Von Yehuda Elkana -2.3.1988 -
Ich wurde als Junge von 10 Jahren nach Auschwitz gebracht und überlebte den Holocaust.
Die Rote Armee befreite uns, und wir verbrachten einige Monate in einem russischen „Befreiungslager“. Später bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es keinen großen Unterschied gibt im Verhalten vieler Menschen, denen ich begegnet bin: Deutsche, Österreicher, Kroaten, Ukrainer, Ungarn, Russen und andere. Mir wurde klar, dass das, was in Deutschland geschehen ist, überall geschehen kann: in jedem Volk, auch in meinem eigenen. Andrerseits kam ich zu dem Schluss, dass es möglich ist, solch schreckliche Ereignisse durch entsprechende Erziehung und dem richtigen politischen Rahmen zu verhindern. Es hat nie einen historischen Prozess gegeben, der notwendigerweise zu einem Genozid führte.
Nach meiner Einwanderung 1948 nach Israel habe ich mich jahrzehntelang nicht bewusst darum gekümmert, ob man aus dem Holocaust eine politische und pädagogische Lehre gezogen hat. Zu sehr mit meiner eigenen Zukunft beschäftigt, vermied ich theoretische Verallgemeinerungen über die Instrumentalisierung der Vergangenheit. Nicht dass ich die Erinnerung daran unterdrückte oder mich weigerte, darüber zu sprechen, was mir zugestoßen ist. Ich sprach oft mit meinen vier Kindern über die Vergangenheit und die Lehren, die ich daraus gezogen habe. Ich teilte Emotionen und Gedanken mit ihnen – aber nur auf persönlicher Ebene. Meine Abneigung, dem Eichmann-Prozess zu folgen; mein starker Widerwille gegen den Demjanuk-Prozess, meine Weigerung, meine Kinder bei Besuchen von Yad Vashem zu begleiten – dies schien mir nur eine persönliche Eigenart zu sein. Heute jedoch sehe ich die Sache in einem anderen Licht.
Während ich in den letzten Wochen mit meinen Freunden redete, empfand ich gegenüber denen, die hier geboren wurden und nicht den Holocaust durchlebten, einen seltsamen Vorteil. Wann immer es einen Bericht über einen „anormalen Vorfall“ gibt, ist ihre erste Reaktion , dies nicht zu glauben; erst wenn die Realität ihnen ins Gesicht schlägt, geben sie den Fakten nach. Viele verlieren dann jedes Gefühl von Verhältnismäßigkeit und sind bereit, den Standpunkt einzunehmen: „Sie sind alle gleich“ oder „ die israelische Armee ist wie diese“ ; oder sie verabscheuen beide, die Täter solcher Taten und hassen die Araber, die uns dahin gebracht haben. Viele glauben, dass die Mehrheit der Israelis von einem tiefen Hass gegen die Araber verzehrt wird und sind gleichzeitig davon überzeugt, dass die Araber einen tiefen Hass gegen uns empfinden. Nichts davon trifft auf mich zu.
Zunächst einmal, es gibt kein „anormales Ereignis“, das ich nicht mit eigenen Augen gesehen habe. Ich meine das buchstäblich: Ich war Augenzeuge vieler Vorfällen; ich sah wie ein Bulldozer Menschen lebendig begräbt; ich sah , wie eine aufgebrachte Menge, die lebenserhaltenden Geräte von alten Leuten im Krankenhaus wegriss; ich sah, wie Soldaten die Arme von Zivilisten, einschließlich Kindern, brachen. Für mich ist das alles nicht neu. Gleichzeitig verallgemeinere ich nicht. Ich denke nicht, dass uns alle hassen; ich denke nicht, dass alle Juden die Araber hassen; ich hasse nicht die, die für die „Anormalitäten“ verantwortlich sind. Aber das bedeutet nicht, dass ich über ihre Taten stillschweigend hinwegsehe oder dass ich nicht erwarte, dass sie mit der vollen Schärfe des Gesetzes bestraft werden.
