Gestern, während meiner geliebten Einkaufspause: Ins Cafe gehen, Zeitung lesen, rauchen - wobei mir der Kellner mit schöner Hand Feuer reicht. Sehr galant. Titelseite der Jungen Welt: Streik in Italien. "Also mischte sich am gestrigen Freitag, als das fußballbegeisterte Italien in den Generalstreik trat, die Wut über die Politik Roms mit dem Frust über das Versagen der Squadra Azzurra. Regierungschef Berlusconi erlebte, daß der Sport das politische Handeln nicht zu verhindern vermag. Millionen Beschäftigte folgten dem Aufruf des größten Gewerkschaftsdachverbands CGIL." Etwas wie Neid fängt an in mir zu brennen.
Mich holt mal wieder eine Erinnerung ein, und zwar an den Erzieherinnenstreik in Berlin 1989. Gleichzeitig zum Mauerfall begann der längste Streik im öffentlichen Dienst der BRD. 12 lange Wochen kämpften die Erzieherinnen um einen Tarifvertrag, bzw. als erstes um die Aufnahme von Verhandlungen. Wir hatten damals eine rot-grüne Regierung.
Zufällig saß ich damals in einer noblen Versammlung im Schöneberger Rathaus, zu der die rot-grünen Senatorinnen eingeladen hatten. Ihr erinnert euch: es war der Senat, der nicht nur rot-grün war, sondern auch von einer Mehrzahl Frauen gebildet wurde. Das war gesellschaftlicher Fortschritt damals, und Momper und ein paar grüne Bosse sonnten sich in diesem Glanz! Und so kam es, dass unsereins in ungewohnt feiner Umgebung tagte und auf sehr bequemen Stühlen Platz nahm und wo für die Leute auf dem Podium gepflegte Getränke bereit standen. Ich fühlte mich nicht wohl.
Kurz nach Beginn der Veranstaltung gingen die Türen auf und eine Abordnung der streikenden Erzieherinnen kam rein. Sie stellten sich hinter den Stuhlreihen auf und wollten ihre Forderungen vortragen und eine Diskussion entfachen. Ich erinnere mich nicht mehr an Einzelheiten, aber umso besser an bestimmte Eindrücke, die sich in meinem Hirn eingebrannt haben. Die Erzieherinnen wurden nicht angehört. Die Senatorinnen und das Publikum hatten sich auf eine kultivierte Veranstaltung eingestellt und wollten sich nicht stören lassen. Irgendwann sind die Erzieherinnen einfach wieder abgezogen.
Ich war total deprimiert. Ich hätte vielleicht aufstehen und laut protestieren sollen, aber mir hatte es die Sprache veschlagen. Ich war ja auch nur eine kleine Studentin, die zufällig zugegen war, und außerdem wirkte das ganze Ambiente total einschüchternd. Und so wirkten auch die Erzieherinnen auf mich: eingschüchtert.
Da waren wir also angekommen. Vorne auf dem Podium feine Damen, die Senatorinnen des rot-grünen Senats. Hinten, stehend, auch lauter Frauen, die Erzieherinnen, mit überaus berechtigten Forderungen, und in der berechtigten Hoffnung, von einem rot-grünen Senat endlich einen Tarifvertrag zu bekommen. - Der Streik dauerte dann insgesamt 12 Wochen und endete ohne Tarifvertrag! Es war niederschmetternd.
Seitdem habe ich mit den Grünen abgeschlossen. Und ich habe diese große Skepsis gegenüber Regierungsbeteiligungen kleiner (ehemals) fortschrittlicher Parteien, wie es für uns damals die Grünen waren und heute die LINKE. Und seitdem frage ich, wie es passieren kann, dass in Deutschland streikende ArbeiterInnen derartig verraten und verkauft werden.
Hätten sich die Grünen damals hinter die Erzieherinnen gestellt und hätten sie genau an dieser Stelle die Koalition mit einem lauten Knall platzen lassen, hätte die Regierungsbeteiligung und die Macht, die sie verleiht, ihren politischen Sinn gefunden. Für so einen Zweck lohnt sich das Projekt "Mitregieren". Meiner Meinung nach. Aber an so was denken die Protagonisten natürlich nicht im Traum. Dann wären sie ja ihre schönen Posten los. Lieber opfert man das berechtigte Anliegen der Erzieherinnen, denen man weiterhin täglich die eigenen Kinder vorbeibringt, worauf man angewiesen ist, um die eigene Karriere voranzutreiben.
Die deutsche Streik-Un-Kultur hat natürlich viele Aspekte. In der Hauptsache spielen gewerkschaftliche Ausrichtungen die viel größere Rolle. Das können andere viel besser beurteilen als ich. Bei mir ist durch dieses Erlebnis ein depriminierendes Bild hängen geblieben, das bis heute besteht, wie meine Befürchtung, dass man in Deutschland offensichtlich nicht mehr an die Macht der Arbeiter glaubt. Ich sage das, obwohl ich stets zu jedem Optimismus bereit bin. Aber wenn rings um uns herum gestreikt und in Massen demonstriert wird, und bei uns diese Grabesruhe herrscht - da schlage auch ich mal unten auf dem Boden auf und bin platt. Und beschämt.
