SUCH LINGE
Vom Kommunistenprozeß zu Köln zu google.de.
Sozialwissenschaftliche Recherchen zum langen, kurzen und neuen Jahrhundert
SUCH LINGE
„Sozialwissenschaft ist nicht so schön wie Kunst.
Macht aber genausoviel Arbeit. Auch ein Vorwort
„[...] Was Sie als Leser/in dieses Buchs und seiner sechs Beiträge aus dem letzten Autorenjahrzehnt erwartet ist in Titel und Untertitel formuliert: Es geht um in Texten aufgespeicherte investigativ-journalistische Recherchen auf sozialwissenschaftlicher Grundlage und zugleich um Annäherungen an sozialwissenschaftlich relevante politikhistorische Sujets aus drei Jahrhunderten.
Die ersten beiden Texte sind historisch-materialistische Beiträge zur Marx-Engels-Forschung: der erste, hier wiederveröffentlichte, dokumentarische Essay zu Leben und Werk Friedrich Engels (1820-1895), „GegenSpieler – Der General und sein Schatten“, beruht auf einem 1998 in Köln gehaltenen Vortrag. Der zweite Text, „...selbst auf Gefahr des Galgens...“, wird hier erstveröffentlicht: wiederaufgenommen wird eine Anfang der 1980er Jahre angesprochene Forschungsfrage zu einem von Karl Marx (1818-1883) benutzen und ihm selbst immer noch (zu) oft fälschlich zugeschriebenen Text. In Form einer philologie-historischen Dokumentation erfolgt eine endgültige, quellengesättigte und mehrsprachige Aufklärung. Beide Texte beschäftigen sich mit geschichtlichen Ereignissen und Figuren aus dem „langen“ 19. Jahrhundert und sind damit politisch keineswegs aktuell.
Im historischen Sinn politisch aktueller sind die beiden Texte aus dem „kurzen“ 20. Jahrhundert: der erste Beitrag greift unterm Titel Völkerstrafrecht, Völkermord und/als Genozidpolitik (m)eine Vortrags(rand)bemerkung von Anfang 1989 in Form einer quellenbezogenen Grundrecherche wieder auf: es geht um eine bis heute im gesamten deutsch(sprachig)en Raum wirksame doppelte Falschübersetzung der völkerrechtsetzenden öffentlichen Erklärung der Triple Entente von Ende Mai 1915; genauer ums „understatement des Jahrhunderts“ (Hannah Arendt) und darum, wie Anfang Juni 1915 im Umfeld des damaligen Außenamts des Deutschen Reiches „Verbrechen gegen die Menschheit“ [crimes contre l´humanité; crimes against humanity] zu „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ verniedlicht wurden – grad so als ließe sich der „erste organisierte und geplante Völkermord des 20. Jahrhunderts“ als „staatlich organisierter Verwaltungsmassenmord“ und „Verbrechen an der Menschheit“ als bloße Reihung „unmenschliche Handlungen“ verstehen, um diese sodann „in einer Flut einzeln registrierter Greueltaten untergehen zu lassen“.
Die in meinem Beitrag enthüllte historische Wilhelmstraßenmethode der Textfälschung durch Falschübersetzungen ist zugleich im gegenwärtigen Deutschland brandaktuell: der ´seit Oktober 2005 tausendfach wiedergegebener Satz: ´Israel muß von der Landkarte getilgt werden´ soll angeblich von Mahmud Ahmadinedschad, Präsident des Iran, ausgesprochen worden sein. Und dieser Satz spielt eine zentrale Rolle bei der Unterstellung, der Iran plane, Israel mittels Atomwaffen auszulöschen.“ Auch hier handelt/e es sich um eine doppelte Textfälschung: “Der Sprachendienst des Deutschen Bundestages legte folgende Übersetzung vor: »Unser lieber Imam [Khomeini] sagte auch: Das Regime, das Jerusalem besetzt hält, muß aus den Annalen der Geschichte [safha-yi rozgar] getilgt werden. In diesem Satz steckt viel Weisheit.« Damit sind von drei Fehlern, die in dem kurzen Satz steckten, zwei bereinigt. Aus ›Israel‹ ist ›das Regime, das Jerusalem besetzt hält‹ [...] und aus ›Landkarte‹ ist ›Annalen der Geschichte‹ geworden. Was geblieben ist, ist das transitive »tilgen«, das [...] zu »verschwinden« hätte werden müssen. Aber die Wendung »von der Landkarte tilgen«, die im englischen Sprachraum mit »wipe off the map« kursiert und im übertragenen Sinne die Bedeutung von »dem Erdboden gleichmachen« oder »ausradieren« hat, ist damit als eindeutig falsche Übersetzung entlarvt. […]´
Noch offener zutage liegt die Politizität der hier erstveröffentlichten zeitgeschichtlichen Recherche zur „Polizei – Freund und Helfer“, die im Sinne der Aufklärung eines ebenfalls bis heute wirksamen Mythos, zeigt, was es mit der (innen-) politischen Metapher von der Polizei als „bestem“ Freund und Helfer auf sich hat und wie führende nationalsozialistische Staatsfunktionäre an diese von ihren preußisch-sozialdemokratischen Amtsvorgängern in die Welt gesetzte Legende propagandistisch anschließen konnten.
