ZWÖLF BLOCHTHESEN
Gastbeitrag
von
Gerhard Zwerenz
Ingrid Zwerenz
Postscript
Richard Albrecht
Sechzehnte Flaschenpost
< Die „große“ Chance in der Leiharbeit zur Beendung von Lohndumping vertan? | Mengenlehre mit Wolfgang Bosbach und Atomkraft mit Michael Fuchs >
BLOCHTHESEN
"Kürzlich wurde das Feuilleton durch eine Bloch-Biographie durcheinandergewirbelt, die bei Suhrkamp nicht wie angekündigt erscheint. Der Primärskandal aber ist die Zeitkrankheit Entintellektualisierung und Entpolitisierung. Blochs Buchtitel "Das Prinzip Hoffnung" dient in dumpfen Leitartikeln und TV-Nachrichten als inflationäre Münze.
Gegen die Bagatellisierung des Philosophen zum bloßen Hoffnungsprediger spricht seine lebenslange revolutionäre Haltung. Im 1. Weltkrieg stritt er für die deutsche Niederlage. Der Oktoberrevolution der Bolschewiki begegnete er anfangs mit Mißtrauen. Die Bedrohung durch das erstarkende Hitler-Deutschland führte ihn an die Seite der Sowjetunion. Im Prager und Pariser Exil zählten er und Karola Bloch zum Widerstand. Aus der amerikanischen Emigration nach Leipzig geholt, blieb er der SU ergeben, erkannte ihre fundamentalen Schwächen und versuchte sich als Erneuerer. Nach seinem Scheitern in der DDR hinterließ er in Tübingen seine Lehre von der notwendigen Transformation des Kapitalismus in eine neue Mischung von Freiheit und Ordnung.
Blochs Erkenntnisse und sein Engagement standen durchweg konträr zum Verhalten der Mehrheit und ihrer Führer. Die Völker hangeln sich lieber von Katastrophe zu Katastrophe.
In der Konfrontation zwischen dem Optimisten Bloch und dem Pessimisten Orwell siegte bisher Orwells Großer Bruder. Es wäre reizvoll und zugleich bedrückend, sich vorzustellen, die Entscheidungen des Philosophen einer Meinungsumfrage zu unterziehen, etwa: War es richtig, Deutschlands Niederlage im 1. Weltkrieg zu wünschen, war es opportun, sich gegen Hitler mit der Sowjetunion zu verbünden usw. - noch heute würde die Mehrheit solche Fragen wohl verneinen.
Wer also war Bloch? Laut Georg Lukács bediente Bloch sich der "Muttersprache ... im Geist der alten Philosophie". Max Weber meinte, Bloch hielte sich "für den Vorläufer eines neuen Messias".
Hitlerdeutschland bürgerte ihn aus. Franz Josef Strauß gratulierte zum 90. Geburtstag. Bundeskanzler Schmidt erinnerte sich nach dem Ableben des Philosophen, er habe schon seit langem mit ihm über Utopie sprechen wollen. Hitlerbiograph Joachim C. Fest ernannte noch den toten Bloch zum lebenden gefährlichen Revolutionär, und Walter Ulbricht beschuldigte ihn glatt der Konterrevolution, während Joseph Ratzinger vor Blochs "atheistischer Frömmigkeit" und "marxistischer Versuchung" warnte. Der so vielfach Belobigte und Beschuldigte wurde 1885 in Ludwigshafen geboren und starb 1977 in Tübingen. In Leipzig würdigte man den Philosophen erst und maßregelte ihn dann. Sehen wir den Fall von einer anderen Seite: Der zwanzigjährige Ernst Bloch war schon revolutionär, als Lenin, Trotzki und Rosa Luxemburg am Exempel Rußlands im Jahre 1905 die Revolution erst zu erlernen begannen. 1977 starb er als Revolutionär, da parodierte das revolutionäre Rußland nur noch sich selbst. Bloch, Archetyp und Phänotyp zugleich, wollte ursprünglich eine andere Revolution. Bei Lenins Tod 1924 erfaßte der Philosoph nicht, was es nach sich zog, daß statt Trotzki Stalin an die Macht gelangte. Begriff jedoch, was Hitler bedeutete. Überzeugt, die Zweite Revolution ließe sich nur als Folge des Roten Oktober erreichen, baute er seine Philosophie im US-Exil und von 1949 an in Leipzig aus, per Sklavensprache getarnt.
