Gastbeitrag
von Wilma Ruth Albrecht
wiesenhausblatt
„Augenhöhe“
Buchvorstellung
Jörg Roesler will mit seinem Buch eine vergleichende Wirtschafts- und Sozialgeschichte beider deutschen Staaten von 1945 bis 1990 vorlegen und die Entwicklung beider Staatssysteme gleichberechtigt - „auf gleicher Augenhöhe“ - und rein sachlich betrachten.
AUGENHÖHE
Der Autor unterlegt seiner Studie einen ahistorischen, ideologisch-idealistischen Staatsbegriff, dem beiden Staaten angeblich sich verpflichtet sahen, nämlich dem mit Bismarck sich entwickelnden „Sozial- und Wohlfahrtstaat“ (S. 219): „Beide Staaten verfolgten – vor allem aus Legitimationsgründen – das Ziel, eine Wohlfahrtsgesellschaft mit größtmöglicher sozialer Absicherung zu erreichen.“ (S. 28)
Nach 1945 schienen dafür durchaus gleiche Voraussetzungen gegeben. Durch die im Zuge nationalsozialistischer Kriegswirtschaftspolitik vorgenommene Investitionsverlagerung in den Raum Halle–Merseburg ereichte Ost- und Westdeutschland in etwa gleiches Industrieniveau. Dass es dann aber bald zu dem sich abzeichnenden Wohlstandsgefälle zwischen den sich bildenden deutschen Staaten kam, hing wesentlich mit den sowjetischen Demontagen in Ostdeutschland zusammen, die nicht nur das wirtschaftliche Niveau, insbesondere das Industrieniveau, absenkten, sondern auch strukturelle Disparitäten verursachten (S. 45), so dass 1950 das Bruttosozialprodukt (BSP) je Erwerbstätigen in der damaligen DDR nur die Hälfte des westdeutschen erreichte. (S. 46)
Verstärkt wurde das wirtschaftliche Wohlstandsgefälle zwischen Ost und West auch durch die „Fernwirkungen des Koreakrieges“ (S. 62) Während die Aufrüstungspolitik in Westdeutschland zur vollständigen Auslastung der im geringeren Ausmaß Demontagen ausgesetzten Anlagen und Maschinen führte, bedeutete sie für Ostdeutschland eine Abbremsung der wirtschaftlichen Entwicklung. Denn „das Rüstungsprogramm beanspruchte nicht nur erhebliche Gelder, sondern auch Rohstoffe, Arbeitskräfte und Baukapazität, die ursprünglich ´für den Aufbau einer Friedenswirtschaft´ vorgesehen waren.“ (S. 6)
Entscheidend für ein weiteres Auseinanderklaffen im Erreichen des jeweils gemeinsamen Staatszieles beider deutschen Staaten – nämlich den Sozial- und Wohlfahrtsstaat zu realisieren - waren auch die unterschiedlichen Reaktionen der Führungen beider Staaten auf die Ölkrise und die kapitalistische Weltwirtschaftskrise 1972/73. Während man in der BRD besonders unter Kanzler Schmidt sozialpolitische Maßnahmen gekürzt habe, um Staat und Gesellschaftssystem zu stabilisieren, hielt die DDR-Führung, besonders Erich Honecker, weiterhin am 1972 aufgelegten „Großen Sozialpolitischen Programm“ fest. Dieses Programm konnte jedoch nicht aus eigener Wirtschaftskraft finanziert werden. Da als Reaktion auf die sog. „Ölkrise“ die westlich-kapitalistischen Staaten protektionistische Maßnahmen ergriffen, konnte die DDR ihre Devisenschulden, die sie über einen Außenhandelsüberschuss zu begleichen gedachte, nicht mehr abzahlen, musste vielmehr immer höhere Kredite vor allem bei (bundes-) deutschen Banken aufnehmen: 1975 betrugen die Schulden 8,8 Mrd. DM und 1982 25,2 Mrd. DM (S. 157). Die damit einhergehende zunehmende Ausrichtung der DDR-Wirtschaft auf Export(produktion) und die abnehmende Investitionsquote führten zur ökonomischen Ineffektivität und Vernachlässigung der Bedürfnisse des Binnenmarktes, zu sozialer Unzufriedenheit und damit letztlich auch zum Zusammenbruch des DDR-Systems.
