PARADIESVÖGEL
Eine Buchvorstellung [1]
von Richard Albrecht
Elfte Flaschenpost
PARADIESVÖGEL
Paradiesvögel lautet der Ein-Wort-Titel eines wichtigen und bisher kaum beachteten Erinnerungsberichts[2] einer bei uns so gut wie unbekannten Autorin: Cläre Jung, geboren 1892, gestorben, neundundachtzigjährig, 1981 in Ost-Berlin, ist auch recht eigentlich keine Schriftstellerin. Denn sie veröffentlichte während ihres langen Lebens überhaupt nur ein Buch: Aus der Tiefe rufe ich, ihr 1946 im Aufbau-Verlag erschienener, damals in einer Auflage von 10.000 Exemplaren verbreiteter Roman, will ans Leiden jüdischer Menschen im Dritten Reich erinnern und dürfte heute nicht einmal mehr literarhistorischen Spezialisten gegenwärtig sein.
Paradiesvögel. Erinnerungen, jetzt in einer kleinen, gut ausgestatteten und mit einem Bildteil angereicherten Auflage im Hamburger Nautilus-Verlag erschienen, sollte zunächst unter dem Titel Die Kameradin Anfang der sechziger Jahre im ost-berliner Aufbau-Verlag herauskommen und den Untertitel: Rechenschaftsbericht oder Chronik eines Lebens tragen. Und diese Erinnerungen einer Frau aus gutem Haus, die im Berlin der ersten Vorkriegszeit, 1911, mehr durch Zufall in den literarischen Kreis um die von Franz Pfemfert geleitete expressionistische Zeitschrift Die Aktion gerät und hier ihren Lebensgefährten und späteren Ehemann Franz Jung kennen lernt, führen uns Heutige in Form einer Lebenschronik und eines Rechenschaftsberichts zurück in eine Zeit, die unwiderruflich vorbei ist. Und in der doch viele der kulturellen Antriebe, von denen auch unsere Zeit noch zehrt, als künstlerische Moderne geschaffen wurden.
Cläre Jungs sieben Jahre nach ihrem Tod veröffentlichte Erinnerungen sind Rechenschaftsbericht und Lebenschronik einer Frau im Schatten eines Mannes: Franz Jung. Und wird Cläre Jung in Franz Jungs - zuerst 1961 im Luchterhand-Verlag erschienener Autobiografie unter dem einen damaligen Weltbestseller, John Braines Room at the Top, deutsch Der Weg nach oben, bewußt ironisierenden Titel Der Weg nach unten nur beiläufig erwähnt - in Cläre Jungs Lebensbericht steht Franz Jung im Mittelpunkt, so, als widmete die Berichtende noch einmal ihr Leben dem Mann und Lebensgefährten. Cläre - Die Kameradin.
Dieser Tendenz entspricht auch der publizistische Zusammenhang, aus dem heraus nun endlich Die Kameradin ihre Erinnerungen veröffentlicht bekam. Cläre Jungs Rechenschaftsbericht erschien, wie als Beigabe, in der Nemo Press des Nautilus-Verlags, in dem auch eine zwölfbändige Werkausgabe Franz Jungs herauskam - eben jenes Mannes, dem Cläre Jung ihr halbes Leben lang als Schattenfrau zur Seite stand: Franz Jung also - geboren 1888 in der Stadt Neiße, gestorben Anfang 1963, vierundsiebzigjährig, in Stuttgart, expressionistischer Literat im ausgehenden Kaiserreich und in der aufgehenden Republik der zwanziger Jahre, experimenteller Dadaist, Sozialist, Pazifist, Kommunist, Anarchosyndikalist - aber ebenso: verfolgter Staatsfeind, politischer Gefangener, aktiver Mann des Widerstands gegen die Nationalsozialisten, Flucht aus Deutschland, Emigration, schließlich Rückkehr des nun Siebzigjährigen nach Deutschland ...