1956 revoltierte er offen. Die Weigerung, sich ab 1961 im letzten Exil Tübingen als Renegat zu bekennen, zeugt von Trotz und Hoffnung. Blochs Philosophie und Haltung der permanenten Revolte weist ihn als revolutionären Reformator aus.
Was den Trotz als ständigen Begleiter der Hoffnung angeht, sind einige Fragen zu stellen, etwa: Warum Prof. Ratzinger in Tübingen, von Bloch traumatisiert, um die Römische Kirche fürchtete und im Vatikan zum Großinquisitor aufstieg. Warum Moskau Bloch des marxistischen und Rom ihn des christlichen Revisionismus bezichtigten. Warum das deutsche Feuilleton ihn gern mißverstehend zitiert. Warum Bloch in Sklavensprache Subversion lehrte. Warum Bloch mit Nietzsche tanzte, Ulbricht verspottete und Adenauer verachtete. Warum Bloch Trotzkis Schriften nicht genügend reflektierte, Stalin mit Hegel betrog und von Harich verraten wurde. Warum Bloch das Christentum materialisierte. Warum Bloch Thomas Müntzer mehr liebte als Martin Luther. Warum Bloch Stalin dem Hitler vorzog und damit die Deutschen provozierte. Warum Bloch den Tod als Expedition verstand, wohin er mit einer Fackel zu gehen versprach, Nachricht zu geben von der letzten auszuleuchtenden Utopie. Warum die Blochsche Schule in Leipzig verfolgt und in Tübingen verhindert worden ist.
Nach dem Ende von SU und DDR ist die Linke lahm. Das Globalkapital erstrebt die Weltherrschaft. Unter dem Motto: "Alle Macht der Spekulation" wird die Unfreiheit der Vielen mit der Übermacht der Wenigen begründet. In der FAZ vom 13.7.2002 war zu lesen, daß "Günther Anders so wenig wie Ernst Bloch seit Neunundachtzig" noch eine "Lobby" habe.
Doch gerade für die Zeit nach der Niederlage linker Bewegungen erhält Blochs Philosophie als notwendiges Projekt neue Dringlichkeit. Nachdem Marxens Revolutionslehre samt Diktatur am Unwillen und Ungenügen des Proletariats scheiterte, wird der Einzelne zum revolutionären Subjekt oder zum willenlosen Luxus-Sklaven. Bloch setzt auf den individuellen Revolteur und seine globalen Vernetzungsmöglichkeiten. Da wir zwischen Marxens elf Feuerbach-Thesen, die den Sozialismus begründeten und den ominösen 13 Thesen des SPD-Generalsekretärs Olaf Scholz stehen, mit denen er Abschied nimmt vom "demokratischen Sozialismus" und der "sozialen Gerechtigkeit", schlagen wir zwölf Thesen gegen die absichtsvoll betriebene Verbürgerlichung des sozialistischen Philosophen Ernst Bloch vor:
1. Im Jahr 1956 versagte die SED-Führung, indem sie den Versuch Chruschtschows zur modernisierenden Entstalinisierung sabotierte. Daraus resultierte der spätere Zusammenbruch.
2. Die Bonner Republik versagte in der Abrechnung mit dem Dritten Reich, indem sie das Potsdamer Abkommen mit seinen Forderungen nach Entnazifizierung und Entmilitarisierung sabotierte. Daraus resultierte ein fragwürdiger Sieg.
3. Die Berliner Republik beging kollektiven Vaterverrat, indem sie das Gelöbnis nach 1945 "Nie wieder Krieg" in eine mobile Kriegsbereitschaft verfälschte, statt sich auf deutsche Grunderfahrungen aus Krieg und Niederlage zu berufen und als Staat ohne Armee Furore zu machen.