Jörg Roesler täuscht sich und andere: Der Autor ist sich nicht auf Augenhöhe. So wie die Regierung Hans Modrow vor der Regierung Helmut Kohl „gekuscht“ hat, so kuscht der Autor vor der bürgerlichen Geschichtsschreibung. Er blendet alles aus, was fortschrittliche Historiker in der deutschen Nachkriegsgeschichte herausgearbeitet hatten, vor allem: Erhöhung der deutschen Industrieproduktion im Nationalsozialismus über Kriegswirtschaft mit ihrer unsagbaren Ausbeutung überfallener Länder und Versklavung Hundertausender von Menschen, imperialistische Politik unter Truman mit strikter Verfolgung eines expansionistischen Welthandelskonzeptes auf Grundlage des Freihandelkonzeptes, Monopolherrschaft und Klassencharakter des Staates, soziale Bewegungen und Klassenkämpfe um sozialpolitische Errungenschaften, Wiedererlangung staatlicher und gesellschaftlicher Macht alter Eliten, Ausrichtung von Wohlfahrtsmessung auch an nicht warenförmigen Gütern und Leistungen ...
Insofern ist Roeslers Studie der historischen Wahrheit nicht nähergekommen, sondern hat vieles, was schon historiographisch freigelegt war, wieder verdeckt.
Jörg Roesler, Momente deutsch-deutscher Wirtschafts- und Sozialgeschichte 1945 bis 1990. Eine Analyse auf gleicher Augenhöhe (Leipzig: Leipziger Universitätsverlag, 2006, 240 p., 19.00 €; ISBN 3-86583-096-X)
Wilma Ruth Albrecht (*1947 in Ludwigshafen/Rhein) ist eine deutsche Sozial- und Sprachwissenschaftlerin (Lic; Dr.rer.soc.) mit den Arbeitsschwerpunkten Literatur-, Politik- und Architekturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Sie lebt seit 1987 in Bad Münstereifel. Letzte Buchveröffentlichungen: Bildungsgeschichte/n (Aachen 2006); Harry Heine (Aachen 2007); Nachkriegsgeschichte/n (Aachen 2008). Die Autorin veröffentlichte 2007 das wiesenhausblatt – e-Blätter für Schöne Literatur (http://www.wiesenhausblatt.de) und arbeitet seit Herbst 2008 an ihrer Romantrilogie des letzten Jahrhunderts: EINFACH LEBEN. Aktuell publizierte Wilma Ruth Albrecht literarisch in der Zeitschrift Chaussee 26/2010: „Briefe an Jenny“ [Auswahl] sowie wissenschaftlich in soziologie heute 14/2010: „Wer von den Produktionsverhältnissen nicht reden will, sollte vom malerischen Schaffen schweigen … Illustrierte These zur Malerei als Prolegomena einer speziellen Soziologie der Künste“ und in WeltTrends 76/2011: „Das Außenamt und die Vergangenheit“.