Die letzten beiden Texte versuchen im wissenschafts- und investigativ-journalistischen Sinn realexistierende Dunkelfelder der deutschen Gegenwartsgesellschaft des „neuen“ 21. Jahrhundert zu erhellen: der Beitrag zur „Phantomförderung“, der im Zusammenhang mit (m)einer so engagierten wie enragierten Kritik hiesiger „Phantomelite/n“ steht, deckt (nicht in der Neuökonomie und ihren netzwirtschaftlichen Hervorbringungen, sondern) am Beispiel der gerade im „Behindertenjahr“ 2003 propagierten Förderung(smaßnahmen) für diese besondere Menschengruppe politisch beispielhaft und im sozialwissenschaftlichen Handlungsfeld methodisch richtungsweisend grundlegende Schwindelstrukturen auf, ohne nach dem bekannten Muster „blaming the victim“ (William Ryan) den betroffenen Menschen Schuld zuzuweisen, benennt und präzisiert in Form einer mikroempirischen Fallstudie im Aufweis von etwas, das wohl sein sollte, was aber real nicht ist, ein typischerweise verschwiegenes und politisch verstärktes gesellschaftliches Dilemma.
Der letzte Beitrag dieses Bandes, nachzensur.de, weist in methodisch vergleichbarer mikroempirischer Investigativrecherche am Beispiel der meistbenützten online-Suchmaschine google.de nach, daß und wie hier über Linkunterdrückung(en) nachzensiert wird, deckt damit mit Blick aufs verfassungsrechtlich gesetzte Zensurverbot nicht nur ein hochrangiges gesellschaftliches Scandalon auf, sondern verallgemeinert auch behutsam die (durch ihre bisherige Nichtrezeption fortgeschriebenen) empirischen Befunde der Studie unter Berücksichtigung sozialer Grundbefindlichkeiten:
´Das ´soziologische Experiment´ google.de [drückt] nicht nur einen – zugleich beförderten – gesellschaftlichen Haupttrend aus: nachhaltige Wirklichkeitsverleugnung, sondern verweist darüber hinaus auf die Befangenheit der deutschen Gegenwartsgesellschaft und verdeutlicht auch, daß und wie diese Sozietät, die in ihrer politischen Ideologie beansprucht, ´der freiheitlichste Staat in der deutschen Geschichte´ zu sein, in der empirischen Realität das Gegenteil des Beanspruchten ist und auch deshalb auf ´die Nachgeborenen´ (Bertolt Brecht) so hohl wirkt.´ [...]
