STAATSKNETE, AKADEMISCH
Aktueller finanzsoziologischer Hinweis
Richard Albrecht
Bad Münstereifel
eingreifendes-denken
Flaschenpost an die Nachgeborenen
STAATSKNETE, AKADEMISCH
„Der Ort, den eine Epoche im Geschichtsprozeß einnimmt, ist aus der Analyse ihrer unscheinbaren Oberflächenäußerungen schlagender zu bestimmen als aus den Urteilen der Epoche über sich selbst.“ (Dr. Siegfried Kracauer [1927])[1]
I.
Wenn er´s für nötig hielt, sprach auch der bürgerliche Intellektuelle, antifaschistische Emigrant und bedeutende deutschsprachige Soziologe der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, René König[2], öffentlich über Geld und - wie in seinen letztgedruckten Studien zur Soziologie in Deutschland - darüber, daß er seinen „Lebensunterhalt“ nicht „als ´Privatier´ bestreiten konnte.“[3]
II.
Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) veröffentlichte in ihrer rechtskonservativen Kritik an der auch hier kurz vorgestellten Außenamts-Studie AA-TIEFBRAUN - „Die Historiker und das Amt“ (FAZ 24. 12. 2010) - ein informatives Datum: den Hinweis nämlich, daß diese theorielose Materialsammlung summa summarum 1.5 Mio. € (in Worten: Anderthalbmillionen Teuro) gekostet haben soll. Diese Staatsknete würde für fünf - großzügig bemessene - Habilitationsstipendien ausgereicht haben. Mithilfe eines dieser hätte ein Zeitgeschichtlicher, der diesen Namen verdient, innert von drei oder auch vier Jahren allein und ohne jede fremde Hilfe eine inhaltlich so materialreiche wie theoriegeleitete und auch formal gestraffte und damit leserliche Studie erarbeiten und schreiben können …
III.
Die Berliner Tageszeitung „junge Welt“ (jW) veröffentlichte Ende 2010 die Artikelserie eines Anglisten, der 27 Jahre lang „Professor für Literaturwissenschaft und Ästhetik an der Universität Bremen“ war und ausweislich der erstbeiden und der letzten Folge/n (jW 26., 27. [und] 30. 12. 2010) nicht einmal ein Shakespeare-Sonett [= 14 Zeilen] übersetzen konnte, stattdessen drei „Nachdichtungen“ feilbot. Überschlägig in heutigen Preisen nebst Staatspension bei berufsspezifischer Lebenserwartung berechnet: dieser Professor ist in der Tat mit um 2.5 Mio. € (in Worten: Zweieinhalbmillionen Teuro) ein staatsgedienerter (wie ich dieses Sozialsyndrom, einem Hinweis Dieter Claessens´ auf beamtische „Anrechtsmillionäre“[4]) folgend, nenne) Versorgungsmillionär, genauer: in diesem „Fall“ sogar ein Versorgungsmultimillionär.
IV.
Es mag (nicht nur) Hermann Hesse damals anders erschienen sein und anderen heute noch so erscheinen – freilich war und ist auch Sozialwissenschaft kein interesselos-romanhaftes „Glasperlenspiel“ (1943). Umso erfrischender, wenn ich - und heute immer noch zustimmend - das nachlese, was der österreichische Wissenschaftstheoretiker Paul Feyerabend in seiner "Skizze einer anarchistischen Erkenntnistheorie" (1976) zur akademischen Staatsknete bemerkte[5]:
„Es geht nicht an, daß Cliquen von intellektuellen Parasiten ihre miserablen Projekte auf Kosten der Steuerzahler ausarbeiten und der jüngeren Generation als ´fundamentale Erkenntnisse´ einbläuen. Es geht nicht an, daß diese Cliquen ganze Universitätsinstitute in Besitz nehmen und bestimmen, wer in ihren Kreis aufgenommen wird und in den Genuß von Steuergeldern kommt. Was würde ein geplagter Steuerzahler wohl sagen, wenn erführe, daß sein Geld zur Anfertigung von Hüten verwendet wird, die keinem Menschen passen, zur Erziehung der jüngeren Generation im Tragen solcher Hüte sowie zur Ausarbeitung einer Ideologie, in der ´Tragbarkeit´ durch ´innere ästhetische Qualität´ ersetzt wird?“
Derselbe polemisierte (1984) so enragiert wie zutreffend gegen diese intellektuell verzwergten "akademischen Rotznasen"[6]:
„Ich gerate schon seit langem in Wut, wenn ich sehe, [daß] Tausende von akademischen Rotznasen mit Wohlgefallen ihre großen Gehälter einkassieren, ohne Dankbarkeit, ohne ein Gefühl der Verpflichtung jenen Menschen gegenüber, die ihr Vertrauen in sie setzten, ohne einen Sinn für Perspektive.“