In den letzten Jahren veröffentlichte die Autorin politisch-literarischen Buchvorstellungen als online-Rezensionen, etwa Irre: http://www.kritiknetz.de/images/stories/texte/IRRE.pdf Über das Ende der Geduld: http://www.forced-labour.de/wp-content/uploads/2010/08/wilma-ruth-albrecht-das-ende-der-geduld-2010.pdf Buback: http://www.grin.com/e-book/121232/michael-buback-eine-aktuelle-rezension-von-wilma-ruth-albrecht Justizskandal Psychiatrie: http://www.hausarbeiten.de/faecher/hausarbeit/psf/28040.html Quadrate-Stadt-Roman: http://www.rhein-neckar-bruecke.de/buch_7_r.pdf Vom „Schwirren des heranfliegenden Pfeils“: http://glareanverlag.wordpress.com/2010/03/10/christian-linder-heinrich-boll-biographie. - Diese Rezension erschien zuerst im Ende Oktober 2009 mit geocities vom Netz gegangenen unabhängigen online-Magazin für Menschen & Bürgerrechte rechtskultur.de - 5. Jg. 2006/07
© Autorin (2010)
Nach 1945 schienen dafür durchaus gleiche Voraussetzungen gegeben. Durch die im Zuge nationalsozialistischer Kriegswirtschaftspolitik vorgenommene Investitionsverlagerung in den Raum Halle–Merseburg ereichte Ost- und Westdeutschland in etwa gleiches Industrieniveau. Dass es dann aber bald zu dem sich abzeichnenden Wohlstandsgefälle zwischen den sich bildenden deutschen Staaten kam, hing wesentlich mit den sowjetischen Demontagen in Ostdeutschland zusammen, die nicht nur das wirtschaftliche Niveau, insbesondere das Industrieniveau, absenkten, sondern auch strukturelle Disparitäten verursachten (S. 45), so dass 1950 das Bruttosozialprodukt (BSP) je Erwerbstätigen in der damaligen DDR nur die Hälfte des westdeutschen erreichte. (S. 46)
Verstärkt wurde das wirtschaftliche Wohlstandsgefälle zwischen Ost und West auch durch die „Fernwirkungen des Koreakrieges“ (S. 62) Während die Aufrüstungspolitik in Westdeutschland zur vollständigen Auslastung der im geringeren Ausmaß Demontagen ausgesetzten Anlagen und Maschinen führte, bedeutete sie für Ostdeutschland eine Abbremsung der wirtschaftlichen Entwicklung. Denn „das Rüstungsprogramm beanspruchte nicht nur erhebliche Gelder, sondern auch Rohstoffe, Arbeitskräfte und Baukapazität, die ursprünglich ´für den Aufbau einer Friedenswirtschaft´ vorgesehen waren.“ (S. 6)
Entscheidend für ein weiteres Auseinanderklaffen im Erreichen des jeweils gemeinsamen Staatszieles beider deutschen Staaten – nämlich den Sozial- und Wohlfahrtsstaat zu realisieren - waren auch die unterschiedlichen Reaktionen der Führungen beider Staaten auf die Ölkrise und die kapitalistische Weltwirtschaftskrise 1972/73. Während man in der BRD besonders unter Kanzler Schmidt sozialpolitische Maßnahmen gekürzt habe, um Staat und Gesellschaftssystem zu stabilisieren, hielt die DDR-Führung, besonders Erich Honecker, weiterhin am 1972 aufgelegten „Großen Sozialpolitischen Programm“ fest. Dieses Programm konnte jedoch nicht aus eigener Wirtschaftskraft finanziert werden. Da als Reaktion auf die sog. „Ölkrise“ die westlich-kapitalistischen Staaten protektionistische Maßnahmen ergriffen, konnte die DDR ihre Devisenschulden, die sie über einen Außenhandelsüberschuss zu begleichen gedachte, nicht mehr abzahlen, musste vielmehr immer höhere Kredite vor allem bei (bundes-) deutschen Banken aufnehmen: 1975 betrugen die Schulden 8,8 Mrd. DM und 1982 25,2 Mrd. DM (S. 157). Die damit einhergehende zunehmende Ausrichtung der DDR-Wirtschaft auf Export(produktion) und die abnehmende Investitionsquote führten zur ökonomischen Ineffektivität und Vernachlässigung der Bedürfnisse des Binnenmarktes, zu sozialer Unzufriedenheit und damit letztlich auch zum Zusammenbruch des DDR-Systems.