Was der DDR-Literaturwissenschaftler Franz Mierau, der, gemeinsam mit Cläre Jung und noch zu deren Lebzeiten, 1980, im Reclam-Verlag unter dem Titel Der tolle Nikolaus einen Band Franz Jung herausgab - was Herausgeber Mierau im ersten Band der Werkausgabe auf mehr als fünfzig Seiten als Chronik zu Leben und Schriften des Franz Jung sehr im Detail umfassend aufgelistet hat - dieses Leben in Widersprüchen und voller Widersprüche, dieses gelebte Leben mit Ecken und Kanten, Brüchen und Sprüngen, hat der Verlag kurz so skizziert:
"Franz Jung - Uhrmachersohn, expressionistischer Dichter aus den Kreisen um den ´Sturm´ und die ´Aktion´, anarchistischer Dadaist, Sozialist im Spartakusbund, Mitbegründer der Kommunistischen Arbeiterpartei Deutschlands, maßgebend in der Arbeiterbewegung in Deutschland und der Sowjetunion, Dramaturg bei Erwin Piscator in Berlin, Wirtschaftsanalytiker in Berlin und London".
Und, genauer:
"1888 in Neiße geboren, 1907 bis 1912 mehrfach unterbrochenes Studium von Nationalökonomie und Jura in Leipzig, Jena, Breslau und München. 1914 zunächst Kriegsfreiwilliger, dann Deserteur. 1918 Besetzer des Wolff'schen Telegraphenbüros in Berlin, 1919 Mitglied der KPD, 1920 der KAPD, Schiffsentführung nach Rußland, 1921 Teilnehmer am Mitteldeutschen Aufstand, mehrere Inhaftierungen, Arbeit bei der Internationalen Arbeiter-Hilfe in Sowjetrußland, 1924 bis 1936 als Handeisjournalist und Geschäftsmann in Berlin, 1936 Verhaftung durch die GESTAPO, Flucht nach Prag, Wien, Genf und Budapest, dort 1944 Verhaftung und Verurteilung zum Tode, Flucht, 1945 Konzentrationslager in Bozen, 1945 bis 1948 in Italien, dann bis 1960 als Wirtschaftskorrespondent in den USA, Rückkehr nach Europa 1960, stirbt am 21. Januar 1963 in Stuttgart."
Die frühen zwanziger Jahre, als noch so etwas wie eine proletarische Revolution praktisch möglich und strategisch nötig schien - das war die große Zeit des Franz Jung: wenn ich richtig recherchiert habe - dann erschienen in schneller Folge gerade in jenen Jahren der noch nicht politisch stabilisierten ersten deutschen Republik, 1918 bis 1924, allein acht Erzählungen, Novellen und Romane als Bücher, schrieb Franz Jung drei Theaterstücke und ein halbes Dutzend Pamphlete und politische Propagandabroschüren für das neue Rußland, dazu zahlreiche Artikel in Zeitungen und Zeitschriften und gab selbst die Zeitschriften Der Rote Aufbau. Monatszeitschrift der proletarischen Wirtschaftshilfe für Sowjetrußland 1922/23 und später die antifaschistische Zeitschrift Der Gegner 1931/32 mit heraus - ein Blatt, das intellektuellen Querdenkern gegen die Nazis von links bis rechts eine Plattform geben sollte und nach wenigen Ausgaben Pleite ging.
Und bevor sich Franz Jung dann 1961 mit seinen autobiographischen Aufzeichnungen aus einer großen Zeit, seinem Lebensbericht Der Weg nach unten, als Schriftsteller nach dreißig Jahren erzwungenem Schweigen und dem Vergessen zurückmeldete - erschien 1931, als Roman der Wirtschaftskrise in Deutschland zu Beginn der dreißiger Jahre, sein gesellschaftskritischer Roman: Hausierer - ein wie ich denke noch heute lesbarer Roman über die persönlichkeitszerstörende Wirkung von Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung, der uns - nach einem Wort des italienischen Nationalökonomen und Soziologen Vilfredo de Pareto - eine angemessenere Vorstellung der großen Krise im bürgerlichen Deutschland vermitteln kann als so viele der direkten Zeitzeugnisse und so manche der inzwischen vorliegenden geschichtswissenschlichen Darstellungen über Weimars Ende.