Andrerseits suche ich nach den tieferen Wurzeln von dem, was in diesen Tagen geschieht. Ich bin nicht einer von denen, die glauben, dass die Hälfte dieses Volkes aus brutalen Kerle besteht. Bestimmt bin ich keiner von jenen, die Brutalität als ethnisches Phänomen ansehen. Zunächst sehe ich keine Verbindung zwischen unkontrolliertem Verhalten und ideologischem Extremismus. Außerdem ist ideologischer Extremismus charakteristisch für Juden aus Russland, Polen und Deutschland, viel mehr als bei jenen, die aus Nordafrika oder Asien kommen.
Einige meinen, dass der Mangel an Sicherheit, der wirtschaftliche und soziale Druck eine frustrierte Generation geschaffen hat, die für sich persönlich und existentiell keine Zukunft
sieht – keine Hoffnung auf höhere Bildung und Beruf, dass man sich anständig versorgen, eine passende Wohnung und ein vernünftiges Leben führen kann. Es ist schwierig, die Wahrheit dieser Vermutung einzuschätzen und besonders die Anzahl der Leute abzuschätzen, bei denen diese Art von Frustration angeblich vorliegt. Dass persönliche Frustration zu „anormalem“ Verhalten führen kann, ist wohlbekannt.
In letzter Zeit kam ich zu der Überzeugung, dass der ausschlaggebende politische und soziale Faktor, der die israelische Gesellschaft in ihren Beziehungen zu den Palästinensern motiviert, nicht persönliche Frustration ist, sondern eher eine tiefsitzende Existenzangst, die sich von einer bestimmten Interpretation der Lehren des Holocaust nährt, und der Bereitschaft, zu glauben, dass die ganze Welt gegen uns sei und dass wir die ewigen Opfer seien. In diesem uralten Glauben, der von vielen geteilt wird, sehe ich den tragischen und paradoxen Sieg Hitlers. Zwei Nationen tauchten – bildlich gesprochen – aus der Asche von Auschwitz auf: eine Minderheit, die erklärt, „dies darf nie wieder geschehen,“ und eine angsterfüllte und verfolgte Mehrheit, die erklärt, „Dies darf uns nie wieder geschehen.“ Es ist offensichtlich dies, wenn dies die einzigen Lehren sind , dann habe ich mich immer an den ersteren festgehalten und die zweite als eine Katastrophe angesehen. Hier unterstütze ich nicht eine dieser beiden Positionen, sondern möchte lieber behaupten , dass jede Lebensphilosophie, die sich nur oder zum großen Teil aus dem Holocaust nährt, zu verheerenden Konsequenzen führt. Ohne die historische Bedeutung des kollektiven Gedächtnisses zu ignorieren, ?? (1) ein Klima in dem ein ganzes Volk seine Haltung zur Gegenwart bestimmt und seine Zukunft dieser Gesellschaft gestaltet, wenn es in relativer Ruhe und relativer Sicherheit zu leben wünscht wie alle anderen Völker. Geschichte und kollektive Erinnerung sind untrennbarer Bestandteil jeder Kultur, aber die Vergangenheit kann und darf nicht das herrschende Element sein, das die Zukunft der Gesellschaft und das Schicksal eines Volkes entscheidend bestimmt.
Die bloße Existenz der Demokratie ist gefährdet, wenn das Gedächtnis an die Toten aktiv am demokratischen Prozess teilnimmt. Faschistische Regime verstehen dies sehr wohl und handeln danach. Wir verstehen es heute, und es ist kein Zufall, dass viele Studien über Nazi-Deutschland sich mit der politischem Mythologie des Dritten Reiches befassen. Indem man sich auf die Lehren der Vergangenheit verlässt, um die Zukunft zu bauen, und das vergangene Leiden als politisches Argument ausbeutet – heißt, die Toten in das politische Leben der Lebenden einzubeziehen.
