesse der Landbevölkerung, weil tatsächlich viele Bauern eine Frau suchen! Ist ja nur das Fernsehprogramm? Vielleicht spiegelt sich im Fernsehprogramm mehr gesellschaftliche Entwicklung ab, als so manch Intellektueller oder "think tank" sich ausdenken kann.
Also, lassen wir uns bloß nicht einschüchtern! Seien wir mainstream. Hauptstrom. Hallo, Platz da!
* Die mißglückte Nasen-OP/Brustverklein(größ)erung/Fettabsaugung mag uns ja ganz nett unterhalten, okay. Doch Cindy aus Marzahn kommt ohne das alles aus, steigt auf die Bühne und ist ein Star. Von ihrem Mut träumen die anderen und legen sich gleich wieder unter das Messer. Und wenn Kurt Krömer ein besonders schickes Jacket anzieht, dann hat er auch glamour - naja, ein bißchen vielleicht. Show und Bühne, als angenehme Auszeit von der Realität, gehören selbstverständlich dazu, wollte ich nur noch sagen. Und manchmal blüht ein Talent auf, das seinem Publikum wesentlich näher steht als der gefeierten high society, mit und ohne Implantat.