Auf Leben und Werk dieses ihres Franz Jung und ein Berliner Milieu politisierender Künstler, das Franz Jung hervorbrachte, trug und ihn doch später nicht mehr ertragen konnte, bezieht sich Cläre Jung auf fast allen Seiten ihres Berichts aus einem bewegten Leben. Sich selbst fast bis zur Unkenntlichkeit als Person und Frau an seiner Seite zurücknehmend in diesem vor fünfunddreißig Jahren geschriebenen Zeitzeugnis, spricht die Autorin vor allem durch andere, die sie kennenlernte und die sie jeweils ein Stück Wegs begleiteten: etwa von ihren Begegnungen. mit dem deutschschweizer Lyriker und Philosophen Adrien Turel, der Cläre Jung in seinen Memoiren Bilanz eines erfolglosen Lebens wie Franz Jung im Weg nach unten nur am Rande erwähnt -; etwa von Franz Pfemfert, dem Herausgeber der literarisch-politisch-pazifistischen Zeitschrift Die Aktion, von den Schriftstellern Georg Heym, Oskar Maria Graf und Erich Mühsam, dem Theatermann Erwin Piscator, den Malern Georg Grosz und Georg Schrimpf oder den Psychoanalytikern Ernst Fuhrmann und Otto Groß: Außenseiter sie alle und die vielen anderen oft als Kaffeehausliteraten und Bohème denunzierten eigensinnigen Menschen, oft persönlich exzentrisch und schwierig, aber doch Typen, die aktiv das, was künstlerische Moderne genannt wird, kulturell fundierten und selbst zu leben versuchten: Paradiesvögel eben, an die Cläre Jung, die sie alle kannte und die von ihnen als Gefährtin geschätzt wurde, erinnert.
Auch wenn sich die Autorin selbst so sehr zurücknimmt und sich vor allem in ihren Männern darstellt - dieses Buch ist ein wichtiger Erinnerungsband, der den Bogen spannt vom Expressionismus vor 1914 bis zur Besetzung Berlins durch die Rote Armee 1945, die Cläre Jung als Befreiung empfand. Cläre Jungs Aufzeichnungen führen in die Welt der Wirrnisse der deutschen Novemberrevolution der Jahre 1918/19, die Versuche, auch in Deutschland eine Revolution nach dem Vorbild der Bolschewiki in Rußland auf den Weg zu bringen und zu propagieren, versetzen uns in die Krisenjahre der ersten deutschen Republik und den Kampf gegen den zur Staatsmacht drängenden Nationalsozialismus der Hitler und Goebbels - und verschweigen nicht den mit Rückzug und innerer Einkehr verbundenen alltäglichen Kampf ums Überleben nach 1933 - eine Lebensphase zunächst noch von Cläre und Franz Jung, später der allein im Innern des Landes bleibenden Cläre, in der ein zunächst von den neuen Machthabern unbehelligter Feuilleton-Dienst erscheinen kann und die gesamte Energie der Berichtenden braucht. Deutlich wird der Kampf ums blanke Überleben im Dritten Reich und ein Leben im Schatten der eignen produktiven Möglichkeiten - ein Leben, das keinen organisierten Widerstandskampf gegen die totalitären Machthaber gestattete, aber doch erlaubte, jüdischen Freundinnen mit den eigenen Personalpapieren zur Flucht angesichts drohender Deportation und Vernichtung zu verhelfen.
Vielleicht ist es gerade diese einfache alltägliche Mitmenschlichkeit, die so schlicht und ohne die Ich-bin-Ich-Pose nicht weniger Prominentenmemoiren unserer Tage daherkommt, die in Cläre Jungs Erinnerungsbuch Paradiesvögel anrührt. Auch insofern sind diese Memoiren so ganz andere Erinnerungen an eine Zeit, die uns Heutigen fern und unwiederbringlich zugleich ist.
Und wenn und weil das so ist - bedürfen gerade wir Heutigen, immer schon vom Vergessen und Verdrängen Bedrohten, bedürfen alle kulturell Interessierten dieser - und weiterer - Rechenschaftsberichte und Lebenschroniken wie der nun endlich als Buch greifbaren Erinnerungen Cläre Jungs an ihre - Paradiesvögel ...
