Wenn die Gentrifizierer im Anmarsch sind, um finanziell weniger gut gepolsterte Bewohner aus begehrten Altbaukiezen zu verdrängen, dürfen die entsprechenden Weinhändler nicht fehlen. Nicht selten kaprizieren sie sich auf Modemüll und szeniges Hochpreiszeug, und nach so profanen Dingen, wie einem anständigen deutschen Riesling in der Literabfüllung für sechs bis sieben Euro wird man bei ihnen vergebens suchen.
Einer jener Vertreibungspioniere ist die „Zunft AG“. Die hat sich jetzt in der zuvor arg heruntergekommenen Arminius-Markthalle in Berlin-Moabit eingenistet und den hinteren Teil des wunderschönen Gebäudes nicht nur mit allerlei Lifestyle-Schnickschnack, sondern auch einer großen Weinverkaufsfläche gefüllt. Im Angebot sind hauptsächlich gute Adressen des deutschen Weinbaus, was – abgesehen von der teilweise abenteuerlichen Preisgestaltung – zunächst einmal nichts Schlechtes ist. Aber Ziel des Unternehmens sei ganz klar, „dass sich das Bürgertum die Halle und letztendlich den Kiez zurückerobert“, erläuterte mir ein Mitarbeiter. „Es werden Plätze benötigt, an denen eine direkte Kommunikation zum Wertewandel stattfinden kann“, heißt es dazu in der Selbstdarstellung der Zunft AG.
Vielleicht hat der Chef der Zunft-Weinhandlung ja besondere Sensoren für besagtes Bürgertum. Als ich mich neulich auf der Suche nach einem brauch- und bezahlbaren Riesling-Sekt brut entlang der Regale bewegte, fiel ich jedenfalls durch’s Raster. Zunächst noch höflich, fragte er mich, ob er mir helfen könne. Ebenso höflich lehnte ich dankend ab und verwies darauf, in Ruhe das Angebot studieren zu wollen, um gegebenenfalls eine Flasche zu erstehen. „Die müssen sie aber dann bei mir bezahlen“, kam es nunmehr schon etwas bellend zurück. Ich erklärte dem Herrn, dass mir dies durchaus bewusst sei, doch nunmehr bestand er darauf, in meiner Nähe zu bleiben und während meines Rundgangs „Blickkontakt zu halten“.
Natürlich verließ ich postwendend diese unwirtliche Stätte, allerdings nicht ohne mein Befremden zu äußern und mich als Weinpublizist zu outen, der dieses Geschäftsgebaren seinen Mitmenschen nicht vorzuenthalten gedenkt. Wenigstens die kläglichen Beschwichtigungsversuche des Händlers verschafften mir ein wenig Freude.
Überraschend kam dieser Auftritt ohnehin nicht. Vor einigen Wochen verkostete ich in der Zunfthalle mit einem dort ebenfalls tätigen chilenischen Sommelier ein paar Rotweine des dort im Sortiment vertretenen ungarischen Weingutes Wassmann. Beide kamen wir zu der Einschätzung, dass die Weine teilweise unreif wirken, grüne und grasige Noten aufweisen, was auf Lese- oder Kellerfehler schließen lässt. Einige Tage später beobachtete ich dann im Vorbeigehen, wie ein Mitarbeiter eben diese Weine arglosen Kunden in den höchsten Tönen schmackhaft machen wollte. Das nennt man dann wohl „direkte Kommunikation zum Wertewandel“.
Womit wir zum Wein der Woche kommen. Bei
Autos+Weine am Kleistpark in Berlin-Schöneberg wird man – anders als in der Zunfthalle - nicht nur freundlich bedient und auf Wunsch auch kundig beraten. Sondern man erhält auch – wenn einem der Sinn und der Kontostand danach stehen – einige gradlinige Alltagsweine zu fast schon obszön niedrigen Preisen. Mehr sortentypischen und dabei recht schlanken Cabernet Sauvignon, als den von der Domaine Peiriere (Vin de Pays d’Oc) habe ich jedenfalls für 4,30 Euro pro Flasche noch nie getrunken. Funktioniert ganz toll zu gegrillten Lamm- oder Rindswürstchen und natürlich auch „einfach nur so“.
Der Autor Rainer Balcerowiak lebt und arbeitet als Politikredakteur und Weinpublizist in Berlin und Wandlitz.