Vielleicht ist die Geschichte von dieser Begegnung, die ich schildere, aussagekräftiger als ich denke. Vielleicht führen diese Regierungsbeteiligungen (Rot-Grün, später Rot-Rot und Rot-Rot-Grün) direkt in diese Lähmung der Widerstandskraft hinein. In einen "sozialen Frieden", der gar nicht erkämpft wurde, der also gar keiner ist? Sondern vielmehr eine verheerende "soziale Lähmung"? Ich weiß es nicht.
Georg Christoph Lichtenberg
toller Artikel.
Dein Frust:
1. Die Grünen sind eine FDP mit Angst vor saurem Regen und radioaktiven Staub, der einem bei der Leibesertüchtigung Fahrradfahren auf den Kopf fallen kann.
2. Es gibt in D. keine Arbeiterklasse. Es gibt aber sehr wohl eine Untertanen-Trottel-Klasse. Selbst wenn es 40% schlecht geht, geht es noch 60% relativ gut und 2025 gibt es keine Erwerbslosen mehr, Alles klar?
solange aus einer Bohrinsel dausende liter Rohöl pro Stunde ins Meer sich ergiessen und bei uns
rumgewichst wird wegen Diesel-extra-Partikelfilter , nur damit der Staat Geld verdient und den Bürgern von den Grünen Angst gemacht wird, wie schädlich wir die Umwelt verpesten, habe ich kein Respekt vor denen..
Respekt habe ich dann, wenn Sie die Spendengelder nehmen und direkt vor Ort in den USA und anderen wirklichen Umweltverschmutzern (China) in den Hintern treten, in China war ich vor zwei Jahren = grauenhaft, Braunkohlekraftwerke so weit das Auge reicht, und wir wichsen hier mit Dosenpfand rum und gängeln den Mittelstand. Und der Mittelstand wird aber sofort als Verbrecher dargestellt, wehe er hält eine Vorschrift nicht ein.
Es gibt in D. keine Arbeiterklasse. Es gibt aber sehr wohl eine Untertanen-Trottel-Klasse...
der Mr. Marx hat das Ding zwar Arbeiterklasse genannt, um es den Leuten verständlich zu machen (damals waren es ja auch größtenteils Arbeiter) gemeint hat er sehr wahrscheinlich diejenigen, welche zu Ihrem Lebensunterhalt arbeiten müssen auf der einen und denen, welche von Ihren Zinsen leben können, auf der anderen Seite. Insofern gibt es heute auch eine Arbeiterklasse, deutlich über 80% der Bevölkerung, nur haben die soviel mediale Schmiere auf den Augen, daß Sie es nicht erkennen.
Wie kann man sich alles gefallen lassen und blindlings ins eigene Verderben rennen!
Auch der Hartz IV-Bezieher, denn immerhin arbeitet er für den Staat, macht sich nützlich, ist plötzlich wertvoll geworden, irgendwie. Eigenwert? Hm...
Das ist die Krankheit, die keiner zugeben will, aber sie ist jeden Tag zum Beispiel da wo ich lebe, zu besichtigen. So lange, wie das so ist, können wir nur neidvoll auf andere Bürger in anderen Ländern schielen.
So lange wir in D noch einen kräftigen Produktionsstandort hatten, war auch die Kraft und Macht der Arbeiter ungebrochen und stark. Aber wenn man die ökonomische Entwicklung der letzten 35 Jahren in D betrachtet, stellen wir fest, dass wir mehr und mehr nur noch Servicebetreiber waren und die Produktion und Herstellung deutscher Wertarbeit damit in andere Hände nach Asien, Osteuropa und anderswo übergeben haben.
Aus den Arbeitern wurden Angestellte, die sich nicht mehr die Hände beschmutzen wollten und Angst davor hatten, Flecken auf ihrem KD-Mantel zu bekommen: Da waren plötzlich überwiegend nur noch Menschen, deren Lohn plötzlich Gehalt hieß, das also nicht mehr pro Stunde und Schicht, sondern per Monatsultimo abgerechnet worden ist. Man war ja nun "WER".
Hier ging eine subtile Entwicklung vonstatten, die im Rahmen der "von oben" verordneten Umerziehung ein schleichend gefährlicher Prozess war, der unumkehrbar geworden ist.
Dementsprechend ist der klägliche Rest an Produktions-Arbeitern sukzessive zu einem Tiger mutiert, dem die Kampfzähne ausgefallen und die Krallen gestutzt worden sind.
Das einstige Bollwerk des malochenden Arbeiters, der noch direkt mit seinem Produkt verhaftet und dem daran gelegen war, seinen Arbeitsplatz zu behalten, war plötzlich zu einem feigen Service-Angestellten geworden, dem jeglicher Mut gegen staatliche Willkür und politische Ungerechtigkeit aberzogen worden ist.
Insofern sollten wir also von keiner Partei auch nur die geringste Hilfe erwarten - weder Rot-Grün, noch Rot-Rot-Grün (geschweige denn von irgend einer anderen Farbe). Hierbei muss man doch wissen, dass die Parteien- und Polit-Finanzierung so komfortabel, nobel und weich für die Beteiligten ausgestattet ist, so dass nach mehr als einer Legislatur-Periode jeder Partei-Politiker nur noch an sein eigenes Wohl und seinen persönlich gut gefüllten Geldbeutel denkt.