[1] Text nach dem für den WDR ("Meinungen über Bücher": WDR 3 Hörfunk) geschrieben Typoscript. Erstsendung am 28. Januar 1990. Von eventuellen Wiederholungen weiß der Autor nichts. Der Text ist die duckhome-Version aus dem e-Archiv des Autors -> EINGREIFENDES DENKEN -> http://ricalb.files.wordpress.com/2011/02/flaschenpost9.pdf [Elfte Flaschenpost an die Nachgeborenen]
[2] Cläre Jung, Paradiesvögel. Erinnerungen. Mit Nachworten von Fritz Mierau und Helga Karrenbrock. Hamburg: Verlag Nautilus [und] Nemo Press, 1988, 231 Seiten. Der aktuelle Nautilus-Verlagskatalog verzeichnete Ende Januar 2011 eine Ausgabe dieses Buchs mit 256 Seiten. - Cläre M. Jungs 1946 ersterschienener Roman: Aus der Tiefe rufe ich. Texte aus sieben Jahrzehnten soll 2004 als Band 4 in der Reihe: Spurensuche. Vergessene Autorinnen wiederentdeckt (im Berliner Trafo-Verlag Dr. Wolfgang Weist) erschienen sein. - Cläre Jung starb vor dreißig Jahren (1981). Der Nachlaß von Cläre M. Jung soll sich als Teilnachlaß im Franz-Jung-Archiv des Märkischen Museums (Berlin) befinden und 165 Bücher, diverse Mappen und Kästen mit Porträtzeichnungen, Urkunden, Notizbüchern, Glückwunschschreiben und Werkmanuskripten enthalten
Der Autor lebt als unabhängiger kulturanalytischer Sozialpsychologe, reflexivhistorisch arbeitender Sozialforscher und freier sozialwissenschaftlicher Literat in Bad Münstereifel. Er veröffentlicht seit Oktober 2010 in diesem Blog -> Richard Albrechts duckhome-Beiträge. Letzterschienene Bücher: SUCH LINGE. Vom Kommunistenprozeß zu Köln zu google.de. Sozialwissenschaftliche Recherchen zum langen, kurzen und neuen Jahrhundert (2008, wiss.); HELDENTOD. Kurze Texte aus langen Jahren (2011, lit.). Aktuelle Netzseite -> eingreifendes-denken -> bio-bibliographie. - Die Druckfassung dieser - der elften - FLASCHENPOST steht im e-Archiv EINGREIFENDES DENKEN (pp. 47-49). Die ersten zehn FLASCHENPOST-Texte stehn ebenda. pp. 1-46. (c) Autor 2011
Paradiesvögel. Erinnerungen, jetzt in einer kleinen, gut ausgestatteten und mit einem Bildteil angereicherten Auflage im Hamburger Nautilus-Verlag erschienen, sollte zunächst unter dem Titel Die Kameradin Anfang der sechziger Jahre im ost-berliner Aufbau-Verlag herauskommen und den Untertitel: Rechenschaftsbericht oder Chronik eines Lebens tragen. Und diese Erinnerungen einer Frau aus gutem Haus, die im Berlin der ersten Vorkriegszeit, 1911, mehr durch Zufall in den literarischen Kreis um die von Franz Pfemfert geleitete expressionistische Zeitschrift Die Aktion gerät und hier ihren Lebensgefährten und späteren Ehemann Franz Jung kennen lernt, führen uns Heutige in Form einer Lebenschronik und eines Rechenschaftsberichts zurück in eine Zeit, die unwiderruflich vorbei ist. Und in der doch viele der kulturellen Antriebe, von denen auch unsere Zeit noch zehrt, als künstlerische Moderne geschaffen wurden.
Cläre Jungs sieben Jahre nach ihrem Tod veröffentlichte Erinnerungen sind Rechenschaftsbericht und Lebenschronik einer Frau im Schatten eines Mannes: Franz Jung. Und wird Cläre Jung in Franz Jungs - zuerst 1961 im Luchterhand-Verlag erschienener Autobiografie unter dem einen damaligen Weltbestseller, John Braines Room at the Top, deutsch Der Weg nach oben, bewußt ironisierenden Titel Der Weg nach unten nur beiläufig erwähnt - in Cläre Jungs Lebensbericht steht Franz Jung im Mittelpunkt, so, als widmete die Berichtende noch einmal ihr Leben dem Mann und Lebensgefährten. Cläre - Die Kameradin.