4. Im 21. Jahrhundert wird Bloch vom Zukunftsdenker zum Gegenwartsphilosophen. Unter der zerfallenden Oberfläche historisch überholter Klassenstaaten deutet sich Blochs Neu-Land an. Es wird darauf ankommen, sich nicht, wie die Ur-Christen durch Kaiser Konstantin, in die staatliche Kriegspflicht nehmen zu lassen.
5. Die 11. Feuerbach-These von Marx lautet: "Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt darauf an, sie zu verändern." Bloch legt nahe, die These subjektbezogen zu komplettieren: "Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an, sich zu verändern."
6. Die Ablehnung Blochs durch orthodoxe Marxisten einerseits und orthodoxe Christen andererseits liegt im plural-revolutionären Charakter seiner Philosophie begründet, die permanentes Engagement für humane Erneuerung verlangt.
7. Blochs Forderung "Schach statt Mühle" ist, zeitlich ungebunden, als Adresse von unten nach oben zu verstehen: Die Regierenden verfehlen die Interessen der Regierten, solange es Herren und Knechte wie Reiche und Arme gibt.
8. Das aus kriegerischen Vergangenheiten resultierende herrschende Geschichtsbild wird von Intellektuellen nach den Tagesbedürfnissen der Politiker ausgerichtet, die wiederum der Ökonomie gehorchen. Der karrieristische Opportunismus des Amtsbetriebs in Wissenschaft und Medien bagatellisiert oder unterschlägt die freiheitlich-alternativen Anteile im Geschichtsprozeß.
9. Das Ende des Staatssozialismus leitet über den Versuch, ein globales US-Kapital-Imperium zu bilden, das Ende des Kapital-Systems ein. Die Alternative lautet: Zurück in die dunkle Welt der
Troglodyten oder Transformation des Feindes in den Menschen.
10. Die Bezeichnung Blochs als Hoffnungsphilosophen verführt zum Feuilletonismus. Seine entscheidenden Kategorien heißen "Trotz und Hoffnung". Beides nennt Blochs doppelte Revolte als Haltung genauer beim Namen.
11. Bloch wurde zum Philosophen eines demokratischen Sozialismus, den die SPD aus Opportunismus verabschiedet und die PDS aus Unlust und Schwäche verfehlt.
12. Die Eingangstriade in Blochs Buch "Spuren" lautet: "Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst." Diese kulturelle Weltformel entscheidet über die Zukunftsfähigkeit des homo sapiens. Wer Freiheit und soziale Rechte beschneidet, der existiert zwar, hat sich aber nicht als Mensch und verhindert sein Werden." © Autoren (2011)
Postscript
Die Zwölf Thesen zu Ernst Bloch (1885-1977)[1] des AutorenPaars Gerhard Zwerenz[2] und Ingrid Zwerenz[3] wurden 2003 erstveröffentlicht[4]. Sie müssen grad von mir hier nicht aufwändig kommentiert, kritisiert und schon gar nicht aktualisiert werden: freilich ist aus damaligem „Professor Ratzinger“ Papst Benedictus XVI. geworden … und Max Webers so subjektiv-ephemere wie invektiv-gehässige Meinung, Ernst Bloch säh´ sich als „Vorläufer eines neuen Messias“ im ersten, die Zwölf Thesen begründeten Textteil, hätte ich, wenn´s denn kein publizistikgeschichtliches Dokument wär, als Editor kenntlich [ …] herausgestrichen. Es bleibt „nur“ noch eine doppelte differentia specifica, die Autoren A & ZZ betreffend, anzumerken: (1) haben beide Z-Autoren, im Gegensatz zum einen A-Autor, Ernst Bloch noch persönlich und auch gut gekannt; und (2) haben Gerhard und Ingrid Zwerenz[5] länger schon und auch ein Buch über Ernst Bloch veröffentlicht[6].