Zur neuen deutschen Postmodernität gehört vordringlich, daß nachhaltige Verkehrungsprozesse wie etwa die Umformung des Rechts(systems) in einen (Justiz-) Apparat zur systematischen Produktion von Rechtsunsicherheit(en) und die Verwandlung des aufklärenden Investigativjournalismus in eine „Nachdenklichkeits-Verhinderungs-Industrie“ als solche nicht (mehr) wahrgenommen werden (können); zu diesem postmodernen Sozialparadoxon gehört weiter, daß […] nach der bekannten Morgenstern-Logik: „Eingehüllt in feuchte Tücher, prüft er die Gesetzesbücher [...] Und er kommt zu dem Ergebnis: ´Nur ein Traum war das Erlebnis. Weil´, so schließt er messerscharf, ´nicht sein kann, was nicht sein darf“, selektive Wahrnehmungsvorgänge (selective perception/ignorance) zu Wirklichkeitsverleugnungsprozessen führen und so wirken, daß unter gegenwärtig dominanten ´wissensgesellschaftlichen´ Bedingungen auch vom Journalismus mitgetragene und traditionell beanspruchte „kritische politische Intellektualität“ wie investigativ-aufklärender Journalismus, der sich nicht nur plakativ selbst so nennt, stilisiert und öffentlich auslobt (wie etwa das „Netzwerk Recherche“ von Dr. Thomas Leif), „nur mehr gegen die Strukturen möglich ist“, weil „Wissensgesellschaft“ als „Projekt“ von Verwaltung und Politik „geeignet ist, Bildung und Intellektualität“ abzuschaffen, indem kulturindustrielle Mechanismen „auf alle Bereiche von intellektueller Produktion“ totalitarisiert werden – was erstens, so frühe frankfurtistische Beobachtungen (1944), als Ergebnis marktförmigen Geschehens „an Gründlichkeit noch jede Zensur überbietet“ und nicht selten die kulturindustriell exekutierte „kalte Hinrichtung“ kritischer Autoren meint (bei der „der Delinquent nicht des Lebens, nur der Mittel zum Leben beraubt wird“ [Bertolt Brecht]) und was zweitens allgemeine soziologische Aufklärung in spezielle Aufklärung namentlich der Soziologen verwandeln muß – ein gesamtgesellschaftlicher Prozeß, der in der Tat schon vor Jahrzehnten absehbar war und auch schon vor dreißig Jahren als kapitalistische Tendenz, sich den gesamten Medienbereich zu unterwerfen, begriffen wurde.
Setzt man sich einmal gedankenexperimentell über alle „Einzelheiten“ der „Bewußtseinsindustrie“ (Hans Magnus Enzensberger) hinweg und übersieht damit zum anderen auch die ärgerlich-postmodern(istisch)e Tatsache des endgültigen Vorrangs der publizistischen Form gegenüber ihrem Inhalt […] - dann geraten wichtige gesellschaftliche Kernprozesse in den kritischen Blick jeder historisch-materialistischen Analyse: was Reinhard Opitz (1974) als „Bewußtseinsfalsifikation“ beschrieb – ist nach mehr als drei Jahrzehnten omnipräsent als aufwändige Verdummungsindustrie mit ihren Verblendungs-, Verkehrungs- und Umwertungsmechanismen zur strategischen Verstärkung der durch den Warenfetisch jeder kapitalistischen Gesellschaft immer schon gegebenen spontanen Mystifikation als ´gesellschaftliche Gefolgschaft´.
Weil man, „um zu erkennen, daß der Himmel überall blau ist, nicht um die ganze Welt reisen muß“ (J. W. Goethe), bedarf es auch keines gesonderten empirischen Nachweises, sondern lediglich aufmerksamer Blicke in Feuilletons und Journale von als führend angesehener gegenwartsdeutscher Druckwerke, um einzusehen: Die hier angesprochene Problemzone einer so marodierenden wie sich zunehmend selbstauflösenden ganzdeutschen Gegenwartsgesellschaft „im freien Fall“ (H. Günter Wallraff) liegt jenseits des beschränkten Horizonts hiesiger Lehn- und Lehrstuhlsoziologen der Generation Bude: deren Protagonisten rudeln sich inzwischen um einen prominenten Hamburger Multimillionär, Gründer und Stifter, dessen Aktivitäten nach dem gescheiterten Einkauf (1984) des Berliner Politologen Wolf Dieter Narr in den letzten fünfundzwanzig Jahren außer einer Titularprofessor zuletzt sogar die reputierliche Anerkennung seines Hamburger Instituts für Sozialforschung (HIS) als führendes außeruniversitäres Forschungsinstitut für Zeitgeschichte hervorbrachte, und dessen notorische öffentliche Selbststilisierung als diskursfähiger poeta doctus im Zusammenhang mit seiner Politik der Projektfinanzierung(en) sozialwissenschaftlicher Intelligenz vermutlich später einmal für „die Nachgeborenen“ (Bertolt Brecht) von erheblichen Aufklärungsinteresse sein dürfte...