Dieser Tendenz entspricht auch der publizistische Zusammenhang, aus dem heraus nun endlich Die Kameradin ihre Erinnerungen veröffentlicht bekam. Cläre Jungs Rechenschaftsbericht erschien, wie als Beigabe, in der Nemo Press des Nautilus-Verlags, in dem auch eine zwölfbändige Werkausgabe Franz Jungs herauskam - eben jenes Mannes, dem Cläre Jung ihr halbes Leben lang als Schattenfrau zur Seite stand: Franz Jung also - geboren 1888 in der Stadt Neiße, gestorben Anfang 1963, vierundsiebzigjährig, in Stuttgart, expressionistischer Literat im ausgehenden Kaiserreich und in der aufgehenden Republik der zwanziger Jahre, experimenteller Dadaist, Sozialist, Pazifist, Kommunist, Anarchosyndikalist - aber ebenso: verfolgter Staatsfeind, politischer Gefangener, aktiver Mann des Widerstands gegen die Nationalsozialisten, Flucht aus Deutschland, Emigration, schließlich Rückkehr des nun Siebzigjährigen nach Deutschland ...
Was der DDR-Literaturwissenschaftler Franz Mierau, der, gemeinsam mit Cläre Jung und noch zu deren Lebzeiten, 1980, im Reclam-Verlag unter dem Titel Der tolle Nikolaus einen Band Franz Jung herausgab - was Herausgeber Mierau im ersten Band der Werkausgabe auf mehr als fünfzig Seiten als Chronik zu Leben und Schriften des Franz Jung sehr im Detail umfassend aufgelistet hat - dieses Leben in Widersprüchen und voller Widersprüche, dieses gelebte Leben mit Ecken und Kanten, Brüchen und Sprüngen, hat der Verlag kurz so skizziert:
"Franz Jung - Uhrmachersohn, expressionistischer Dichter aus den Kreisen um den ´Sturm´ und die ´Aktion´, anarchistischer Dadaist, Sozialist im Spartakusbund, Mitbegründer der Kommunistischen Arbeiterpartei Deutschlands, maßgebend in der Arbeiterbewegung in Deutschland und der Sowjetunion, Dramaturg bei Erwin Piscator in Berlin, Wirtschaftsanalytiker in Berlin und London".
Und, genauer:
"1888 in Neiße geboren, 1907 bis 1912 mehrfach unterbrochenes Studium von Nationalökonomie und Jura in Leipzig, Jena, Breslau und München. 1914 zunächst Kriegsfreiwilliger, dann Deserteur. 1918 Besetzer des Wolff'schen Telegraphenbüros in Berlin, 1919 Mitglied der KPD, 1920 der KAPD, Schiffsentführung nach Rußland, 1921 Teilnehmer am Mitteldeutschen Aufstand, mehrere Inhaftierungen, Arbeit bei der Internationalen Arbeiter-Hilfe in Sowjetrußland, 1924 bis 1936 als Handeisjournalist und Geschäftsmann in Berlin, 1936 Verhaftung durch die GESTAPO, Flucht nach Prag, Wien, Genf und Budapest, dort 1944 Verhaftung und Verurteilung zum Tode, Flucht, 1945 Konzentrationslager in Bozen, 1945 bis 1948 in Italien, dann bis 1960 als Wirtschaftskorrespondent in den USA, Rückkehr nach Europa 1960, stirbt am 21. Januar 1963 in Stuttgart."
Die frühen zwanziger Jahre, als noch so etwas wie eine proletarische Revolution praktisch möglich und strategisch nötig schien - das war die große Zeit des Franz Jung: wenn ich richtig recherchiert habe - dann erschienen in schneller Folge gerade in jenen Jahren der noch nicht politisch stabilisierten ersten deutschen Republik, 1918 bis 1924, allein acht Erzählungen, Novellen und Romane als Bücher, schrieb Franz Jung drei Theaterstücke und ein halbes Dutzend Pamphlete und politische Propagandabroschüren für das neue Rußland, dazu zahlreiche Artikel in Zeitungen und Zeitschriften und gab selbst die Zeitschriften Der Rote Aufbau. Monatszeitschrift der proletarischen Wirtschaftshilfe für Sowjetrußland 1922/23 und später die antifaschistische Zeitschrift Der Gegner 1931/32 mit heraus - ein Blatt, das intellektuellen Querdenkern gegen die Nazis von links bis rechts eine Plattform geben sollte und nach wenigen Ausgaben Pleite ging.
