Wir gewöhnen uns an alles. Daran, dass unsere S-Bahn ganze Außenbezirke abhängt. Und daran, dass wir mal wieder einen Lebensmittelskandal haben. Auch an Hatz4, Kinderarmut und Suppenküchen. Wir haben uns längst daran gewöhnt, dass Atommüll quer durch die Republik gekarrt wird, von hierhin nach dorthin, in sogenannte Zwischenlager. Wir haben uns auch inzwischen daran gewöhnt, dass ein sehr prominentes Ehepaar dem Adelstitel wieder Wert verleiht. Der adelige Ehemann kümmert sich um die deutschen Kriegsangelegenheiten, die adelige Ehefrau kümmert sich um die "Unschuld in Gefahr" (Innocence in danger). Und wir haben uns daran gewöhnt, dass unsere Kanzlerin "Mutti" genannt wird. Schlampe ist out, Emanze ist out. Mutti war prinzipiell schon immer die Beste. Wir wollen Mutti!
Manchmal üben sich die Deutschen im Widerstand und gehen protestieren. Aber geordnet! Denn wir sind die Deutschen. Und die paar, die aus der Reihe tanzen und das Maul aufmachen, die werden einfach nicht gehört (was meistens schon ausreichend ist). Den gesamten Bereich des Arbeitskampfes regeln sehr schön unsere Gewerkschaften, da kommt nichts Wildes vor. - Alles in allem brauchen sich unsere Machthaber aus Industrie- und Finanzkapital keine allzu große Sorgen machen. Die Politik und die Medien haben das gut hingekriegt: Wir waren, wir sind (und wir bleiben?) den Oberen ein bequemes Volk! Um nicht zu sagen "Untertanen" - obwohl es zur Renaissance der Adelstitel passen würde.
Nur eines macht sie wahnsinnig unruhig und es darf eigentlich nicht passieren: dass jemand in Deutschland laut "Kommunismus" sagt!
War ja schwer beeindruckend, was das im ganzen Land, quer durch Politik und Medienwelt für eine Unruhe erzeugt hat, als Gesine Lötzsch unverkrampft vom Kommunismus redete. Als stünden die Russen vor der Tür (welche Russen?). Oder als wäre Rosa Luxemburg, die bis zu ihrer Ermordung eine Unbequeme war, wieder auferstanden und würde öffentliche Reden halten. Oder habe ich was versäumt - putschen sich gerade ehemalige Stasi-Generäle an die Macht? Auch nicht?
Setsames Ranking. Der öffentliche Verkehr im Arsch, Gift im Essen, Atommüll der sich stapelt, neue Armut, ein amerikanisches Imperium names Monsanto will uns mit Gendreck verseuchen (und tut es auch) - und uns regt am meisten der Kommiunismus auf? Oder hyperventilierten nur die üblichen Speichellecker, die sich an die Mächtigen gekettet haben um von ihren gnädigen Gaben zu leben? Diese Stützen des Systems, egal welcher Partei sie angehören.
Das einzige, was ich an den Reaktionen auf Gesine Lötzsch´s Rede bemerkenswert fand, war, dass sie sogar die Reformer in der LINKEN verstört haben soll. Na endlich, dachte ich erleichtert, hat die mal jemand verstört. Dass ich das noch erleben darf! Aber sonst?
Was merken wir uns zum Ende dieser Woche? Wollen wir, das Volk, mal richtig unbequem sein, bzw. mal gehört werden, dann sollten wir zu allererst ganz laut "Kommunismus" sagen. Aber das Volk muss es natürlich wirklich wollen - unbequem sein, meine ich! Wer weiß, wer weiß ...
Schmunzel, schmunzel.
Herzerfrischend.
Eine Geschichte wie aus dem Leben.
Ich meine mich zu erinnern, dass in "Deutschland" fast immer "ein" Wort nötig war um Bewegung zu erzeugen.
"Biermann", "RAF" (nicht die Royal Air Force),
Danke.
Gruß aus Baden
"Wir" ...? Aber doch nicht etwa "wir alle" ...?
In dieser ganzdeutscher Kulturnation gab´s auch mal´n Wintermärchen. Kommunismus war auch nicht gestern. Kommunismus gab ´s in der ganzdeutschen Kulturnation bisher noch nie.
Aber wie der Volksmund sagt: was nicht ist kann ja noch werden ... oder darf das für´n Kommunismus nicht gelten?
Gruß;-) Harry
Es ist wirklich wahr, wenn wir alle "Kommunismus" schreien, dann bewegen sich die Medien und den Oberen geht der A... auf Grundeis.
He he, das möchte ich gern erleben.
Warum erschaffen wir nicht einfach ein menschenfreundliches System und geben ihm einfach einen ganz neuen Namen.