Jörg Roesler täuscht sich und andere: Der Autor ist sich nicht auf Augenhöhe. So wie die Regierung Hans Modrow vor der Regierung Helmut Kohl „gekuscht“ hat, so kuscht der Autor vor der bürgerlichen Geschichtsschreibung. Er blendet alles aus, was fortschrittliche Historiker in der deutschen Nachkriegsgeschichte herausgearbeitet hatten, vor allem: Erhöhung der deutschen Industrieproduktion im Nationalsozialismus über Kriegswirtschaft mit ihrer unsagbaren Ausbeutung überfallener Länder und Versklavung Hundertausender von Menschen, imperialistische Politik unter Truman mit strikter Verfolgung eines expansionistischen Welthandelskonzeptes auf Grundlage des Freihandelkonzeptes, Monopolherrschaft und Klassencharakter des Staates, soziale Bewegungen und Klassenkämpfe um sozialpolitische Errungenschaften, Wiedererlangung staatlicher und gesellschaftlicher Macht alter Eliten, Ausrichtung von Wohlfahrtsmessung auch an nicht warenförmigen Gütern und Leistungen ...
Insofern ist Roeslers Studie der historischen Wahrheit nicht nähergekommen, sondern hat vieles, was schon historiographisch freigelegt war, wieder verdeckt.
Jörg Roesler, Momente deutsch-deutscher Wirtschafts- und Sozialgeschichte 1945 bis 1990. Eine Analyse auf gleicher Augenhöhe (Leipzig: Leipziger Universitätsverlag, 2006, 240 p., 19.00 €; ISBN 3-86583-096-X)
Wilma Ruth Albrecht (*1947 in Ludwigshafen/Rhein) ist eine deutsche Sozial- und Sprachwissenschaftlerin (Lic; Dr.rer.soc.) mit den Arbeitsschwerpunkten Literatur-, Politik- und Architekturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Sie lebt seit 1987 in Bad Münstereifel. Letzte Buchveröffentlichungen: Bildungsgeschichte/n (Aachen 2006); Harry Heine (Aachen 2007); Nachkriegsgeschichte/n (Aachen 2008). Die Autorin veröffentlichte 2007 das wiesenhausblatt – e-Blätter für Schöne Literatur (http://www.wiesenhausblatt.de) und arbeitet seit Herbst 2008 an ihrer Romantrilogie des letzten Jahrhunderts: EINFACH LEBEN. Aktuell publizierte Wilma Ruth Albrecht literarisch in der Zeitschrift Chaussee 26/2010: „Briefe an Jenny“ [Auswahl] sowie wissenschaftlich in soziologie heute 14/2010: „Wer von den Produktionsverhältnissen nicht reden will, sollte vom malerischen Schaffen schweigen … Illustrierte These zur Malerei als Prolegomena einer speziellen Soziologie der Künste“ und in WeltTrends 76/2011: „Das Außenamt und die Vergangenheit“.
In den letzten Jahren veröffentlichte die Autorin politisch-literarischen Buchvorstellungen als online-Rezensionen, etwa Irre: http://www.kritiknetz.de/images/stories/texte/IRRE.pdf Über das Ende der Geduld: http://www.forced-labour.de/wp-content/uploads/2010/08/wilma-ruth-albrecht-das-ende-der-geduld-2010.pdf Buback: http://www.grin.com/e-book/121232/michael-buback-eine-aktuelle-rezension-von-wilma-ruth-albrecht Justizskandal Psychiatrie: http://www.hausarbeiten.de/faecher/hausarbeit/psf/28040.html Quadrate-Stadt-Roman: http://www.rhein-neckar-bruecke.de/buch_7_r.pdf Vom „Schwirren des heranfliegenden Pfeils“: http://glareanverlag.wordpress.com/2010/03/10/christian-linder-heinrich-boll-biographie. - Diese Rezension erschien zuerst im Ende Oktober 2009 mit geocities vom Netz gegangenen unabhängigen online-Magazin für Menschen & Bürgerrechte rechtskultur.de - 5. Jg. 2006/07
© Autorin (2010)
Tags für diesen Artikel: brd, brd-wirtschaft, ddr, ddr-wirtschaft, ökonomie, sozialpolitik, sozialstaat, wirtschaftspolitik, wohlfahrtsstaat, zeitgeschichte
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