Es trifft zu, daß es mir als historisch arbeitendem Sozialforscher [...] kürzlich, nahezu siebzig Jahre nach dem Ereignis selbst und gut sechzig Jahre nach der ersten weltpolitisch bedeutsamen Rezeption der Geheimrede, die der letzte deutsche Reichskanzler am 22. August 1939 vor seinen Oberkommandierenden zur „Vernichtung Polens“ hielt, gelang, eine (und nur eine) Textvariante erstmalig wissenschaftlich zu authentifizieren und zu publizieren. Daraus folgt aber keineswegs, die hier erst- und wiederveröffentlichten Recherchetexte sei´s zur historischen Marx-Engels-Forschung sei´s zu deutsch(sprachig)en zeitgeschichtlich-politiksoziologischen Mythen und Legenden, Manipulationen und Fälschungen, sei´s zur ´kleinen Empirie´ aktueller Phantomförderung und Nachzensur als schwindelgesellschaftlichen Erscheinungsformen unserer Zeit nur als nachrangig-sekundäre Fingerübungen und/oder kleine-Fische-Ergebnisse zu bewerten – im Gegenteil: alle sechs Beiträge dieses Bandes sind selbständig, innovativ und investigativ erarbeitet worden und stehen damit kontrapunktisch zum allseits beobachtbaren zeitgeistigen Trend der „Wikipediatisierung des Wissens“ und zur Wikipedianisierung der Erkenntnis.
Freilich gilt auch hier, daß der Zeitgeist erstens nichts andres ist als „der Herren eigner Geist, in dem die Zeiten sich bespiegeln“ [J. W. Goethe] und daß es zweitens auch hierzulande, in Ganzdeutschland, immer noch intellektuelle Autoren als „plebejische Schriftsteller“ (Gerhard Zwerenz) gibt, die sich dem Zeitgeist bewußt verweigern. Zweifellos ist das, was wirklich existiert, real – aber damit nicht schon notwendig rational. […]
Im Sinne eines akademischen Lehrers mögen sozialwissenschaftliche Recherchebeiträge wie die hier (wieder-) veröffentlichten als kritische Analysen so irrationaler wie verklärter Macht- und Herrschaftsverhältnisse und ihrer Repräsentanzen und Repräsentanten wie Ketzerei [Theodor Geiger] wirken und wie Botschaften aus einer anderen sozialen Welt „links vom Möglichen überhaupt“ [Walter Benjamin] erscheinen.
Richard Albrecht, Bad Münstereifel, 25.06.2008“
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Der Inhalt
Sozialwissenschaft ist nicht so schön wie Kunst. Macht aber genausoviel Arbeit. Auch ein Vorwort (5-18); GegenSpieler: Der General und sein Schatten (19-33); „selbst auf Gefahr des Galgens“ (35-47); Völkerstrafrecht, Völkermord und/als Genozidpolitik (49-55); Die „Polizei - Freund und Helfer“ (57-68); Phantomförderung oder Schwerbehinderung und mehr (69-84); nachzensur.de (85-100)
Das Buch
Richard Albrecht
SUCH LINGE. Vom Kommistenprozeß zu Köln zu google.de. Sozialwissenschaftliche Recherchen zum langen, kurzen und neuen Jahrhundert. Aachen: Shaker Verlag, 2008, 110 Seiten [ = Sozialwissenschaft], ISBN 978-3-8322-7333-0, € 12.80
Der Autor
Dr. Richard Albrecht lebt als unabhängiger Sozialforscher und freier Autor in Bad Münstereifel.