Alle Systeme haben bisher versagt. aber dazu braucht es auch kluge und gewillte Politiker. Die sehe ich nirgends !!!!
der Artikel spricht meinem Unbehagen aus der Seele. Man gewöhnt sich irgendwo an (fast) alles, was aber doch erst neue Veränderungen ermöglicht. Würden wiruns nie an Neues gewöhnen wären wir so sehr damit beschäftigt das uns neue Veränderungen garnicht in den Sinn kommen würden.
Das nur um auch mal meinen Senf dazu zu geben ;) Ansonsten toller Artikel!
Gruß
Frank
Du warst "schwer beeindruck(t), was das (...) für eine Unruhe erzeugt hat, als Gesine Lötzsch unverkrampft vom Kommunismus redete"? Es wird weitere beeindruckende Unverkrampftheit folgen, es sei denn, die "hyperventilierten üblichen Speichellecker" und ihre "Mächtigen" wären so ungeschickt und dämlich, dass sie den (dankbar angenommenen) Kommunismus-Präsentierteller in den nächsten rund acht Monaten (also bis zur letzten LTWahl 2011) fallen ließen.
Wovon aber wohl nicht auszugehen ist, ist doch zumeist die deutsche Rechte weitaus klüger als die Linke.
@ M. Schuster
"Warum erschaffen wir nicht einfach ein menschenfreundliches System und geben ihm einfach einen ganz neuen Namen. Alle Systeme haben bisher versagt."
Meinst Du, das "freiheitlich-linke Spektrum" in unserem Land sei stark genug, um, na sagen wir mal, wenigstes die Hälfte sozialstaatl. Errungenschaften zurück zu erkämpfen, die allein in den letzten 10 Jahren zerstört werden konnten ? Falls ja, so wäre es schon interessant, welchen Namen dieses "geschaffene System" erhielte.
der Mensch ist ein Gewohnheitstier !
mfg zdago
Wann ist der Kommunismus entstanden?
Wann bekam diese Staatsform ihren Namen?
Die Entstehungsgeschichten zum Kommunismus hatten immer die gleichen Ursachen.
Was entwickelt sich zur Zeit?
Lassen wir mal das Wort "Kommunismus" weg, was hat Gesine Lötzsch denn wirklich gesagt?
Die Geldeliten sehen ihre Felle davon schwimmen, wenn die Linken stärker werden. Da müssen sie suchen und suchen, bis sie etwas gefinden haben. Nur lassen sich nicht alle Wähler gegen die Linken aufhetzen.
Bei der Gelegenheit an alle:
Eure guten Kommentare liefern der Bloggerin einen willkommenen Motivationsschub! Danke ;-)
meiner (wie bekannt: so politisch unerheblichen wie subjektiven) Meinung nach ist auch in alteuropäischen Metropolengesellschaften die historische Situation und die gesellschaftlichen Lage eine, in der die da oben tendenziell (vor allem wirtschaftspolitisch) nicht mehr so weiter können wie die da unten tendenziell nicht mehr so weiter wollen. Und in der nur noch die gemeinsame gesellschaftliche Erschöpfung der da oben infolge krisenverstärkender Machtwirtschaft u n d der da unten infolge handlungsblockierenden Utopieverlusts die objektiv gegebene revolutionäre Lage in nachhaltiger Latenz hält.
TINA („There is no alternative“) wirkt halt immer noch…
Der britische Altmarxist Eric Hobwsbowm betonte öffentlich vor zwei Jahren:
„Soweit ich weiß, gibt es keine Gesellschaft ohne den Begriff der Ungerechtigkeit. Und daher soll es auch keine geben, in der man sich nicht gegen sie auflehnt.“
Diese Auflehnung von Menschen gegen Ungerechtigkeit ist das Entscheidende auch für Kommunisten und Trotz Alledem, was es an Verbrechen im Namen des Kommunismus im vergangenen Jahrhundert gegeben hat. (Ich denke da zum Beispiel an das politisch-persönliche Schicksal von Susanne Leonhardt). Mir ist klar, daß das hier Angesprochene weder ganzdeutsche Rechtsdeppen noch ganzdeutsche Linksdeppen welcher Farben, Formate und Preisklassen auch immer verstehn wollen/können...
Freundliche Grüße
Richard Albrecht, 110111
http://eingreifendes-denken.net
Außer dem Standardritual Gorleben und der Ausnahme S21 ist es in Deutschland mit der Protestkultur nicht weit her. Und über Kommunismus kann sich anscheinend jeder aufregen ohne auf Widerstand zu stoßen!
Aus aktuellem Anlass
10 Gründe, warum der Kommunismus schlecht für uns wäre
Jetzt ist die Katze aus dem Sack. So müssten wir alle leben, ginge es nach der LINKEN.
# 1. Eine kleine Kaste von Bonzen hätte das ganze Geld.
# 2. Die Züge wären überfüllt, schmutzig, unpünktlich oder fielen aus.
...
Die vollständige Aufzählung gibts unter:
http://www.spiegel.de/spam/0,1518,738171,00.html
P.S. Leseempfehlung zur Elfenbeinküste:
http://ivoireleaks.de/