[1] Zitiert nach Siegfried Kracauer, Das Ornament der Masse. Essays. Nachwort Karsten Witte. Frankfurt/Main 1977: 50
[2] Richard Albrecht, „Einmal Emigrant - immer Emigrant“ - René König; in: soziologie heute, 3 (2010) 10: 30-33
[3] René König, Soziologie in Deutschland. Begründer / Verfechter / Verächter. München 1987: 391/392
[4] Dieter Claessens, Heraustreten aus der Masse als Kulturarbeit. Zur Theorie einer Handlungsklasse – „quer zu Bourdieu“; in: Klassenlage, Lebensstil und kulturelle Praxis […]. Pierre Bourdieus Klassentheorie. Hg. Klaus Eder. Frankfurt/Main 1989: 303-340; in Anmerkung 3: 305 erinnerte Claessens zutreffend an eine der sozialökonomischen „Trivialitäten“, daß nämlich „schon die Beamten des gehobenen Dienstes ´Anrechtsmillionäre´ sind, da ein Selbständiger oder ´Freischaffender´ zu ähnlicher Absicherung über ein Millionen-Kapital verfügen müßte.“
[5] Paul Feyerabend, Wider den Methodenzwang. Skizze einer anarchistischen Erkenntnistheorie. Frankfurt/Main 1976: 17, Anmerkung 6. Dieses 1976 erschienene Feyerabend-Buch wurde auch nach 25 Jahren, 2001, positiv vorgestellt: Andreas Metzner: http://egora.uni-muenster.de/ifs/personen/bindata/Metzner_Feyerabend.pdf
[6] Paul Feyerabend, Wissenschaft als Kunst. Frankfurt/Main 1984: 12
Der Autor lebt als unabhängiger historisch arbeitender Sozialforscher und freier sozialwissenschaftlicher Literat in Bad Münstereifel. Er veröffentlicht seit Oktober 2010 in diesem Blog (-> Richard Albrecht´s duckhome-Beiträge).
Letzte Buchveröffentlichungen: DEMOSKOPIE ALS DEMAGOGIE. Kritisches aus den Achtziger Jahren (2007); SUCH LINGE. Vom Kommunistenprozeß zu Köln zu google.de. Sozialwissenschaftliche Recherchen zum langen, kurzen und neuen Jahrhundert (2008) (-> Buchempfehlungen).
Aktuelle Netzseite -> eingreifendes-denken. Bio-Bibliographie -> bio-bibliographie. (c) Autor 2010
I.
Wenn er´s für nötig hielt, sprach auch der bürgerliche Intellektuelle, antifaschistische Emigrant und bedeutende deutschsprachige Soziologe der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, René König[2], öffentlich über Geld und - wie in seinen letztgedruckten Studien zur Soziologie in Deutschland - darüber, daß er seinen „Lebensunterhalt“ nicht „als ´Privatier´ bestreiten konnte.“[3]
II.
Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) veröffentlichte in ihrer rechtskonservativen Kritik an der auch hier kurz vorgestellten Außenamts-Studie AA-TIEFBRAUN - „Die Historiker und das Amt“ (FAZ 24. 12. 2010) - ein informatives Datum: den Hinweis nämlich, daß diese theorielose Materialsammlung summa summarum 1.5 Mio. € (in Worten: Anderthalbmillionen Teuro) gekostet haben soll. Diese Staatsknete würde für fünf - großzügig bemessene - Habilitationsstipendien ausgereicht haben. Mithilfe eines dieser hätte ein Zeitgeschichtlicher, der diesen Namen verdient, innert von drei oder auch vier Jahren allein und ohne jede fremde Hilfe eine inhaltlich so materialreiche wie theoriegeleitete und auch formal gestraffte und damit leserliche Studie erarbeiten und schreiben können …
III.
Die Berliner Tageszeitung „junge Welt“ (jW) veröffentlichte Ende 2010 die Artikelserie eines Anglisten, der 27 Jahre lang „Professor für Literaturwissenschaft und Ästhetik an der Universität Bremen“ war und ausweislich der erstbeiden und der letzten Folge/n (jW 26., 27. [und] 30. 12. 2010) nicht einmal ein Shakespeare-Sonett [= 14 Zeilen] übersetzen konnte, stattdessen drei „Nachdichtungen“ feilbot. Überschlägig in heutigen Preisen nebst Staatspension bei berufsspezifischer Lebenserwartung berechnet: dieser Professor ist in der Tat mit um 2.5 Mio. € (in Worten: Zweieinhalbmillionen Teuro) ein staatsgedienerter (wie ich dieses Sozialsyndrom, einem Hinweis Dieter Claessens´ auf beamtische „Anrechtsmillionäre“[4]) folgend, nenne) Versorgungsmillionär, genauer: in diesem „Fall“ sogar ein Versorgungsmultimillionär.