Er veröffentlicht seit Oktober 2010 in diesem Blog -> duckhome-Beiträge -> Grundkurs Soziologie -> flaschenpost. Letzterschienene Bücher: SUCH LINGE (2008, wiss.); HELDENTOD (2011, lit.); FLASCHEN POST (Editor, 2011, publ.). Netzarchiv des Autors: eingreifendes-denken
(c) Autor 2011
Macht aber genausoviel Arbeit. Auch ein Vorwort
„[...] Was Sie als Leser/in dieses Buchs und seiner sechs Beiträge aus dem letzten Autorenjahrzehnt erwartet ist in Titel und Untertitel formuliert: Es geht um in Texten aufgespeicherte investigativ-journalistische Recherchen auf sozialwissenschaftlicher Grundlage und zugleich um Annäherungen an sozialwissenschaftlich relevante politikhistorische Sujets aus drei Jahrhunderten.
Die ersten beiden Texte sind historisch-materialistische Beiträge zur Marx-Engels-Forschung: der erste, hier wiederveröffentlichte, dokumentarische Essay zu Leben und Werk Friedrich Engels (1820-1895), „GegenSpieler – Der General und sein Schatten“, beruht auf einem 1998 in Köln gehaltenen Vortrag. Der zweite Text, „...selbst auf Gefahr des Galgens...“, wird hier erstveröffentlicht: wiederaufgenommen wird eine Anfang der 1980er Jahre angesprochene Forschungsfrage zu einem von Karl Marx (1818-1883) benutzen und ihm selbst immer noch (zu) oft fälschlich zugeschriebenen Text. In Form einer philologie-historischen Dokumentation erfolgt eine endgültige, quellengesättigte und mehrsprachige Aufklärung. Beide Texte beschäftigen sich mit geschichtlichen Ereignissen und Figuren aus dem „langen“ 19. Jahrhundert und sind damit politisch keineswegs aktuell.
Im historischen Sinn politisch aktueller sind die beiden Texte aus dem „kurzen“ 20. Jahrhundert: der erste Beitrag greift unterm Titel Völkerstrafrecht, Völkermord und/als Genozidpolitik (m)eine Vortrags(rand)bemerkung von Anfang 1989 in Form einer quellenbezogenen Grundrecherche wieder auf: es geht um eine bis heute im gesamten deutsch(sprachig)en Raum wirksame doppelte Falschübersetzung der völkerrechtsetzenden öffentlichen Erklärung der Triple Entente von Ende Mai 1915; genauer ums „understatement des Jahrhunderts“ (Hannah Arendt) und darum, wie Anfang Juni 1915 im Umfeld des damaligen Außenamts des Deutschen Reiches „Verbrechen gegen die Menschheit“ [crimes contre l´humanité; crimes against humanity] zu „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ verniedlicht wurden – grad so als ließe sich der „erste organisierte und geplante Völkermord des 20. Jahrhunderts“ als „staatlich organisierter Verwaltungsmassenmord“ und „Verbrechen an der Menschheit“ als bloße Reihung „unmenschliche Handlungen“ verstehen, um diese sodann „in einer Flut einzeln registrierter Greueltaten untergehen zu lassen“.
Die in meinem Beitrag enthüllte historische Wilhelmstraßenmethode der Textfälschung durch Falschübersetzungen ist zugleich im gegenwärtigen Deutschland brandaktuell: der ´seit Oktober 2005 tausendfach wiedergegebener Satz: ´Israel muß von der Landkarte getilgt werden´ soll angeblich von Mahmud Ahmadinedschad, Präsident des Iran, ausgesprochen worden sein. Und dieser Satz spielt eine zentrale Rolle bei der Unterstellung, der Iran plane, Israel mittels Atomwaffen auszulöschen.“ Auch hier handelt/e es sich um eine doppelte Textfälschung: “Der Sprachendienst des Deutschen Bundestages legte folgende Übersetzung vor: »Unser lieber Imam [Khomeini] sagte auch: Das Regime, das Jerusalem besetzt hält, muß aus den Annalen der Geschichte [safha-yi rozgar] getilgt werden. In diesem Satz steckt viel Weisheit.« Damit sind von drei Fehlern, die in dem kurzen Satz steckten, zwei bereinigt. Aus ›Israel‹ ist ›das Regime, das Jerusalem besetzt hält‹ [...] und aus ›Landkarte‹ ist ›Annalen der Geschichte‹ geworden. Was geblieben ist, ist das transitive »tilgen«, das [...] zu »verschwinden« hätte werden müssen. Aber die Wendung »von der Landkarte tilgen«, die im englischen Sprachraum mit »wipe off the map« kursiert und im übertragenen Sinne die Bedeutung von »dem Erdboden gleichmachen« oder »ausradieren« hat, ist damit als eindeutig falsche Übersetzung entlarvt. […]´
Noch offener zutage liegt die Politizität der hier erstveröffentlichten zeitgeschichtlichen Recherche zur „Polizei – Freund und Helfer“, die im Sinne der Aufklärung eines ebenfalls bis heute wirksamen Mythos, zeigt, was es mit der (innen-) politischen Metapher von der Polizei als „bestem“ Freund und Helfer auf sich hat und wie führende nationalsozialistische Staatsfunktionäre an diese von ihren preußisch-sozialdemokratischen Amtsvorgängern in die Welt gesetzte Legende propagandistisch anschließen konnten.
