I.
Dem Ruhrgebiet wurde immer schon in den letzten beiden Jahrhunderten einiges zugemutet. Zuletzt der Status als €-Kulturhauptstadt 2010. Das soll freilich wie 2010 schon morgen gestern gewesen sein.
Die letzte Zumutung erfuhr die Region, die ich – und auch nicht erst seit (vor)gestern –
Revier nenne[1], im zum Jahresende 2010 ausgelieferten Heft
forschung durch einen Chef mit Doktortitel, genauer: den Chef vom Dienst der Vierteljahreszeitschrift der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG, Bonn)[2], der Zeitschrift der DFG als im Selbstverständnis „zentrale Selbstverwaltungsorganisation der deutschen Wissenschaft“[3].
Was Mitte der 1930er Jahren tümelnd zum „Ruhrvolk“ (Wilhelm Brepohl) verklärt wurde[4] soll, so der DFG-Autor, erstmals vor dreißig Jahren an der Ruhr-Universität Bochum (RUB) Aufmerksamkeit erheischt haben. Seitdem untersuchten „zahlreiche Sprachstudien“
Ruhrdeutsch als „sprachliche Feldforschung[en]“ zur „Umgangssprache der schätzungsweise 5,4 Millionen Menschen im einstmals größten industriellen Ballungsraums Europa“ als „Regiolekt“ und als „ausdrucksstarke regionale Umgangssprache auf niederdeutscher Grundlage, die die vitalen Funktionen eines Dialekts übernimmt“ (Heinz H. Menge) und, „als niederdeutsches Unterfutter im Ruhrdeutsch-Gewand“, „durchweg als Nähesprache gebraucht“ wird (Arend Mihm).
Alles weitere ist
Mythos wie das Revier-Selbstbild „rauh, aber herzlich“ und das Revier-Fremdbild der durch polnisch-katholische Arbeitseinwanderer schmelzgetiegelten „Malocher“-Sprache. Soweit der Stand der DFG-geförderten Sprachforschung: Im Westen, rechts, kaum Neues.
II.
Was der Chef vom Dienst der DFG-forschung freilich als regiosprachliche „Kostprobe“ aus der „Gelsenkirchener Fußgängerzone“ und als Beispiel für den angeblich „im Medium der Sprache […] zum Tölpel verzwergten ´Ruhri´“ vorstellt, geht weiter und liegt tiefer als der von ihm feilgebotene Dialog:
„´Hömma, wo geht et denn hier nach ALDI?´ – Der Angesprochene: ´Zu ALDI!´ - Verdutzte Antwort: ´Wat, is denn schon halb sieben?´“
Das kannte ich als (auch von mir seit gut fünfzehn Jahren ab und an erzähltem) (Doppel-) Witz. Dieser kursierte in Westdeutschland einige Jahre nach der am 3. Oktober 1990 formal vollzogenen deutsch-deutschen Staatsvereinigung, deren kulturelle Problematik als/und wechselseitige Fremdheit von "Ossie" und "Wessie" zeitgleich auch im Spiegel des politischen Witzes erkannt wurde[5], etwa Mitte der 1990er Jahre. Das Narrativ läßt sich so kurzfassen:
„Fährt ´n Sachse durchs Revier, kurbelt die Fensterscheibe runter und fragt´n südländisch aussehenden Fußgänger: „Wo geht´s ´n hier nach ALDI?“ – Antwort: „Das heißt zu ALDI.“ – „Was“, schreit der Sachse empört, „ALDI´s schon zu?“
Und, daran anschließend und bewußt die damals besonders in Ostdeutschland umlaufenden Anti-Türken-Witze[6] konterkarierend:
„Was ist der Unterschied zwischen einem Sachsen und einem Türken? Der Türke hat Arbeit und kann Deutsch.“
[1] Erkundungen. Texte aus (dem) Revier. Hg. Richard Albrecht. Duisburg: REVIER, 1983, 149 p. - Das Buch ist seit etwa zwanzig Jahren vergriffen; drei Restexemplare sind zZt. im netzantiquarischen Angebot:
http://www.zvab.com/basicSearch.do;jsessionid=c44c4ce0ab2da7bc19665fdfdce0?anyWords=&author=richard+albrecht&title=erkundungen&check_sn=on
[2] Rembert Unterstell, „Hömma! Hasse dat schon gewusst!“ Ruhrdeutsch […]; in: forschung [Bonn], 4/2010: 10-13; hiernach alle Zitate im Text
[3]
http://www.dfg.de/dfg_profil/index.jsp
[4] Später Wilhelm Brepohl, Industrievolk im Wandel von der agraren zur industriellen Daseinsform dargestellt am Ruhrgebiet. Tübingen: Mohr (Siebeck), 1957, IX/400 p. - Kritisch mit weiteren Literaturhinweisen:
http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/beitrag/essays/dibu0100.htm
[5] Richard Albrecht, Von der Kühlschrank-Theorie zum Clockwork-Orange-Syndrom: Über kulturelle Grenzen der deutsch-deutschen Annäherung. Erstsendung WDR Hörfunk, WDR 3: 3. 10. 1991; Erstdruck in: Kommune, 9 (1991) 12: 39-42; letzter Nachdruck udT. Vom Kühlschrank zur Wagenburg. Über kulturelle Grenzen einer deutsch-deutschen Annäherung, in: Deutschland Archiv, 38 (2005) 5: 34-41
[6] Richard Albrecht, “Was ist der Unterschied zwischen Türken und Juden?“- (Anti-) Türkenwitze; in: Zeitschrift für Volkskunde, 78 (1982) II: 220-229; erweitert später in: ders., ... fremd und doch vertraut. Skizzen zur politischen Kultur des Witzes gestern und heute. Münster: LIT, 1989: 83-98
Der Autor lebt als unabhängiger historisch arbeitender Sozialforscher und freier sozialwissenschaftlicher Literat in Bad Münstereifel.
Er veröffentlicht seit Oktober 2010 in diesem Blog (->
Richard Albrecht´s duckhome-Beiträge). Letzte Buchveröffentlichungen:
DEMOSKOPIE ALS DEMAGOGIE. Kritisches aus den Achtziger Jahren (2007); SUCH LINGE. Vom Kommunistenprozeß zu Köln
zu google.de. Sozialwissenschaftliche Recherchen zum langen, kurzen und neuen Jahrhundert (2008) (->
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bio-bibliographie. (c) Autor 2011