Und bevor sich Franz Jung dann 1961 mit seinen autobiographischen Aufzeichnungen aus einer großen Zeit, seinem Lebensbericht Der Weg nach unten, als Schriftsteller nach dreißig Jahren erzwungenem Schweigen und dem Vergessen zurückmeldete - erschien 1931, als Roman der Wirtschaftskrise in Deutschland zu Beginn der dreißiger Jahre, sein gesellschaftskritischer Roman: Hausierer - ein wie ich denke noch heute lesbarer Roman über die persönlichkeitszerstörende Wirkung von Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung, der uns - nach einem Wort des italienischen Nationalökonomen und Soziologen Vilfredo de Pareto - eine angemessenere Vorstellung der großen Krise im bürgerlichen Deutschland vermitteln kann als so viele der direkten Zeitzeugnisse und so manche der inzwischen vorliegenden geschichtswissenschlichen Darstellungen über Weimars Ende.
Auf Leben und Werk dieses ihres Franz Jung und ein Berliner Milieu politisierender Künstler, das Franz Jung hervorbrachte, trug und ihn doch später nicht mehr ertragen konnte, bezieht sich Cläre Jung auf fast allen Seiten ihres Berichts aus einem bewegten Leben. Sich selbst fast bis zur Unkenntlichkeit als Person und Frau an seiner Seite zurücknehmend in diesem vor fünfunddreißig Jahren geschriebenen Zeitzeugnis, spricht die Autorin vor allem durch andere, die sie kennenlernte und die sie jeweils ein Stück Wegs begleiteten: etwa von ihren Begegnungen. mit dem deutschschweizer Lyriker und Philosophen Adrien Turel, der Cläre Jung in seinen Memoiren Bilanz eines erfolglosen Lebens wie Franz Jung im Weg nach unten nur am Rande erwähnt -; etwa von Franz Pfemfert, dem Herausgeber der literarisch-politisch-pazifistischen Zeitschrift Die Aktion, von den Schriftstellern Georg Heym, Oskar Maria Graf und Erich Mühsam, dem Theatermann Erwin Piscator, den Malern Georg Grosz und Georg Schrimpf oder den Psychoanalytikern Ernst Fuhrmann und Otto Groß: Außenseiter sie alle und die vielen anderen oft als Kaffeehausliteraten und Bohème denunzierten eigensinnigen Menschen, oft persönlich exzentrisch und schwierig, aber doch Typen, die aktiv das, was künstlerische Moderne genannt wird, kulturell fundierten und selbst zu leben versuchten: Paradiesvögel eben, an die Cläre Jung, die sie alle kannte und die von ihnen als Gefährtin geschätzt wurde, erinnert.
Auch wenn sich die Autorin selbst so sehr zurücknimmt und sich vor allem in ihren Männern darstellt - dieses Buch ist ein wichtiger Erinnerungsband, der den Bogen spannt vom Expressionismus vor 1914 bis zur Besetzung Berlins durch die Rote Armee 1945, die Cläre Jung als Befreiung empfand. Cläre Jungs Aufzeichnungen führen in die Welt der Wirrnisse der deutschen Novemberrevolution der Jahre 1918/19, die Versuche, auch in Deutschland eine Revolution nach dem Vorbild der Bolschewiki in Rußland auf den Weg zu bringen und zu propagieren, versetzen uns in die Krisenjahre der ersten deutschen Republik und den Kampf gegen den zur Staatsmacht drängenden Nationalsozialismus der Hitler und Goebbels - und verschweigen nicht den mit Rückzug und innerer Einkehr verbundenen alltäglichen Kampf ums Überleben nach 1933 - eine Lebensphase zunächst noch von Cläre und Franz Jung, später der allein im Innern des Landes bleibenden Cläre, in der ein zunächst von den neuen Machthabern unbehelligter Feuilleton-Dienst erscheinen kann und die gesamte Energie der Berichtenden braucht. Deutlich wird der Kampf ums blanke Überleben im Dritten Reich und ein Leben im Schatten der eignen produktiven Möglichkeiten - ein Leben, das keinen organisierten Widerstandskampf gegen die totalitären Machthaber gestattete, aber doch erlaubte, jüdischen Freundinnen mit den eigenen Personalpapieren zur Flucht angesichts drohender Deportation und Vernichtung zu verhelfen.