[1] http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/BlochErnst/index.html
http://www.kirchenlexikon.de/b/Bloch.shtml
http://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Bloch
[2] http://www.hdg.de/lemo/html/biografien/ZwerenzGerhard/index.html
http://www.poetenladen.de/zwerenz-person.html
http://de.wikipedia.org/wiki/Gerhard_Zwerenz
[3] http://www.poetenladen.de/zwerenz-ingrid-person.html
http://www.perlentaucher.de/autoren/16852/Ingrid_Zwerenz.html
[4] http://www.sopos.org/aufsaetze/3f6b695b432f9/1.phtml; dazu als einzige Zuschrift
http://www.sopos.org/aufsaetze/3f6b695b432f9/1.phtmlhttp://www.sopos.org/forum.php3reply=0&Nummer=887&WhichFile=aufsaetze/3f6b695b432f9/1.phtml#1
[5] Gerhard Zwerenz, Aristotelische und Brechtsche Dramatik [1956]; wieder in: Politische Schriften. Frankfurt/Main: Zweitausendeins, 1975: 5-87; zuletzt Gerhard Zwerenz; Ingrid Zwerenz, Sklavensprache und Revolte. Der Bloch-Kreis und seine Feinde in Ost und West. Hamburg: Schwartzkopff Buchwerke, 2004, 544 p.; dazu auch: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2005-2-173.pdf
[6] Richard Albrecht. The Utopian Paradigm: Communications, 16 (1991) 3: 283-318; Tertium - Ernst Bloch´s Foundation of ´The Utopian Paradigm´ As a Key Concept Within Cultural and Social Sciences Research Work: http://www.grin.com/e-book/109171/tertium-ernst-bloch-s-foundation-of-the-utopian-paradigm-as-a-key-concept; „Zerstörte Sprache - Zerstörte Kultur“ - Ernst Blochs Exil-Vortrag vor siebzig Jahren: Bloch-Jahrbuch 13 (2009) 223-240; „Zerstörte Sprache“ – Zum 125. von Ernst Bloch: soziologie heute, 3 (2010) 11: 24-26; Netzfassung: http://www.forced-labour.de/archives/1413; gekürzte Druckfassung: Deutsche Sprachwelt, Sommer 2010, 40/2010: 9. - Der Autor könnte
n a c h letztjährig erfolgter Durchsicht der amtlichen „Entschädigungsakte“ über Ernst Blochs „Schwierigkeiten im Westen“ publizieren © Autor (2011)
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Gegen die Bagatellisierung des Philosophen zum bloßen Hoffnungsprediger spricht seine lebenslange revolutionäre Haltung. Im 1. Weltkrieg stritt er für die deutsche Niederlage. Der Oktoberrevolution der Bolschewiki begegnete er anfangs mit Mißtrauen. Die Bedrohung durch das erstarkende Hitler-Deutschland führte ihn an die Seite der Sowjetunion. Im Prager und Pariser Exil zählten er und Karola Bloch zum Widerstand. Aus der amerikanischen Emigration nach Leipzig geholt, blieb er der SU ergeben, erkannte ihre fundamentalen Schwächen und versuchte sich als Erneuerer. Nach seinem Scheitern in der DDR hinterließ er in Tübingen seine Lehre von der notwendigen Transformation des Kapitalismus in eine neue Mischung von Freiheit und Ordnung.
Blochs Erkenntnisse und sein Engagement standen durchweg konträr zum Verhalten der Mehrheit und ihrer Führer. Die Völker hangeln sich lieber von Katastrophe zu Katastrophe.
In der Konfrontation zwischen dem Optimisten Bloch und dem Pessimisten Orwell siegte bisher Orwells Großer Bruder. Es wäre reizvoll und zugleich bedrückend, sich vorzustellen, die Entscheidungen des Philosophen einer Meinungsumfrage zu unterziehen, etwa: War es richtig, Deutschlands Niederlage im 1. Weltkrieg zu wünschen, war es opportun, sich gegen Hitler mit der Sowjetunion zu verbünden usw. - noch heute würde die Mehrheit solche Fragen wohl verneinen.
