Als ich kürzlich in die Apotheke ging, um für meinen Sprössling etwas gegen Halsschmerzen zu holen, und dabei laut überlegte, ob er nicht besser nach Hause ins Bett gehöre, sagte der Apotheker: " ... ach, lassen Sie ihn doch daheim, die lernen doch sowieso nichts in der Schule." Das brachte mich zum Grübeln.
Was lernen unsere Kinder eigentlich in der Schule? Ich bin viel von Schulkindern umgeben, und wenn ich es mir recht überlege, weiß ich tatsächlich verdammt wenig, was die gerade lernen. Wenn über Schule geredet wird, oder wenn man Elternabende besucht oder mit Lehrern redet, dann geht es um alles mögliche, aber niemals um Lehrinhalte.
Meistens geht es um Organisationsfragen. Die Schüler müssen fähig sein, sich dies und jenes selbst zu organisieren, soziale Kompetenz beweisen, Teamfähigkeit. Arbeitstechniken sind das absolute Lieblingsthema von Projekttagen. Streitschlichtung und gewaltfreiheies Konfliktlösen sind Dauerbrenner. Desweiteren ist es unerläßlich für Schüler, Motivation, Eigeninitiative und Eigenverantwortung zu demonstrieren. Und es gibt Eltern, die den Eindruck erwecken, als würden sie ständig um die Schule streunen, um keine Gelegenheit zu verpassen, sich als engagiert zu zeigen.
Rund 80 Prozent der Schüler leiden unter Kopfschmerzen, rund 50 Prozent unter Rückenschmerzen
so eine Information aus dem
Informationsdienst Wissenschaft. Wenn man zu den modernen Anforderungen, die ich skizziere, jetzt noch die oftmals schlecht belüfteten Räume bedenkt, in denen die Kinder und Jugendlichen gedrängt sitzend ihren Schulalltag verbringen, vielleicht im Ganztagsbetrieb, so müssen wir uns wohl wundern, dass es nicht 100 % sind, die Kopfschmerzen haben, oder? Interessant auch noch das:
Problematisch ist häufig auch die Selbstmedikation von Jugendlichen bei Kopfschmerzen. In der DMKG-Bevölkerungsstudie wurde festgestellt, dass nur jeder Vierte Jugendliche bei regelmäßigen Kopfschmerzen einen Arzt aufsucht, jedoch bis zu 60 Prozent der Schüler mehr oder weniger regelmäßig Schmerzmittel einnehmen.
Und die anderen kiffen, nehmen noch ein paar andere Drogen, trinken Alkohol, werden aggressiv oder depressiv. Es soll auch welche geben, die gesund bleiben und gute Leistungen zeigen.
Und da bin ich wieder bei meiner Ausgangsfrage: was lernen unsere Kinder eigentlich in der Schule. Oder anders gefragt: auf welche Leistungen bekommen sie eigentlich ihre Noten? Ich glaube, das weiß kein Mensch außer den Lehrern. Und wahrscheinlich den wenigen erfolgreichen Schülern. Deren Erfolgsgeheimnis liegt vielleicht daran, dies herausgefunden zu haben. Übrigens, es werden heutzutage in unwahrscheinlich hohem Ausmaß Noten auf mündliche Leistungen vergeben, und nicht auf schriftliche Arbeiten (!)
Mein aktueller Tipp: gib dem Lehrer ein gutes Gefühl und er gibt dir gute Noten!
Und was sag ich nun meinem Sohn, der seinen Lehrern alles andere als "ein gutes Gefühl" gibt? Ich bin jetzt so weit, dass ich mich als Erziehungsversagerin fühle. Und das, obwohl er nachweislich ein blitzgescheiter und außerhalb der Schule auch glücklicher Junge ist. Ich glaube ernsthaft, er wollte was lernen in der Schule, und die große Ernüchterung setzte bereits im ersten Jahr auf dem Gymnasium ein. Stattdessen beobachtet er stockfrustriert, wie Mädchen sich bei den Lehrern einschleimen, wie er sagt. Ich habe übrigens gelernt, meinem Sohn zuzuhören, wenn er was von der Schule erzählt. Ich hätte ihm schon viel früher nicht nur zuhören sondern auch glauben sollen!
Was kann ich ihm bloß sagen, wenn er mal aus seiner Nerdhöhle hervorkriecht - ach apropos: sagen Sie niemals in der Schule, dass Ihr Sohn viel am Computer macht. Um Gottes Willen! So schnell schauen Sie nicht, und alles kreischt: Computersucht, Spielsucht, schlecht, sehr schlecht, alles schlecht! Bei Töchtern sollten Sie ihr Neigung am Computer zu sitzen vielleicht sogar betonen - wahrscheinlich heißt es dann: sie bewegen sich geschickt in sozialen Netzwerken, üben ihre sozialen Kompetenzen ein, beweisen Teamfähigkeit, lernen den Umgang mit modernen Medien ...
Ich hatte vor vielen Jahren mal eine Differenz mit einer Freundin, die auch einen Sohn hatte, bezüglich gewisser Erziehungsansichten, und ich sagte damals "du kannst doch aus deinem Sohn kein braves Mädchen machen". Ich war mir damals ganz sicher, dass ich recht hatte. Heute hingegen muß ich mich fragen, ob sie damals viel richtiger lag als ich, zumindest was die Anpassung an gesellschaftliche, bzw. schulische Anforderungen anbelangt. Ich werde sie mal anrufen und fragen, wie es ihrem Sohn so geht.