Thomas Jefferson schrieb einmal, dass Demokratie und Verehrung der Vergangenheit nicht vereinbar sind. Demokratie fördert die Gegenwart und die Zukunft. Zu viel von „Erinnere dich!“ und Sucht nach der Vergangenheit untergräbt die Fundamente der Demokratie.
Wäre der Holocaust nicht so tief in das nationale Bewusstsein eingedrungen, bezweifle ich, ob der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern zu so vielen „Anormalitäten“ geführt hätte und ob der politische Friedensprozess heute in einer Sackgasse gelandet wäre
Ich sehe keine größere Bedrohung für die Zukunft des Staates Israel als die Tatsache, dass der Holocaust systematisch und gewaltsam in das Bewusstsein der israelischen Gesellschaft gedrungen ist, selbst in jenen großen Teil, der die Erfahrung des Holocaust nicht durchgemacht hat und selbst in jene Generation, die hier geboren und aufgewachsen ist.
Zum ersten Mal verstehe ich den Ernst/ die Schwere von dem, was wir tun, wenn wir jahrzehntelang jedes israelische Kind mehrfach Yad Vashem besuchen lassen. Was wollen wir, dass jene sensibeln Jugendlichen mit diesen Erfahrungen tun? Was sollen Kinder mit solchen Erinnerungen anfangen? Der ernste Appell: „ Gedenke, erinnere dich!“ („Zechor“!“) Zu welchem Zweck? Was soll das Kind mit solchen Erinnerungen tun? Viele dieser Bilder jener Schrecken eignen sich dazu, als Aufruf zum Hass interpretiert zu werden. „Zechor!“ kann leicht als Aufruf zum anhaltenden und blinden Hass verstanden werden.
Es mag sein, dass sich die Weltöffentlichkeit noch lange erinnern muss. Ich bin mir nicht einmal darin sicher, aber auf jeden Fall ist dies nicht unser Problem. Jede Nation, einschließlich der Deutschen, wird sich für ihren eigenen Weg entscheiden und auf der Grundlage ihrer eigenen Kriterien, ob sie sich erinnern wollen oder nicht.
Was uns betrifft – wir müssen vergessen lernen! Heute sehe ich für die Führer dieser Nation keine wichtigere politische und pädagogische Aufgabe, als für das Lebens einzutreten, sich der Gestaltung unserer Zukunft in diesem Lande zu widmen und nicht tagaus tagein nur mit den schrecklichen Symbolen, quälenden Zeremonien und der düstern Lehre des Holocaust beschäftigt zu sein. Sie müssen die Vorherrschaft dieses historischen „Erinnere dich!“ über unser Leben ausmerzen.
Was ich hier geschrieben habe ist hart, und - entgegen meiner Gewohnheit – in schwarz-weiß angegeben. Dies ist kein Zufall oder eine flüchtige Stimmung meinerseits. Ich habe keinen besseren Weg gefunden, um die Ernsthaftigkeit des Problems aufzuzeigen. Ich weiß sehr wohl, dass keine Nation ihre Vergangenheit total vergisst oder vergessen soll – mit allem was sie einschließt. Natürlich gibt es einige Mythen, die zum Aufbau unserer Zukunft wesentlich sind, wie die Mythen der Excellenz (?) oder dem Mythos der schöpferischen Begabung; ganz sicher ist es nicht meine Absicht, mit dem Lehren unserer Geschichte aufzuhören. Was ich versuche, ist, den Holocaust aus der Mitte unserer nationalen Erfahrung herauszunehmen.
1) hier fehlt in der Englischversion ein Verb – der Satz ist nicht vollständig – ich hab ihn so gelassen.
(dt. Ellen Rohlfs)
Die Notwendigkeit, zu vergessen
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Kommentare
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#1
thom
am
05/04/10 um 01:42
[Antwort]
Na, wenn die Niederschrift authentisch ist, fett Respekt, da spricht wahre Größe.



