Wer also war Bloch? Laut Georg Lukács bediente Bloch sich der "Muttersprache ... im Geist der alten Philosophie". Max Weber meinte, Bloch hielte sich "für den Vorläufer eines neuen Messias".
Hitlerdeutschland bürgerte ihn aus. Franz Josef Strauß gratulierte zum 90. Geburtstag. Bundeskanzler Schmidt erinnerte sich nach dem Ableben des Philosophen, er habe schon seit langem mit ihm über Utopie sprechen wollen. Hitlerbiograph Joachim C. Fest ernannte noch den toten Bloch zum lebenden gefährlichen Revolutionär, und Walter Ulbricht beschuldigte ihn glatt der Konterrevolution, während Joseph Ratzinger vor Blochs "atheistischer Frömmigkeit" und "marxistischer Versuchung" warnte. Der so vielfach Belobigte und Beschuldigte wurde 1885 in Ludwigshafen geboren und starb 1977 in Tübingen. In Leipzig würdigte man den Philosophen erst und maßregelte ihn dann. Sehen wir den Fall von einer anderen Seite: Der zwanzigjährige Ernst Bloch war schon revolutionär, als Lenin, Trotzki und Rosa Luxemburg am Exempel Rußlands im Jahre 1905 die Revolution erst zu erlernen begannen. 1977 starb er als Revolutionär, da parodierte das revolutionäre Rußland nur noch sich selbst. Bloch, Archetyp und Phänotyp zugleich, wollte ursprünglich eine andere Revolution. Bei Lenins Tod 1924 erfaßte der Philosoph nicht, was es nach sich zog, daß statt Trotzki Stalin an die Macht gelangte. Begriff jedoch, was Hitler bedeutete. Überzeugt, die Zweite Revolution ließe sich nur als Folge des Roten Oktober erreichen, baute er seine Philosophie im US-Exil und von 1949 an in Leipzig aus, per Sklavensprache getarnt.
1956 revoltierte er offen. Die Weigerung, sich ab 1961 im letzten Exil Tübingen als Renegat zu bekennen, zeugt von Trotz und Hoffnung. Blochs Philosophie und Haltung der permanenten Revolte weist ihn als revolutionären Reformator aus.
Was den Trotz als ständigen Begleiter der Hoffnung angeht, sind einige Fragen zu stellen, etwa: Warum Prof. Ratzinger in Tübingen, von Bloch traumatisiert, um die Römische Kirche fürchtete und im Vatikan zum Großinquisitor aufstieg. Warum Moskau Bloch des marxistischen und Rom ihn des christlichen Revisionismus bezichtigten. Warum das deutsche Feuilleton ihn gern mißverstehend zitiert. Warum Bloch in Sklavensprache Subversion lehrte. Warum Bloch mit Nietzsche tanzte, Ulbricht verspottete und Adenauer verachtete. Warum Bloch Trotzkis Schriften nicht genügend reflektierte, Stalin mit Hegel betrog und von Harich verraten wurde. Warum Bloch das Christentum materialisierte. Warum Bloch Thomas Müntzer mehr liebte als Martin Luther. Warum Bloch Stalin dem Hitler vorzog und damit die Deutschen provozierte. Warum Bloch den Tod als Expedition verstand, wohin er mit einer Fackel zu gehen versprach, Nachricht zu geben von der letzten auszuleuchtenden Utopie. Warum die Blochsche Schule in Leipzig verfolgt und in Tübingen verhindert worden ist.
Nach dem Ende von SU und DDR ist die Linke lahm. Das Globalkapital erstrebt die Weltherrschaft. Unter dem Motto: "Alle Macht der Spekulation" wird die Unfreiheit der Vielen mit der Übermacht der Wenigen begründet. In der FAZ vom 13.7.2002 war zu lesen, daß "Günther Anders so wenig wie Ernst Bloch seit Neunundachtzig" noch eine "Lobby" habe.