IV.
Es mag (nicht nur) Hermann Hesse damals anders erschienen sein und anderen heute noch so erscheinen – freilich war und ist auch Sozialwissenschaft kein interesselos-romanhaftes „Glasperlenspiel“ (1943). Umso erfrischender, wenn ich - und heute immer noch zustimmend - das nachlese, was der österreichische Wissenschaftstheoretiker Paul Feyerabend in seiner "Skizze einer anarchistischen Erkenntnistheorie" (1976) zur akademischen Staatsknete bemerkte[5]:
„Es geht nicht an, daß Cliquen von intellektuellen Parasiten ihre miserablen Projekte auf Kosten der Steuerzahler ausarbeiten und der jüngeren Generation als ´fundamentale Erkenntnisse´ einbläuen. Es geht nicht an, daß diese Cliquen ganze Universitätsinstitute in Besitz nehmen und bestimmen, wer in ihren Kreis aufgenommen wird und in den Genuß von Steuergeldern kommt. Was würde ein geplagter Steuerzahler wohl sagen, wenn erführe, daß sein Geld zur Anfertigung von Hüten verwendet wird, die keinem Menschen passen, zur Erziehung der jüngeren Generation im Tragen solcher Hüte sowie zur Ausarbeitung einer Ideologie, in der ´Tragbarkeit´ durch ´innere ästhetische Qualität´ ersetzt wird?“
Derselbe polemisierte (1984) so enragiert wie zutreffend gegen diese intellektuell verzwergten "akademischen Rotznasen"[6]:
„Ich gerate schon seit langem in Wut, wenn ich sehe, [daß] Tausende von akademischen Rotznasen mit Wohlgefallen ihre großen Gehälter einkassieren, ohne Dankbarkeit, ohne ein Gefühl der Verpflichtung jenen Menschen gegenüber, die ihr Vertrauen in sie setzten, ohne einen Sinn für Perspektive.“
[1] Zitiert nach Siegfried Kracauer, Das Ornament der Masse. Essays. Nachwort Karsten Witte. Frankfurt/Main 1977: 50
[2] Richard Albrecht, „Einmal Emigrant - immer Emigrant“ - René König; in: soziologie heute, 3 (2010) 10: 30-33
[3] René König, Soziologie in Deutschland. Begründer / Verfechter / Verächter. München 1987: 391/392
[4] Dieter Claessens, Heraustreten aus der Masse als Kulturarbeit. Zur Theorie einer Handlungsklasse – „quer zu Bourdieu“; in: Klassenlage, Lebensstil und kulturelle Praxis […]. Pierre Bourdieus Klassentheorie. Hg. Klaus Eder. Frankfurt/Main 1989: 303-340; in Anmerkung 3: 305 erinnerte Claessens zutreffend an eine der sozialökonomischen „Trivialitäten“, daß nämlich „schon die Beamten des gehobenen Dienstes ´Anrechtsmillionäre´ sind, da ein Selbständiger oder ´Freischaffender´ zu ähnlicher Absicherung über ein Millionen-Kapital verfügen müßte.“
[5] Paul Feyerabend, Wider den Methodenzwang. Skizze einer anarchistischen Erkenntnistheorie. Frankfurt/Main 1976: 17, Anmerkung 6. Dieses 1976 erschienene Feyerabend-Buch wurde auch nach 25 Jahren, 2001, positiv vorgestellt: Andreas Metzner: http://egora.uni-muenster.de/ifs/personen/bindata/Metzner_Feyerabend.pdf
[6] Paul Feyerabend, Wissenschaft als Kunst. Frankfurt/Main 1984: 12
Der Autor lebt als unabhängiger historisch arbeitender Sozialforscher und freier sozialwissenschaftlicher Literat in Bad Münstereifel. Er veröffentlicht seit Oktober 2010 in diesem Blog (-> Richard Albrecht´s duckhome-Beiträge).
Letzte Buchveröffentlichungen: DEMOSKOPIE ALS DEMAGOGIE. Kritisches aus den Achtziger Jahren (2007); SUCH LINGE. Vom Kommunistenprozeß zu Köln zu google.de. Sozialwissenschaftliche Recherchen zum langen, kurzen und neuen Jahrhundert (2008) (-> Buchempfehlungen).
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Tags für diesen Artikel: akademische cliquen, akademische rotznasen, anrechtsmillionäre, dieter claessens, forschung, geld, intellektuelle verzwergung, kosten, paul feyerabend, rené könig, soziologie heute, steuerzahler, studentenausbildung
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