Von der Filmkamera über den Schwebezustand zum Schwindelcharakter
Richard Albrecht
I.
Es ist als wäre beim Film die spezielle Relativitätstheorie der Jahrhundertphysik angekommen - grad so als könnten Filmkamera und wer (meist der) sie bedienen kann uns Zuschauer täuschen. Und das, was wir sehen, manipulieren. Nicht nur, um uns in spannend Ungewisses zu führen. Sondern auch, um uns bewußt zu täuschen. Und schließlich verzweifeln zu lassen: Das Ungewisse kann auf Dauer nicht spannend bleiben. Michelangelo Antonionis Kultfilm
Blow Up (1966) löst seine Zentralaussage: ein eingebildet-imaginierter Mord oder ein wirklich-realer bis zuletzt nicht auf. Objektive Realität wird phantomisch. Die Filmkamera subjektiviert und täuscht zugleich. André Cayattes
Il n'y a pas de fumée sans feu (1973) verbleibt nicht nur rätselhaft. Sondern strukturell unauflösbar nach dem Mord des Photographen als demjenigen, der die originalen Sexpartybilder der ehrenwerten Gesellschaft schoß.
II.
Als erwünschte Eigenart "wahrer" Utopie als Moment des noch nicht Vorstellbaren ging es Walter E. Richartz´ (1971) um Texte zur Herstellung von Doppel- und Mehrdeutigkeiten als
volle Entfaltung aller Möglichkeiten des Denkens und der Imagination in Wissenschaft, Literatur und Kunst als Schwebezustand zwischen Fiktion und Wirklichkeit im ´Utopischen Zustand´ des Unvorstellbaren.
III.
Werden Fiktion und Realität nachhaltig vermengt gibt´s weder Wirkliches noch Mögliches. Auch das Dritte, Faction, wird verflüchtigt und unwirklich. Herauskommt Viertes: Verwirrung. Die zugleich weiterführt als die literarisch bekannte Verkehrung des
contesto (1971): Leonardo Sciascias kompetent und konsequent gegen mordende Machthaber - und ihre bis in den Obersten Gerichtshof der Republik wirksame mafiose Komplizenschaft - ermittelnder sizilianische Provinzinspektor wird am Ende selbst ermordet. Peter Schmidts
Mehnerts Fall (1981) gibt den leitenden Bundesnachrichtendienstmann, der mordet.
IV.
Was heuer als Hybridisierungs-, Amalgamisierungs- oder Vermischungsprozeß wechselseitiger Durchdringung von Alltag und Medien und als manipulativer Zusammenhang von Täuschung und Verkehrung durch Formen und Möglichkeiten Neuer Medien gilt, wurde als fiktive
Welt der Massenmedien und reale
Welt des Publikums in den USA beobachtet: das 1938 im Radio erstgesendete Hörspiel
The Invasion from the Mars hielten manche Hörer für so wirklich, daß sie an die kleinen grünen Männchen vom Mars dachten und glaubten, daß diese nun in "Gods Own Land" (GOL) gelandet wären. Wirkliche Panikreaktionen folgten. Die
Fiktivwelt der Massenmedien konnte die
Realwelt des Publikums überwältigen. Das Thomas-Theorem wurde wirksam:
Wenn Menschen Situationen als wirklich definieren, dann sind auch ihre Handlungsfolgen wirklich. Problematisch schließlich und schlußendlich auch alle
parasoziale Interaktion als
intimacy at a distance: Simulation als besondere Täuschung mit Schwindelcharakter. Und nicht selten auch, wie in Friedrich Wolfs
Menetekel oder die fliegenden Untertassen (1952) in Gestalt eines durch leere Straßen irrenden US-Kriegsministers - irrende Selbsttäuschung und selbsttäuschende Irre zugleich.
Richard Albrecht arbeitet als Autor, Editor & Bürgerrechtler mit (sozial)wissenschaftlichen Methoden. Er lebt als unabhängiger Sozialforscher und freier Autor in Bad Münstereifel. Er veröffentlicht seit Oktober 2010 in diesem Blog ->
duckhome-Beiträge ->
Grundkurs Soziologie ->
flaschenpost. Letzterschienene Bücher:
SUCH LINGE. Vom Kommunistenprozeß zu Köln zu google.de. Sozialwissenschaftliche Recherchen zum langen, kurzen und neuen Jahrhundert (2008, wiss.);
HELDENTOD. Kurze Texte aus langen Jahren (2011, lit.);
FLASCHEN POST. Beiträge zur reflexivhistorischen Sozialforschung (96 p., ISBN 978-3-921384-07-9, als Editor, 2011, publ.). Netzarchiv des Autors ->
eingreifendes-denken (c) Autor 2011
Wir müssen schon jede, wirklich jede Nachricht auf Stimmigkeit und Wahrheitsgehalt hinterfragen.
Der Zeitungsleser erfährt die Wahrheit garantiert nicht. Genauso wenig der erfährt der Zuschauer der Nachrichtensender ARD, ZDF usw. was wirklich wahr ist.
Stellen wir uns die Frage, wer trägt den Nutzen aus der jeweiligen Meldung, dann sind wir der Wahrheit schon ein gutes Stück näher gekommen. Viele Wahrheiten erfahren wir erst, wenn die Lügner schon lange nicht mehr leben, nicht mehr belangt werden können und nicht damit gerechnet werden muss, dass das Volk rebelliert.
Im vorgestrigen Kürzesttext zum SCHWINDELCHARAKTER wollte ich publizistisch bisserl tiefer loten. Ihren gestrigen Hinweis möchte ich kurz so beantworten:
Im 9. Kapitel („Im Dom“) von Franz Kafkas Romanfragment Der Process geht es auch um die Deutung des Türhütergleichnisses -> http://de.wikisource.org/wiki/Der_Process/9._Kapitel. Und nicht zufällig argumentiert der Schwatte herrschaftsfromm: „Nein,“ sagte der Geistliche, „man muss nicht alles für wahr halten, man muss es nur für notwendig halten.“ Woraufhin Kafkas Opferheld Josef K. lakonisch meint: „Trübselige Meinung,“ sagte K.
„Die Lüge wird zur Weltordnung gemacht.“
Freundliche Grüße
Richard Albrecht/030511
http://gegen-den-strom.org