Zuletzt erschien von ihm „Das demokratische Weinbuch“ (Mondo Verlag Heidelberg, 14,95 Euro)
wir sind immer für konstruktive Kritik offen ... ich habe mir mal die Freiheit genommen, die Ihrige ebenso zu lesen - auch unter dem Gesichtpunkt, dass jeder mal einen schlechten Tag haben kann - sowohl der Weinjournalist als auch der Sommelier. Neben der Offenheit für Kritik sind wir auch gerne bereit Dinge und Zusammenhänge transparent zu machen. In sofern würde ich Sie gerne nochmals in die Halle einladen, um Ihre Kritik im Detail aufgreifen zu dürfen ... und daraus auch ggf. Veränderungen abzuleiten.
Zwei Dinge schon mal vorab ... unsere Kalkulationen enthalten im Weinbereich eine durchschnittliche Marge von rund 35%. Als Fachmann auf diesem Gebiet werden Sie wissen, dass das sich das eher im unteren Segment möglicher Preisspannen bewegt. Dazu halten wir einen Weinfachmann vor und bieten überdurchschnittliche viele Weine in der Verkostung an. Hinzu kommt, dass Sie ab einem Einkauf von 6 Flaschen noch zusätzlich Rabatte erhalten. Und unsere Riesling-Literflaschen liegen allesamt im Preisbereich von Euro 5 bis 6,50 ... soweit ich das erinnere.
Und was Sie sicher noch viel besser wissen als ich, ist die Tatsache, dass Geschmäcker verschieden sind. Selbst wenn ausgewieseene Weinkenner einen Wein als unreif oder flach bewerten, tut die Mehrzahl der Kunden das noch lange nicht. "Der Wurm muss dem Fisch und nicht dem Angler schmecken" ... trifft das ein wenig. Heißt im Fall Wassmann, dass wir viele Wiederholungs- und Stammkäufer für dieses Weingut haben ... und auch neue hinzu gewinnen. Das sind doch dewegen keine schlechten Menschen oder Aussenseiter ... oder?
Wie geschrieben ... ich freue mich auf einen offenen persönlichen Dialog und Austausch mit Ihnen ... ich würde mich freuen von Ihnen zu hören.
Oliver Selaff
Geschäftsführer Zunft[werk] GmbH
o.selaff@zunftnetz.org
Danke für den Kommentar.
Natürlich kann jeder mal einen schlechten Tag haben. Ich werde ausprobieren - inkognito, versteht sich – ob es sich bei dem von mir geschilderten Erlebnis um einen „Ausrutscher“ handelte oder eben doch um die Zunftwerk-Philosophie der „Kundenbetreuung“. An meinem flauen Gefühl in Bezug auf die Rolle der Zunfthalle für die „Aufwertung“ des Bezirks ändert das ohnehin nichts, denn das geht weit über merkwürdige Erlebnisse in ihrem Weinladen hinaus.
Noch einige Anmerkungen: Gegen eine Händlermarge von 35% ist natürlich nichts einzuwenden. Die Frage ist aber auch, was man überhaupt für Produkte anbietet. Ein Traubensaft (o,7 l) für acht Euro (!) ist doch wohl eher abseitig.
Zum Thema Wassmann: Behaupten Sie ernsthaft, dass dessen Kekfrankos keine deutlichen Fehler hat? Setzen Sie diesen Wein doch mal einigen kundigen Menschen in einer Blindverkostung vor, am besten im Vergleich mit ein paar anderen Weinen dieser Rebsorte (z.B. vom Weingut Hummel). Auf das Ergebnis wäre ich sehr gespannt.
Das Argument mit den „zufriedenen Kunden“ taugt auch nur bedingt. Sie wissen genauso gut wie ich, was für schlimme Flüssigkeiten sich die meisten Weinkonsumenten in Deutschland so einflößen. Und Sie wissen auch, wie das Wein- und Lebensmittelmittelmarketing funktioniert. Ist der unaufhaltsame Siegeszug von Discounterweinen wie „Dornfelder lieblich“, abgepacktem Hackfleisch für drei Euro pro Kilo oder Tütensaucen etwa ein Beleg für deren „Qualität“?
Natürlich sind die Geschmäcker verschieden. Aber Geschmack „hat“ man nicht, sondern muss ihn lernen und sich erarbeiten. Weinhändler und natürlich auch Publizisten sollten das als Auftrag begreifen. Nicht belehren, nichts aufschwatzen, dafür aber aufklären.
Bei Gelegenheit melde ich mich auch noch direkt bei Ihnen
Rainer Balcerowiak