Die letzten beiden Texte versuchen im wissenschafts- und investigativ-journalistischen Sinn realexistierende Dunkelfelder der deutschen Gegenwartsgesellschaft des „neuen“ 21. Jahrhundert zu erhellen: der Beitrag zur „Phantomförderung“, der im Zusammenhang mit (m)einer so engagierten wie enragierten Kritik hiesiger „Phantomelite/n“ steht, deckt (nicht in der Neuökonomie und ihren netzwirtschaftlichen Hervorbringungen, sondern) am Beispiel der gerade im „Behindertenjahr“ 2003 propagierten Förderung(smaßnahmen) für diese besondere Menschengruppe politisch beispielhaft und im sozialwissenschaftlichen Handlungsfeld methodisch richtungsweisend grundlegende Schwindelstrukturen auf, ohne nach dem bekannten Muster „blaming the victim“ (William Ryan) den betroffenen Menschen Schuld zuzuweisen, benennt und präzisiert in Form einer mikroempirischen Fallstudie im Aufweis von etwas, das wohl sein sollte, was aber real nicht ist, ein typischerweise verschwiegenes und politisch verstärktes gesellschaftliches Dilemma.
Der letzte Beitrag dieses Bandes, nachzensur.de, weist in methodisch vergleichbarer mikroempirischer Investigativrecherche am Beispiel der meistbenützten online-Suchmaschine google.de nach, daß und wie hier über Linkunterdrückung(en) nachzensiert wird, deckt damit mit Blick aufs verfassungsrechtlich gesetzte Zensurverbot nicht nur ein hochrangiges gesellschaftliches Scandalon auf, sondern verallgemeinert auch behutsam die (durch ihre bisherige Nichtrezeption fortgeschriebenen) empirischen Befunde der Studie unter Berücksichtigung sozialer Grundbefindlichkeiten:
´Das ´soziologische Experiment´ google.de [drückt] nicht nur einen – zugleich beförderten – gesellschaftlichen Haupttrend aus: nachhaltige Wirklichkeitsverleugnung, sondern verweist darüber hinaus auf die Befangenheit der deutschen Gegenwartsgesellschaft und verdeutlicht auch, daß und wie diese Sozietät, die in ihrer politischen Ideologie beansprucht, ´der freiheitlichste Staat in der deutschen Geschichte´ zu sein, in der empirischen Realität das Gegenteil des Beanspruchten ist und auch deshalb auf ´die Nachgeborenen´ (Bertolt Brecht) so hohl wirkt.´ [...]