Doch gerade für die Zeit nach der Niederlage linker Bewegungen erhält Blochs Philosophie als notwendiges Projekt neue Dringlichkeit. Nachdem Marxens Revolutionslehre samt Diktatur am Unwillen und Ungenügen des Proletariats scheiterte, wird der Einzelne zum revolutionären Subjekt oder zum willenlosen Luxus-Sklaven. Bloch setzt auf den individuellen Revolteur und seine globalen Vernetzungsmöglichkeiten. Da wir zwischen Marxens elf Feuerbach-Thesen, die den Sozialismus begründeten und den ominösen 13 Thesen des SPD-Generalsekretärs Olaf Scholz stehen, mit denen er Abschied nimmt vom "demokratischen Sozialismus" und der "sozialen Gerechtigkeit", schlagen wir zwölf Thesen gegen die absichtsvoll betriebene Verbürgerlichung des sozialistischen Philosophen Ernst Bloch vor:
1. Im Jahr 1956 versagte die SED-Führung, indem sie den Versuch Chruschtschows zur modernisierenden Entstalinisierung sabotierte. Daraus resultierte der spätere Zusammenbruch.
2. Die Bonner Republik versagte in der Abrechnung mit dem Dritten Reich, indem sie das Potsdamer Abkommen mit seinen Forderungen nach Entnazifizierung und Entmilitarisierung sabotierte. Daraus resultierte ein fragwürdiger Sieg.
3. Die Berliner Republik beging kollektiven Vaterverrat, indem sie das Gelöbnis nach 1945 "Nie wieder Krieg" in eine mobile Kriegsbereitschaft verfälschte, statt sich auf deutsche Grunderfahrungen aus Krieg und Niederlage zu berufen und als Staat ohne Armee Furore zu machen.
4. Im 21. Jahrhundert wird Bloch vom Zukunftsdenker zum Gegenwartsphilosophen. Unter der zerfallenden Oberfläche historisch überholter Klassenstaaten deutet sich Blochs Neu-Land an. Es wird darauf ankommen, sich nicht, wie die Ur-Christen durch Kaiser Konstantin, in die staatliche Kriegspflicht nehmen zu lassen.
5. Die 11. Feuerbach-These von Marx lautet: "Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt darauf an, sie zu verändern." Bloch legt nahe, die These subjektbezogen zu komplettieren: "Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an, sich zu verändern."
6. Die Ablehnung Blochs durch orthodoxe Marxisten einerseits und orthodoxe Christen andererseits liegt im plural-revolutionären Charakter seiner Philosophie begründet, die permanentes Engagement für humane Erneuerung verlangt.
7. Blochs Forderung "Schach statt Mühle" ist, zeitlich ungebunden, als Adresse von unten nach oben zu verstehen: Die Regierenden verfehlen die Interessen der Regierten, solange es Herren und Knechte wie Reiche und Arme gibt.
8. Das aus kriegerischen Vergangenheiten resultierende herrschende Geschichtsbild wird von Intellektuellen nach den Tagesbedürfnissen der Politiker ausgerichtet, die wiederum der Ökonomie gehorchen. Der karrieristische Opportunismus des Amtsbetriebs in Wissenschaft und Medien bagatellisiert oder unterschlägt die freiheitlich-alternativen Anteile im Geschichtsprozeß.
9. Das Ende des Staatssozialismus leitet über den Versuch, ein globales US-Kapital-Imperium zu bilden, das Ende des Kapital-Systems ein. Die Alternative lautet: Zurück in die dunkle Welt der
Troglodyten oder Transformation des Feindes in den Menschen.
10. Die Bezeichnung Blochs als Hoffnungsphilosophen verführt zum Feuilletonismus. Seine entscheidenden Kategorien heißen "Trotz und Hoffnung". Beides nennt Blochs doppelte Revolte als Haltung genauer beim Namen.
11. Bloch wurde zum Philosophen eines demokratischen Sozialismus, den die SPD aus Opportunismus verabschiedet und die PDS aus Unlust und Schwäche verfehlt.
