Erzählen wir zunächst die Geschichte und schauen wir dann, wie die Neunte zur „Hymne Europas“ wurde. Dem Publikum stellte man die Symphonie zum ersten Mal 1824 in Wien vor. Als „Symbol Europas“ erklang sie in modifizierter Form am 8. Juli 1971 in Westberlin, nachdem sie im Auftrag des Europarats verändert und neu komponiert worden war. Der mit der Neufassung Beauftragte war niemand anderes als der Direktor der Berliner Philharmonie, Herbert von Karajan, der verschiedene Stücke der Neunten zusammenfügte, um die Ode an die Freude in die offizielle Hymne des Europarats zu verwandeln. Die neue „Europäische Hymne“ wurde dann zum ersten Mal am 5. Mai 1985 (Europatag) vom Orchester Karajans im Eurovisionskanal, mit der blauen Fahne und den Sternen als Hintergrund, dargeboten.
In Wirklichkeit hatte Karajan eine neue Version der Neunten geschrieben, mit einem veränderten musikalischen Text, von dem er das Copyright hatte, weswegen ihm die Hymne auch gehörte. Bis hierhin scheint alles noch ziemlich normal zu sein, außer der Tatsache, daß ein Musiker, der eine Hymne im Auftrag einer Institution bearbeitet, die Autorenrechte behält. Aber offenbar war Karajan ein Freund des Europarats-Präsidenten Toncic Sorinj, der ihm den Auftrag erteilt hatte. Sorinj wurde 1915 in Wien in einer aristokratischen Familie geboren, war aktives Mitglied der Österreichischen Volkspartei (ÖVP) und Wiener Außenminister, bis er von seinem Freund Kurt Waldheim, dem späteren Generalsekretär der Vereinten Nationen, abgelöst wurde. Einige Leser werden sich erinnern, daß es mit diesem Mann einen weltweiten Skandal gab, als man feststellte, daß er in der Naziwehrmacht eine äußerst undurchsichtige Rolle gespielt hatte.
Von jenem Skandal an wurde ein Netz von Ex-Nazis innerhalb der ÖVP aufgedeckt, deren extrem rechte Ideologie damals sogar den Europarat alarmierte. In diesem Zusammenhang stellte man fest, daß auch Karajan von 1935 bis 1945 Mitglied der NSDAP gewesen war. Tatsächlich
hatte er schon im April 1933 versucht, sich den Hitler-Faschisten anzuschließen. 1946 war er durch das österreichische Komitee für Entnazifizierung verhört worden. Aber wie viele andere Alt-Nazis wurde er von den Rechten Deutschlands und Europas willkommen geheißen, da
er bereit war, sich dem Kalten Krieg zur Verfügung zu stellen. In diesem Zusammenhang modifizierte Karajan auch die Neunte so, daß sie einen militärischen Klang bekam, nicht nur im Takt, sondern auch bei den Instrumenten.
Die Trompeten erhielten z. B. mehr Gewicht als die Violinen. Die Sanftheit und Anmut der Original-Ode wurde durch einen kriegerischen Akzent ersetzt. Wie Esteban Buch – Professor für Musikgeschichte in Paris – im Oktober 2009 in der linken US-Zeitschrift „Dissent“ darlegte, verwandelte sich die Ode an die Freude in ein völlig anderes Musikstück als das von Beethoven und Schiller geschaffene.
Auch die Absicht änderte sich fundamental:
Man instrumentalisierte das Werk im Sinne des Kalten Krieges. So wurde es zum ersten Mal in Westberlin vorgestellt. Ostdeutschland sah sich zum Protest veranlaßt. Es bedauerte die plumpe Manipulation Beethovens und Schillers für solche Zwecke.
Als König Juan Carlos bei der eingangs erwähnten Festveranstaltung den Saal betrat, erhob sich das Publikum und applaudierte dem Monarchen, um anschließend beim königlichen Marsch Haltung anzunehmen, einer Komposition der bourbonischen Armee, die man in Spanien als
Nationalhymne kennt.
Hoffen wir, daß die „Europa-Hymne“, mit der die Madrider Feier ausklang, nicht noch Schlimmeres bereithält.
Vicenç Navarro in „Público“
Übersetzung: Isolda Bohler
Der Autor ist Professor für Politikwissenschaften an der Universität Pompeu Fabra.
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Mit freundlicher Genehmigung durch den Redaktionsleiter der Zeitschrift RotFuchs, Dr. Klaus Steiniger
Ausgabe 147:
Karajans „Europa-Hymne“ und der Kalte Krieg