Vielleicht ist es gerade diese einfache alltägliche Mitmenschlichkeit, die so schlicht und ohne die Ich-bin-Ich-Pose nicht weniger Prominentenmemoiren unserer Tage daherkommt, die in Cläre Jungs Erinnerungsbuch Paradiesvögel anrührt. Auch insofern sind diese Memoiren so ganz andere Erinnerungen an eine Zeit, die uns Heutigen fern und unwiederbringlich zugleich ist.
Und wenn und weil das so ist - bedürfen gerade wir Heutigen, immer schon vom Vergessen und Verdrängen Bedrohten, bedürfen alle kulturell Interessierten dieser - und weiterer - Rechenschaftsberichte und Lebenschroniken wie der nun endlich als Buch greifbaren Erinnerungen Cläre Jungs an ihre - Paradiesvögel ...
[1] Text nach dem für den WDR ("Meinungen über Bücher": WDR 3 Hörfunk) geschrieben Typoscript. Erstsendung am 28. Januar 1990. Von eventuellen Wiederholungen weiß der Autor nichts. Der Text ist die duckhome-Version aus dem e-Archiv des Autors -> EINGREIFENDES DENKEN -> http://ricalb.files.wordpress.com/2011/02/flaschenpost9.pdf [Elfte Flaschenpost an die Nachgeborenen]
[2] Cläre Jung, Paradiesvögel. Erinnerungen. Mit Nachworten von Fritz Mierau und Helga Karrenbrock. Hamburg: Verlag Nautilus [und] Nemo Press, 1988, 231 Seiten. Der aktuelle Nautilus-Verlagskatalog verzeichnete Ende Januar 2011 eine Ausgabe dieses Buchs mit 256 Seiten. - Cläre M. Jungs 1946 ersterschienener Roman: Aus der Tiefe rufe ich. Texte aus sieben Jahrzehnten soll 2004 als Band 4 in der Reihe: Spurensuche. Vergessene Autorinnen wiederentdeckt (im Berliner Trafo-Verlag Dr. Wolfgang Weist) erschienen sein. - Cläre Jung starb vor dreißig Jahren (1981). Der Nachlaß von Cläre M. Jung soll sich als Teilnachlaß im Franz-Jung-Archiv des Märkischen Museums (Berlin) befinden und 165 Bücher, diverse Mappen und Kästen mit Porträtzeichnungen, Urkunden, Notizbüchern, Glückwunschschreiben und Werkmanuskripten enthalten
Der Autor lebt als unabhängiger kulturanalytischer Sozialpsychologe, reflexivhistorisch arbeitender Sozialforscher und freier sozialwissenschaftlicher Literat in Bad Münstereifel. Er veröffentlicht seit Oktober 2010 in diesem Blog -> Richard Albrechts duckhome-Beiträge. Letzterschienene Bücher: SUCH LINGE. Vom Kommunistenprozeß zu Köln zu google.de. Sozialwissenschaftliche Recherchen zum langen, kurzen und neuen Jahrhundert (2008, wiss.); HELDENTOD. Kurze Texte aus langen Jahren (2011, lit.). Aktuelle Netzseite -> eingreifendes-denken -> bio-bibliographie. - Die Druckfassung dieser - der elften - FLASCHENPOST steht im e-Archiv EINGREIFENDES DENKEN (pp. 47-49). Die ersten zehn FLASCHENPOST-Texte stehn ebenda. pp. 1-46. (c) Autor 2011
Tags für diesen Artikel: 20. jahrhundert, buchvorstellung, cläre jung, cläre m. jung, der gegner, die aktion, erinnerungen, expressionismus, flaschenpost, franz jung, literatur, memoiren, zeitgeschichte
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