Zur neuen deutschen Postmodernität gehört vordringlich, daß nachhaltige Verkehrungsprozesse wie etwa die Umformung des Rechts(systems) in einen (Justiz-) Apparat zur systematischen Produktion von Rechtsunsicherheit(en) und die Verwandlung des aufklärenden Investigativjournalismus in eine „Nachdenklichkeits-Verhinderungs-Industrie“ als solche nicht (mehr) wahrgenommen werden (können); zu diesem postmodernen Sozialparadoxon gehört weiter, daß […] nach der bekannten Morgenstern-Logik: „Eingehüllt in feuchte Tücher, prüft er die Gesetzesbücher [...] Und er kommt zu dem Ergebnis: ´Nur ein Traum war das Erlebnis. Weil´, so schließt er messerscharf, ´nicht sein kann, was nicht sein darf“, selektive Wahrnehmungsvorgänge (selective perception/ignorance) zu Wirklichkeitsverleugnungsprozessen führen und so wirken, daß unter gegenwärtig dominanten ´wissensgesellschaftlichen´ Bedingungen auch vom Journalismus mitgetragene und traditionell beanspruchte „kritische politische Intellektualität“ wie investigativ-aufklärender Journalismus, der sich nicht nur plakativ selbst so nennt, stilisiert und öffentlich auslobt (wie etwa das „Netzwerk Recherche“ von Dr. Thomas Leif), „nur mehr gegen die Strukturen möglich ist“, weil „Wissensgesellschaft“ als „Projekt“ von Verwaltung und Politik „geeignet ist, Bildung und Intellektualität“ abzuschaffen, indem kulturindustrielle Mechanismen „auf alle Bereiche von intellektueller Produktion“ totalitarisiert werden – was erstens, so frühe frankfurtistische Beobachtungen (1944), als Ergebnis marktförmigen Geschehens „an Gründlichkeit noch jede Zensur überbietet“ und nicht selten die kulturindustriell exekutierte „kalte Hinrichtung“ kritischer Autoren meint (bei der „der Delinquent nicht des Lebens, nur der Mittel zum Leben beraubt wird“ [Bertolt Brecht]) und was zweitens allgemeine soziologische Aufklärung in spezielle Aufklärung namentlich der Soziologen verwandeln muß – ein gesamtgesellschaftlicher Prozeß, der in der Tat schon vor Jahrzehnten absehbar war und auch schon vor dreißig Jahren als kapitalistische Tendenz, sich den gesamten Medienbereich zu unterwerfen, begriffen wurde.
Setzt man sich einmal gedankenexperimentell über alle „Einzelheiten“ der „Bewußtseinsindustrie“ (Hans Magnus Enzensberger) hinweg und übersieht damit zum anderen auch die ärgerlich-postmodern(istisch)e Tatsache des endgültigen Vorrangs der publizistischen Form gegenüber ihrem Inhalt […] - dann geraten wichtige gesellschaftliche Kernprozesse in den kritischen Blick jeder historisch-materialistischen Analyse: was Reinhard Opitz (1974) als „Bewußtseinsfalsifikation“ beschrieb – ist nach mehr als drei Jahrzehnten omnipräsent als aufwändige Verdummungsindustrie mit ihren Verblendungs-, Verkehrungs- und Umwertungsmechanismen zur strategischen Verstärkung der durch den Warenfetisch jeder kapitalistischen Gesellschaft immer schon gegebenen spontanen Mystifikation als ´gesellschaftliche Gefolgschaft´.
Weil man, „um zu erkennen, daß der Himmel überall blau ist, nicht um die ganze Welt reisen muß“ (J. W. Goethe), bedarf es auch keines gesonderten empirischen Nachweises, sondern lediglich aufmerksamer Blicke in Feuilletons und Journale von als führend angesehener gegenwartsdeutscher Druckwerke, um einzusehen: Die hier angesprochene Problemzone einer so marodierenden wie sich zunehmend selbstauflösenden ganzdeutschen Gegenwartsgesellschaft „im freien Fall“ (H. Günter Wallraff) liegt jenseits des beschränkten Horizonts hiesiger Lehn- und Lehrstuhlsoziologen der Generation Bude: deren Protagonisten rudeln sich inzwischen um einen prominenten Hamburger Multimillionär, Gründer und Stifter, dessen Aktivitäten nach dem gescheiterten Einkauf (1984) des Berliner Politologen Wolf Dieter Narr in den letzten fünfundzwanzig Jahren außer einer Titularprofessor zuletzt sogar die reputierliche Anerkennung seines Hamburger Instituts für Sozialforschung (HIS) als führendes außeruniversitäres Forschungsinstitut für Zeitgeschichte hervorbrachte, und dessen notorische öffentliche Selbststilisierung als diskursfähiger poeta doctus im Zusammenhang mit seiner Politik der Projektfinanzierung(en) sozialwissenschaftlicher Intelligenz vermutlich später einmal für „die Nachgeborenen“ (Bertolt Brecht) von erheblichen Aufklärungsinteresse sein dürfte...
