Mit nichts konnte ich meine dörflichen Verwandten mehr erfreuen, als mit interessanten Leuten im Schlepptau! Das war meine französische Brieffreundin in den 70er Jahren, die 6 Wochen Ferien bei mir auf dem Dorf verbrachte (ich durfte im Gegenzug im Jahr darauf 6 Wochen bei ihrer Familie in Paris verbringen). Und mein Onkel, der Bäcker, machte für sie täglich aus bayerischem Semmelteig ein französisches Baguette! Und man glaubt gar nicht, wieviele bayerische Bauersleute ein paar französische Vokabeln parat hatten, mit der sie Veronique ansprachen! Das war so lustig.
Viele Jahre später reiste meine türkische Freundin mit mir nach Bayern, die mit ihrer strahlenden Herzlichkeit von allen freudig aufgenommen wurde. Diesmal waren wir im Haus meines Bruders - da paßten wir hin, denn da war bereits seine Frau aus Mauritius und außerdem ein paar kanadische Eishockeyspieler, die mein Bruder vorübergehend beherbergte. In Mauritius lebt man "Multi-Kulti": viele Einwohner stammen aus Indien, einige haben chinesische Wurzeln, die meisten sind Kreolen, Afrikaner mit europäischen Einflüssen. Einer der Kanadier kam aus Toronto, für den war die kulturelle Vielfalt, die wir darstellten, glaube ich normal. Toronto ist stolz auf seine Einwanderer.
Ich habe immer, und zwar ohne Ausnahme, die Erfahrung gemacht, dass, wenn sich Menschen kennenlernen, Mißtrauen und Ablehnung weichen. Die persönliche Begegnung ändert die Verhältnisse radikal. Viele Vorurteile weichen. Aber selbst dann, wenn sich eines bestätigt, verliert es seine Relevanz. Man kann sich als "anders" erleben, ohne dass es störend wirkt. Es kann doch auch interessant und bereichernd sein.
Das Dorf ist ein interessantes Untersuchungsgebiet, denn Gleichheit gibt es gerade auf dem Dorf mehr als genug. Die Menschen gehen sich damit auf die Nerven, dass sie sich zu gleich sind. Wenn sich allzu Gleiche vergleichen, kommt selten was Gutes dabei heraus. In den dörflichen Gemeinschaften leidet der Einzelne daran, zu wenig Spielraum für individuelle Differenz zu haben. Kommt jemand von außen dazu, der merklich "anders" ist, wirkt das eher ausgleichend und befreiend.
Ich glaube keine Sekunde daran, dass es uns was bringen würde, wenn unsere Migranten aufhören würden, anders zu sein. Im Gegenteil. Wir profitieren laufend davon, wenn viele Menschen kulturelle Vielfalt mitbringen. In Ländern wie Kanada, wo man die Aufgabe Einwanderung offensiv und mit positiver Einstellung angeht, weiß man das.
Und ich glaube keine Sekunde daran, dass es Deutschland mit weniger Migranten besser ginge. Damit könnten dann ja die östlichen Bundesländer punkten, wo es wenige Zugewanderte gibt und dafür ein paar mehr Rechtsradikale! - Ich wünschte, unsere Kanzlerin könnte uns zu dieser Problematik ein paar Antworten anbieten. Anstatt uns zu erzählen, was wir in den 60er und 70er Jahren in der alten Bundesrepublik falsch gemacht haben.