12. Die Eingangstriade in Blochs Buch "Spuren" lautet: "Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst." Diese kulturelle Weltformel entscheidet über die Zukunftsfähigkeit des homo sapiens. Wer Freiheit und soziale Rechte beschneidet, der existiert zwar, hat sich aber nicht als Mensch und verhindert sein Werden." © Autoren (2011)
Postscript
Die Zwölf Thesen zu Ernst Bloch (1885-1977)[1] des AutorenPaars Gerhard Zwerenz[2] und Ingrid Zwerenz[3] wurden 2003 erstveröffentlicht[4]. Sie müssen grad von mir hier nicht aufwändig kommentiert, kritisiert und schon gar nicht aktualisiert werden: freilich ist aus damaligem „Professor Ratzinger“ Papst Benedictus XVI. geworden … und Max Webers so subjektiv-ephemere wie invektiv-gehässige Meinung, Ernst Bloch säh´ sich als „Vorläufer eines neuen Messias“ im ersten, die Zwölf Thesen begründeten Textteil, hätte ich, wenn´s denn kein publizistikgeschichtliches Dokument wär, als Editor kenntlich [ …] herausgestrichen. Es bleibt „nur“ noch eine doppelte differentia specifica, die Autoren A & ZZ betreffend, anzumerken: (1) haben beide Z-Autoren, im Gegensatz zum einen A-Autor, Ernst Bloch noch persönlich und auch gut gekannt; und (2) haben Gerhard und Ingrid Zwerenz[5] länger schon und auch ein Buch über Ernst Bloch veröffentlicht[6].
[1] http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/BlochErnst/index.html
http://www.kirchenlexikon.de/b/Bloch.shtml
http://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Bloch
[2] http://www.hdg.de/lemo/html/biografien/ZwerenzGerhard/index.html
http://www.poetenladen.de/zwerenz-person.html
http://de.wikipedia.org/wiki/Gerhard_Zwerenz
[3] http://www.poetenladen.de/zwerenz-ingrid-person.html
http://www.perlentaucher.de/autoren/16852/Ingrid_Zwerenz.html
[4] http://www.sopos.org/aufsaetze/3f6b695b432f9/1.phtml; dazu als einzige Zuschrift
http://www.sopos.org/aufsaetze/3f6b695b432f9/1.phtmlhttp://www.sopos.org/forum.php3reply=0&Nummer=887&WhichFile=aufsaetze/3f6b695b432f9/1.phtml#1
[5] Gerhard Zwerenz, Aristotelische und Brechtsche Dramatik [1956]; wieder in: Politische Schriften. Frankfurt/Main: Zweitausendeins, 1975: 5-87; zuletzt Gerhard Zwerenz; Ingrid Zwerenz, Sklavensprache und Revolte. Der Bloch-Kreis und seine Feinde in Ost und West. Hamburg: Schwartzkopff Buchwerke, 2004, 544 p.; dazu auch: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2005-2-173.pdf
[6] Richard Albrecht. The Utopian Paradigm: Communications, 16 (1991) 3: 283-318; Tertium - Ernst Bloch´s Foundation of ´The Utopian Paradigm´ As a Key Concept Within Cultural and Social Sciences Research Work: http://www.grin.com/e-book/109171/tertium-ernst-bloch-s-foundation-of-the-utopian-paradigm-as-a-key-concept; „Zerstörte Sprache - Zerstörte Kultur“ - Ernst Blochs Exil-Vortrag vor siebzig Jahren: Bloch-Jahrbuch 13 (2009) 223-240; „Zerstörte Sprache“ – Zum 125. von Ernst Bloch: soziologie heute, 3 (2010) 11: 24-26; Netzfassung: http://www.forced-labour.de/archives/1413; gekürzte Druckfassung: Deutsche Sprachwelt, Sommer 2010, 40/2010: 9. - Der Autor könnte
n a c h letztjährig erfolgter Durchsicht der amtlichen „Entschädigungsakte“ über Ernst Blochs „Schwierigkeiten im Westen“ publizieren © Autor (2011)
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Tags für diesen Artikel: 20. jahrhundert, ddr, deutschland, ernst bloch, feuilleton, flaschenpost, gerhard zwerenz, ingrid zwerenz, marxismus, politische philosophie, zeitgeschichte
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