Es trifft zu, daß es mir als historisch arbeitendem Sozialforscher [...] kürzlich, nahezu siebzig Jahre nach dem Ereignis selbst und gut sechzig Jahre nach der ersten weltpolitisch bedeutsamen Rezeption der Geheimrede, die der letzte deutsche Reichskanzler am 22. August 1939 vor seinen Oberkommandierenden zur „Vernichtung Polens“ hielt, gelang, eine (und nur eine) Textvariante erstmalig wissenschaftlich zu authentifizieren und zu publizieren. Daraus folgt aber keineswegs, die hier erst- und wiederveröffentlichten Recherchetexte sei´s zur historischen Marx-Engels-Forschung sei´s zu deutsch(sprachig)en zeitgeschichtlich-politiksoziologischen Mythen und Legenden, Manipulationen und Fälschungen, sei´s zur ´kleinen Empirie´ aktueller Phantomförderung und Nachzensur als schwindelgesellschaftlichen Erscheinungsformen unserer Zeit nur als nachrangig-sekundäre Fingerübungen und/oder kleine-Fische-Ergebnisse zu bewerten – im Gegenteil: alle sechs Beiträge dieses Bandes sind selbständig, innovativ und investigativ erarbeitet worden und stehen damit kontrapunktisch zum allseits beobachtbaren zeitgeistigen Trend der „Wikipediatisierung des Wissens“ und zur Wikipedianisierung der Erkenntnis.
Freilich gilt auch hier, daß der Zeitgeist erstens nichts andres ist als „der Herren eigner Geist, in dem die Zeiten sich bespiegeln“ [J. W. Goethe] und daß es zweitens auch hierzulande, in Ganzdeutschland, immer noch intellektuelle Autoren als „plebejische Schriftsteller“ (Gerhard Zwerenz) gibt, die sich dem Zeitgeist bewußt verweigern. Zweifellos ist das, was wirklich existiert, real – aber damit nicht schon notwendig rational. […]
Im Sinne eines akademischen Lehrers mögen sozialwissenschaftliche Recherchebeiträge wie die hier (wieder-) veröffentlichten als kritische Analysen so irrationaler wie verklärter Macht- und Herrschaftsverhältnisse und ihrer Repräsentanzen und Repräsentanten wie Ketzerei [Theodor Geiger] wirken und wie Botschaften aus einer anderen sozialen Welt „links vom Möglichen überhaupt“ [Walter Benjamin] erscheinen.
Richard Albrecht, Bad Münstereifel, 25.06.2008“
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Der Inhalt
Sozialwissenschaft ist nicht so schön wie Kunst. Macht aber genausoviel Arbeit. Auch ein Vorwort (5-18); GegenSpieler: Der General und sein Schatten (19-33); „selbst auf Gefahr des Galgens“ (35-47); Völkerstrafrecht, Völkermord und/als Genozidpolitik (49-55); Die „Polizei - Freund und Helfer“ (57-68); Phantomförderung oder Schwerbehinderung und mehr (69-84); nachzensur.de (85-100)
Das Buch
Richard Albrecht
SUCH LINGE. Vom Kommistenprozeß zu Köln zu google.de. Sozialwissenschaftliche Recherchen zum langen, kurzen und neuen Jahrhundert. Aachen: Shaker Verlag, 2008, 110 Seiten [ = Sozialwissenschaft], ISBN 978-3-8322-7333-0, € 12.80
Der Autor
Dr. Richard Albrecht lebt als unabhängiger Sozialforscher und freier Autor in Bad Münstereifel.
Er veröffentlicht seit Oktober 2010 in diesem Blog -> duckhome-Beiträge -> Grundkurs Soziologie -> flaschenpost. Letzterschienene Bücher: SUCH LINGE (2008, wiss.); HELDENTOD (2011, lit.); FLASCHEN POST (Editor, 2011, publ.). Netzarchiv des Autors: eingreifendes-denken
(c) Autor 2011
Tags für diesen Artikel: alternativforschung, gegenwartsdeutung, ideologiekritik, kulturkritik, machtkritik, mikroempirie, schwindelstrukturen, sozialwissenschaftliche ortsbestimmung, soziologische zeitdiagnose, wirklichkeitsverleugnung
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